Wörterkrätze

Einer der weltweit erfolgreichsten Bilderbuchautoren ist der Amerikaner Kobi Yamada. Getreu dem Motto: Kennst du eines, kennst du alle, folgen seine Bücher seinem selbstformulierten Anspruch: „Mut machende Kinderlektüre„. Oder anders gesagt: Selbstbestätigungsbücher. Mal in direkter Ansprache, mal über eine diese Ansprache überziehende dünne Geschichte.

Während die einen darin niederschwellige Philosophie ganz im Stile des Kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupery sehen, sehen andere darin nicht mehr als aufgewärmte Kalendersprüche, die vermeintliches „Empowerment“ verbreiten. Es kann ja kaum was falsches dran sein, wenn man wie zuletzt Kindern weißmachen will: Sei dir und anderen ein Freund mitsamt Untertitel: Wie du Momenten mehr Bedeutung verleihst. Und in seinem zweiten, 2025 erschienenen Buch Behüten heißt es am Ende, nach der Begegnung des jungen Ich-Erzählers mit einer alten Frau im Wald als erzählerischer Rahmen: „Sie hat mir gezeigt, dass in jedem Augenblick die Chance liegt, die Zukunft zu gestalten. Denn wenn wir es wagen, sie uns heller vorzustellen, helfen wir bereits, sie zu erschaffen.“ Das ist nichts anderes als bedeutungssuggerierender Kitsch, Wörter‘s Original in zuckersüß, eine rosarote bessere Welt, die in jedem schlummert, wenn er denn nur Yamadas Botschaften zu Herzen nimmt. Allein sein Bestseller Vielleicht, Untertitel: Eine Geschichte über die unendlich vielen Begabungen in uns aus dem Jahr 2019 hat sich bis heute über 700.000 mal verkauft, allein in Deutschland.

Kein Wunder, dass in anderen Verlagen fieberhaft nach Rezepten gesucht wurde und wird, um sich ein Stück Yamada-Kuchen zu sichern. Als Einzeltitel im Gabriel Verlag zum Beispiel Du von Andreas Langenbacher und Marieke ten Berge und, so titel-ähnlich, Einfach nur du des amerikanischen Autors und Illustrators Zach Manbeck bei Knesebeck. Sie alle verpacken watteweich die immergleiche Botschaft: Kinder sind einzigartig und etwas Besonderes. Und hier ist mein Feel-Good-Buch, um es ihnen einzuimpfen.

Arena geht jetzt noch ein Stück weiter. Aus „Die Bücherschätze von Kobi Yamada“, wie es in einem Werbebanner des Yamada-Verlages Adrian heißt, werden jetzt dreist die „Wörterschätze“ bei Arena. Und nicht Kobi, sondern Romy macht gleich eine ganze Reihe draus – Romy Pohl, Gründerin der Wortschätze und viele Jahre lang Kreativdirektorin bei ArsEdition. Die Bücher wollen „die Stärkung der Bindung zwischen Eltern und Kindern in Form von emotionalen Bilderbüchern, die Urvertrauen, Selbstwertgefühl und Empathie fördern„, sagt der Verlag in seiner Pressemitteilung. Die ersten drei Titel folgen nun genau dem Yamada-Prinzip: Das Bilderbuch trägt den Titel Hab ich dir heute schon gesagt? und ist laut Webseite des Verlages „Ein besonderes Bilderbuch von 4 bis 99 Jahren über die Macht bedingungsloser Liebe. Kinder stark machen durch den Glauben an sich selbst. Selbstvertrauen fördern. Ideales Geschenk. Geborgenheit.“ Steht so da, ich kann nichts dafür, dass der Satzbau bei soviel Emotion ins Stottern gerät.

Als Pappbilderbücher kommen das „Mitsprechbuch zur Stärkung des Selbstvertrauens“ mit dem Titel Hab ich dir heute schon gesagt? Du bist gut – Genau so wie du bist! und das zur „Manifestierung bedingungsloser Liebe“ „mit dem Titel Hab ich dir heute schon gesagt? Ich hab dich lieb – Egal, was auch passiert! Denn wenn man diese Glückskeks-Botschaften mitspricht, dann bestärken sie das adressierte Kind. So soll es zumindest sein.

Wieviel Mee-Too in solchen Projekten steckt, zeigt sich in den allerdreistesten Kopien. Ein sogenannter Verlag wie der Reichenbacher Verlag aus der Schweiz hat ein Denn du bist etwas ganz Besonderes! 26 magische Mitmach-Geschichten für Kinder, 368 Seiten dick, für 28,99 Euro im Programm. Autor:in? Fehlanzeige. Illustrator:in? Fehlanzeige. KI-Verdacht? Groß. Texte? Klingen wie mit Yamada gefüttert. Und dann wird aus all diesen austauchbaren Wortschätzen nur noch eines: Wortkrätze.