Jetzt wird’s bunt

Der ein oder andere erinnert sich: Alles ist gut, solange du wild bist. Die wilden Kerle. Fußball. Als Buchreihe. Kinofilme. Bettbezug. CD-Case. Schienbeinschoner. Hartplastikfiguren. Tortenaufleger. Das verkaufte sich rauf und runter, und kein Kindergeburtstag, vornehmlich von Jungs, kam ohne Krimskrams aus. Das Spiel begann 2002. Und endete in einer zähen Schlussphase irgendwie 2008, mit dem letzten Kinofilm aus dem Buchserienstoff. Also, endete damit, erfolgreich zu sein. Denn auch danach ging es noch weiter, Nachspielzeit, komm, eine Partie geht noch, bis der Schiri abpfeift! Die wilden Kerle Level 2.0. bei Baumhaus. Das Buch zur TV-Serie bei Baumhaus. Die wilden Kerle – Die Legende lebt! als Film 2016. Parallel dazu waren und sind die Originalbücher bei dtv junior zu haben, die allermeisten für 5,50 Euro. Aber nur noch unter ferner liefen.

Warum kommt mir bei dieser Aufzählung nur die alte Weisheit der Dakota-Indianer in den Sinn? „Wenn du entdeckst, dass du ein totes Pferd reitest, steig ab!” lautet sie. Einfache Erkenntnis, schwierig in der Umsetzung. Weil, selbst wenn die Aussage wahr ist, man sie nur ungern wahrhaben will. Weshalb man immer wieder nach den absurdesten Lösungen sucht, warum diese Weisheit nicht stimmen kann. Wie diese hier: „Wir erklären: „Kein Pferd kann so tot sein, dass wir es nicht mehr reiten können.” Gesagt, getan, und jetzt pfeift der 360 Grad-Verlag zum Widerholungsspiel an. Und veröffentlicht die ersten drei Bände erneut als Hardcover für jeweils 12 Euro.

Der Connoisseur und Sammler von  Masanneks Oeuvre greift auch in diesem Falle beherzt zu. Denn Jan Birck hat alle Illustrationen jetzt farbig ausgemalt und Joachim Masannek hat „… die Bücher in den letzten Monaten überarbeitet, sowohl was die aktuelle ,Jugendsprache‘ betrifft, und natürlich auch was aktuelle Fußball-Spieler, die heutigen ,Helden der Fußball-Kids‘ betrifft.“ Dann kann ja nichts mehr schiefgehen.

Was das jetzt heißt? Joachim Masannek kehrt zurück zu seinen Wurzeln, aufn Platz. Wie er da einläuft mit dem schwarzen Wilde Kerle-Fußball unterm Arm, sich wundert, wieso da keiner ein Spalier bildet, niemand auf den Rängen jubelt, das kann doch nicht sein, er sieht sich suchend um, der Platz ist echt – menschenleer! Keiner will mehr kicken, mit Leon, dem Slalomdribbler oder Jojo, der mit der Sonne tanzt oder dem dicken Michi. Sie alle hatten ihre Zeit, in der sie Fußball neu erlebt und Joachim Masannek Fußball neu erzählt hat. Die ist aber vorrüber.

Es wirkt so, als würde man Frank Baumann aus dem WM-Kader von 2002 aus dem Ruhestand holen, ihm ein neues, buntes Trikot überwerfen, ihn dreimal um den Platz warmlaufen lassen und dann in die Startelf beordern, um Werder Bremen vor dem Abstieg zu retten. Frank Baumann würde dankend abwinken.

JIM 2019 – Lesen verliert

Schon die im vergangenen Dezember präsentierten Ergebnisse der PISA-Studie haben ein eindeutiges Ergebnis geliefert: Der Spaß am Lesen geht dem Nachwuchs verloren. Lesen ist ein mühsamer Zeitvertreib, dem man wenig abgewinnt. Über die Hälfte der befragten 15-jährigen liest nur, wenn sie muss, ein Drittel hält Lesen sogar für Zeitverschwendung. Die Zahlen aus der nun veröffentlichten JIM-Studie 2019 verfestigen diese Tendenz. Während Fernsehen und digitale Spiele als tägliche/mehrmals wöchentliche Medienbeschäftigung in der Freizeit zunehmen, rutschen „Bücher“ von 39 auf 34 Prozent, e-Books bleiben bei 7 Prozent, im Vergleich zu den Ergebnissen aus dem Befragungsjahr 2018. Diese 34 Prozent sind der absolut niedrigste Wert seit Studienbeginn 2009. Auch die Lesedauer nimmt signifikant ab: von 67 Minuten 2018 auf 53 Minuten 2019, pro Wochentag. Die Zeitdauer im Internet ist dagegen um ein vierfaches höher: sie liegt bei 205 Minuten. Ein Drittel der Zeit dient der Kommunikation, etwas weniger der Unterhaltung.

