Preisboxen, nächste Runde

akj blogWo anfangen? Die Kritik an Form, Farbe, Auswahl, Sparten, Übersetzungen, Moderator oder Rahmenprogramm bei der Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises ist so alt wie der Preis selbst. Mit der Einladung zur Mitgliederversammlung des für die Vergabe des Preises verantwortlichen AKJ auf der Buchmesse in Leipzig öffnet sich nun ein weiteres Diskussionsfeld: die darin bekanntgegebene Jury für die Jahre 2015 und 2016.

Auf den ersten Blick fällt auf, dass die meisten Jurorinnen, die eine zweite Amtszeit hätten erfüllen können, ausgetauscht wurden, unter anderem die Juryvorsitzende Gina Weinkauff. (Wobei der AKJ darauf hinweist, dass es sich nicht um ein „austauschen“ handelt, sondern sich satzungsgemäß alle Jurymitglieder wieder hätten bewerben können – was sie aus unterschiedlichen Gründen offenbar nicht getan haben). Das überrascht. Zumal mit Birgit Müller-Bardorff, einer Kulturredakteurin der Augsburger Allgemeinen, eine nicht auf den ersten Blick kompetentere Juryvorsitzende präsentiert wird. Dazu kommt, auch nicht neu, das ein oder andere Fragezeichen, was genau einige der neuen Jurymitglieder für die jeweilige Sparte prädestiniert.

Anders gefragt: Könnte es sein, dass die Kritik am Deutschen Jugendliteraturpreis auch mit der Auswahl, Besetzung und Rolle der Jury im Rahmen des Preisfindungsprozesses zusammenhängt?

Nehmen wir zum Vergleich zwei ähnlich geartete Auszeichnungen in der Belletristik: den Deutschen Buchpreis und den Preis der Leipziger Buchmesse. Bei ersterem übernimmt die vom Börsenverein gegründete Akademie Deutscher Buchpreis die jährliche Berufung der Jury. In dieser Akademie vertreten sind „Repräsentanten der Buch- und Kulturbranche sowie der Förderer und Partner des Preises“. In der Jury selbst sind fünf Literaturkritiker und zwei Buchhändler versammelt.

Der Jury des Preises der Leipziger Buchmesse gehören ebenfalls sieben Literaturkritiker und -fachleute an. Überschneidungen gibt es, so ist Dr. Daniela Strigl einerseits in letztgenannter Jury, andererseits in der Akademie für die Berufung der Jury des Deutschen Buchpreises mit zuständig. Es fällt aber auf, dass in beiden Jurys die Literaturkritik in der absoluten Mehrheit ist. Nicht als Sprachrohr eines wie immer angenommenen Lesers, sondern in ihrer Rolle als Literatureinordner und -bewerter. Und als Vertreter eines den Diskurs bestimmenden Feuilletons, ganz gleich, ob überregionale Zeitung, Zeitschrift oder Radio.

Nichts davon in der Jury des Deutschen Jugendliteraturpreises, das reißt auch die Augsburger Allgemeine nicht raus. Dafür treffen sich reichlich Hochschulmitarbeiter, Literaturdidaktikerinnen wie Literaturwissenschaftlerinnen, mit wenig Literaturkritik-  und Juryerfahrung. Über allem steht ein intransparentes Berufungsverfahren mit an alle AKJ-Mitglieder verschickten Bewerbungsbögen. Ist die Jury dann bestimmt, darf sie zwar autonom entscheiden,für eine literaturkritische Würdigung der nominierten und ausgezeichneten Bücher fehlt es aber an Raum.

Oder ist das alles nur ein bedauernswertes Abbild der kaum mehr in den überregionalen Medien existierenden, kritischen Auseinandersetzung mit Kinder- und Jugendliteratur? Obwohl es da doch Menschen (und sogar Männer) gäbe, die etwas zu sagen hätten? Wieland Freund von der „Welt“? Tilman Spreckelsen von der „FAZ“? Franz Lettner von „1001Buch“? Und andere freie Journalisten, die den geringen Platz für Kinder- und Jugendliteratur in den Feuilletons auch mal für eine kritische Bestandsaufnahme nutzen? Es lohnt sich darüber zu diskutieren, wer, in welcher Form und mit welchem literarischen Anspruch diesen Preis vergibt, offen, ohne vorher postulierte Forderungen. Damit der Deutsche Jugendliteraturpreis auch weiterhin der wichtigste Kinder- und Jugendbuchpreis bleibt.

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