Ein Gedanken-Experiment

88_img1Wie wäre es eigentlich, wenn man die Diskussion um den Anteil deutschsprachiger Titel beim Deutschen Jugendliteraturpreis mal am praktischen Beispiel führen würde? Und sämtliche auf der aktuellen Liste vertretenen Lizenztitel durch Originale ersetzen? Qualitativ eine Katastrophe? Gar nicht mal so schlecht? Anders, aber auch achtbar? Bitteschön, dass soll nun jeder für sich entscheiden.

Meine Nominierungen (die nominierten deutschsprachigen Titel der Kritikerjury habe ich kursiv übernommen, auch wenn es nicht immer meine Wahl gewesen wäre):

Sparte Bilderbuch:
Sebastian Meschenmoser: Gordon und Tapir (Esslinger)


Willi Puchner: ABC der fantastischen Prinzen (NordSüd)
Martin Baltscheit/Christine Schwarz: Schon gehört? (Beltz & Gelberg)


Torben Kuhlmann: Lindbergh. Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus (NordSüd) 

Matze Döbele: Konrads Schatten. (Kunstanst!fter Verlag)


Mawil: Kinderland (Reprodukt)



Sparte Kinderbuch:

Christina Erbertz/Daniel Napp: Der Ursuppen-Prinz (Beltz & Gelberg)
Finn-Ole Heinrich/Ran Flygenring: Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt. Ende des Universums. (Hanser)
Oliver Scherz: Wir sind nachher wieder da, wir müssen kurz nach Afrika. (Thienemann)


Salah Naoura: Hilfe! Ich will hier raus! (Dressler)


Martin Heckmanns/Stefanie Harjes: Konstantin im Wörterwald (mixtvision)
Antje Herden: Letzten Mittwoch habe ich die Zukunft befreit (Tulipan)



Sparte Jugendbuch:
Susan Kreller: Schneeriese (Carlsen)
Verena Güntner: Es bringen. (Kiepenheuer & Witsch)


Tamara Bach: Marienbilder (Carlsen)


Christoph Wortberg: Der Ernst des Lebens macht auch keinen Spaß (Beltz&Gelberg)
Dorit Linke: Jenseits der blauen Grenze (Magellan)
Friedrich Ani: Die unterirdische Sonne (cbt)

Sparte Sachbuch:

Christina Röckl: Und dann platzt der Kopf (Kunstanst!fter)
Verena Ballhaus/Renate Habinger: Kritzl & Klecks. Eine Entdeckungsreise ins Land des Zeichnens & Malens (Nilpferd in Residenz)
Alexandra Rak (Hg.): Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen. Erzählungen über den Ersten Weltkrieg. (KJB)

Anke Bär: Endres, der Kaufmannssohn. Vom Leben in einer mittelalterlichen Hansestadt (Gerstenberg)
Katharina von der Gathen/Anke Kuhl: Klär mich auf! (Klett Kinderbuch)


Martin Block/Julie Cazier/Alexander Hogh/Jörg Mailliet: Tagebuch 14/18. Vier Geschichten aus Deutschland und Frankreich (TintenTrinker)

Der Glöcksbärchi aus Österreich

ResidentverlagJedes Jahr ein neuer Verlag. Getreu diesem Motto versammelt Georg Glöckler vom in Deutschland eher unbekannten Verlag G & G aus Wien namhafte österreichische Kinderbuchverlage unter seinem Dach. Am 1. Januar 2014 wanderten Ueberreuter und Annette Betz ins Glöcklersche Verlagsimperium, zum 1. Juni 2015 kommt das Nilpferd vom Residenz Verlag dazu. Da wächst zumindest in österreichischem Maßstab ein echter Kinderbucholigarch heran.

Das Nilpferd tat sich seit seiner Gründung 2001 schwer. Ist halt nicht so ein Kuscheltier, dieses matschige Monstrum. Ursprünglich beheimatet war das Nilpferd im Verlag des Niederösterreichischen Pressehauses. Mit der Übernahme des Residenz Verlages 2004 wechselte das Nilpferd dorthin. Offenbar keine ganz große Liebe beim Residenz-Team, denn mit der Begründung, dass sich „der Residenz Verlag wieder vermehrt auf seine ursprüngliche Kernkompetenz konzentrieren, die Sparten Literatur und Sachbuch“ solle, suchte das Pressehaus schon etwas länger nach einer neuen Verlagsheimat für seinen Kinderbuchableger. Der aber unbedingt in österreichischer Hand bleiben sollte. Und da führt an Georg Glöckler Einkaufskorb momentan offenbar kein Weg vorbei.

Ansonsten bleibt alles beim alten, heißt es beruhigend in der Pressemitteilung. Die Programmleiterin Cornelia Hladej wird von St. Pölten nach Wien umziehen und das Nilpferd „in bewährter Weise weiterführen“. Was so aber erst mal nicht nach Erfolgsgeschichte klingt. Wäre es wirklich so bewährt und ein lukrativer Programmbestandteil, hätte sich Residenz sicherlich nicht davon getrennt, trotz Kernkompetenzkonzentration.

Und G & G? Hat sich da echte Problembären ans Bein gebunden. Denn bei den Piefkes haben es Bücher und Verlage aus dem Nachbarland schwer. Was bei Christine Nöstlingers Jugendbüchern gerade noch so als charmante Austriazismen durchging und mittels Glossar erklärt wurde, erweist sich heute als Verkaufshindernis. Verlage wie Obelisk oder Tyrolia haben daran schwer zu knabbern. Und den nötigen Umsatz allein in Österreich schafft man nur mit Bundesförderung oder der Ausrichtung auf die Schule, siehe G & G.

