Kinderbuchratgeber – bitte nicht rechts abbiegen

Sich mit Ellen Kositzas und Dr. Caroline Sommerfelds Ratgeber Vorlesen zu beschäftigen, ist schon im Vorfeld eine vertrackte Sache. Lobe ich, mache ich mich zum Sprachrohr von bekennenden Rechten. Kritisiere ich, ist das nur der typische Reflex des links-versifften Mainstreams. Ignoriere ich, ist es irgendwie feige, denn das Buch gibt es ja. Und es interessiert mich auch auf eine spezielle Weise.

Rein sachlich benennend: Die Autorinnen sind Ellen Kositza, 7-fache Mutter und Frau von Antaios-Verleger und Vordenker der Neuen Rechten, Götz Kubitschek, und Dr. Caroline Sommerfeld, Germanistin, Publizistin und 3-fache Mutter, verheiratet mit dem 68er-Aktivisten und Germanisten Helmut Lethen, einem politisch Linken. Die Kinderzahl ist insofern wichtig, weil sie den Autorinnen als Rechtfertigung für das Schreiben dieses Kinder- und Jugendbuch-Ratgebers dient.

Worum handelt es sich bei Vorlesen? Um ein Sachbuch, das den Wert des Vorlesens und des Lesens mit vielen Beispielen hochhält. Denn „Lesen ist Bildung und darf nicht zweckorientiert verstanden werden. Lesen fördert die Entfaltung der Persönlichkeit, weil es einen ganzen Fächer an Lebensmöglichkeiten eröffnet.“ So weit, so gut. „Und ich denke wir haben ‘nen ganz guten Überblick, was Kitsch ist, was Kunst ist und was dem Kinde zuträglich und was ihm abträglich ist.“ (Zitate aus dem YouTube-Begleitvideo der beiden Autorinnen) Denn: „Kositza und Sommerfeld bringen es gemeinsam auf zehn Kinder und 40 Jahre Leseerfahrung!“ heißt es auf der Website PI-News zur Buchneuerscheinung. Dann kann ja nichts mehr schiefgehen.

Über die ersten 50 Seiten zieht sich das Vorwort, das erklärt, wie wichtig das Lesen ist und wie genau diese Auswahl der nachfolgenden Bücher und deren Annotationen zustande kommen. Vom Ansatz her erinnert das an Susanne Gaschkes Hexen, Hobbits und Piraten – Die besten Bücher für Kinder aus dem Jahr 2002. Der schon im Titel keinen Widerspruch duldende Kanon der damaligen ZEIT-Redakteurin wirkte wie ein Streifzug durch die Bibliothek eines aus der Zeit gefallenen englischen Internats, denn viele Titel schienen aus der eigenen, anglophilen Lesebiografie zu stammen. Kositza und Sommerfeld sind eher durch die Bibliothek eines erzkonservativen deutschen Internats gezogen und dazu in der stockfleckigen Auslage eines Antiquariats fündig geworden. Und haben all das aussortiert, was ihrer Einschätzung nach zweckorientiert verstanden werden kann oder soll. Und was in ihren Augen Ideologie transportiert. Also nicht ihre. Sondern andere, falsche, Kinder irreführende.

Als Ideologieträger erkannt und verbannt werden demzufolge pauschal der psychologische Roman, Problembücher, historisch einseitige Sachbücher, Bücher mit Sexszenen usw. Es sind „… subtil oder offen gewaltig manipulative Exemplare, mithin: verdrehte Bücher zum Köpfeverdrehen“ (S. 16) Als Lesestoff für Zwischendurch gerade noch gebilligt wird gefälliger Schund. Der ist ungefährlich, denn „Es zeigt sich daher, daß Kinder, die früh eine gewisse elterliche Geschmacksschulung durchlaufen, Kitsch, Schrott und Obszönitäten von selbst meiden.“ (S. 16) Auch wenn man diese Position nicht teilen muss, entspricht sie ja durchaus einer weit verbreiteten bewahrpädagogisch geprägten Haltung, Kinder nicht mit als zu schwierig erachteten Themen zu konfrontieren und damit zu überfordern.

Die Buchempfehlungen selbst sind in vier Kapitel unterteilt, es geht um Bilderbücher, erstes Lesen, Kinderbuch und Bücher für fast erwachsene Leser.

In Teil 1 stehen die Wurzelkinder neben Maurice Sendaks Wo die wilden Kerle wohnen und Donaldsons/Schefflers Superwurm. Aber eben auch Karl Ginzskys wegen seiner rassistischen Darstellungen umstrittener österreichischer Bilderbuchklassiker Hatschi Bratschis Luftballon in der unverfälschten Faksimile-Ausgabe.

Die Autorinnen ertappen sich dabei, manchmal auch Bücher mit „falschem“ Ansatz gut zu finden. Zum Beispiel Erlbruchs/Holzwarths Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat „Ist ein Buch über „Kacke“ nicht ein Spät-68er-Produkt … unkonservativ?“ (S. 96) Nein, genauso wenig wie Kuhls/Schmitz-Kuhls Alle Kinder. Ein ABC der Schadenfreude. Da werden niedere Instinkte angesprochen, und Kinder vertragen ja dann großzügigerweise doch „auch Spurenelemente von Ideologie, Schmalz oder kindungerechter Gewalt“ (S. 113) Dafür liegt bei Michael Endes Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer sprachideologisch festbetoniert ein Negerbaby im Paket, und nicht, wie in den neueren Ausgaben politsch korrekt, ein schwarzes Baby. Und bei Otfried Preußler ist es vor allem die Abgrenzung des Autors zu der von den 68ern geprägten neuen Kinderliteratur, die viel Raum einnimmt und ihn sympathisch macht.

