Lanz ruhig bleiben

Tun wir einfach mal so. Lesen wir noch einmal die einmütig bejubelnden Pressestimmen zu Flurin Jeckers Debut Lanz: „Das spannende ist die rohe, ungehobelte Sprache …“ (Marcus Brügge, WDR 5 Scala), „Die Stärke liegt in der sprachlichen Reduktion und im jugendlich-authentischen Erzählton.“ (Esther Schneider, SRF 2 Kontext „Literatur im Gespräch“), „Flurin Jecker verdichtet in seinem hochamüsanten Debüt regionale und alltagssprachliche Elemente zu einer fingierten Mündlichkeit“ (aus der Jurybegründung für das Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendien 2018) und schlußendlich: „Wir lesen und staunen: Das ist keine Literaturinstituts-Literatur, sondern pulsierende Prosa. Solche genuinen, frischen Bücher brauchen wir!“ (Manfred Papst, NZZ am Sonntag)

Echt jetzt? Dann stellen wir uns einfach mal vor, diese kurze Erzählung – von wegen Roman! – wäre nun doch nicht mehr als eine kalkulierte Literaturinstituts-Literatur. Entstanden am Reißbrett, als Fingerübung eines Creative Writing-Seminars. Als erstes braucht es dazu eine polarisierende Figur, nehmen wir mal einen 14-jährigen mit Namen Lanz, dessen Namen man prima versprachspielen kann wie in Länz, gesprochen wie Lance, oder in Lanzelot. Das klingt auch gleich bedeutungsschwanger. Weil er ein ziemlicher Loser mit zerrüttetem Elternhaus ist, braucht er neben der harten auch eine weiche Seite, die den Leser emotional mitnimmt. Einerseits immer und überall kiffen, andererseits Jungfrau sein, weil er das mit den Mädchen nicht so auf die Reihe kriegt und ja doch auch sensibel-naiv ist. Und jetzt noch so was wie ein Signatur Move. Etwas, was diese Figur kennzeichnet. Die Sprache? Stimmt, ist ja eine Erzählung! Ja, die Sprache. Also diesen Lanz so reden lassen, wie ihm vermeintlich der Schnabel gewachsen ist. Der auf alles mögliche scheisst. Der von sich sagt, und über andere sagt, wie dumm sie sind. Kurze Sätze, aneinanderreihen, und die Dialoge ansatzlos auch. Prima, passt, dann mal los, für 124 Seiten reicht’s, so lang lässt sich die Handlung strecken.

Diese ungehobelte Figurenrede, diese artifizielle Jugendsprachen-Rollenprosa, das ist ja kein seltenes literarisches Verfahren. Kirsten Boie hat sie in Ich ganz cool durchexerziert, ihr Protagonist ist ungefähr im Alter von Lanz. Stefanie de Velasco hat sie in Tigermilch angewendet, da stehen zwei 14-jährige Mädchen im Mittelpunkt. Oder Luis in Es bringen von Verena Günther. Gleiches Spiel, gleiche Mittel. Alle Figuren gerne aus dem Prekariat, damit es noch etwas rotziger und grober daherkommt und sie Dinge tun können, die „normale“ Jugendliche nicht tun würden, jedenfalls nicht im Jugendbuch.

Und wie lautet der Trick, um Lanz zum Reden zu bringen? Er schreibt einen Blog, als Schulprojekt. Einen Blog darüber, dass er nicht weiß, was er in seinem Blog schreiben soll. Und dafür minutiös beschreibt, was er den Tag über so tut. Und denkt. Schon plaudert er drauflos. Fehlt noch der Road Movie-Anteil, der seit Tschick in keinem Buch mehr fehlen darf. Also fährt Lanz aufs Land, schaufelt eine tote Kuh mit dem Gabelstapler hinter den Hof und erinnert sich an schöne Tage in seiner Kindheit. Das war’s.

Tun wir einfach mal so. Dann wäre Lanz gar nicht mehr so toll. Aber wir haben ja nur so getan.

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