Neue Welt bei den Grimms

J: Wilhelm, hört mal, ich habe ein ganz wunderbares neues Märchen geschrieben.
W: Jacob, nur zu, ich bin ganz Ohr.
J: Also, es heißt Der Wolf und die ….
W: Der Wolf?
J: Ja, Der Wolf und die sieben …
W: Also DER Wolf?
J: Das hattet ihr bereits gefragt, ja.
W: Was für ein Wolf?
J: Ja, ein Wolf halt, vier Pfoten, buschiger Schwanz …
W: Ha! Ein binärer Cis-Wolf?
J: Ein was?
W: Ein Wolf, der als Wolf geboren und auch jetzt ein Wolf ist.
J: Was denn sonst? Also, Der Wolf und …
W: Und seine sexuelle Orientierung?
J: Das spielt jetzt in unseren Kinder- und Hausmärchen nun wirklich keine Rolle.
W: Gut. Wird der Wolf wegen seiner Fellfarbe ausgegrenzt?
J: Also, nicht dass ich wüsste.
W: Jacob, Achtung, wenn der Wolf jetzt psychisch belastende Erfahrungen gemacht hat, und Ausgrenzung ist bei Wölfen im Allgemeinen ja durchaus an der Tagesordnung …
J: Aber doch jetzt nicht wegen seiner Fellfarbe.
W: Wisst ihr das? Nein? Seht ihr, ihr unterstellt das einfach, das es nicht so ist. Vielleicht einfach nur wegen seines Wolfseins?
J: Tue ich nicht. Der Wolf und die sieben …
W: Aber wie der Wolf das wahrgenommen hast, das wisst ihr natürlich in keinster Weise.
J: Nein, tue ich nicht, dass ist für mein Märchen aber auch gar nicht so wichtig.
W: Ihr könnt das doch gar nicht wissen.
J: Was?
W: Ob das für den Wolf emotional von großer Bedeutung ist, wie er wahrgenommen wird, oder nicht.
J: (stöhnt auf)
W: Denn ihr seid ja kein Wolf.
J: Nein, ich bin nur der Grimm, nicht der Isegrimm.
W: Richtig. Deshalb vorneweg die Frage: Habt ihr einen Wilderness Reader über euer Märchen lesen lassen?
J: Einen was?
W: Wilderness Reader. Einer, der euer Märchen auf die Lebenswelt und das Gefühl von marginaliserten Wildtieren geprüft hat? Der selbst Wolf ist oder war oder welche kennt, die mit Wölfen verkehren und also weiß, wie Wölfe wirklich sind?
J: Äh, nein, warum?
W: Weil ihr nur so authentisch sein könnt und in dessen Lebenswelt erzählen, ihr als Nicht-Wolf. Ihr also nicht abwertend über ihn schreibst. So von wegen verschlagen, macht sich über wehrlose Tierkinder her, tötet mehr als er zur Nahrungsaufnahme wirklich braucht. Ihr wisst schon, typisches Wolfszeug eben.
J: Puh, also, eigentlich ist das schon der der Kern meines …
W: Was?
J: Na, sieben Geißlein.
W: Was? Alle?
J: Ja, bis auf eines.
W: Und das Ende?
J: Wolf tot.
W: Nein, auf keinen Fall. Das geht nicht. Da muss mehr gelebte Integration rein. Wolf und Geißlein gemeinsam am Tisch, beim Essen, was lecker vegetarisches, im Garten, tanzen um einen Brunnen, so was. Wirklich. Ihr müsst das überdenken, das mit dem Wolf.
J: Ja, ich setze mich noch mal ran.
W: Danke. Und schön, dass wir so offen darüber geredet haben. Das kann eurem Märchen ja nur gut tun! Es wird um ein vielfaches besser, seid euch dessen gewiss!

 

Der Super-Duper-Lese-Pakt

Hätte Kirsten Boie das so gewollt? Am Ende ihrer als Hamburg Erklärung bekannt gewordenen Petition forderte sie 2018: „für all diese Zwecke müssen jetzt genügend Mittel in den Haushalten ausgewiesen werden. Das Lesen darf nicht den derzeitigen (kosten)intensiven Bemühungen um die Digitalisierung der Schulen zum Opfer fallen. Unverbindliche Absichtserklärungen reichen nicht mehr aus. Deutsche Grundschulen müssen es schaffen, alle Kinder das Lesen zu lehren!“