Weiter geht’s zu den Büchern für Ältere. Da ist neben den Sagen und Märchen von Hermann Löns auch Platz für Mawils Graphic Novel Kinderland und selbstverständlich Harry Potter. Und die, die fast schon erwachsen sind, dürfen sogar ausnahmsweise Gudrun Pausewang lesen. Aber eben nur den ersten Teil der Rosinakwiesen-Trilogie, in der die lebensreformbegeisterten Eltern eine sumpfige Wiese urbar machen und der Vater zu einem glühenden Deutsch-Nationalisten wird. Wallhall und Germanische Sagen von Felix und Therese Dahn dürfen genauso wenig fehlen wie Karl Mays Winnetou. Klar dem rechten Umfeld zuzuordnen ist Karlheinz Weißmann und seine Deutsche Geschichte für junge Leser. Den 12 bedrückenden Jahren wird hier nicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt als dem Kampf zwischen Kaiser und Papst – lobt Ellen Kositzas Mann in einer Rezension.

Und nun? Habe ich hier den ultimativen wie gefährlichen rechten Kinderbuchkanon vor mir in meinen zitternden Händen? Muss ich meine Sichtweise auf wirklich empfehlenswerte Kinder- und Jugendliteratur neu überdenken? Weder noch. Aufgrund seiner kruden Auswahl an alten und neueren Titeln, die Teils von Flohmärkten oder aus Bibliotheksauflösungen stammen – es sind eine Reihe von vergriffenen DDR-Klassikern dabei – ist das keine einfache Einkaufsliste, obwohl der Antaios Verlag da gerne hilft. Sondern verrät viel mehr über die Vorlieben der beiden Autorinnen und ihre literarische Geschmackschulung. Und ihre aber auch nie bestrittene einseitige Wahrnehmung.

Denn natürlich entspricht diese Titelauswahl nichts anderem als der eigenen Ideologie. Vermeintliche Wahrheit gegen die politische Volksverdummung, Gegenmeinung zum politisch linken Mainstream, traditionelle Werte und Ansichten, ein starker volkstümlicher Charakter durch viele Sagen, Märchen usw. ergeben eine durch die Auswahl in Vorlesen wabernde Meta-Ideologie, die bloß nicht so offenkundig erscheint wie die gegeißelten „Gutmenschen“-Botschaften in aktuellen Kinder- und Jugendbüchern oder die Auswahl der Titel auf der Liste der Besten 7, zu der es voller Abscheu heißt: „… transgender ist grundsätzlich dabei, Multikulturelles, Rechtsextremismus und psychisch kranke Eltern fast immer.“ (S. 17) Pfui Teufel!

Sowas gibt es in Vorlesen natürlich nicht. Und in der Welt da draußen auch nicht. Getreu dem Pippi Langstrumpf-Lied machen Ellen Kositza und Dr. Caroline Sommerfeld sich eben die Welt, wie sie ihnen gefällt. In die ich definitiv nicht rechts abbiegen will.

 

Jetzt auch bei uns: Meto

„Hallo, mein Name ist Sven, ich bin Vertreter bei der Oetinger Verlagsgruppe. Bevor Sie mich lauthals bemitleiden: Ja, ich weiß, es war nicht einfach in den vergangenen Jahren. Ui, war da was los! Verlagsgruppe klingt erstmal noch Konzern, ist aber noch ein richtiger Familienbetrieb, mit Mutter, Tochter und zwei Söhnen an der Spitze. Aber die beiden sind ja jetzt raus aus dem Geschäft, und ich sag mal, Gott sei Dank. Weil, der ältere, der hatte es mehr mit den Zahlen und mit Gedrucktem, und der junge, das war so ein Digitalfreak, der ist ja jeden Morgen aufgewacht und hatte eine neue Idee. Also auch Samstag und Sonntag. Und hat die sofort umgesetzt, weil sonst bekam er schlechte Laune. Die noch schlechtere Laune hatte am Ende die Buchhaltung. Denn seine Sachen waren alle hip und haben ein Heidengeld gekostet, aber wenig eingespielt. Verkaufen konnte ich davon sowieso nix, ging ja alles übers Internet. Wenn überhaupt was ging. Und Oetinger ist halt nicht Apple, die sich sämtliche Startups aus der Portokasse dazumergen können, sondern halt immer noch ein mittelständischer Kinderbuchverlag. Das konnte ja nicht gutgehen mit den beiden. Aber seit die Julia den Laden übernommen hat, also Julia Bielenberg, die Tochter, da geht es wieder bergauf mit Büchern. Hier, mit dem Oberförster Wohlleben. Oder Kirsten Boie. Das macht auch mehr Spaß im Buchhandel, die freuen sich ja fast schon wieder, wenn ich komme.

Dann wurde uns fürs Frühjahr was Großes angekündigt. Da habe ich schon gedacht, ne, nicht wieder so ein Imprint. Dieses Oetinger 34, erinnern Sie sich? Das war ja eine Kopfgeburt. Oder Oetinger pink!, dieses Mädchentaschenbuchzeug, brauchte kein Mensch. Aber der Markus Niesen ist ja auch weg. So, erst kam Corona, und dann die Vertretersitzung, zack, abgesagt. Stattdessen gab es so einen Link zu einem YouTube-Video. Meto-Verlag. Tüdelüdelü. „Meto ist bunt und macht Spaß.“ Wenn ich sowas schon höre. Und dann steht da im Video der Thilo Schmid, unser Vertriebs- und Marketinggeschäftsführer, und ist jetzt auch noch Verleger. Der soll lieber mal das andere Zeug gut verkaufen. Allein dieses neue Panem-Buch im Mai – das ist für uns wie der VW Golf für VW. Wenn das nicht läuft …, hui! Und die Leiterin Business Development Kooperationen, Carmen Udina, steht im Video so schräg hinter ihm auf irgendwas drauf, aber als hätte sie die Körpergröße von Dirk Nowitzki, trägt ein selbstgeklöppeltes Halsdings mit Meto und verantwortet das Programm. Zum Verlag heißt es genau, er macht „zeitnahe und hochwertige Umsetzung populärer Fast-Fashion-Themen.“ Also Schrott mit Anspruch. Ich sehe jetzt schon den ratlosen Blick der Buchhändlerinnen, wenn sie die Bestellmengen angeben sollen.

