Der Klub der alten Männer oder Warum Männer Verlage gründen und Frauen Agentinnen werden

Jetzt ist schon wieder was passiert. Ein älterer Mann weit über die 50 hat einen Kinderbuchverlag gegründet. Markus Niesen (Hummelburg), davor Harald Kiesel (360 Grad), Jürgen Weidenbach (Edel:Kids Books), Klaus Humann (Aladin) usw. usf.

Warum tun DIE das? Und warum tun das keine Frauen, die als Programmleiterinnen lange genug unter Beweis gestellt haben, dass Sie für die besonderen Verlagserfolge mindestens so viel Verantwortung tragen wie die zu ihrer Zeit amtierenden Verlegermänner? Denn weder kann sich ein Klaus Humann den Erfolg der Biss-Bände auf die Fahnen schreiben noch ein Markus Niesen den der Tribute von Panem. Aber „Männer stehen ständig unter Strom, Männer baggern wie blöde, Männer lügen am Telefon, Männer sind allzeit bereit, Männer bestechen durch ihr Geld und ihre Lässigkeit“ – und schon wird ein Verlag draus.

Also arbeiten erfahrene Programmmacherinnen wie Dr. Paula Peretti (ehemals Verlagsleiterin Baumhaus/Boje), Sarah Haag (Gesamtprogrammleiterin Loewe), Ulrike Schuldes (Programmleitung cbj) oder Martina Kuscheck (Programmleitung cbj) jetzt als Agentin, alleine oder in einem Agenturverbund. Entwickeln Projekte, entdecken Autorinnen und Autoren, Illustratorinnen und Illustratoren, vertreten ausländische Verlage. Und beschaffen den Verlegermännern das, was die für ihre vollmundig angekündigten Programme brauchen, auf die der Buchhandel ja so dringend gewartet hat.

Programme, die in Wirklichkeit einen von allen Beteiligten als längst überquellend beklagten Markt weiter fluten. Der Literaturmisanthrop hätte reichlich Futter für einseitiges Abwatschen. Aladin? Ambition schlägt Verkäuflichkeit. Edel:Kids Books? Noch mehr Me-Too-Bücher mit Schwerpunkt 3 bis 11 Jahre, von Film und Fernsehhelden über fantastische Mädchenschmöker bis zum Familienhundetagebuch. Gähn. 360 Grad? Deutscher Ableger eines englischen Sachbuchimprints without serious ideas. Und jetzt auch noch die Hummelburg von Ravensburger. „Besondere“ Bücher mit Schwerpunkt 6 bis 11 Jahre, aha. Aber war das nicht schon Edel? So viele lesenswerte, aber unentdeckte Kinderbücher für 6 bis 11-jährige kann es gar nicht geben, wie Verlage sie momentan einkaufen würden. Vom Buchhandel ganz zu schweigen, der das alles ja auch noch verkaufen soll.

Im Selbstverwirklichungsstrudel unter geht die persönliche Verantwortung. Nehmen wir den Aladin Verlag und Klaus Humann. Unter dem Dach von Bonnier hat er mal eben sein Erbe geregelt und alles zu Thienemann-Esslinger verscherbelt. Oder, wie es offiziell heißt: „In den ganz natürlichen Abschiedsschmerz (…) mischt sich die Erleichterung, in Bärbel Dorweiler ‚eine Schwester im Geiste‘ gefunden zu haben, die das besondere Aladin-Programm in reduziertem Umfang weiterführen wird.“ Während die wenigen gut laufenden Lizenzen also nach Stuttgart umziehen und Klaus Humann ins Rentnerleben, steht die komplette restliche Mannschaft von Aladin in Hamburg ab September auf der Straße. Männer eben.

John Olivers schwules Kaninchen

Ein Bilderbuch über das schwule Kaninchen Marlon Bundo hoppelt an die Spitze der Bestsellerlisten. Ah, ein Projekt von LGBTI-Aktivisten? Dem Lesben- und Schwulenverband in Deutschland? Gesundheitsminister Jens Spahn? Weit gefehlt. Die Geschichte des bis über beide Löffel verliebten Kaninchens mit der schmucken Fliege stammt aus der Redaktion von John Oliver, dem Komiker und Moderator der Late Night Show „Last Week Tonight“ in den USA. Und ist einerseits ein Plädoyer für Toleranz und Selbstverwirklichung in Form einer Bilderbuchgeschichte, andererseits ein politischer Affront gegen den selbst für republikanische Verhältnisse konservativen amerikanischen Vizepräsidenten Mike Pence.

Familie Pence hat nämlich selbst ein Bilderbuch veröffentlicht. Tochter Charlotte erzählt in holprigen Reimen, Ehefrau Karen illustriert in Kunsthandwerksmarkt-Qualität einen Tag im Leben des Vizepräsidenten. Aus der Perspektive des Pence’schen Hauskaninchens Marlon Bundo. Richtig, den gibt es wirklich, schwarz-weiß gescheckt und mit 20.000 Followern auf Instagram.

Den Dreh zu John Oliver bekommt die Geschichte durch die Nähe von John Pence zu konservativen und evangelikalen Organisationen, die die sexuelle Orientierung geistig verwirrter Schwulen und Lesben mal eben mittels einer Therapie wieder richtig justieren wollen. Aber John Oliver prangert in seiner Show nicht nur wortgewaltig und bissig an. Sondern agiert. Ob er politische Informationen als Werbespots in Donald Trumps Lieblingsendungen auf Fox News schaltet oder ob er im Zuge der Kritik an der mangelhaften Krankenversicherung 9.000 unbezahlte Arztrechnungen aufkauft und verspricht, sie zu bezahlen – seine Anliegen wirken über die reine Sendung hinaus. Deshalb jetzt der Coup mit dem Bilderbuch. Die feindliche Übernahme des Kaninchens. Und der Twist in der Geschichte: Raus aus dem Weißen Haus, rein in die Gay-Community. Soll er sich doch schwarz-weiß ärgern, der Pence.

Das Bilderbuch funktioniert auf zweierlei Ebenen. Für Erwachsene als politisches Statement. Für Kinder als Geschichte über Freundschaft, Liebe und Miteinander. Selbst in der allerkürzesten Zusammenfassung sind schon beide Ebenen sichtbar: Marlon Bundo will unbedingt seinen Wesley heiraten, gegen den erbitterten Protest des Stinkekäfers, der unübersehbare Ähnlichkeiten mit Mike Pence aufweist.

Dieses im amerikanischen Verlag Chronicle Books erschienene Buch hat sein großes Ziel erreicht: Es sollte in den ersten Tagen häufiger gekauft werden als das Buch von Mike Pence. Auf der Amazon-Bestsellerliste lag es am Montag nach Verkaufsstart auf Platz eins, das von Familie Pence auf Platz 15.

Auf diesen Erfolg hin ist das Kinderzimmer jedenfalls festlich geschmückt. Marlon Bundo, Wesley und mit ihnen Transgender-Teddy Tilly, der jetzt Thomas ist, feiern gemeinsam mit Honigtöpfchen und Karottensticks, dass sie so sein dürfen, wie sie wollen. Hurray!