Sie sind festgenommen!

Herrlich, es geht schon wieder weiter! Wohlmeinende Weltverbesserer mit selbsternannter journalistischer Deutungshoheit sagen der deutschsprachigen Kinderliteratur, was sie zu tun und zu lassen hat. Das funktioniert immer nach dem gleichen Muster: Aus meiner eigenen Lebenswirklichkeit heraus betrachtet fehlt etwas Fundamentales, was zwingend in Kinderbüchern abgehandelt werden muss. Skandal! Ergänzt von mir gerne mit dem Verweis, dass es das andernorts auf der Welt schon irgendwie gibt. Und daruntergelegt ein Subtext, der sämtlichen Kinderbuchmacher*innen hierzulande Schnarchigkeit, Gestrigkeit und bewusstes Ausblenden der Wirklichkeit unterstellt.

Neuestes Versäumnis: Die Polizei. Dargestellt nicht als klischeehafte Freunde und Helfer und „Igelretter“, sondern wie sie wirklich ist. Nämlich als „Knüppelgarde“, von rechtsradikalem Gedankengut unterwandert, rassistisch. Oder wie von Daniel Gerhard in der ZEIT vom 3.1.2021 etwas ZEIT-gemäßer formuliert: „Kindergerechte Erklärungen zur exponierten Position der Polizei, zu ihrer Fehlbarkeit und der Angst vor polizeilicher Willkür und Gewalt, mit der vor allem nicht-weiße Kinder aufwachsen, fanden lange Zeit gar nicht statt.“ Nachdem vorher genüßlich Beispiele wie ein Band aus der bei Magellan erschienenen Serie Die Haferhorde mit dem Titel Eins, zwei, Ponyzei von Suza Kolb und Nina Dulleck und die Ravensburger-Sachbücher Alles über die Polizei (empfohlenes Lesealter 4 – 7 Jahre)  und Die Polizei – Wieso, weshalb, warum? (empfohlenes Lesealter 2 – 4 Jahre) aufgezählt wurden, schließt sich nahtlos an, dass drei Psychologinnen aus Atlanta diesen Zustand nicht mehr tragbar fanden. Also den in den USA. Und ein Buch dazu geschrieben haben.

„Die deutsche Situation unterscheidet sich nun natürlich deutlich von jener in den USA“ heißt es weiter. Macht aber nix. Könnte man trotzdem so übernehmen, im Kinderbuch, findet Daniel Gerhard. Denn weiter schlussfolgert er messerscharf, „Die Gegenwart gehört hierzulande aber weiterhin scheinbar neutralen Erklärbüchern und den Abenteuern der Ponyzei. Dieses Bild zu differenzieren, müsste auch in Kinderbüchern möglich sein.“ Nun ja, ist es doch. Mal sind es Ponys mit Polizeimützen, mal uniformierte Menschen mit allerlei Gerätschaften am Körper und in der Garage. Mal heißen sie Dimpfelmoser. Das ist differenziert.

„Auch gibt es keine aktuellen Veröffentlichungen, die Polizeiarbeit aus der Alltagswirklichkeit von Kindern in Deutschland kritisch thematisieren.“ Was genau aber versteht Daniel Gerhard unter Alltagswirklichkeit von Kindern im Zusammenhang mit Polizeiarbeit? Diese nicht ganz unwichtige Antwort bleibt er schuldig. Denn die ersten Erfahrungen mit Polizisten machen Kinder in der Regel im Grundschulalter, bei der Fahrradprüfung. Aber was gibt es da bei der Rechts-vor-Links-Regel – haha! – und Fahradklingeln kritisch zu thematisieren? Denn dass vor dem Grundschultor von SEKs gemäß eines angewandten Racial Profiling willkürlich Schulranzen durchsucht werden, ist mir unbekannt.

Ach egal, steile Thesen reichen, um nervös-aufgebrachtes Kommentieren (nach fast 24 Stunden 325 Kommentare, alle Achtung) zu entfachen. Und ein Kommentar gibt schon den Ausblick auf die Lücken vor, derer sich die Kinderbuchwelt in Zukunft noch annehmen muss. „… tötende Pfleger, vergewaltigende Pfarrer, lügende Politiker, verirrte Forscher usw. Und vergessen wir nicht, auch Journalisten sagen/schreiben nicht immer die Wahrheit, siehe Fall Relotius.“ Da muss man schnellstmöglich reagieren – vielleicht mit:

Uwe Mark Klingeling: Der Tag, an dem ich Oma eine Überdosis verabreichte

Band 1 von Die Soutanenhorde: Her mit den kleinen Ministranten!

Eva Hermans Erstlesebuch Angela, Helmuts Reptiloiden-Mädchen

Karl-Theodor zu Guttenberg: Die Grundschultechnik wissenschaftlichen Arbeitens

Claas Relotius: 1000 Places to google before you write

Feuer frei! von Grisu, dem kleinen Drachen

Und natürlich die neuen Sachbücher bei Ravensburger, Wirklich alles über die Polizei und Die Polizei – Wieso? Weshalb? Weg damit?, geschrieben selbstverständlich nur noch von Hengameh Yaghoobifarah. Ham wir’s jetzt?

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