Dann lächelt der Thilo mich aus dem Video an und zählt auf: „Ninjas, Escape Rooms für zuhause, Adaptionen erfolgreicher Apps, Trampolinstunts und Bärtierchen.“ Von hinten kommt dann die Carmen und fragt keck: „Wie kann das sein?“ Das frage ich mich, ehrlich gesagt, auch. Und dann trällern sie im Duett: „Meto ist anders“. Ja, is klar. Alles, was neu ist, ist immer anders. Hat der Markt noch nicht gesehen. Dreht das Geschäftsmodell auf links. Wird eine nie dagewesene Erfolgsgeschichte. „Wir werden die Muster klassischer Buchverlage verlassen … Wir verzichten z.B. auf starre … Erscheinungszyklen, um stets schnell am Markt und nah an den Bedürfnissen der Adressaten zu sein.“ Ne, das werde ich meinen Buchhändlerinnen so nicht erzählen. Da ist doch wie ein Rückfall in alte Oetinger-Zeiten. Mit der erstbesten Idee einfach mal raus. Aber anstelle von Einhörner und Erdmännchen jetzt Bärtierchen? Baoh, aber hallo, ‘ne Buchhandlung ist doch kein Zoo!

So, aus dieser App-Welt kommen nicht Fuchs und Schaf, sondern Fox & Sheep und ihre Abenteuer rund um die Welt. Kennt man ja, von Joko und Klaas. Aber selbst die waren noch nicht da, wo Fuchs und Igel, nein, Schaf, mein ich, ihr erstes Abenteuer erleben: In Osaka. Osaka! Was will man denn da? Mannomann. Dann der unglaublich berühmte Landschaftsfotograf Chris Burkard und sein erstes Kinderbuch. Mit großartigen Fotos von ihm? Äh, nein, von jemand anderem illustriert. Aber für seine Fotos weltbekannt. Da schaut mich meine Buchhändlerin doch wieder mit offenem Mund an. Dann Tatjana Strobel, heute heißt ja alles Bestseller-Autorin, wenn du mal ein Buch verkauft hast, so Ratgeber wie Mit Hypnose zum Erfolg oder Das Geheimnis, Gesichter zu lesen. Sollte sie sich mal meines anschauen, was da gerade draufsteht. Hoffentlich kriegt sie keinen Schreck. Ihr Kinderbuch heißt Pillou, der sprechende Pullover. Auch so ein Selbstbewusstseins-Tschacka-Kram. Und ein Pullover, der spricht! Wenn die Pullover meiner Kinder sprechen würden, dann lautete deren einziger Satz: „Wasch mich!“ Und dann noch We love K-Pop. So ein Buch zum Trend, weil in der BRAVO andauernd über K-Pop-Bands berichtet wird. Nur liest die BRAVO ja keiner mehr.

Nach über 20 Minuten Video und ein paar Kindern, die das mit dem nah an der Zielgruppe repräsentieren sollen, ist mir das jetzt zu bunt, ich schalt aus. Vielleicht fällt mir ja über Nacht ein, was ich morgen meiner Buchhändler erzählen soll. Ich glaube, mit Meto bin ich da im Gesamtangebot der Verlagsgruppe Oetinger eher die Spaßbremse! Aber ich versuch’s mal, muss ja. Vielleicht bin ich auch einfach nur zu alt für so nen Kram. Und Meto wird doch ne gute Partie.“

Jetzt wird’s bunt

Der ein oder andere erinnert sich: Alles ist gut, solange du wild bist. Die wilden Kerle. Fußball. Als Buchreihe. Kinofilme. Bettbezug. CD-Case. Schienbeinschoner. Hartplastikfiguren. Tortenaufleger. Das verkaufte sich rauf und runter, und kein Kindergeburtstag, vornehmlich von Jungs, kam ohne Krimskrams aus. Das Spiel begann 2002. Und endete in einer zähen Schlussphase irgendwie 2008, mit dem letzten Kinofilm aus dem Buchserienstoff. Also, endete damit, erfolgreich zu sein. Denn auch danach ging es noch weiter, Nachspielzeit, komm, eine Partie geht noch, bis der Schiri abpfeift! Die wilden Kerle Level 2.0. bei Baumhaus. Das Buch zur TV-Serie bei Baumhaus. Die wilden Kerle – Die Legende lebt! als Film 2016. Parallel dazu waren und sind die Originalbücher bei dtv junior zu haben, die allermeisten für 5,50 Euro. Aber nur noch unter ferner liefen.

Warum kommt mir bei dieser Aufzählung nur die alte Weisheit der Dakota-Indianer in den Sinn? „Wenn du entdeckst, dass du ein totes Pferd reitest, steig ab!” lautet sie. Einfache Erkenntnis, schwierig in der Umsetzung. Weil, selbst wenn die Aussage wahr ist, man sie nur ungern wahrhaben will. Weshalb man immer wieder nach den absurdesten Lösungen sucht, warum diese Weisheit nicht stimmen kann. Wie diese hier: „Wir erklären: „Kein Pferd kann so tot sein, dass wir es nicht mehr reiten können.” Gesagt, getan, und jetzt pfeift der 360 Grad-Verlag zum Widerholungsspiel an. Und veröffentlicht die ersten drei Bände erneut als Hardcover für jeweils 12 Euro.

Der Connoisseur und Sammler von  Masanneks Oeuvre greift auch in diesem Falle beherzt zu. Denn Jan Birck hat alle Illustrationen jetzt farbig ausgemalt und Joachim Masannek hat „… die Bücher in den letzten Monaten überarbeitet, sowohl was die aktuelle ,Jugendsprache‘ betrifft, und natürlich auch was aktuelle Fußball-Spieler, die heutigen ,Helden der Fußball-Kids‘ betrifft.“ Dann kann ja nichts mehr schiefgehen.

