Die Messe ist gelesen – ein (Kinderbuch-)Buchmessenrückblick
Dem Lesen geht es schlecht, weil die Kinder nicht mehr lesen, das war der Tenor des abschließenden Buchmesserückblicks im heute journal vom 11. Oktober.
„Mit großem Aufwand stemmt sich die deutsche Buchbranche gegen den dramatischen Einbruch bei der Zahl der 10-bis 15-jährigen Leser. Minus 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.“ hieß es als Einstieg in den Beitrag. Das ist leider auf zweierlei Weise irreführend.
Die apokalyptische Zahl stammt aus dem Bericht „Buchmarkt kompakt 2025/2026“ des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und war seit ihrer Veröffentlichung Trigger für die mediale Berichterstattung. Korrekt besagt sie, dass die Zahl der 10- bis 15-jährigen Buchkäufer:innen bundesweit um 30,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen ist. Sie sagt aber nicht aus, dass weniger gelesen wird – die Zahl der Ausleihen in Bibliotheken im Bereich Kinder-und Jugendliteratur ist dem gegenüber leicht angestiegen und auch die Verkäufe auf Second Hand-Portalen wie Medimops ist konstant geblieben. Eher ließe sich fragen, ob die Buchpreise zu hoch sind. Und zu dieser Zahl gehört auch die Information, dass dieses Käufergruppe grundsätzlich eine sehr kleine ist und eher unbedeutend für den Buchmarkt an sich.
Und es ist nicht die deutsche Buchbranche, die sich mit großem Aufwand dagegenstemmt, sondern es sind in allererster Linie die Kinder- und Jugendbuchverlage, die die Ergebnisse derartiger Studien ernst nehmen und nach Lösungsansätzen suchen. In den Büchern, wenn sie Umfänge verringern, den Bildanteil gegenüber dem Textanteil erhöhen, in Sachbüchern eher auf Texthäppchen und lockerer Gestaltung setzen und nach Möglichkeiten suchen, wie sich der Weg von den Erstlesereihen ins Kinderbuch ebnen lässt. und darüber hinaus in digitalen Projekten oder immersiven Erlebniswelten, die Bücher oder zumindest die Figuren aus Büchern erlebbarer werden lassen und über diesen Weg wieder zum Buch führen.
Die „anderen“ Verlage ziehen sich diesen Schuh nicht an, zumindest nicht sichtbar und auch nicht im Rahmen von Diskussionen zu Bildung, Leseförderung usw., die auf der Buchmesse ebenfalls stattfanden. Sie profitieren zwar vom heranwachsenden Lesenachwuchs, aber diese mühsame Aufgabe sollen doch bitte die anderen übernehmen.
Stattdessen würden sie in gleicher Weise davon profitieren, wenn der von der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und 14 Politiker:innen am 6.10.2026 eingebrachte Bundestagsantrag „Buchhandel und Verlage in Deutschland stärken“ angenommen und umgesetzt würde. Konkret geht es um die strukturelle Förderung kleiner und unabhängiger Verlage, die zügige Umsetzung einer von Bundesbildungsministerin Karin Prien angekündigten nationalen Lesestrategie inklusive einer Fortführung und Verstetigung des 2027 auslaufenden Programms Lesestart 1-2-3 (von dem Staatssekretärin Bahr in einer Diskussionsrunde behauptet, die Evaluationen würden zeigen, dass es nicht den erwarteten Erfolg erbrächte – wobei die Evaluationen in Deutschland und der Schweiz sehr wohl Erfolge zeigen) und dem Schutz von Urheber:innen gegenüber generativer KI.
Das ist richtig und gut, nur den Ansatz einer strukturellen Förderung sehe ich dabei eher kritisch. Neben formalen Kriterien, die zu erfüllen sind, ist der inhaltlich bedeutsame der eines „kulturell ausgerichteten Verlagsprogramms“. Das ist schwer zu definieren.
Erinnert sei an „Neustart Kultur“ in der Corona-Zeit, in dessen Rahmen der Börsenverein des Deutschen Buchhandels das Programm „Druck- und Produktionskostenzuschüsse für Verlage“ auflegen konnte. 955 Anträge entsprachen formal den Bedingungen, darunter einige, die dem rechten Rand zugeordnet werden konnten und die ansonsten von pleroma. Zu Genesis und Struktur einer dialektischen Hermeneutik bei Hegel bis zum Camping- und Stellplatzführer Deutschland reichten. Fällt das alles unter kulturell ausgerichtet? Und wer entscheidet das? Und warum sollte es Verlage geben, die nur durch staatliche Subvention existieren können?
Denn müssen wir das Angebot stärken, wenn die Abnehmer:innen schwächeln? Eher nicht. Diese Buchmesse hat gezeigt, dass die Leser:innen im Mittelpunkt stehen, nicht nur an den Besuchertagen. Wenn die mantraartig seit Jahrzehnten geforderten finanziellen Mittel für eine flächendeckende Leseförderung von Klein an endlich verbindlich kämen und eingesetzt würden, könnte vielleicht etwas erreicht werden, wovon dann im nächsten Schritt auch Verlage und Buchhandel profitieren.
Darum ist aus vielerlei Gründen die Spendenbüche der Stiftung Lesen direkt gegenüber dem Thalia-Stand auf der Buchmesse ein Grund zum Kopfschütteln. Ist es schon so weit? Hoffentlich nicht.