Daraus lässt sich jedenfalls ableiten, dass Kinder und Jugendliche durch Schule (Stichwort G 8) und andere verpflichtenden Aktivitäten offenbar nicht so dermaßen unter Stress stehen, dass sie nicht mehr zum Lesen kommen könnten. Das Zeitfenster für Unterhaltung und Freizeit ist groß genug. Dieses Argument zählt also nicht.

Was sie lesen? Neue Klassiker wie Harry Potter, Herr der Ringe und Eragon und dann noch viele individuelle Titel. Auch diese Erkenntnis ist weder neu noch hoffnungsvoll. Offenbar befinden wir uns aktuell in einer Talsohle, was die breitenwirksamen „Musst-du-gelesen-haben“-Bücher angeht. Auf dem Markt gibt es nichts, was die Manchmal-Leser ähnlich mobilisiert und motiviert wie vor Jahren Potter, Biss und Panem.

Interessanterweise ist der Anteil der lesenden Jugendlichen in der Altersgruppe der 16- und 17-jährigen am höchsten. Eine Gruppe, die sich größtenteils in ihrer Titelauswahl aus dem Jugendbuch verabschiedet hat.

Diese Ergebnisse dürften Buchhandel und Jugendbuchverlage alarmieren. Und jetzt auch noch der Corona-Shutdown! Für manche der willkommene Anlass, sich mal wieder oder erstmals durch die heimischen Bücherregale zu lesen, wenn es denn welche gibt. Für andere eine Zeit, in der man das Lesen nicht wirklich vermisst.

Lesen verliert. Im aktuell laufenden Spiel steht es nach der ersten Halbzeit 2:0 für die Nichtleser. In der Pause sollten wir uns jetzt weniger die Schwächen der einzelnen Mannschaftsteile vorhalten, sondern nach einer Taktik für die zweite Hälfte suchen. Ein Unentschieden sollte schon noch drin sein. Ob das mit Büchern für Schlechter-Leser oder Wenig-Leser gelingt, wis sie nun gerade von Verlagen gerade für Jugendliche auf en Markt gebracht werden, ist da zu bezweifeln.

Gedrängel auf der Goldwaage

„Gut gemeint und schlecht gemacht“ – das ist eine großartige Begründung, wenn man sich nicht traut, ein Buch in Bausch und Bogen zu verdammen. Misslungene Romane über sterbende Eltern oder totkranke Kinder:  Wie könnte der Kritiker da nur so herzlos sein? Schlechte Bücher über Mobbing: Geht nicht, weil die Kritikerin übersähe, wie wichtig Aufklärung darüber doch ist. Und das Kindersachbuch Alle behindert! von Horst Klein und Monika Osberghaus, gleichzeitig Verlegerin des Klett Kinderbuch Verlages? Auch irgendwie nur gut gemeint. Es geht ja um Inklusion, irgendwie, und da fehlt es grundsätzlich an guten Kinderbüchern auf dem Markt.  Aber nicht an diesem Buch, meinen höchst engagierte Menschen wie Daniel Horneber und Tanja Kollodzieyski. Weil eben „gut gemeint und schlecht gemacht“.

Ja, die beiden haben sicher recht, wenn sie, abgeleitet vom Modell der Disability Studies, den Unterschied zwischen einem medizinischen und einem sozialen Modell von Behinderung verdeutlichen. Der die im Buch vorgenommene Gleichsetzung von „Down-Syndom“ oder „Gehörlos“ mit „Tussi“ oder „schüchtern“ nicht folgt. Bewusst nicht. Der Idee einer funktionierenden inklusiven Gesellschaft entspricht das vergleichende Nebeneinander, das in diesem Buch verwendet wird wie Hubraum und Höchstgeschwindigkeit in einem Autoquartett, eben leider genau nicht.

Doch die Kritik geht noch weiter. „Das Buch enthält keinerlei Handlungen. Es erzählt keine Geschichte. Die Protagonist*innen werden einzeln vorgestellt, es wird aber nicht gezeigt, wie die Kinder miteinander spielen. Das Buch kann also keine Verbindung zur Alltagswelt der lesenden Kinder herstellen.“ bemängelt Tanja Kollodzieyski. Ja, das macht eben ein Sachbuch aus, dass es eine bestimmte Form wählt, sich in dieser Form bewegt und deshalb eben nicht den sehr willkürlich gewählten Anforderungen von Kritikerinnen genügt. Trotzdem gelingt es dem Buch, die Alltagswelt der Kinder aufzugreifen. Allein im Titel schwingt das umgangssprachlich benutzte „Bist du behindert!“ schon als Fundament mit, auf dem sich genau dieses formal strenge Nebeneinander mit Erkenntnisgewinn entfalten kann – und zwar für diejenigen, die sich erst mal als nicht-behindert bezeichnen würden. Das funktioniert besser als in konstruierten Bedarfsbüchern wie Die bunte Bande von Corinna Fuchs, Uli Velte und Igor Dollinger.