Was das jetzt heißt? Joachim Masannek kehrt zurück zu seinen Wurzeln, aufn Platz. Wie er da einläuft mit dem schwarzen Wilde Kerle-Fußball unterm Arm, sich wundert, wieso da keiner ein Spalier bildet, niemand auf den Rängen jubelt, das kann doch nicht sein, er sieht sich suchend um, der Platz ist echt – menschenleer! Keiner will mehr kicken, mit Leon, dem Slalomdribbler oder Jojo, der mit der Sonne tanzt oder dem dicken Michi. Sie alle hatten ihre Zeit, in der sie Fußball neu erlebt und Joachim Masannek Fußball neu erzählt hat. Die ist aber vorrüber.

Es wirkt so, als würde man Frank Baumann aus dem WM-Kader von 2002 aus dem Ruhestand holen, ihm ein neues, buntes Trikot überwerfen, ihn dreimal um den Platz warmlaufen lassen und dann in die Startelf beordern, um Werder Bremen vor dem Abstieg zu retten. Frank Baumann würde dankend abwinken.

JIM 2019 – Lesen verliert

Schon die im vergangenen Dezember präsentierten Ergebnisse der PISA-Studie haben ein eindeutiges Ergebnis geliefert: Der Spaß am Lesen geht dem Nachwuchs verloren. Lesen ist ein mühsamer Zeitvertreib, dem man wenig abgewinnt. Über die Hälfte der befragten 15-jährigen liest nur, wenn sie muss, ein Drittel hält Lesen sogar für Zeitverschwendung. Die Zahlen aus der nun veröffentlichten JIM-Studie 2019 verfestigen diese Tendenz. Während Fernsehen und digitale Spiele als tägliche/mehrmals wöchentliche Medienbeschäftigung in der Freizeit zunehmen, rutschen „Bücher“ von 39 auf 34 Prozent, e-Books bleiben bei 7 Prozent, im Vergleich zu den Ergebnissen aus dem Befragungsjahr 2018. Diese 34 Prozent sind der absolut niedrigste Wert seit Studienbeginn 2009. Auch die Lesedauer nimmt signifikant ab: von 67 Minuten 2018 auf 53 Minuten 2019, pro Wochentag. Die Zeitdauer im Internet ist dagegen um ein vierfaches höher: sie liegt bei 205 Minuten. Ein Drittel der Zeit dient der Kommunikation, etwas weniger der Unterhaltung.

Daraus lässt sich jedenfalls ableiten, dass Kinder und Jugendliche durch Schule (Stichwort G 8) und andere verpflichtenden Aktivitäten offenbar nicht so dermaßen unter Stress stehen, dass sie nicht mehr zum Lesen kommen könnten. Das Zeitfenster für Unterhaltung und Freizeit ist groß genug. Dieses Argument zählt also nicht.

Was sie lesen? Neue Klassiker wie Harry Potter, Herr der Ringe und Eragon und dann noch viele individuelle Titel. Auch diese Erkenntnis ist weder neu noch hoffnungsvoll. Offenbar befinden wir uns aktuell in einer Talsohle, was die breitenwirksamen „Musst-du-gelesen-haben“-Bücher angeht. Auf dem Markt gibt es nichts, was die Manchmal-Leser ähnlich mobilisiert und motiviert wie vor Jahren Potter, Biss und Panem.

Interessanterweise ist der Anteil der lesenden Jugendlichen in der Altersgruppe der 16- und 17-jährigen am höchsten. Eine Gruppe, die sich größtenteils in ihrer Titelauswahl aus dem Jugendbuch verabschiedet hat.

Diese Ergebnisse dürften Buchhandel und Jugendbuchverlage alarmieren. Und jetzt auch noch der Corona-Shutdown! Für manche der willkommene Anlass, sich mal wieder oder erstmals durch die heimischen Bücherregale zu lesen, wenn es denn welche gibt. Für andere eine Zeit, in der man das Lesen nicht wirklich vermisst.

Lesen verliert. Im aktuell laufenden Spiel steht es nach der ersten Halbzeit 2:0 für die Nichtleser. In der Pause sollten wir uns jetzt weniger die Schwächen der einzelnen Mannschaftsteile vorhalten, sondern nach einer Taktik für die zweite Hälfte suchen. Ein Unentschieden sollte schon noch drin sein. Ob das mit Büchern für Schlechter-Leser oder Wenig-Leser gelingt, wis sie nun gerade von Verlagen gerade für Jugendliche auf en Markt gebracht werden, ist da zu bezweifeln.

Gedrängel auf der Goldwaage

„Gut gemeint und schlecht gemacht“ – das ist eine großartige Begründung, wenn man sich nicht traut, ein Buch in Bausch und Bogen zu verdammen. Misslungene Romane über sterbende Eltern oder totkranke Kinder:  Wie könnte der Kritiker da nur so herzlos sein? Schlechte Bücher über Mobbing: Geht nicht, weil die Kritikerin übersähe, wie wichtig Aufklärung darüber doch ist. Und das Kindersachbuch Alle behindert! von Horst Klein und Monika Osberghaus, gleichzeitig Verlegerin des Klett Kinderbuch Verlages? Auch irgendwie nur gut gemeint. Es geht ja um Inklusion, irgendwie, und da fehlt es grundsätzlich an guten Kinderbüchern auf dem Markt.  Aber nicht an diesem Buch, meinen höchst engagierte Menschen wie Daniel Horneber und Tanja Kollodzieyski. Weil eben „gut gemeint und schlecht gemacht“.

Ja, die beiden haben sicher recht, wenn sie, abgeleitet vom Modell der Disability Studies, den Unterschied zwischen einem medizinischen und einem sozialen Modell von Behinderung verdeutlichen. Der die im Buch vorgenommene Gleichsetzung von „Down-Syndom“ oder „Gehörlos“ mit „Tussi“ oder „schüchtern“ nicht folgt. Bewusst nicht. Der Idee einer funktionierenden inklusiven Gesellschaft entspricht das vergleichende Nebeneinander, das in diesem Buch verwendet wird wie Hubraum und Höchstgeschwindigkeit in einem Autoquartett, eben leider genau nicht.

