Sichtbar lesen

Die Insta-Bühne im neuen Hugendubel

Bücherlesen ist ein stummer und einsamer Prozess, ausgeübt in Zurückgezogenheit. Wer liest, entfernt sich ein Stück aus der Realität und verschwindet in seinen Buchseiten. Vorm Schlafengehen im Bett, eingemummelt in einer warmen Decke auf dem Lieblingssessel, auf der Heizung sitzend mit einer dampfenden Tasse Kaffee. Ach, alles Quatsch! Im Zeitalter von Instagram und Selfiestange darf die Social Media Welt da draußen immer und überall sehen, dass ich lese und was ich lese. Och, letzteres ist ja eigentlich egal. Also: Dass ich lese. Das reicht für einen coolen Post auf Instagram.

Das Ergebnis sind erfolgreiche Seiten wie diese hier: Hot dudes reading. Abgekürzt H D R. Bilder von verdammt gut aussehenden lesenden Männern, lieber knapper bekleidet im Sommer als mit Webpelzrandkapuze im Winter, aufgenommen in der U-Bahn  vornehmlich von Frauen. Kindle-Leser sind ausdrücklich nicht erwünscht.

Es gibt auch schon Merchandising-Artikel wie Mugs und T-Shirts in Frauengrößen mit der Aufschrift: „If you meet a dude on the subway & he isn’t reading, don’t fuck him.“ Tja, Männer. Jetzt pro forma die Weber-Grillbibel unter den Arm zu klemmen ist ganz sicher nicht zielführend. Karl Ove Knausgard geht. Oder noch besser Dörte Hansen, das hat was tiefes und bodenständiges.

Wer liest, gewinnt eben nicht nur, sondern er wird darüber sogar Insta-Famous. Dachte sich auf Deutschlands drittgrößte Buchhandelskette Hugh Double (zu deutsch: Hugendubel), als sie am Stachus in München im November 2018 ihre Buchhandlung der Zukunft eröffnete. Nein, die Mitarbeiterinnen bei der Bestellannahme heißen nicht Alexa und die Bücher werden an der Kasse auch nicht in amazon-Kartons verpackt. Sondern Hugh Double will „das Produkt Buch im Laden mit Emotion und Erlebnis verbinden“.

Im Erdgeschoss, in der neu firmierten „abtauchen“-Welt – das auch in anderen Bereichen durchexerzierte Weltenmodell löst die sonst üblichen Warengruppen ab – lädt ein Jugendbereich im Manga-Style mit Instagram-Bühne, die monatlich umgestylt wird, zum Verweilen ein. Zur Neueröffnung hat man sich gleich eine Aktion einfallen lassen und Besucher gebeten, Bilder mit dem Hashtag #münchentauchtab zu versehen und zu veröfffentlichen (58 Beiträge sind darunter zu finden, minus Verlagsvertreter am Eröffnungstag und irgendeiner Buchwerbung zu Weihnachten).

Trotzdem ist die Idee irgendwie schief. Üblicherweise ist das Buch, das ich auf diesem Foto zu lesen vorgebe, frisch aus dem Regal gezogen und noch gar nicht bezahlt. Noch weniger weiß ich, ob es mir wirklich gefallen wird und was ich dazu im Moment schon schreiben soll. Zum Lesen setzte ich mich bestimmt nicht in den Ohrensessel zwischen fliegende Plastikfische. Oder aber ich beweise allen meinen Instafreunden, was mein Lieblingsbuch ist. Nehm es mir fürs Bild aus dem Regal, mache mein Selfie und stelle es wieder zurück. Funktioniert so Buchhandel?

Unboxing (d.i. im weitesten Sinne irgendwas auspacken, in die Kamera halten und sich wie Bolle freuen) mit Büchern ist ziemlich sinnbefreit, weil der Inhalt im Moment kaum erfassbar ist – im Gegensatz zu Makeup, Nahrungsmitteln oder Gadgets, weil man sie ja spontan ausprobieren oder vorführen kann. Aber Bücher? Bleiben doch weiterhin was für die stille Ecke in der U-Bahn. Aber ich achte zukünftig drauf, dabei so gut wie möglich auszusehen. Man weiß ja nie.

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