Kinderbuchpolitik

Selten besitzen Kinderbücher politisches Erregungspotential. Manchmal doch. 1988 versetzte der Deutsche Jugendliteraturpreis für Gudrun Pausewangs Die Wolke die Atomlobby der CDU/CSU in Aufruhr und sorgte für eine hitzige öffentliche Debatte. Schon 1974 erschien der Aufklärungsbildband Zeig mal von Will McBride, der in den 1990er Jahren mehrfach Indizierungsanträge über sich ergehen lassen musste. Genervt auch vom Vorwurf der Kinderpornografie ließ Will McBride das Werk schließlich vom Markt nehmen. Oder Alles lecker von Anke Kuhl und Alexandra Maxeiner, erschienen 2012 bei Klett Kinderbuch. Aufgebrachte Schweinezüchter und der Bauernverband Schleswig-Holstein entfachten einen Shitstorm wegen einer in ihren Augen tendenziösen Darstellung der konventionellen Schweinehaltung gegenüber der romantisierten in Bio-Betrieben.

Andernorts geht Aufregung einfacher. Man nehme bekannte Volksmärchen, drehe sie durch den LGBT-Fleischwolf, heraus kommen z.B. schwule Prinzen, Transgender-Drachentöter, Hänsel und Gretel aus der Perspektive der Hexe. Erschienen ist Märchenland für alle im kleinen Verlag des ungarischen Lesbenverbandes Labrisz, und schwupps, fertig ist der Skandal. Es ist, als hätte der Verband einen swimmingpool-großen Fettnapf aufgestellt, extra für die rechten Parteien des ungarischen Parlaments. Mit beiden Beinen voran und als erste hineingesprungen ist die Abgeordnete Dora Duro, die vor laufenden Kameras wegen „Homo-Propaganda“ Seiten aus dem Buch riss und durch einen Aktenvernichter jagte. Und Ministerpräsident Victor Orban faselte dazu etwas von roter Linie – im Buch, nicht das Verhalten der Parlamentarierin – und forderte: „Lasst unsere Kinder in Ruhe!“

Das mag einen nicht wundern und passt in rechtskonservative Strömungen wie in Polen oder den USA eines Donald Trump, wo gezielt Einfluss genommen wird auf Inhalte in Kinder- und Schulbüchern. Aber es sind zwei weitere Erscheinungen, die es zu benennen gilt:

Einerseits die knapp 200 Kommentare in der Kronen-Zeitung, quasi der Bild-Zeitung Österreichs, die das als sachliche Meldung brachte. Anderseits die verquere Übergriffigkeit gegenüber Literatur.

Zu den Kommentaren: „Man sollte auch immer vor Augen haben, dass es um Störungen der Sexualpräferenzen bzw. der Geschlechtsidentät handelt“ schreibt MALNACHGEDACHT, ohne seinem Namen wirklich gerecht zu werden. So geht das in einem fort: „Dieser Gender-Wahn wird im Rückblick einmal eine besonders peinlicher Abschnitt der menschlichen Sozialgeschichte sein.“ (Liberalist 77), „Struwelpeter, HatschiBratischi Luftballon, usw. dürfen Kinder nicht unzensuriert lesen, aber von Schwulen und Lesben und sonstigen Dingen dürfen sie schon lesen?“ (MaBru), „Kinder für die eigenen Zwecke zu missbrauchen ist unterstes Niveau!“ (Eraser). Es liest sich, als hätte die FPÖ die Kommentarspalte gekapert. auf dem Rechtschreibniveau einer Klippschule.

Und ein weiterer Kommentar führt direkt zum zweiten Aspekt: „Sie sagen sie wollen Vielfalt fördern, wollen aber der Mehrheit ihre Meinung aufzwingen.“ (Coccodrillo) Eine Aussage, die den Umgang des öffentlichen Ungarns mit dem Buch umschreibt. Ein Umgang, der zur Folge hat, dass Buchhändler*innen bedroht werden und verbalen Angriffen ausgesetzt sind. Dass eine Online-Petition angestoßen wurde, die das Buch aus den Buchhandelsregalen verbannen soll. Dass Politiker verbieten, das Buch in Kindergärten einzusetzen.

Da hört jede Form der sachlichen Kritik auf. Es geht nicht mehr um Pluralität, sondern darum, wie eine sich selbst als schweigende Mehrheit bezeichnende Minderheit anderslautende Meinungen anderer Minderheiten verbieten will. Sich eine unerschütterliche Deutungshoheit zuschreiben. Um das einmal klarzustellen: Das bunte Märchenbuch zwingt nicht. Zu nichts. Zwingt niemanden der Kommentarschreiber*innen, das Buch zu lesen, zu kaufen, seinen Kindern in die Hand zu drücken. Das Buch ist ein Angebot. Ich muss es nicht annehmen. Aber ich kann. Es geht um die Freiheit des Wortes, der Kunst und um gesellschaftliche Toleranz. Die verquere Denkweise dieser Menschen mit Kommentarzwang ist das genaue Gegenteil davon. Schluss damit, diese Kleingeisterei nervt. Nicht nur in Ungarn, sondern auch hierzulande.

Ach ja, die Ironie der Geschichte: Das Buch ist gerade vergriffen und geht in die nächste Auflage, bei mittlerweile 80.000 verkauften Büchern. In Ungarn ein echter Bestseller.

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