Doch die Kritik geht noch weiter. „Das Buch enthält keinerlei Handlungen. Es erzählt keine Geschichte. Die Protagonist*innen werden einzeln vorgestellt, es wird aber nicht gezeigt, wie die Kinder miteinander spielen. Das Buch kann also keine Verbindung zur Alltagswelt der lesenden Kinder herstellen.“ bemängelt Tanja Kollodzieyski. Ja, das macht eben ein Sachbuch aus, dass es eine bestimmte Form wählt, sich in dieser Form bewegt und deshalb eben nicht den sehr willkürlich gewählten Anforderungen von Kritikerinnen genügt. Trotzdem gelingt es dem Buch, die Alltagswelt der Kinder aufzugreifen. Allein im Titel schwingt das umgangssprachlich benutzte „Bist du behindert!“ schon als Fundament mit, auf dem sich genau dieses formal strenge Nebeneinander mit Erkenntnisgewinn entfalten kann – und zwar für diejenigen, die sich erst mal als nicht-behindert bezeichnen würden. Das funktioniert besser als in konstruierten Bedarfsbüchern wie Die bunte Bande von Corinna Fuchs, Uli Velte und Igor Dollinger.

„Dadurch, dass alle Eigenschaften der Kinder im Buch als Behinderungen bewertet werden, werden die Herausforderungen und Diskriminierungen von Kindern mit Behinderung unsichtbar gemacht.“ Mmh, genau andersherum würde ich die Zielrichtung beschreiben. Diskriminierungen nehmen in diesem Buch eben alle Kinder wahr, und es unterscheidet eben nicht zwischen sozialen und körperlichen Einschränkungen, sondern setzt Einschränkungen auf unterschiedlichen Ebenen gleich. Das genau holt Kinder in dieses Buch hinein, die das zuerst aus der Außenperspektive lesen.

Also, wieder ein Fall für die Goldwaage. Ist Alle behindert! jetzt nur gut gemeint? Doch schlecht gemacht? Oder der richtige Anstoß für Kinder, sich mit einer gesellschaftlich relevanten Frage auseinanderzusetzen? Oder eben doch kein Fall für die Goldwaage?

Kinder würden Kindle kaufen …

… und zwar die Kindle Kids Edition von Amazon. Tun sie aber nicht. Denn dafür müssten die Kleinen ja ganz schön lange stricklieseln. Also bestellen das die Eltern, und bekommen ein Paket zu 109,99 Euro mit einem ganz normalen Kindle der 10ten Generation (Normalpreis 79,99 Euro, aber mit 4 GB nur die halbe Speicherkapazität), eine „farbenfrohe Hülle“ in babyblau. Oder in babypink. Mit 2 Jahren Sorglos-Garantie. Einem Jahr kostenlosem Zugang zu Amazon FreeTime unlimited. Toll, oder?

Mag man ja denken. Aber so ganz passt das nicht zusammen. Denn der Kindle-Reader ist, Amazon sagt es ja selbst, einfach nur ein Reader, eben „nur für das Lesen entwickelt, sodass Kinder nicht durch Apps, Videos oder Spiele abgelenkt werden“.  Sonst wäre es ja auch keiner. Weshalb die vielen Angebote von FreeTime unlimited zu FreeTime limited werden. Denn Bilder kann er nicht, der Reader, Videos nicht und Spiele auch nicht, sondern nur Schrift. Und Audio.

Wirklich umfassend nutzbar ist das Unlimited-Angebot dagegen auf dem Fire-Tablet von Amazon. Bunter Bildschirm, Audio-Ausgang, Kamera vorne und hinten, Lautsprecher und Mikrofon, alles dran. Eine farbenfrohe Hülle (neben blau und pink auch noch violett!), Sorglos-Garantie und FreeTime Unlimited gibt es in der Amazon Fire 7 Kids Edition selbstverständlich obendrauf. Und der Preis? Doch deutlich über diesem zu nichts weiter nützlichen Reader, oder?

Ha! Schlanke 99,99 Euro kostet er, und da ist nicht nur das Sparfuchs-Eternteil on fire. Ja, jetzt passt auch das Amazon-Versprechen „Seelenfrieden für Eltern“, denn die Kleinen können sich voll und ganz und altersgerecht durch Apps, Videos und Spiele ablenken lassen. Und wenn man die ruhig gestellten Kinder mal so richtig stören und gegen sich aufbringen will,  „helfen Gesprächsideen Eltern dabei, Unterhaltungen mit ihren Kindern über deren Lieblingstitel zu führen.“ Die gibt es von Amazon noch gratis dazu.

Trotzdem gibt es Eltern, die von magischen Kindle-Wandlungen berichten. „Meine Tochter (8j) verwendet den Kindle-Kids jetzt seit ein paar tagen und hat tatsächlich angefangen freiwillig zu lesen“ heißt es in einer 5-Sterne-Bewertung. „Meine Tochter is 9 und war nie so begeistert von lesen.seit das Kindle Kids da ist hat sie gleich am ersten Tag 2 Bücher Gelsen“ und kann mittlerweile sogar Rechtschreibfehler beim Lesen automatisch korrigieren. Oder aber die digitale Kontrolle ist die Killer-Application schlechthin: „Super Teil! Die Kids lieben es, die farbige Hülle ist sehr schick und über die Elternseite kann ich die Benutzungszeit einsehen und kontrollieren. Kein heimliches Lesen mehr zu nachtschlafender Zeit“. Wäre ja auch noch schöner, wenn Kinder einfach unbeaufsichtigt lesen würden. Ist die Kindle Kids Edition also der Retter in der Not? Löst die Lesekompetenz-Probleme aller Kinder? Facht die Lust aufs Lesen an? Wohl nichts davon. Wenn ein paar Kinder dadurch zu Lesern werden, dann ist das nicht verallgemeinerbar. Wer jüngere Kinder wirklich fördern will, der liest vor, der bietet an, der wählt mit aus, der besorgt einen Bibliotheksausweis. Der bietet Büchern zum Anfassen. Bei alldem ist die digitale Variante aktuell nur die Zweitbeste.