Gerade Ueberreuter ist ein schwer zu sanierender Fall. Der Umzug nach Berlin und ein permanentes Gehen und vielfaches Kommen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hat noch nicht zu einem klaren Profil geführt. Die Entwicklung im Fantasy- und All Age-Bereich hat man trotz Wolfgang-Hohlbein-Editionen komplett verschlafen und nun eingestellt. Das Bienensterben erwischte auch die Lesebiene als Erstlesereihe, ohne jeden Ersatz. Und nur LasseMaja allein wird es nicht wuppen. Das wäre ein erstes Ziel, mit Ueberreuter wieder konkurrenzfähig zu werden. Und dann beim Nilpferd zu den unzweifelhaft ambitionierten Buchprojekten auch Bücher zu machen, die über die Beachtung des Feuilletons oder beim österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis eine Rolle spielen. Aber vielleicht ist das Glöck ja bei Herrn Glöckler. Oder er kann es zumindest durch überzeugenden Programmstrukturen erzwingen.

Böse sind immer die anderen

konzernFeinbilder können so einfach sein. „… die Entwicklung des Marktes für Kinderbücher, die Ablösung der begeisterten BüchermacherInnen in den Chefetagen der meisten Verlage durch ein installiertes Management verlangen immer mehr nach hohen Verkaufszahlen als nach relevanten Inhalten.“ So begründet Bruno Blume in seinem im aktuellen 1001Buch erschienenen Porträt von Jacky Gleich deren Abkehr von der Kinderbuchillustration. Ähnlich klingt Andreas Schlüter in einem Interview mit dem Online-Magazin literaturgarage.de: „Anders als vor zwanzig Jahren entscheiden heute nicht mehr fachlich gut ausgebildete Lektorate über ein Programm, sondern BWLer in den Vertriebsabteilungen.“

So ist es. Installiertes Management, BWLer, Vertriebsabteilungen, das ist igitt. Die wollen ja eh alle nur das Eine: verkaufen. Viel verkaufen. Sehr viel verkaufen. Ganz im Gegensatz zu Illustratoren und Autoren. Die machen Kunst. Und schauen mal, ob die als solche gewertschätzt wird. Übersetzer übrigens auch. Die verzichten ja liebend gerne auf eine Erfolgsbeteiligung, solange es nur um „relevante Inhalte“ geht. Und freie Lektorinnen selbstverständlich ebenfalls, denen ihre Arbeit eine reine Herzensangelegenheit ist. Oder habe ich da irgendwas falsch verstanden?

Schade, dass das Feindbild so einfach nicht ist. Denn ein Verlag wie Random House funktioniert in gleicher Weise wie Bruno Blume mit seinem kleinen kwasi-Verlag. Rauscht der Umsatz in den Keller, muss sich der CEO vor seinen Aktionären verantworten. Und Bruno Blume ans Ersparte gehen oder bei seiner örtlichen Sparkasse in den Dispo. Klappt das beides nicht, wird der Konzern verkauft und der Kleinverlag geschlossen – da kommen einem in beiden Fällen jede Menge Beispiele in den Sinn, vom Berlin Verlag bis zu Bajazzo. Wo bitte ist da der Unterschied?

Am Grundsatz der Mischkalkulation hat sich nichts geändert. Wer lettische Lyrik verlegen will, sollte vielleicht einen rentablen Ostseekrimi im Programm haben. Und eine gut laufende Kinderbuchserie trägt womöglich das ein oder andere Herzensprojekt. Und die gibt es sehr wohl, in großen wie in kleinen Verlagshäusern.

Deswegen bleiben die beiden Aussagen leere Behauptungen. Installiertes Management, das klingt nach Insolvenzverwalter und Rettung durch Unternehmensberater. Oder wäre, nur als Beispiel,  die vom Vorsitzenden der Geschäftsführung Jörg Bong bei S. Fischer fürs Kinderbuch berufene Verlagsleiterin Ulrike Metzger schon installiertes Management? Wohl kaum. Denn erstaunlicherweise sind die harten Zahlenmenschen wie Klaus Kämpfe-Burghardt bei Ueberreuter oder Thomas Seng bei Thienemann relativ schnell an ihre verlegerischen Grenzen gestoßen. Und nicht mehr da.

Und die BWLer in den Vertriebsabteilungen? Denen kommt eine große Bedeutung zu, in der Tat. Aber auch in den goldenen Zeiten haben Vertreterkonferenzen Titel gekippt und Cover abgelehnt, gegen Lektorate und die Programmleitungen. Oder sind mit Weglasstiteln gereist. Das Grundproblem liegt nicht allein an der Fokussierung auf wenige Spitzentitel, sondern an der reinen Menge der Neuerscheinungen. Es gibt einfach viel zu viele unnötige Bücher. Und das nicht erst seit 20 Jahren. Das wissen die Verlage. Und tun leider nichts dagegen. Und dass Verlage lieber den siebten Fantasy-Vampir-Mehrteiler, der für teuer Geld eingekauft wurde, als Spitzentitel anbieten als die neu aufzubauende heimische Autorin mit Potential: da läuft seit geraumer Zeit was schief.

Und führt direkt zu den fachlich gut ausgebildeten Lektoraten: Aber über die wird gesondert zu sprechen sein.