Wer den Roald nicht ehrt ist den Dahl nicht wert

Es ist nicht unüblich im Verlagsgeschäft: Erben eines Autor:innenwerks, deren berufliche Qualifikation in der Regel nichts mit der Profession des beerbten Eltern-/Verwandtschaftsteils zu tun hat, freuen sich über einen steten Geldfluss aus verkauften Büchern. Nun gilt deren hauptsächliches Bestreben, ungeachtet jedweder Gesetze des Marktes und des Vergessenwerdens, diesen Geldfluss so breit wie möglich zu halten. Und während sich Autor:in und Hausverlag darüber noch gerne austauschten, tauschen die Erben stattdessen eher aus: Den Verlag.

Nun auch bei Roald Dahl. Dessen Werk für Kinder und Erwachsene seit Jahr und Tag bei Rowohlt verlegt wurde (ja, ich bin etwas parteiisch, weil ich drei Jahre lang bei Rowohlt gearbeitet habe). Und 2016, zu seinem 100sten Geburtstag, letztmals in neuer Ausstattung erschienen ist: „Die Bücher machen Lust aufs Lesen, zumal alle Manuskripte von ausgezeichneten Übersetzern ins Deutsche übertragen wurden wie Inge M. Artl oder Sybil Gräfin Schönfeldt. Die Illustrationen stammen aus der Feder von Sir Quentin Saxby Blake. Sie sind echte Klassiker, haben aber nichts vom Charme und Humor des britischen Cartoonisten und Kinderbuchautors verloren. Durch Ihre Ausstattung sind die Bücher auch das Richtige für Bibliophile. Mit Hardcover, Halbleinen, Vor- und Nachsatz, Kapitalband, rundem Rücken und schönem Papier fassen sie sich einfach gut an.“ schwärmt Gernot Körner in der Literaturgarage. Das reicht den Erben aber nicht.

Nachlassverwalterin ist Dahls Witwe Felicity. Mit dabei ist auch die Enkelin von Roald Dahl, Sophie Dahl, und die gehört auch zu keinem verarmten Familienzweig. Verheiratet mit dem Musiker Jamie Cullum und Model unter anderem für Yves Saint Laurent hat sie eine eigene Karriere auch als Autorin und TV-Star hingelegt. Was sie aber nicht davon abhält, für die Erhaltung des Arbeitsplatzes ihres Großvaters Roald, einem ziemlich unscheinbaren Gartenschuppen, den stolzen Betrag von 500.000 Pfund sammeln zu wollen. Ist ja logisch: Der stete Geldfluss soll nicht durch unvorhergesehene Ausgaben ins Stocken geraten. „Eine absurd reiche Familie, die um Geld für seinen Nachlass bettelt – das klingt wie eine verschollene Geschichte Dahls, witzelte damals der Schauspieler Nicholas Pegg. Das wiegen auch die 10 Prozent der Einnahmen nicht auf, die für wohltätige Zwecke gespendet werden.

Anfang des Jahres also die Ankündigung, dass das Werk von Roald Dahl den Verlag wechselt, von Rowohlt zu Random House. Und der Preis ist bestimmt heiß. Denn erst 2021 hat Netflix die Roald Dahl Story Company und damit alle Film-, Fernseh- und Aufführungsrechte weltweit gekauft, für kolportierte 500 Millionen Pfund. Eine Serie zu Charlie und die Schokoladenfabrik und eine Adaption des Musicals von Matilda sind schon in der Mache.

Entsprechend hoch wird die Ablösesumme für die Buchrechte gewesen sein. Es ist wie bei Profi-Fußballern: Der Vertrag läuft aus, der Spieler kommt auf dem Markt. Entweder er unterschreibt einen neuen Vertrag beim alten Verein/Verlag, und es fließt reichlich Handgeld für die Unterschrift, oder ein anderer Verein/Verlag kommt mit einem besseren Vertrag um die Ecke und einer satten Unterschriftsprämie. Gerne mal als einsame Entscheidung der Verlagsspitze getroffen, und die überrumpelten Trainer/Lektorate müssen dann sehen, wie sie, nach dem Moment des in die Ecke Kotzens, das Gesamtpaket irgendwie erfolgreich machen. Oder jedenfalls so, dass es sich halbwegs rechnet. Was meist aussichtslos ist.

Denn diese Erben-Pakete aufzukaufen ist wie eine Wohnungsentrümpelung: Für die drei lohnenden Stücke muss man auch noch den unverkäuflichen Klumpatsch mitnehmen. Oder braucht jemand wirklich noch oder wieder Der Pastor von Nibbleswick? oder Die Giraffe, der Peli und ich? Und vielleicht liegt in diesem leisen Zweifel, ob Roald Dahl heute wirklich noch der attraktive Autor ist, auch die Entscheidung begründet, sein Werk von Sabine Ludwig und Andreas Steinhöfel neu übersetzen zu lassen. Denn betriebswirtschaflich wäre es allemal günstiger gewesen, die Nutzungsrechte der vorhandenen Übersetzungen einzuholen denn Neuübersetzungen zu beauftragen. So aber lässt mit diesen beiden Namen, bekannt als Autor:innen und Übersetzer:innen gleichermaßen, trefflich werben.

Was mich daran stört? Dass hier viel Geld gebunden wird, das für andere Bücher/Autor:innen/Übersetzer:innen/Illlustrator:innen nicht mehr zur Verfügung steht. Was hier verbrannt wird, ist andernorts nicht mehr da. Und das ist schade für aufregende neue Dinge und den Roald Dahl von morgen. Den es zu entdecken gilt anstatt am alten herumzupolieren.

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