Schiefe Bilder mit PISA

Seit dem 3. Dezember ist die PISA-Studie veröffentlicht. Und seit dem 3. Dezember läuft die Exegese. Doch alles schlechter als befürchtet? Nicht so schlimm? Hat die Bildungspolitik versagt/alles richtig gemacht? Versauen bloß die Migrantenkinder den Schnitt? Was ist mit den Jungs los? Fast könnte man meinen, hinter PISA steckt nicht eine, sondern mehrere Studien, mit unterschiedlichen Ergebnissen, je nachdem, wer sie liest.

Dabei steht da manches schwarz auf weiß. Dann kommt nur der, der in Statistik nicht aufgepasst hat (AfD) oder Ideologie blindlings über Zahlen stülpt (AfD), zu schiefen Bildern. Um das an ein paar Zahlen festzumachen: Die um 11 Punkte gesunkene Lesefähigkeit zu 2016 (von 509 auf 498) werden durch die Forscher in 5 Punkten auf die veränderte Demografie (hauptsächlich Migration) und in 6 Punkten auf die allgemein schlechteren Leistungen bezogen. Sprich: Ohne Zuwanderung wären die Kinder trotzdem schlechter geworden. Heißt: Die Migranten sind ja gar nicht alleine schuld! Oder offiziell: “Die demografischen Veränderungen können jedoch nur einen geringen Teil der umfassenderen negativen Trends erklären.” Na sowas!

Anderer Fall: Die Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich an den Pranger gestellt, weil in ihnen die Schuldigen für das maue Abschneiden gesehen werden. Die reichen den schwarzen Peter aber reflexartig nach unten in die KiTas und in die Familien. Ist hier die passende Stelle, um den Föderalismusirrsinn in der Bildungspolitik zu brandmarken, der komplett an den Schülerinnen und Schülern vorbeigeht? Ja. Passt. Und das kann man gar nicht oft genug widerholen, vor allem in Richtung Baden-Württemberg. Ein grüner Ministerpräsident, der den nationalen Bildungsrat verlässt? Gemeinsam mit Söder-Bayern? Dass muss man erst mal sacken lassen.

Aber das alles war so und nicht anders zu erwarten. Soziale Herkunft entscheidet weiterhin, die Schere zwischen schlau und gar nicht schlau geht immer weiter auf und wo nichts angestoßen wird (Bildungspolitik), kann auch nichts Bahnbrechendes herauskommen (PISA). Darum erschüttert ein Ergebnis besonders, dass eher am Rande in der Diskussion auftaucht: Die Lust am Lesen allgemein. Besser gesagt: Die schwindende Lust am Lesen.

50,3 Prozent der 15-Jährigen lesen nur, wenn sie müssen. Und das vor allem, um die Information zu bekommen, die sie brauchen. Dagegen hält mehr als ein Drittel Lesen für Zeitverschwendung, im OECD-Schnitt sind es mehr als ein Viertel, 28 Prozent. Ein Drittel geringer als im OECD-Durchschnitt ist die Zahl derer, die sagen, das Lesen eines ihrer liebsten Hobbys ist.

Das sind alarmierende Zahlen. Fürs Lesen allgemein. Fürs Jugendbuch. Damit für Verlage und Buchhändler. Denn sie erschüttern die Grundfeste des ästhetischen Lesens, des Genuss-Lesens, des unterhaltenden Lesens. Denn in den Zahlen steht auch eine Konsequenz. Wer heute nicht (mehr) liest, wird auch morgen nur sehr schwer wieder zum Leser. Und es Bedarf keiner besonderen hellseherischen Fähigkeiten, diesen Bedeutungsverlust des Lesens mit der Dominanz anderer Medienformen zu erklären – von den Serien auf Streamingdiensten bis zu Instagram und Snapchat. Snackable Content heißt das Zauberwort, und Snackable ist der nicht nur in Bus und Bahn und den Minuten, sondern auch in der Zeit, in der ansonsten Langeweile aufkam. Ein Gefühl, für das keine Zeit mehr ist. Und das nicht in Lesen mündet.

Dabei könnten sie es. Denn einen Zusammenhang zwischen der Lesefreude und der Lesekompetenz haben die Forscher nicht festgestellt.

Das kannst du dir schenken, amazon

Stimmt, am Weltkindertag in dieser Woche verschenken amazon und die Stiftung Lesen ein Märchenbuch. Und genau, als das bekannt wurde, war der Aufschrei in der Branche groß. Alle nachfolgenden Erklärungsversuche von Stiftung Lesen und amazon, um den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen, ließen ihn nur noch tiefer reinrutschen. Wie das geht? Ich zähle mal auf, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

… fünf Bestsellerautoren wie Iny Lorentz …

entpuppen sich als Haus- und Hofautoren des amazon-kindle-selfpublishing-Universums für schmachtende Liebesgeschichten (Poppy J. Anderson) bis blutige Thriller (Noah Fitz)

… fünf prominente Lesebotschafter wie Joey Kelly, Olivia Jones und Jens Lehmann erzählen, was das jeweilige Märchen für sie bedeutet …

wobei die bekannteste Leseszene der drei der Lehmann-Elfmeterzettel im WM-Viertelfinale gegen Argentinien war und der ja irgendwie zum ‚Sommermärchen‘ führte. Das reicht als Bezug zum Thema, oder?

