Nicht die Heldsten!
Wie wäre es, wenn die Heldin oder der Held eines Kinderbuches genauso heißt wie du? Und vielleicht sogar so aussieht wie du? Das wäre doch toll! Ein ganz individuelles Kinderbuch, nur für dich, dass es – wie dich – nur einmal gibt auf der Welt?
Diese Idee ist nicht neu. Das unschlagbare Angebot für alle, die ihrem Kind oder Enkel eine besondere Freude machen und auch dementsprechend tief ins Portemonnaie greifen wollen, existiert schon eine ganze Weile. Librio zum Beispiel gibt die Möglichkeiten vor, in einem Papa-Kind-Freundschaftsgeschichtenbuch bei Papa zwischen 6 Haut-, 5 Haarfarben, 13 Frisuren und 10 Bärten bzw. keinem Bart auszuwählen, während für die Frisur des Kindes geschlechterübergreifend nur 11 zur Verfügung stehen. Bestseller ist das Meine Weltreise-Wimmelbuch, in dem die kind- oder enlkelbenamte Held:in bei einer Reise um die Welt auf den Wimmeldoppelseiten versteckt ist und gesucht werden muss. Bei Framily sind ähnliche Personalisierungen sogar mit berühmten Kinderbuchhelden möglich, zum Beispiel als beste Freundin von Bibi und Tina. Oder bei Janoschs Tiger, Bär und Du. Wobei die optischen Individualisierungsmöglichkeiten hier deutlich begrenzter ausfallen und vorrangig der Name angepasst wird.
Noch steigerungsfähig? Na klar: Das Hundebuch bei Hurra Helden. Aus 46 Hunderassen wählt man seinen treuesten Freund aus, und schon startet das Buch wie folgt: „Für meinen besten Hund. Du hast mein Leben mit schlammigen Pfotenabdrücken und mehr Liebe gefüllt, als ich jemals für möglich gehalten hätte. Dieses Buch ist ein kleines Stück von deinem großen, tollpatschigen, wunderbaren Herzen. Du warst immer der beste.“ Klingt wie ein tapsiger Nachruf für den nun ausgestopfen Waldi und ist nicht, wie schriftlich versichert, mit KI gemacht, sondern von „talentierten Hundeliebhabern mit Liebe zum Detail konzipiert, illustriert, geschrieben und gestaltet“ – auch wenn es nicht so klingt.
Blöd nur, dass sich ausgerechnet mit KI und gerade in diesem Bereich ganz neue, einfache Möglichkeiten eröffnen. Denn warum mit der kleinen Auswahl an Maskeraden arbeiten, wenn die KI mit dem Originalbild in null Komma nichts das Gesicht in allen Illustrationsstilen originalgetreu nachbauen kann? Und dann gleich von der ganzen Familie? Wie bei Magisches Kinderbuch. Das beginnt beim Foto: „Gib die Namen und Daten der Charaktere ein und lade ihre Fotos hoch, damit Illustrationen basierend auf euren Fotos erstellt werden.“ Und reicht bis in die Geschichte: „Mit unserer generativen KI, erstellst du eine maßgeschneiderte Geschichte. Wähle die Handlungsstränge und Stiloptionen, die am besten zu den Interessen des Kindes passen.“ Oder Pixastory, die eine thematische Vorauswahl anbieten wie Prinzessin, aber auch Einhörner, Meerjungfrauen und Dinosaurier – was immer auch der kleine Kevin mit den Dinos zu tun haben könnte. Das fertige Buch, 20 x 20 cm groß und mit 42 Seiten Umfang, kostet mal eben schlappe 50,- Euro.
Nach was das klingt? Nach reichlich Papiermüll. Wenngleich der Anbieter Wonderbly keine Mühen gescheut und die „7 magischen Vorteil personalisierter Bücher“ aufgelistet hat und dabei sogar wissenschaftlichen Studien heranzieht. „Eine Studie des britischen National Literacy Trust (NLT) zeigt, dass es eine starke Wirkung auf Kinder ausübt, wenn sie sich selbst in einem Buch sehen.“ Zahlen und Fakten zu dieser Aussage? Klar, gibt es. „Kinder, die mit personalisierten Büchern aufwachsen, sind mit 14 Jahren ihren Altersgenossen bei der Lesekompetenz um bis zu drei Jahre voraus. Ja, du hast richtig gehört: drei Jahre. Nicht schlecht oder?“ Potzblitz. Das macht allein die Personalisierung, egal wie grottig die Geschichte ist?
Liest man in der Studie der NLT nach, dann herrscht dort der Konjunktiv vor. Kann, ist möglich, könnte. Denn förderlich ist vor allem die Beschäftigung mit Büchern allgemein. Und eine höhere Lesekompetenz haben 14jährige, wenn sie mit Büchern aufwachsen, ganz gleich, ob die nun personalisiert sind oder nicht. Nur so ein Gedanke: Wird Empathie nicht gerade dann geschult, wenn ich nicht mich selbst sehe, sondern über die gut erzählte und illustrierte Geschichte mit einer mir zuerst fremden Person mitfühle und mitleide?
Die sozialen Medien jedenfalls sind voll mit Angeboten für personalisierte Bücher, nicht nur für Kinder: Nach dem KI-Slop folgt nun der KI-Personalize-Slop.
