So nun auch wieder nicht

Kaum ein Autor ist mit seinen Bilderbüchern momentan erfolgreicher als Kobi Yamada. Nicht so sehr, weil er großartige Geschichten schreibt. Im Grunde genommen schreibt er gar keine Geschichten, sondern reiht bedeutungsschwangere Erbauungsphrasen aneinander. Das ist genau das, was Eltern im Sinne der Reckwitz’schen Gesellschaft der Singularitäten gerne hören wollen. Das ihr Gör etwas ganz Besonderes ist. Es alle seine Träume verwirklichen kann, wenn es nur will. Ihm später mal die Welt gehört. Denn: „In dir steckt so viel.“ raunt Yamada. Weil: „Du trägst schon alles in dir, um bedeutsame Dinge zu tun.“ (aus Vielleicht) Na klar!

Nun aber Friederike Dammermann. Sie ist Illustratorin und Autorin und ihr aktuelles Bilderbuch im Peter Hammer Verlag heißt Nicht ohne meine Ente. Sie ist gefühlt die Anti-Yamada. Die erklärt sinngemäß: „Selbst wenn du was könntest, lass es lieber sein.“ Und ihre Geschichte geht wie folgt: Giraffe und Ente sitzen in der heimischen Badewanne und singen. Aber die Giraffe weiß: „Wir haben das Zeug dazu, berühmt zu werden.“ Na klar, sie hat wohl das ein oder andere Yamada-Bilderbuch genauer gelesen. Und sie könnten Stars werden am Mikro und auf der großen Bühne der Stadt. Also machen sie sich auf den Weg, treten erst auf der Straße auf, dann in der Tiger-Bar – „Sie sind der Knüller des Abends“ – schließlich im Fernsehen. „Das Publikum johlt und kreischt. Es ist völlig aus dem Häuschen. Alle sind begeistert.“ Wow, eine echte Yamada-Erfolgsgeschichte! Aber nein, nicht in diesem Fall. Denn schon taucht als Dieter-Bohlen-Bösewicht Mister Maus auf. Der Giraffe und Ente mal erklärt, wie man RICHTIG erfolgreich wird. In bunter Hose, Tutu und High Heels. Und am besten nur Giraffe allein, ohne die kleine quakige Ente. Aber Giraffe sagt laut und deutlich nein, nicht mit mir. Schmeißt Mister Maus raus. Stattdessen managt sie sie alleine, kehrt mit Ente auf die Fernsehbühne zurück und sie starten als Duo „Modern Quaking“ durch und werden weltberühmt. Äh, nein, der letzte Satz ist komplett gelogen. Denn die Geschichte endet ganz anders. „Beide wissen genau, was jetzt zu tun ist.“ Giraffe und Ente verlassen die Stadt und kehren in die heimische Badewanne zurück. Aus.

Klar, die Freundschaftsgeschichte darin haben wir verstanden. Man lässt den kleinen Kumpel nicht zurück, um den fadenscheinigen Versprechungen eines schmierigen Managers zu folgen. Aber diese platte Konsumkritik, diese Ablehnung einer  Erfolgsgeschichte ist das Nervende daran, weil sie in eine grundlose Abkehr vom Wunsch „berühmt zu werden“ mündet. Wäre Mister Maus aufgetaucht, als Giraffe und Ende noch auf der Straße gespielt hätten, die Geschichte wäre als platte Kritik an raffgierigen Managern durchgegangen, die für den Erfolg die Individualität und Persönlichkeit ihrer Klienten opfern. Aber so? Waren Giraffe und Ente ja schon erfolgreich vor begeistertem Publikum, siehe Zitat. Und plötzlich bekommt die Geschichte eine neue Wendung.

Gefühlt wird hier ein kulturreaktionärer Ansatz durchgespielt, der sich gegen jede Form des kommerziellen Zur-Schau-Stellens wendet und dazu noch medialen Erfolg als Kommerzkacke verdammt. Die Lösung für Giraffe und Ente ist die Flucht ins Private, in ihr persönliches „Lied des Jahres“ aus der Wanne. Langweilig.

Man muss TikTok, Instagram und YouTube nicht mögen. Auch nicht, dass junge Menschen Influencer oder Creator als Beruf ansehen und darüber erfolgreich sein wollen. Und manche es auch sind. Nicht ohne meine Ente ist mit seiner Botschaft irgendwo weit vor der Realität stehengeblieben. Einer Realität, in der Sänger wie Wincent Weiss und Max Giesinger große Hallen füllen. Und gut davon und damit leben.

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