… eine Liste der teilnehmenden Buchhändler (zusätzlich zu Thalia, Mayersche und Hugendubel) finden Familien, Leser und Buchfans ab dem 16. September hier (meint den amazon-Blog dayone) und unter www.amazon.de/lesenisteingeschenk

äh, Stand 16.09. 16:24 Uhr: Weder. Noch. Stand 17.09.: Ja, jetzt. Aber einige der wichtigsten Kinder- und Jugendbuchhandlungen in Deutschland sind nicht dabei.

… die liebevoll illustrierte Sammlung …

einer namentlich nicht genannten Illustrationsfachkraft. Die es aber nicht mal aufs Cover geschafft hat, denn das ist rein typografisch gestaltet.

… 1 Million Märchenbücher …

naja, das hat Adam Riese eher in den Bart genuschelt. Die Hardcover sind limitiert, und zwar weit unterhalb der Million. Wieviel genau verrät amazon nicht, auch auf Nachfrage. Denn bei der Million sind sämtliche digitalen Formate mitgezählt, sozusagen als Downloadobergrenze. Und wer bislang noch keine amazon-Hardware wie den Kindle benutzt, der braucht auf seinem Nicht-Kindle zwingend die kostenlose Kindle App, um das e-Book zu lesen

… jeder nur ein Buch …

sagt Pedro Huerta, Director Books von Amazon Deutschland, und das hat ja bei „Das Leben des Brian“ mit den Kreuzen auch super funktioniert

… kann online auf Thalia.de, Mayersche.de und Hugendubel.de das eBook bestellt werden …

und wird auf Diskette geliefert? In der Regel sind eBooks ja direkt downloadbar. Es sei denn, amazon möchte Daten sammeln von Menschen, die irrtümlicherweise ihre eBooks nicht bei amazon kaufen.

Na dann: #lesenisteingeschenk, aber in diesem Fall eher #amazonbleibmitgeschenkt

Pfuhls Märchenstunde

Stiftung Lesen und amazon verschenken zum Weltkindertag am 20. September ein Buch mit elf Grimms Märchen. Der Aufschrei in der Branche war groß, als diese Meldung durchsickerte. Weil amazon. Weil ohne stationären Buchhandel geplant, außer Hugendubel und Thalia. Weil ohne Mitwissen des Stifter- und Stiftungsrates der Stiftung Lesen. Weil ohne Präsentation auf der Stiftungsversammlung am 4. Juni. Darüber wurde nun schon ausgiebig debattiert.

Die Stiftung Lesen gibt sich davon unbeeindruckt, sie hat ja nur Bestes im Sinn: „Stiftung Lesen und Amazon zufolge ist das Ziel, insbesondere solche Familien fürs gemeinsame Vorlesen zu begeistern, bei denen Lesen noch nicht zum festen Bestandteil ihres Alltags gehört.“ hieß es in der ersten Meldung auf boersenblatt.net vom 23. Juli. Gut eine Woche später reagiert nun deren Vorstandvorsitzende Joerg Pfuhl. Statt mit einem Schritt zurück eher mit einem Tritt in die Weichteile all derer, die sich mit sachlichen Argumenten, die das Erreichen jenes wohlformulierten Ziels in Frage stellen, zu Wort gemeldet hatten.

Wie Kirsten Boie. Sie hat im Deutschlandfunk Kritik geübt. Ihre Einschätzung: „wenn ich mir vorstelle, ich möchte buchferne Kinder damit erreichen (…), dann stellt sich doch die Frage, ob Märchen das beste Mittel sind (…). Da hab ich doch meine ganz, ganz großen Zweifel.“ kontert Joerg Pfuhl lässig mit einem „Warum wissen so etwas immer alle schon vorher? Lasst es uns doch einfach ausprobieren.“

Interessanterweise hat Axel Dammler vom Marktforschungsunternehmen iconkids & youth auf der Stiftungsversammlung der Stiftung Lesen am 4. Juni einen Vortrag genau zu dem Thema „Bildungsferne Familien ansprechen & überzeugen“ gehalten. Das klingt beinahe so, als hätte er, empirisch belegt und analysiert, die Grundlage für diese Aktion gelegt. Von wegen! Seine Erfahrungen mit lese- und bildungsfernen Eltern, bei denen Spaß vor pädagogischem Anspruch steht, die sich keinesfalls mit den Kindern zusammen beschäftigen wollen und zwar wissen, das Lesen wichtig ist, „aaaaber …“ zeichnen ein anderes Bild. Und münden in  Thesen für die Leseförderung jener leseunwilligen Gruppe: „Je weniger Lesen draufsteht, desto besser.“ „Lieber Pop-Kultur als Hoch-Kultur.“ „Schnelle Erfolge locken.“ „Die Latte zum Einstieg niedrig hängen.“ Trifft das irgendwie und mit gutem Willen auf Grimms Märchen zu? Und darauf, Kinder und Familien erst mal in eine ihnen völlig unbekannte Buchhandlung locken zu müssen? Und warum weiß ich, dass Handkäse mit Nutella nicht schmeckt, obwohl ich es nicht ausprobiert habe?

Joerg Pfuhls nachfolgender Verweis auf die so erfolgreiche Happy Meal-Aktion bei McDonalds hinkt gewaltig. Da kommen kleine Lesehappen, zum Teil mit AR-Erweiterung fürs Smartphone, tatsächlich zu den kleinen Leserinnen und Lesern, ob die ein Buch wollen oder nicht. Steckt halt in der Tüte mit drin. Das ist ein signifikanter Unterschied.

Doch solche Einschätzungen fechten ihn nicht an. „In seiner Funktion an der Spitze des Stiftungsvorstands stehe er uneingeschränkt hinter den Absichten der Aktion.“ heißt es auf boresenblatt.net. Nun hat ja auch keiner was gegen das Ziel Leseförderung an sich, warum auch. Auch nicht gegen jede Leseförderungsaktion der Stiftung Lesen. Nur diese wird so nicht funktionieren. Und zu dieser Ansicht stehe ich uneingeschränkt.

