Kinderbuch aufräumen

Die anonyme Buchhändler*innen-Selbsthilfegruppe „Kinderbücher aufräumen“ trifft sich zu ihrer wöchentlichen Sitzung. Im Kreis sitzen, in vorschriftsmäßigem 1,50 m Abstand, A, B und C. A trägt einen Mund-Nasen-Schutz mit einem Pippi-Langstrumpf-Motiv, B mit Bob dem Baumeister und C mit Grisu. B’s Räuspern klingt gedämpft durch die Maske.

B: Schön, dass ihr trotz allem gekommen seid.
A: Gibt ja auch Erfolgsmeldungen.
C: In der Tat. Aber der Kampf ist noch nicht vorüber.
B: Genau. Wobei, in der letzten Zeit … Egal, schauen wir uns die letzten Ereignisse an und dann planen wir unsere weiteren Aktionen.
C: Wir reiten auf einer Erfolgswelle, jawoll!
B: So. Was haben wir alles erreicht?
A: Naja, nicht so viel bei Michael Ende und Jim Knopf.
B: Wieso?
A: Die weigern sich einfach, das N-Wort zu ersetzen. Das bleibt.
C: Was? Das ist noch drin? Heute noch?
A: Und soll auch drin bleiben. Sagt der Verlag. Mitsamt den klischeehaften Illustrationen.
C: Geht gar nicht. Das fliegt raus, hochkant.
A: Wobei, der zweite Film ja jetzt anläuft.
C: Mist.
B: Tja, schwierige Situation. Vertagen wir am besten. Sonst noch was?
A: Aktuell nicht.
B: So, kommen wir zu unseren nächsten Aufgaben. A, was steht an?
A. Ha! Die haben es wieder getan! 2013 haben wir Carlsen doch schon erwischt. Conni kriegte zu ihrem 15ten Geburtstag einen Amazon-Gutschein! Aber die Autorin Dagmar Hoßfeld hat das schnell geändert, in einen unverfänglichen Geschenkgutschein.
C: Ja, geht’s noch?
B: Und jetzt?
A: Juli Zeh! Die ist an der Reihe. Dabei hätten wir das zu Weihnachten so gut verkaufen können, Alle Jahre wieder, also Juli im Dezember quasi.
C: Wie, jedes Jahr?
A: Nein, so heißt das Buch. Alle Jahre wieder. Genau wie Carlsen, alle Jahre wieder. Das  steckt voller Werbung. Das müssen wir aufräumen. Nintendo zum Beispiel.
C: Super Mario sag ich nur! Ein italienischer Klempner! Von Japanern entwickelt. Das ist doch kulturelle Aneignung! Unmöglich sowas.
B:  C, ich bitte dich, reg dich nicht so auf.
A: Nutella.
C: Palmöl! Ferrero boykottieren, sag ich schon lange! Und jetzt so was im Kinderbuch! Die Kinder sollen sowieso nicht so viel Süßes …
B: Beruhige dich doch mal! Selbst der WWF stellt Ferrero mitlerweile ein gutes Zeugnis für sein eingesetztes Palmöl aus.
A: Ein riesiger Karton von Amazon Prime.
C: WAS? Auch noch Prime? Da hört sich doch alles auf. Sofort aufräumen. Und ausräumen. Alle Bücher von der Zeh. Und von Carlsen. Alle!
B: Ruhe jetzt!
C: Die hätte das doch anders schreiben können. Malefiz statt Nintendo. Wäre doch auch gegangen, vielleicht. Ein Brettspiel für jung und alt. Und eine vegane Möhrenstreichcreme anstelle der Schokopampe. Ist viel gesünder. Und statt dem Karton von Dings halt nur  Karton. Mindestens aus recycelter Pappe.
B: So ähnlich hatte ich mir das auch vorstellen können.
A: Ich weiß nicht, das ist ja schon sehr alltäglich, dass man so einen Karton bekommt.
C: Umso schlimmer! Man muss doch nicht alles nachmachen und Kinder auf die falsche Spur setzen. Retoure!
A: Gut. Und was ist mit dem neuen Steinhöfel?
C: Der auch noch? Echt jetzt?
B: Na, da sieht Rico, wie die schöne Cilly vom Hausbootdach mit einem Gewehr auf Enten schießt.
C: Sofort PETA anrufen, Greenpeace, WWF! Gewalt ist schon an sich scheiße, und dann auch noch an unschuldigen Enten!
B: Aber die schießt doch nur mit Erbsen.
C: Tiefgekühlte? Etwa tiefgekühlte? Die sind steinhart!
B: Das steht da nicht so genau.
C: Unmöglich. Ich lehne das ab. Ist doch kein Vorbild. Ausräumen!
B: Den Andreas? Das ist jetzt aber …
A: So, auf dem Stapel liegt noch der Will Gmehling, Nächste Runde, wieder diese Bukowski-Familie.
B: Diese Familie, die sich so durchschlagen muss, mit wenig Geld aber viel Zusammenhalt?
C: Und wo geht der Sohn hin zum Kakao trinken und Berliner essen? Nein, nicht zum Bäcker, zum Bioladen oder so, sondern in die Back-Factory! So ein Franchise-Ding von Deutschlands Mega-Bäkerei, in der es bestimmt zugeht wie in diesen Schlachthöfen, mit Leiharbeit und allem. Das lehne ich ab, raus!
B: Musst du denn immer alles so schwarz sehen?
C: Wer im Kleinen nicht anfängt, sag ich dir.
A: Dann habe ich die Stepha Quitterer, Weltverbessern für Anfänger.
B: Das klingt ja erst mal sehr empathisch.
A: Aber die Minna geht mit dem Basti und dem Christoph zu dem Betonhäuschen am Sportplatz unddie rauchen Selbstgedrehte.
C: Was? Die sind doch höchsten 13? Das ist komplett verboten: Rauchen in der Öffentlichkeit. Und in Kinderbüchern. Katastrophe!
A: Und der neue Elsässer, Play. Die trinken beim Autofahren. Rauchen. Werfen sich Ecstasy-Pillen ein. LSD. Und ich bin erst auf Seite 80.
C: Ich kriege Schnappatmung. Sind die jetzt alle völlig übergeschnappt?
B: Aber vielleicht machen das junge Menschen im richtigen Leben.
C: Von mir aus! Aber nicht in Büchern! Niemals! Ich bin raus!
(steht auf und stampft wutentbrannt nach draußen)
A: Und jetzt? ich habe hier noch einen ganzen Stapel.
B: Du, ich weiß nicht. Wollen wir die Verlage nicht lieber mal daran erinnern, dass wir nicht 10 Meter Thekenplatz für diese ganzen Aufsteller haben? Stört mich auch immer.
A: Hast Recht. Schreiben wir eine Brief?
B: Ja, so machen wir das.

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