Verbieten, verbieten, verbieten!

Ist der letzte Shitstorm verklungen, kommt mit Sicherheit von irgendwo der nächste her. Objekt der Aufregung diesmal: Das Aufklärungsbüchlein Jetzt mal ehrlich?! Meine Gefühle, mein Körper, meine Regeln, geschrieben von Carsten Müller, Sexualtherapeut- und -pädagoge, und Steffi Bohle, Expertin für sexualisierte Gewalt und Fachkraft für Prävention, illustriert von Emily Claire Völker, erschienen Ende Januar 2026 bei EMF, der Edition Michael Fischer, für Kinder ab 5 Jahren.

Ziel des Buches ist Aufklärung und Prävention von sexuellem Missbrauch, also Empowerment von Kindern, Grenzen gegenüber dem Verhalten von Erwachsenen und anderen Kindern zu ziehen. So weit so gut und ehrenhaft. Dazu wird erklärt und in dezenten Illustrationen auch gezeigt, dass Erwachsene Sex haben, aus dem manchmal ein Kind hervorgeht. Und Sex haben, das können ältere und jüngere Menschen jedweder Hautfarbe und sogar Menschen im Rollstuhl.

Wenn derartige Bücher nur nicht immer wieder in die Hände von Menschen geraten, die offenbar nichts damit anfangen können, sondern immer und überall die verrohende Frühsexualisierung von unschuldigen Kindern erkennen. Schlimmer noch. Deren erster Impuls es ist, sofort öffentlich derartige Bücher an den Pranger zu stellen und ein Verbot zu fordern, damit sie nicht in die falschen Hände gelangen.

Mit dem reißerischen Aufmacher „Dieses Buch ist von Instagram entfernt worden“ warnt Jasmin Friesen, die aus dem evangelikalen Umfeld stammt, auf ihrem Instagram-Kanal „liebezurbibel“ ihre 95.100 Follower vor Jetzt mal ehrlich?!. Denn der ursprüngliche Post mit Darstellungen aus dem Buch ist tatsächlich von Instagram gelöscht worden. Von Jasmin Friesen keine Kritik an Instagram, dessen Algorithmus sehr streng gegen jede vermutete Form von unangemessener Nacktheit vorgeht, sondern nur der offenkundige Beweis, dass die Bilder nicht angemessen sind.

Ihr Beitrag sammelte bis jetzt 115 Kommentare. Kommentare wie „Ich finde, das Buch gehört verboten“. Die Logik „Wenn Instagram das Buch sperrt, dann muss es aus dem Buchhandel verschwinden!!!“ ist im Buchhandel noch nicht angekommen, aber bis dahin wirkt ja auch: „Einfach eine Rezension auf Amazon schreiben! Wenn viele das Buch schlecht bewerten, dann kaufen es auch weniger…“, ergänzt durch den Hinweis: „Eine Rezension kann auch geschrieben werden, ohne dass das Buch gekauft wurde.“

Die Folge derartiger Social Media-Aufregung führt dazu, dass die Kundenrezensionen bei amazon sofort mit negativen Inhalten geflutet werden. 182 aktuelle Bewertungen (Stand 30.3.2026) wären neutral betrachtet der Hinweis auf einen ziemlichen Verkaufserfolg, aber es ist davon auszugehen, dass nur ein Bruchteil auf echten Käufen basiert. 26 Prozent der Bewertungen entfallen auf 1 Stern, weil es 0 nicht gibt, dazu wird krakeelend das Buch niedergeschrieben, von „das keine Gruppenvergew. im Buch abgebildet ist wundert mich“ über „Widerlich und anmaßend!!“ und „Kinder müssen beschützt werden vor solchen Bildern und zwar solange es geht.“ bis „Pädagogischer Sondermüll“.

Die Lösung wäre so naheliegend. Einfach die Bücher nicht kaufen und nicht lesen, die nicht ins Weltbild passen. Für die eigenen Überzeugungen einzustehen, ist nichts Falsches. Das endet aber dann, wenn daraus eine absolute Verbotsaufforderung wird. Dagegen braucht es die starken Stimmen für die Meinungsfreiheit, die von vielen Seiten in Frage gestellt wird, auch von religiösen Eiferern. Und es braucht die Resilienz bei Autor:innen und Verlagen, sich dem entgegenzustellen und diese Anfeindungen auszuhalten.