Klarer kann ein Aufruf zum Handeln nicht formuliert sein. Jetzt, drei Jahre später, sieht das Handeln wie folgt aus: Am 3. März 2021 fand der Nationale Lese-Summit statt, als Auftakt zum Nationalen Lesepakt, initiiert von Stiftung Lesen und dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Politisch hochrangig besetzt. Verbunden mit großen Erwartungen. Verkündet Bildungsministerin Anja Karliczek den LesePakt Schule, mit der die Bundesregierung und der Bundestag die Leseförderung in den Grundschulen mit X Millionen/Milliarden fördern? Nein. Verkündet Britta Ernst, Bildungsministerin des Landes Brandenburg und amtierende Präsidentin der Kultusministerkonferenz 2021, die Bereitstellung von Mitteln in den Landesbildungshaushalten? Auch nein. Was wollt ihr denn? Ma-o-am?

Der Reihe nach. „Noch immer können zu viele Kinder und Jugendliche in Deutschland nicht richtig lesen. Mit dem Nationalen Lesepakt machen wir und 150 Partner darauf aufmerksam.“ verkündet die Stiftung Lesen begleitend auf Facebook. Ist das etwa schon allumfassend der Zweck des Lesepakts? Auf einen seit Jahren bekannten, aber nie behobenen systemischen Mangel hinzuweisen? Dafür dieser mediale Aufwand? Süffisant bemerkte der Deutschlandfunk-Redakteur Jörg Plath, einer der Wenigen übrigens, der die offiziellen Pressemeldungen nicht eins zu eins widergegeben, sondern sich kritisch dazu geäußert hat: „Man kann offene Türen mit größerem intellektuellem Aufwand einrennen.“

Vielleicht sagt ja Jörg F. Maas, der Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen, noch etwas Konkreteres. Ah, hier kommt‘s: „Mit dem Nationalen Lesepakt haben wir eine nie dagewesene und zukunftsweisende Allianz aufgebaut, die allem voran ein Ziel hat: Alle Kinder in Deutschland können lesen.“  Das erinnert schon sehr an den vorhin zitierten Satz von Kirsten Boie und an ihren Aufruf. So weit waren wir vor drei Jahren schon. Aber wie schaffen wir’s denn jetzt wirklich?

Bei der Suche nach den Handlungskrumen in der Ankündigungsprosa wurde vorübergehend die Nachrichtenredaktion des Deutschlandfunks fündig und sendete am 4.3. unter der Überschrift: „Ein Leseclub für jede Grundschule“: „unter anderem soll in jeder deutschen Grundschule ein Leseclub eingerichtet werden.“ Was in den Worten von Jörg F. Maas tags zuvor in einem SWR2-Interview hingegen so klang: „Es kann in Leseclubs sein, die wir uns für jede Grundschule in Deutschland wünschen.“ Ach so. Wünschen.

Was bleibt ist der virtuelle Zusammenschluss von 150 Partnern, von A wie Amazon bis Z wie ZVEI, dem Zentralverband der Elektroindustrie – die beide bestimmt ein ureigenstes Interesse an lesenden Menschen eint – für Bestellvorgänge einerseits und nicht mehr eigens nachzuschulende Auszubildende andererseits. Der Konsens liegt in einer von vielen Seiten bekräftigten Stärkung des keine finanziellen Mittel benötigenden Ehrenamts. Das ist mehr als eine Watsche für all die professionellen Lesepädagog*innen, die in Rektoratsvorzimmern abgewimmelt werden, weil sie an ihr Klassenstufen-Lesekonzept auch noch eine angemessene Honorarvorstellung anheften. Wo Oma und Opa doch einmal die Woche kostenlos zum Vorlesen vorbeikommen. Einfach mal da draußen nachfragen, woran es hakt.

Bleibt der Bereich Projekte auf der Webseite des Lesepakts, auf der Initiativen und Arbeitsbeispiele gebündelt sind und kurz vorgestellt werden, mitsamt link zu deren Internetauftritten. Als frei verfügbarer Ideenpool und Kontaktbörse. Immerhin.

Und so steuerte die Dramaturgie des Lese-Summits auf einen, nein, zwei Höhepunkte zu: Der Enthüllung zweier Anzeigenmotive. Ein Mädchen und ein Junge von hinten, gehüllt in ein Superwoman/-man-Cape, mit der Headline: „Lesen – eine wahre Superkraft“ Und darunter: „Lesen eröffnet uns die Welt. Und unseren Kindern eine gute Zukunft. Dafür machen wir uns stark.“ Ja, machen wir. Uns stark. Kostet ja auch nix.