Ich weiß, zu weiß

Am 8. Oktober erschien auf der Seite Heimatkunde, dem migrationspolitischen Portal der Heinrich Böll-Stiftung, ein Beitrag über Schwarze Kinder, weiße Perspektiven und die Frage, wie divers die Kinderbuchbranche sei.

Die afrodeutsche Autorin Chantal-Fleur Sandjon ist Kommunikationswissenschaftlerin und Diversity-Trainerin. Seit 2019 co-leitet sie außerdem das Kinderliteratur-Projekt DRIN (Diversität. Repräsentation. Inklusion. Normkritik.) des Goethe-Instituts Finnland. Aha. Mal wieder einer dieser pauschalen Vorwurfs-Artikel, könnte man abwinkend sagen. Aber so einfach ist es nicht. Auch wenn der erste Satz des Vorspanns die Marschroute vorgibt: „Die deutsche Kinderbuchbranche steht an einem Wendepunkt.“ Hui, weniger groß und pathetisch kann man kaum starten. Aber zum Glück geht es differenzierter und differenzierender weiter.

Ausgangspunkt ist, wie so oft, die Feststellung der Marginalisierung des Individuums oder bestimmter Gruppen, die sich auch in einer Marginalisierung in Kinderbüchern widerspiegelt. Dem gegenüber reicht aber eine vermehrte Repräsentation dieser Gruppen allein nicht aus, wie der Illustrator Dapo Adeola es für den englischen Kinderbuchmarkt kritisch anmerkt: „Oftmals sind das aber Bücher, bei denen die Figuren wortwörtlich nur eingeschwärzt wurden.“ Ja, das mag auch für Titel hierzulande so zutreffen.

Gefordert wird eine Öffnung des Buchmarkts, denn es genüge nicht, wenn weiße Buchschaffende eingeschwärzte Geschichten imaginieren. „Dennoch bleibt es eine Annäherung an die eigentliche Erfahrung basierend auf dem eigenen Wissen, aber auch der eigenen Sozialisierung und den damit verbundenen Werten und Normen, Vorurteilen und Bewertungen. Weitere Perspektiven, die auf anderen gesellschaftlichen Positionierungen basieren, würden die deutsche Kinderliteratur nachhaltig bereichern.“

Aber all jenen, die das könnten, wird der Zugang erschwert bis verbaut. Als ein Beispiel wird die Autorin Andrea Karimé und ihre Erfahrungen angeführt. Ihr Buch King kommt noch, erschienen 2017 im Peter Hammer Verlag, ist eines der positiven Beispiele. Weil darin gezeigt wird, „was es bedeutet, von Flucht empowernd aus der marginalisierten Perspektive zu erzählen.“ Warum ist das so? Weil die Autorin sehr gut recherchiert hat? Poetische Wege gefunden hat, diese Fluchtgeschichte auch für jüngere Leser*innen zu erzählen? Spürbare Empathie für ihre Figur entwickelt hat? Oder weil sie eine „libanesisch-deutsche Autorin“ ist, in Kassel geboren, also als genau das angeführt wird, was ansonsten mit der Frage „Woher kommst du?“ als Alltagsrassimus gebrandmarkt wird?

Sie selbst behauptet über den Buchmarkt „Kinderbücher sollen diverser werden, die Menschen, die sie schreiben, aber nicht unbedingt. Von Forderungen, wie sie #ownvoices stellt, sind wir in der deutschen Kinderbuchbranche noch weit entfernt.“ Hinter dem Hashtag steckt der Ansatz, marginalisierte Autor*innen in der Kinder- und Jugendliteratur zu fördern und auf Bücher aufmerksam zu machen, in denen die marginalisierte Positionierung der Hauptprotagonist*innen die der Autor*in widerspiegelt. Sprich: Fluchtgeschichten von Flüchtlingen, schwarze Held*innen von PoC-Autor*innen und Illustrator*innen, Coming-out-Geschichten von Schwulen und Lesben usw.

Die Autorin spricht aber noch konkreter von der „Auseinandersetzung mit bestehenden strukturellen Ausschlüssen“, einem in der Verlagsbranche vorherrschenden Othering. Will heißen: Bestimmte Bücher und Menschen werden deshalb nicht verlegt, weil die Verlage sie bewusst ausgrenzen. Das wage ich sehr zu bezweifeln. (Ja, meine Glaubwürdigkeit in dieser Frage leidet sehr unter meiner Zuschreibung als alter weißer Cis-Mann) Ein Buchprojekt abzulehnen kann viele Gründe haben. Aber der, dass es sich zum Beispiel bei der Autor*in um eine PoC handelt, ist keiner. Aber sehr wohl kann es bei der Bewertung einer Geschichte ein trifftiger Grund sein, eine mögliche Leserschaft als zu klein anzusehen, egal, wie wichtig der Urheber*in der Inhalt sein mag. Das ist eine klare verlegerische Entscheidung. Die gilt zum Beispiel auch gegenüber vielen älteren Menschen, die ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen aufschreiben und gerne als Botschaft an die Enkelgeneration verlegt sehen möchten. Wozu es seltenst kommt. Ein Fall von Altersdiskriminierung? Oder nur die Erkenntnis, dass es in den meisten Fällen erzählerisch nicht reicht und die Nachfrage nicht gesehen wird?

Um eines klarzustellen: Menschen – und das meine ich allumfassend – dabei zu fördern, kinderliterarisch kreativ zu werden, ist wichtig. Hemmnisse abzubauen, die können persönlicher Natur sein, am Elternhaus liegen, und, ja, auch kulturell bedingt sein – nicht überall spielen Bücher und verschriftlichte Geschichten eine so große Rolle wie hier, auch. Verlage und etablierte Buchschaffende können das tun und tun das in Workshops, als Mentor*innen oder in Wettbewerben für Texte und Illustrationen durchaus. Aber auch da spielt die Qualität eine sehr große Rolle – eine Qualität, die für alle gilt, die Bücher veröffentlichen wollen. Literarisch. In den Illustrationen. In der Geschichte selbst. Wer sich diesem Wettbewerb und möglichen Absagen nicht stellen möchte, kann sein Buch trotzdem veröffentlichen: Im Selbstverlag, als Selfpublisher. Einen kleinen, aber feinen Verlag für eine oder mehrere Nischen gründen. Und damit Erfolg haben. Der grundsätzliche qualitativ literar-ästhetische Aspekt kommt mir in dieser gerne vorwurfsvoll geführten Diskussion oftmals viel zu kurz.

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