Heidiwitzka!

heidi_bildKlassiker sind anscheinend unkaputtbar. Ob Wickie oder Biene Maja, Hanni & Nanni oder der kleine Nick, sie alle werden in regelmäßigen Abständen einer technischen Auffrischung unterzogen, um ins Kino einzuziehen oder als Fernsehserie weltmarkttauglich zu werden. Das neueste Werk stammt aus der flämischen Animationsschmiede Studio 100 Media GmbH: Heidi. Wie zuvor schon die kleine, freche, schlaue Biene Maja wurde auch das Alpenmädchen Heidi durch die 3-D-Mangel gedreht und digital zum Leben erweckt. So weit, so wenig überraschend. Auch nicht, dass sich inhaltlich und in der Figurenausgestaltung bis hin zum Haarschnitt und den Klamotten im Vergleich zur japanischen Anime-Serie von 1974 so gut wie nichts geändert hat.

Die mit dieser Serie aufgewachsene Kindergeneration stellt jetzt die Elternschaft der aktuellen Heidi-Zuschauer. Und die muss sich mit den marktkonformen Änderungen abfinden, so schwer das manchen fällt. Sie hat Gitti und Erika im Ohr, und nun singt Andreas Gabalier, gleichzeitig Heidi-Starbotschafter, was immer das ist, den Titelsong. Immerhin besser als Frei.Wild. Und am Kiosk geht es munter weiter, denn seit 23. April liegt dort das offizielle Heidi-Magazin für Kinder aus.

Auch das allein verwundert noch nicht. Immerhin spülte die erste Heidi-Welle rund 100 Merchandising-Artikel, von der Bettwäsche bis zum Geschirr, in die deutschen Kinderzimmer.  Ein Comic-Magazin gab es von 1977 bis 1981 auch, herausgegeben im Bastei-Verlag, dazu noch acht Taschenbücher.

Dieses rund vier Jahre andauernde Geschäft hofft nun Pabel-Moewig zu wiederholen, „mit einem komplett eigenständigen Zeitschriftenkonzept auf Basis der Originalgeschichte von Johanna Spyri“. Behauptet zumindest der Verlagsleiter Frauen- und Kinderzeitschriften, Holger Hinsch, der auch Magazine wie Bussy Bär, Bummi und Lissy Magic Pony verantwortet. Aber wie soll das gehen? Als eine Art Alpenlandlust-Magazin für Kinder? Mit Geschichten aus dem späten 19. Jahrhundert, in dem die-Original-Heidi spielt? Als herzensgute Geschichts-Lehrstunde mit schrulligen Figuren? Seltsame Idee, und doch nah dran.

Denn neben der abgeschlossenen Geschichte aus Heidis Welt legt die Chefredakteurin Susanne Steinauer und ihr Team besonderes Augenmerk auf Kreatives zum Selbermachen: Blumenkranzbinden zum Beispiel. Oder Flechtfrisuren – bei Heidi selbst leider nur schwer möglich. Oder Erdbeermarmelade selber kochen. Will heißen: Es geht „im Heidi-Magazin um Natürlichkeit, Authentizität und Freundschaft.“ wieder in Worte gefasst von Holger Hinsch. Der darin eine neue Nische im weit gefächerten Kinderzeitschriftensegment besetzt sieht. Als würden alle anderen Magazine auf Künstlichkeit und Feinschaft setzen.

Das Ganze ist Pabel-Moewig eine Million Euro Bruttomedia-Werbevolumen wert. Klingt viel, ist aber nur ein errechneter Wert aus Gegengeschäften, Eigenanzeigen sowie einem Werbespot. Trotzdem: Viel Aufwand für ein kurzlebiges Lizenzgeschäft. Und ich wette: Vier Jahre wird Heidi diesmal nicht durchhalten. Jedenfalls nicht im Zeitschriftenregal.

Der Preis ist heiß

TolinoDie vielen kleinen Scharmützel rund ums E-Book haben sich ein wenig beruhigt, trotz vieler ungeklärter und unguter Punkte. Immerhin hat sich neben dem bösen Kindle von Amazon die Tolino-Allianz mit einem vergleichbaren Angebot etabliert. Dafür ist der ermäßigte Mehrwertsteuersatz für E-Books abgeschmettert, obwohl sich sogar die Bundesregierung dafür aussprach: Mit EU-Gesetzen nicht konform. E-Book-Leihe in den öffentlichen Bibliotheken funktioniert nur halbwegs, weil viele Verlage diese Form grundsätzlich ablehnen oder überteuerte Leihlizenzen in Rechnung stellen. Und dann die Frage danach, wie ein E-Book überhaupt rein rechtlich zu beurteilen ist. Das aktuelle Urteil des Hanseatischen Oberlandesgerichts (OLG) stärkt dem Börsenverein als Anwalt von Buchhandel und Verlagen den Rücken. E-Books dürfen nicht weiterverkauft werden. Wie auch. Der Download eines E-Books überträgt nur ein Nutzungsrecht und ist kein dinglicher Erwerb. Das schützt den Primärmarkt vor einem unkontrollierbaren Gebrauchtmarkt, sagt Börsenvereins-Justiziar Christian Sprang hocherfreut.

