Böse sind immer die anderen

konzernFeinbilder können so einfach sein. „… die Entwicklung des Marktes für Kinderbücher, die Ablösung der begeisterten BüchermacherInnen in den Chefetagen der meisten Verlage durch ein installiertes Management verlangen immer mehr nach hohen Verkaufszahlen als nach relevanten Inhalten.“ So begründet Bruno Blume in seinem im aktuellen 1001Buch erschienenen Porträt von Jacky Gleich deren Abkehr von der Kinderbuchillustration. Ähnlich klingt Andreas Schlüter in einem Interview mit dem Online-Magazin literaturgarage.de: „Anders als vor zwanzig Jahren entscheiden heute nicht mehr fachlich gut ausgebildete Lektorate über ein Programm, sondern BWLer in den Vertriebsabteilungen.“

So ist es. Installiertes Management, BWLer, Vertriebsabteilungen, das ist igitt. Die wollen ja eh alle nur das Eine: verkaufen. Viel verkaufen. Sehr viel verkaufen. Ganz im Gegensatz zu Illustratoren und Autoren. Die machen Kunst. Und schauen mal, ob die als solche gewertschätzt wird. Übersetzer übrigens auch. Die verzichten ja liebend gerne auf eine Erfolgsbeteiligung, solange es nur um „relevante Inhalte“ geht. Und freie Lektorinnen selbstverständlich ebenfalls, denen ihre Arbeit eine reine Herzensangelegenheit ist. Oder habe ich da irgendwas falsch verstanden?

Schade, dass das Feindbild so einfach nicht ist. Denn ein Verlag wie Random House funktioniert in gleicher Weise wie Bruno Blume mit seinem kleinen kwasi-Verlag. Rauscht der Umsatz in den Keller, muss sich der CEO vor seinen Aktionären verantworten. Und Bruno Blume ans Ersparte gehen oder bei seiner örtlichen Sparkasse in den Dispo. Klappt das beides nicht, wird der Konzern verkauft und der Kleinverlag geschlossen – da kommen einem in beiden Fällen jede Menge Beispiele in den Sinn, vom Berlin Verlag bis zu Bajazzo. Wo bitte ist da der Unterschied?

Am Grundsatz der Mischkalkulation hat sich nichts geändert. Wer lettische Lyrik verlegen will, sollte vielleicht einen rentablen Ostseekrimi im Programm haben. Und eine gut laufende Kinderbuchserie trägt womöglich das ein oder andere Herzensprojekt. Und die gibt es sehr wohl, in großen wie in kleinen Verlagshäusern.

Deswegen bleiben die beiden Aussagen leere Behauptungen. Installiertes Management, das klingt nach Insolvenzverwalter und Rettung durch Unternehmensberater. Oder wäre, nur als Beispiel,  die vom Vorsitzenden der Geschäftsführung Jörg Bong bei S. Fischer fürs Kinderbuch berufene Verlagsleiterin Ulrike Metzger schon installiertes Management? Wohl kaum. Denn erstaunlicherweise sind die harten Zahlenmenschen wie Klaus Kämpfe-Burghardt bei Ueberreuter oder Thomas Seng bei Thienemann relativ schnell an ihre verlegerischen Grenzen gestoßen. Und nicht mehr da.

Und die BWLer in den Vertriebsabteilungen? Denen kommt eine große Bedeutung zu, in der Tat. Aber auch in den goldenen Zeiten haben Vertreterkonferenzen Titel gekippt und Cover abgelehnt, gegen Lektorate und die Programmleitungen. Oder sind mit Weglasstiteln gereist. Das Grundproblem liegt nicht allein an der Fokussierung auf wenige Spitzentitel, sondern an der reinen Menge der Neuerscheinungen. Es gibt einfach viel zu viele unnötige Bücher. Und das nicht erst seit 20 Jahren. Das wissen die Verlage. Und tun leider nichts dagegen. Und dass Verlage lieber den siebten Fantasy-Vampir-Mehrteiler, der für teuer Geld eingekauft wurde, als Spitzentitel anbieten als die neu aufzubauende heimische Autorin mit Potential: da läuft seit geraumer Zeit was schief.

Und führt direkt zu den fachlich gut ausgebildeten Lektoraten: Aber über die wird gesondert zu sprechen sein.

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