Wer lässt sich da wohl einen Bären aufstecken?

Erinnert sich noch einer an LeYo? Das war die Idee von Carlsen, Augmented Reality am Handy und gedruckte Kinderbücher zusammenzubringen. Oder Superbuch fürs Bilderbuch. Gleiche Idee, gleichsam verschwunden. Gehalten und zu echten Umsatzbringern entwickelt haben sich dagegen digitale auditive Hilfsmittel wie die Lesestifte TipToi und BOOKii. Auch megaerfolgreich sind die Soundboxen wie die von Tonie oder die Tigerbox, die ohne Buch, aber als kindgerechte Hörbuchbibliothek funktionieren (andere und unbekanntere Alternativen wie Jooki, das eine Spotify-Integration besitzt, oder das aus Holz gefräste Kofferradio wie Hörbert – Haha! – mal außen vorgelassen).

Im September startet Ravensburger etwas Neues. SAMi heißt das, oder besser gesagt er. Denn SAMi ist der Lesebär. Was er ist und wie er funktioniert? SAMi ist ein Eisbär auf einer kleinen Scholle. Ihm ist natürlich kalt, deshalb trägt er eine gelbe Mütze ­– vielleicht arbeitet er ja in den Vorlesepausen als DHL-Kurier – und einen dunklen Schal und hat eine Tasse zwischen seinen Tatzen. Ob das Gelbe an seinen Hintertatzen Gummistiefel sind oder Strümpfe, ist nicht ganz eindeutig, aber auch nicht wichtig. Sieht auch so aus, als hätte er Knieprobleme, mit dem seltsam angewinkelten Bein. Vielleicht ist es auch eingeschlafen, wer weiß. Seine Scholle wird oben auf die letzte Umschlagseite der speziellen SAMi-Bücher gesteckt, und über Marker auf den Buchseiten oder eine ähnliche Technologie erkennt SAMi, auf welche Seite er gerade schauen würde im Buch, wenn er  denn sehen könnte. Dann liest er den Text, der auf der Seite steht, aus seiner vorher geladenen und gespeicherten Datei vor. Es passen ungefähr 200 Texte in SAMis Langzeitdateien-Gedächtnis. Wird umgeblättert, liest SAMi die nächste Seite. Geladen werden Inhalte und der Akku über USB-Kabel. Und wenn das laute Vorgelese die Eltern nervt, gibt es auch einen Kopfhöreranschluss. Geeignet ist das Tierchen für Kinder ab 3 Jahren.

Die vermögenderen unter den 32 Prozent der Eltern in Deutschland, die ihren Kindern selten oder nie vorlesen, dürfen also wieder ihre Kreditkarte zücken. Nach den 74,99 € für die Tonie-Box und den TipToi-Stift für 32,99 € (ohne Buch) wartet jetzt der Eisbär für 69,99 € auf sie – mit einem Buch. Ein gutes Geschäft, aber es müssen ja auch Influencer Marketing, die Kooperation mit Toggo und die Displays für den Point of Sales, vor allem aber der SAMi-Song gegenfinanziert werden. Denn „Ich bin SAMi, SAMi dein Lesebär. Rate mal wo kommt das nächste Abenteuer her? Lassen wir es krachen, machen ganz verrückte Sachen, egal was wir heut lesen, es wird spannend und wir lachen.“ Und wenn es nur das Lachen des CFO von Ravensburger ist, wenn sich der Eisbär gut verkauft und damit das AG-Ergebnis verbessert.

Den mühsamen Kampf um die noch vorlesenden Eltern, Großeltern, Geschwister stützt das natürlich nicht, sondern das ist absolute Vorlese-Convenience. Auch wenn Ravensburger das nur als nützliche Alternative für die Zeiten sieht, wenn die anderen zum Vorlesen mal nicht greifbar sind. Es steht ja nicht zu erwarten, dass die nächste Vorlese-Studie nachweist, wie sehr unzählige Eltern ermattet durch tagelanges Vorlesen in Lockdown-Zeiten nach Entlastung suchen und endlich bei Eisbär & Co. für temporären Einsatz fündig werden. Aber gut, es ist ein neues Produkt, und bei Hot oder Schrott: Die Allestester auf VOX wird sich SAMi wohl beweisen müssen, ob er was drauf hat. Erfolgschancen? Bei Eltern, die den einfachen Schluß ziehen: Je teurer, desto besser für mein Kind, garantiert. Er ist ja auch einfach süüüüüüüüß.

 

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