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„Hallo ihr Lieben und schön dass ihr dabei! Heute gibt es nach ganz langer Zeit mal wieder ein Want to eat. Also, ich möchte jetzt unbedingt, eigentlich schon heute, loslegen. Und das erste, was ich essen möchte, ist eine Pizza Napoletana. Ich habe mir schon die Speisekarte besorgt, und oh mein Gott wie schön ist bitte dieser Umschlag, ich liebe diese Farben, ich liebe diese Pastelltöne, es ist ein richtiger Blickfang. Was steht hier in der Karte? Pizza Napoletana mit Tomatensauce. Das klingt super spannend, ich stehe total auf Tomatensauce. Weiter heißt es da Mozzarella. Ich liebe Mozzarella! Ich bin so aufgeregt, ich kann’s nicht abwarten, die Pizza in meinen Händen, zu halten, sie zu verschlingen! Es wird einfach so hot! Und dann noch Basilikum. Finde ich sehr interessant. Werde ich auf alle Fälle essen. Ja meine Lieben, das war’s mit meinem Video, ich hoffe, ich habe euch ein paar tolle Tipps gegeben, tschüß.“

Das Video-Blogger-Format „Want to Eat“ hat sich noch nicht durchgesetzt. Klingt auch einigermaßen absurd, eine Speisekarte vorzulesen und anderen Menschen mitzuteilen, was man irgendwann mal essen mag. Das Format „Want to Read“ hingegen ist bei Buchbloggern durchaus üblich – einige der Sätze aus dem Anfangstext stammen nahezu wortwörtlich aus dem Video „Want to read März 2019 oder so … von Sara Bow“ – mit aktuell rund 6.500 Aufrufen.

Ich bleibe dabei: Ich kann mit vielen dieser sogenannten Buchblogs wenig anfangen. Sich über Reichweiten seine Social Media-Aktivitäten zu finanzieren und dafür jubilierend auf YouTube Buchpakete auszupacken oder Klappentexte vorzulesen: Das ist für mich einfach nur schlecht gemachte Werbung. Mit diesen so getroffenen pauschalen Aussagen über Blogger habe ich mir in meiner Woche bei „Was mit Kinderbüchern“ auf Facebook reichlich verbalen Gegenwind eingefangen.

Da meldete sich die „Indie“-Fraktion der Kinderbuchblogger zu Wort, die mir Ahnungslosigkeit unterstellt, sagt, wie ernsthaft sie Bücher bespricht, dass sie sich gerade um kleine Verlage und unbekanntere Bücher kümmert, auch sehr kritisch ist, sie die Kosten im Sinne von investierter Zeit und dem technischen Aufwand wie Hosting usw. eher drauflegt usw. usf. Ja, mag ja alles richtig sein, und Buchblogger sind bestimmt auch eine Bereicherung in der Beschäftigung mit Literatur.

Ändert aber nichts an daran, dass ich manche Dinge nicht verstehe. Oder verstehen will. Oder ich eine große Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit erkenne. Top-Vlogger auf YouTube wie die schon genannte Sarah Bow, erreichen pro YouTube-Video fünfstellige Aufrufzahlen, das erreichen Blogs manchmal nicht im Jahr.

Schaue ich doch mal, wie das ist mit dem kommerziellen Drumherum. Der Kontakt mit Verlagen beruht auf Gegenseitigkeit. Carlsen zum Beispiel verschickt nur dann freizügig Rezensionsexemplare, wenn die Reichweite stimmt. Influencer mit einem einzigen Kanal brauchen mindestens 2.500 Follower, wer diverse Social Media Kanäle bespielt, sollte mindestens 1.000 Follower, Fans oder Abonnenten haben. Auf der anderen Seite ist es ist nicht unüblich, dass auf den Buchblogger-Seiten unter „Media-Kit“ oder „Für Autoren & Verlage“ die Hand für Leistungen ausgestreckt wird, über reine Rezensionen hinaus. Frau Kallafitti schreibt da an Verlage gerichtet: „An Kooperationen bin ich stets interessiert. Die Möglichkeit einer Verlagsvorstellung oder Präsentation einzelner Aspekte besteht selbstverständlich ebenfalls“. Oder die „Literatouristin: „Produktvorstellungen, Interviews, Veranstaltungsberichte und kreative Auseinandersetzungen/ Kooperationen“ sind jederzeit möglich. Solche oder ähnliche Formulierungen könnte ich beliebig fortsetzen und sie finden sich sogar auf den Blogs derjenigen, die mich scharf kritisiert haben: „Auf meinem Blog xxxxxxxx können Sie werben. Ich biete Ihnen Bannerwerbeplätze, Blogsponsoring, sponsored Posts und redaktionelle Beiträge zum Thema Kinder- und Jugendliteratur an. Letzteres kann auch auf Ihrer Webseite/Blog erscheinen.“

Blöd nur, dass Rezensionen viel weniger gefragt und geklickt sind als Social Media-gängige Formate wie „Mein Lesemonat“, Neuzugänge oder Bookhauls. Nehmen wir mal YouTuber David Milan. Der füllt neben seinen eigenen Kanal auch das Content Marketing-Portal „Tales & More“ von Literaturtest für den Grossisten KNV – apropos, gibt’s den nach der Insolvenz von KNV eigentlich noch? Bestimmt nicht für Naturalien. Oder Maren Vivien. Die Agentur HitchOn für Influencer und YouTube-Marketing hat für den im Bastei Lübbe-Imprint one erschienenen Fantasy-Roman „Zorn und Morgenröte“ eine Influencer-Kampagne entwickelt. Und Maren Vivian verpackt die Vorstellung des Romans in ihr Video über kuschelige Leseroutine. Ach ja, bei „Tales & More“ ist sie auch dabei.

Das wollen bestimmt nicht alle, die sich auf Blogs mit Kinder- und Jugendbüchern auseinandersetzen. Aber so altruistisch und „kritisch“ ist die Welt der Buchblogger nun auch nicht. Muss sie auch nicht sein. Aber die Kritik aushalten, dass muss sie.