Befremdliche Botschaftsangehörige

Mit großer Spannung und Vorfreude, vergleichbar nur mit einer Papstwahl, begleite ich Jahr für Jahr die Auswahl der Lesebotschafter:innen der Stiftung Lesen. Wer hat sich im rtl-Dschungelcamp durch fehlende Allgemeinbildung aufgedrängt? Wo perlten die Fußballersprüche des Grauens in hingehaltene Mikrofone? Wer hat sich überraschenderweise mit einem Buch in der Hand in die Öffentlichkeit gewagt und gestammelt, ich halte das nur für einen Freund?

Am 24. Mai war es so weit, gleich drei neue Granaten der Leseförderung erhob die Stiftung Lesen in den Botschafterrang. Während der Einstellungstest des Auswärtigen Amts für Botschaftsanwärter als einer der schwierigsten gilt, hat die Stiftung Lesen ihre Ansprüche noch mal multifunktional abgesenkt. Anders ist es nicht zu erklären, dass mit Robin Goosens, Fußball-Nationalspieler, Thilo Mischke, Journalist, und Pietro Lombardi, Sänger, drei Menschen fürs Lesen werben, deren Weg zum Buch und zum Lesen ja irgendwie, naja, sehr unterschiedlich, also, ausgefallen ist. Der Reihe nach.

Thilo Mischke ist vielleicht nicht jedem bekannt. Als Journalist schrieb und schreibt er für viele größer Magazine, von VICE bis Focus und ZEIT. Macht Reportagen für TV-Magazine. Bekannt sind womöglich seine ersten Bücher. Sein harter Selbstversuch In 80 Frauen um die Welt (ja, die Assoziation stimmt) oder Wir, intim, Das Sexbuch. oder Die Frau fürs Leben braucht keinen großen Busen. – stört aber auch nicht. Und klar, als Journalist und Storyteller konnte er nur deshalb die Welt und die Frauen „entdecken, sie erleben, sie verstehen, weil ich schon als Kind die richtigen Bücher auf dem Nachttisch hatte.“

Und Robin Goosens konnte nur wegen der Nachttischlektüre seinen Offensivdrang über die linke Seite entwickeln? Äh, nein. Robin liest für seine „mentale Balance“, „um herunterzukommen“. Und Pietro Lombardi? Nach dem Erfolg bei Deutschland sucht den Superstar nun also Deutschland sucht den Superlesebotschafter. Denn Pietro ist mittlerweile öffentlicher Papa und will alle Eltern unterstützen, ihren Kindern „ein gutes Leben zu ermöglichen. Dazu gehört es auch, Lesen und Schreiben zu können.“ Wenn man was damit anfängt.

Aber eine persönliche Affinität zum Buch haben alle drei. Sie haben ja auch alle welche geschrieben. Ja, wirklich. Was bei Thilo ja noch als Teil des Jobs naheliegt, wird bei Robin und Pietro schon etwas komplizierter. Von Robin gibt es eine Spiegel-Bestseller-Biografie Träumen lohnt sich. Mein etwas anderer Weg zum Fußballprofi. Die natürlich nicht er geschrieben hat, sondern kicker-Redakteur Mario Krischel nach ausführlichen Gesprächen. Und der Blutgrätsche des Lektorats, das doch „bildhafter, szenischer, mitreißender“ zu schreiben. Was im Umkehrschluss heißt, die erzählten Geschichten von Robin waren gähnend langweilig.

Wer bei Pietro die ganze Arbeit macht, wird nicht verraten. Heldenpapa im Krümelchaos: Mein neues Leben über seine Rolle als Vater kommt ganz ohne Nennung eines Co-Autors oder Ghostwriters aus. Selbstgeschrieben? Tja, nicht auszuschließen, aber äußerst unwahrscheinlich. Ein Co-Autorin ist mit Nicola Anker aber an Bord seiner nun startenden Kinderbuchserie Dino Tino, Band 1 Dino Tino und das geheime Musikcamp, gefolgt von Dino Tino und das magische Lied der Elemente. Aber nicht zu verwechseln mit den längst erhältlichen Titeln Tino’s Abenteuer im Dinoland oder Tino auf dem Dino oder Mein Kuscheltier-Buch Tino, der Dino. Die haben mit Pietro und dessen Dino Tino nichts zu tun. Waren aber wie Herz und Schmerz reimtechnisch einfach zu naheliegend.

Aber es ist ja so: Die mittlerweile über 200 Lesebotschafter:innen sollen mit Gesicht und Namen und einem universellen Lesen-ist-wichtig-Statement für die gute Sache stehen. Das reicht. Und die Menschen ansprechen, die gerade nicht der aktuellen Uwe-Tellkamp-Debatte folgen. Wenn es nur so einfach wäre. Dann müsste man sich viel weniger Gedanken um die Lesefähigkeit von Kindern wie Erwachsenen machen. Muss man aber trotzdem. Immer mehr.

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