Die Pippi-Kollaboration

Bild zu Oetinger 34Till Weitendorf, Oetinger-Verleger, ist einer der gewieftesten Ohr-aufs-Gleis-Leger der Kinderliteratur-Verlagslandschaft. Während die meisten Verleger noch darauf warten, dass im Aushang der Sommer- durch den Winterfahrplan ersetzt wird, hat der clevere Till bis hin zur Farbe der Lok längst alles aus der Vibration der Gleise herausgehört, noch bevor der Zug überhaupt losgefahren ist. Und kassiert als Schaffner lässig ab, wenn die anderen zugestiegen sind.
Ein besonders interessanter Zug ist Oetinger34, eine Art begleitete E-Publishing-Plattform für Kinderbuchprojekte. Ja, Carlsen war mit seinen beiden Imprints Impress und Instant Books schneller am Markt, aber an die hinter Oetinger34 steckende Ideen kommt man dort lange nicht heran. Will man aber auch nicht.
Denn das veröffentlichte Buch steht bei Oetinger34 erst ganz am Ende einer langen Wegstrecke, die aber den bei weitem interessanteren Teil ausmacht. Davor liegt projektbezogene Teamarbeit, sprich Kollaboration, auf einer begrenzt geöffneten Online-Plattform, als sogenannte Talentfabrik. Autoren, Illustratoren, ausgewählte Leser und sogenannte Junior-Lektoren sollen sich dort, im sogenannten „Weißraum“, virtuell treffen und gemeinsam an einem Projekt arbeiten. Im Campus können sie sich gegen Gebühr schlau machen und sich über das Schreiben und Illustrieren fortbilden. Ist genug am Projekt gearbeitet worden, wählen „Junior-Lektoren und Leser (…) in regelmäßigen Abständen ihre Top 10, die das Oetinger34-Lektorat sorgfältig prüft. Die schönsten Projekte erscheinen anschließend in der Edition Oetinger34.“
Die Leser sind wirklich Leser, die sich dadurch qualifizieren, dass sie lesen. Während Junior-Lektoren dagegen Menschen sind, die statt bei Rewe an der Kasse ihr literaturwissenschaftliches Studium mit ersten Lektoraten und Gutachten finanzieren dürfen. Dafür gibt es stattliche 7,50 Euro für ein Kurzgutachten. Andererseits kostet es eine Schutzgebühr von 12 Euro, wenn man im nächsten Schritt am Voting der Top 10 teilnehmen möchte.
Wenn ein Projekt alle Hürden durchlaufen hat und im echten Oetinger34–Senior-Lektorat landet, dann folgt der Klaps auf den Rücken: „Herzlichen Glückwunsch! Dein Projekt wird dann in der Edition Oetinger34 erscheinen.“ Spätestens an dieser Stelle steht die Frage: Bekommen Autor und Illustrator jetzt auch Geld? Einen Verlagsvertrag? Für welche Veröffentlichungsformen? Wie hoch ist der?
Fragen, die offenbar irgendwie gelöst sind, denn die ersten fertigen -Produkte als e-Book und als gedrucktes Buch sind für Frühjahr 2015 angekündigt.
Das alles klingt spannend, wenn man sich denn damit anfreunden kann, dass permanent eine kleine Gruppe Menschen an der eigenen Idee herumfuhrwerkt, die aber nachher gar nicht mal entscheiden, ob das Projekt gut geworden ist. Denn automatisch besser wird die durchs permanente Reinreden nicht unbedingt. Aber all das wird zu beurteilen sein, wenn die ersten Ergebnisse vorliegen.

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