Mag ja sein. Aber umso unerklärlicher, warum der Preis für ein E-Books weiterhin so heiß bleibt und nah am gedruckten Buch liegt. Obwohl immer weniger Leistung dafür geboten wird. Ich bleibe dabei: Noch niemand hat mir wirklich glaubhaft erklären können, warum die Preisdifferenz zwischen gedruckter und digitaler Form so niedrig ist. Wie die Aufstellung der aktuellen Top-5 der Jugendbücher, laut Erhebung von Dein Spiegel, beweist:
1    Jeff Kinney: Böse Falle! Gregs Tagebuch 9. (Baumhaus) HC 13,99 € eBook 10,99 €
2    Cornelia Funcke: Reckless. Das goldene Garn (Dressler) HC 19,99 € eBook 15,99 €
3    Kiera Cass: Selection. Der Erwählte (FJB) HC 16,99 € eBook 14,99 €
4    Cassandra Clare: Chroniken der Unterwelt. City of Heavenly Fire (Arena) HC 24,99 €     eBook 19,99 €
5    Lea Schmidbauer; Kristina M. Henn: Ostwind. Rückkehr nach Kaltenbach (cbj) HC     9,99 € eBook 8,99 €

Verlage erklären diese Nähe wie folgt: „Die Ersparnis durch Wegfall der physischen Herstellung und Distribution wird aber durch andere Kostenfaktoren wieder aufgezehrt, so die Verlagsrechnung: vor allem durch höhere Autorenhonorare (bis zu 25 Prozent vom Nettoerlös), aber auch durch zusätzliche Kosten, die beim Online-Marketing entstehen, um die „Sichtbarkeit“ der E-Books zu erhöhen. Hinzu kommen zusätzliche Personalkosten, die vielfach noch nicht durch E-Book-Umsätze eingespielt werden.“ hieß es am 25.06.2014 in einem Börsenblatt-Artikel zum Thema E-Book-Preiskalkulation.

Es bleibt wenig nachvollziehbar. Schon die Formulierung „bis zu 25 Prozent vom Nettoerlös“ bedeutet für viele Autoren einen deutlich niedrigere Anteil. Dann die Kosten durch Online-Marketing: Da gilt der gleiche Grundsatz wie für das Marketing für gedruckte Bücher: Für wenige viel, für viele wenig. Zusätzlich ist da nichts, schließlich fallen alle anderen Marketingmaßnahmen am POS weg. Und die zusätzlichen Personalkosten sind sehr überschaubar.

Sonst würden ja auch die Preismodelle von Verlagsimprints wie Carlsen Impress – die Bücher werden für 3,99 € angeboten – oder Ullstein forever – gleicher Preis – nicht funktionieren. Oder wo wird da eigentlich eingespart?

Als wir vor dem Eingang der Kinderbuchmesse in Bologna standen, passierte etwas absolut Unglaubliches. Aber lest selbst.

Bildschirmfoto 2015-04-10 um 00.41.38Denn das ist noch längst nicht alles, was man besser nicht über die Kinderbuchmesse in Bologna sagen sollte. Nämlich dass

– bei der Kinder- und Jugendbuchmesse Kinder unter 14 Jahre keinen Zutritt haben. Weil es eine Messe für Fachbesucher sei, würden sich die Verlagsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter gestört fühlen. Sagt die Messeleitung. Und ist absolut nicht kompromissbereit. Selbst bei einer Illustratorinnenengruppe aus Osteuropa, die mit Mann und kleinen Kindern angereist ist, wird keine Ausnahme gemacht. Alles, was Kind ist und schon laufen kann, muss draußen bleiben, basta. Das sorgt für schlecht Laune, insbesondere, weil das eigene Kind nun vor den Messetoren ausharren muss und andererseits Kinder als Aussteller mit Ausweis selbstverständlich Zutritt haben. Wenn sie durch den Hintereingang eingeschleust werden.

– der Teppichboden in einigen Messehallen aus war. Und Insbesondere Frauen mit Pumps und glatten Ledersohlen auf dem spiegelnden Estrich so ihre liebe Mühe hatten.

– die Presse sich doppelt anstellen musste, weil es draußen am Ticketschalter nur eine Einlasskarte gab, die im Pressezentrum gegen einen Messeausweis umgetauscht werden musste. Sehr zum Leidwesen der Mitarbeiterinnen im Pressezentrum, die dieses Verfahren alles andere als glücklich fanden.

– es niemandem so richtig aufgefallen ist, dass der hoch geschätzte Ole Könnecke das Logo mit den drei Raben und dem Aufruf „Look!“ entwickelt hat, dass auf das Gastland Deutschland bei der Kinderbuchmesse 2016 hinweisen soll.

– die fünfstelligen Zahlen des Einverkaufs in den Buchhandel nicht automatisch auf einen ebenso großen Abverkauf schließen lassen, wie aktuelle Beispiele zeigen.

– von Agenten gehypte Titel mit exorbitant hohen Vorschüssen doch nicht immer einen dummen Käufer finden. Sondern manchmal wenige Monate später zu einem realistischen Preis angeboten werden – aber keiner so richtig einkaufen will

– der Elektronik-Schnickschnack nur in einer Messeecke stattfindet, ansonsten aber überall Bücher angeboten wurden

– Fantasy irgendwie seinen Zenit überschritten hat

– und die tollsten Titel überhaupt schon längste vor Messeeröffnung über die Ladentheke gegangen sind