Sie verlassen die NordSüd-Ausrichtung!

Als im Januar 2026 bekannt wurde, dass zum 1. Januar 2026 der Mehrheitsgesellschafter des NordSüd-Verlages, die W1-Gruppe, 60 seines 90 Prozent-Anteils an den Ravensburger Buchverlag verkauft hatte, wurde das von den üblichen Lobhudeleien der Partner begleitet.

Jan Weitendorf von Hacht sah darin eine Option, neue Handlungsmöglichkeiten und ein größere Investitionsvolumen für die übrigen W1-Verlage zu generieren. Ob man dafür mit das beste Pferd im Stall verscherbeln muss, ist eine verlegerische und betriebswirtschaftliche Entscheidung. Unüberlegt war sie sicher nicht. Ob sie richtig war, wird man sehen.

Ravensburger erschien deshalb als idealer Partner, um „NordSüd strategisch noch stärker voranzubringen“, wie Jan Weitendorf von Hacht schönredete, weil es dort eigene Vertriebswege und Läden und Erfahrungen beim Ausbau von Themen und Charakteren gäbe, auch international.

Die Geschäftsführung von NordSüd, Herwig Bische und Nina Grünberger, lobte die Gespräche auf Augenhöhe und die große Wertschätzung. „Ravensburger hat ein starkes Markenbewusstsein und sieht NordSüd als Marke. Das ist ein großer Vorteil.“ hieß es da unisono.

Und Anuschka Albertz, verlegerische Geschäftsführerin des Ravensburger Buchverlags, freute sich wie ein kleiner Eisbär, denn „Ich bin eine große Bewunderin von NordSüd und ihren herausragenden Bilderbuchkünstler:innen, es ist beeindruckend, wie das Team es schafft, immer wieder neue Bestseller zu produzieren“, sagte sie. Und was damals noch beruhigend klang, als Anuschka Albertz betonte, sie lege Wert darauf, dass NordSüd als eigene Marke bestehen bleibt, entpuppt sich in der Formulierung nun als Drohung für den Bilderbuchverlag aus der Schweiz. Es hat nicht länger als ein dreiviertel Jahr gedauert, bis aus dem Nebeneinander ein klares Untereinander mit einem Lead aus Baden-Württemberg geworden ist.

Denn nicht anders ist die Pressemitteilung von NordSüd vom 29.9.2026 zu verstehen. Darin werden drei relevante Veränderungen angekündigt: Der schon länger feststehende Ruhestand von Verleger und Geschäftsführer Herwig Bische Ende des Jahres 2026, nach 15 Jahren im Verlag. Seine Nachfolgerin. Und der Abschied der bisherigen Geschäftsführerin Nina Grünberger Ende Januar 2027. Auf eigenen Wunsch, wie es immer so schön heißt.

Die Suche nach einer geeigneten Nachfolger:in des Verlegers übernahm Ravensburger zu Jahresbeginn höchstselbst und mittels einer öffentlichen Stellenausschreibung. Ob das pro forma war oder ernst und ergebnisoffen gemeint, weiß nur Ravensburger. Das Ergebnis der Suche ist nun Heidi Vetter, bisher stellvertretende Programmleiterin für den Bereich Bilderbuch, Erstleser und Lizenzmarken bei, ja hoppla, Ravensburger. Dass sich Eisbär und Regenbogenfisch nun ein High-five mit Tatze und Flosse geben, ist nachvollziehbar, denn Marktgängigkeit und Vermarktbarkeit waren und sind die Stärken von Ravensburger. Für den breiten Bereich der künstlerisch anspruchsvollen und kreativen Bücher wird das eher eine Herausforderung. Das Bekenntnis als Illustrator:innenverlag blieb schon in diesem Jahr löchrig, das dritte Buch von Sid Sharp, das erste, Der Wolfspelz war immerhin für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert, wird nun schon sehr, sehr lange intern geprüft.

Und dazu nun der sich im Vorfeld nicht hat abzeichnende Abgang von Geschäftsführerin Nina Grünberger, immerhin 12 Jahre im Verlag, der in dieser Konstellation eine klare Sprache spricht und als klare Abgrenzung zur robusten Machtübernahme von Ravensburger zu verstehen ist. Erst damit erklärt sich auch die Personalmeldung von Anfang September vollständig, dass Jacqueline Bommer seit Juli schon das Kommunikations- und Marketingteam leitet, was bislang zu Nina Grünbergers Kernaufgaben zählte. Da kann im Hintergrund gar nicht alles reibungslos verlaufen sein im Rahmen der Neubesetzung der Verleger:innenposition.

Jetzt ist NordSüd auf Stromlinienkurs: Die Kosten sind gesenkt, denn nur noch eine Geschäftsführungsstelle ist zu zahlen, und mit der neuen Verlegerin steht eine Vertraute von Anuschka Albertz an der Spitze von NordSüd, das macht die Kommunikation noch einfacher. NordSüd hatte in den vergangenen Jahren mit interessanten Programmen zwischen Anspruch und Verkäuflichkeit einen sehr eigenständigen Weg gefunden. Man darf gespannt sein, was die neue BilderBuchBande davon beibehält.