Weg, weg, weg!
Auch wenn der Deutschlandfunk der Krise kleiner, unabhängiger Verlage am 6.2.2026 einen längeren Beitrag widmet (https://www.deutschlandfunkkultur.de/kleine-verlage-in-der-krise-warum-wird-die-luft-knapp-102.html): Dass gerade zwei Kinderbuchverlage ihr Programm einstellen (und sich bei einem die Besitzverhältnisse fundamental geändert haben), kommt darin nicht vor. Ist aber so.
Am 18.12.2025 schon hat Vertriebsleiterin Martina Flessenkemper von minedition „eine Liquidation der deutschsprachigen Destination in einem geordneten Rückzug vom deutschsprachigen Bereich“ zum 30.6.2026 angekündigt. Die Liquidation durch einen Treuhändler erfolgt seit 28.11.2025. Eine Begründung gibt es außer diesen dünnen Worten nicht, aber die Abkehr des chinesischen Investors Thinkingdom Media Group von den einst geäußerten großen Zielen betrifft alle Verlage, zumindest die außerhalb der in den USA unter Astra Publishing House geführten Imprints. Dort lebt mineditionUS als vollständig integrierter Verlag irgendwie weiter, wenngleich die neuesten dort veröffentlichten Bücher aus dem Jahr 2024 stammen. Dieses schleichende Ende hatte sich schon bei der endgültigen Demission von Michael Neugebauer Ende 2023 (https://ralfschweikart.de/ene-mine-muh/) abgezeichnet.
Nicht aus China, sondern aus Ravensburg kommt der neue Hauptanteilseigner beim NordSüd Verlag. Lagen bisher 90 % der Anteile bei den W1-Verlagen in Hamburg, wandern nun 60 % davon an den Ravensburger Verlag. Damit einher geht der übliche blumige Pressesprech von „neuen Handlungsmöglichkeiten und größeren Investitionsvolumen“ auf der Verkäuferseite und der Käufer wolle NordSüd „strategisch noch stärker voranbringen“ (wobei Strategie bei NordSüd eher kein sichtbares Problem darstellt) und der Verlag solle „unbedingt eigenständig weitermachen“, aber man schaue, wo sich Synergien ergeben könnten, was heißt in der Regel Dinge einsparen. Da stehen also erst Mal alle Zeichen auf Zukunft, mit einem finanziell starken Partner an der Seite.
Der leykam Verlag hingegen hat sich entschieden, über 2026 hinaus aus wirtschaftlichen Gründen „keine neuen Buchprojekte im Bereich Publikumsbuch (Literatur, Kinderbuch, populäres Sachbuch) für 2027 abzuschließen“. Damit ist dass auch das Aus des ambitionierten, vielbeachteten und mit Preisen ausgezeichneten Kinderbuchprogramms. Hintergrund ist die mangelnde Bereitschaft des seit 2017 bestehenden Eigentümers, der österreichischen GL-Invest, einer „Investmentgesellschaft, die innovativen Start-ups sowie kleinen und mittleren Unternehmen hilft, ihr Geschäft auszubauen und ihr Potenzial voll auszuschöpfen“ das Buchgeschäft weiterhin auszubauen und das Potenzial voll auszuschöpfen. Als hätte man den Satz von Verleger Klaus Wagenbach nicht vorher kennen können: „Wer mit dem Verlegen Geld verdienen will, sollte sein Geld auf die Bank tragen.“
Offenbar wurde ein Käufer gesucht, der in diesen Verlag mit „Wachstumspotenzial, aufstrebendes junges Team, beachtliches Programm“ investiert. Also genau das, was dem bisherigen Investor ja nicht ausgereicht hat. Denkbar schlechte Verkaufsargumente also, und da wundert nicht, dass sich bis heute kein Käufer gefunden hat.
Und fast vergessen: Auch der 3600-Verlag ist seit 30.4.2025 nicht mehr geschäftsfähig, die Gesellschaft ist mittlerweile aufgelöst und gelöscht. Zwar war zum Start 2017 mit Little Tiger Books ein englischer Verlag mit am Start, wenn auch nicht als Gesellschafter, doch der englische Verlag wiederrum gehörte ab 2019 vollständig zu Penguin Random House, die aber offenbar kein gesteigertes Interesse an dieser deutschen Beteiligung hatten. Einhergehend mit einem großen Programm und kostspieligen Neuausgaben ging dem Verlag die Luft aus.
Was das heißt? Dass neben vielen anderen Punkten von Buchhandelssterben über sinkendes Leseinteresse bis stetig wachsender Kosten die Diskussion um die strukturelle Verlagsförderung wieder in den Vordergrund rückt. Sie stehe ganz oben auf seiner Agenda, sagt der neue Vorstehers des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Sebastian Guggolz. „Mein Ziel ist es, dass es eine nachhaltige Förderung für das unabhängige Segment gibt. Das ist zentral, um die Vielfalt der Branche zu erhalten.“
Bevor da eine Geldgießkanne auftaucht, von der im Moment niemand weiß, wo die versteckt ist, sei nur an die Diskussion um die 94 Millionen Euro erinnert, die im Rahmen von Neustart Kultur in Corona-Zeiten in den Bereich Literatur geflossen sind. Der Aufschrei war groß, als dort seltsame und als extremistische eingestufte Buchprojekte in der Förderliste auftauchten. Die, die sich daran störten, fragten nach einer offenbar ausgebliebenen inhaltlichen Prüfung. Doch die war nicht vorgesehen, dafür hätte es ja eines Prüfungsausschusses und transparenter Kriterien bedurft, erforderlich war aber nur ein vollständig ausgefüllter Projektantrag. Wie soll das im Rahmen einer strukturellen Verlagsförderung aussehen? Wer bekommt, wer nicht?
Bis dahin werden die genannten nicht die letzten Verlage sein, deren Programm vom Markt verschwindet.