„Dadurch, dass alle Eigenschaften der Kinder im Buch als Behinderungen bewertet werden, werden die Herausforderungen und Diskriminierungen von Kindern mit Behinderung unsichtbar gemacht.“ Mmh, genau andersherum würde ich die Zielrichtung beschreiben. Diskriminierungen nehmen in diesem Buch eben alle Kinder wahr, und es unterscheidet eben nicht zwischen sozialen und körperlichen Einschränkungen, sondern setzt Einschränkungen auf unterschiedlichen Ebenen gleich. Das genau holt Kinder in dieses Buch hinein, die das zuerst aus der Außenperspektive lesen.

Also, wieder ein Fall für die Goldwaage. Ist Alle behindert! jetzt nur gut gemeint? Doch schlecht gemacht? Oder der richtige Anstoß für Kinder, sich mit einer gesellschaftlich relevanten Frage auseinanderzusetzen? Oder eben doch kein Fall für die Goldwaage?

Kinder würden Kindle kaufen …

… und zwar die Kindle Kids Edition von Amazon. Tun sie aber nicht. Denn dafür müssten die Kleinen ja ganz schön lange stricklieseln. Also bestellen das die Eltern, und bekommen ein Paket zu 109,99 Euro mit einem ganz normalen Kindle der 10ten Generation (Normalpreis 79,99 Euro, aber mit 4 GB nur die halbe Speicherkapazität), eine „farbenfrohe Hülle“ in babyblau. Oder in babypink. Mit 2 Jahren Sorglos-Garantie. Einem Jahr kostenlosem Zugang zu Amazon FreeTime unlimited. Toll, oder?

Mag man ja denken. Aber so ganz passt das nicht zusammen. Denn der Kindle-Reader ist, Amazon sagt es ja selbst, einfach nur ein Reader, eben „nur für das Lesen entwickelt, sodass Kinder nicht durch Apps, Videos oder Spiele abgelenkt werden“.  Sonst wäre es ja auch keiner. Weshalb die vielen Angebote von FreeTime unlimited zu FreeTime limited werden. Denn Bilder kann er nicht, der Reader, Videos nicht und Spiele auch nicht, sondern nur Schrift. Und Audio.

Wirklich umfassend nutzbar ist das Unlimited-Angebot dagegen auf dem Fire-Tablet von Amazon. Bunter Bildschirm, Audio-Ausgang, Kamera vorne und hinten, Lautsprecher und Mikrofon, alles dran. Eine farbenfrohe Hülle (neben blau und pink auch noch violett!), Sorglos-Garantie und FreeTime Unlimited gibt es in der Amazon Fire 7 Kids Edition selbstverständlich obendrauf. Und der Preis? Doch deutlich über diesem zu nichts weiter nützlichen Reader, oder?

Ha! Schlanke 99,99 Euro kostet er, und da ist nicht nur das Sparfuchs-Eternteil on fire. Ja, jetzt passt auch das Amazon-Versprechen „Seelenfrieden für Eltern“, denn die Kleinen können sich voll und ganz und altersgerecht durch Apps, Videos und Spiele ablenken lassen. Und wenn man die ruhig gestellten Kinder mal so richtig stören und gegen sich aufbringen will,  „helfen Gesprächsideen Eltern dabei, Unterhaltungen mit ihren Kindern über deren Lieblingstitel zu führen.“ Die gibt es von Amazon noch gratis dazu.

Trotzdem gibt es Eltern, die von magischen Kindle-Wandlungen berichten. „Meine Tochter (8j) verwendet den Kindle-Kids jetzt seit ein paar tagen und hat tatsächlich angefangen freiwillig zu lesen“ heißt es in einer 5-Sterne-Bewertung. „Meine Tochter is 9 und war nie so begeistert von lesen.seit das Kindle Kids da ist hat sie gleich am ersten Tag 2 Bücher Gelsen“ und kann mittlerweile sogar Rechtschreibfehler beim Lesen automatisch korrigieren. Oder aber die digitale Kontrolle ist die Killer-Application schlechthin: „Super Teil! Die Kids lieben es, die farbige Hülle ist sehr schick und über die Elternseite kann ich die Benutzungszeit einsehen und kontrollieren. Kein heimliches Lesen mehr zu nachtschlafender Zeit“. Wäre ja auch noch schöner, wenn Kinder einfach unbeaufsichtigt lesen würden. Ist die Kindle Kids Edition also der Retter in der Not? Löst die Lesekompetenz-Probleme aller Kinder? Facht die Lust aufs Lesen an? Wohl nichts davon. Wenn ein paar Kinder dadurch zu Lesern werden, dann ist das nicht verallgemeinerbar. Wer jüngere Kinder wirklich fördern will, der liest vor, der bietet an, der wählt mit aus, der besorgt einen Bibliotheksausweis. Der bietet Büchern zum Anfassen. Bei alldem ist die digitale Variante aktuell nur die Zweitbeste.

Schiefe Bilder mit PISA

Seit dem 3. Dezember ist die PISA-Studie veröffentlicht. Und seit dem 3. Dezember läuft die Exegese. Doch alles schlechter als befürchtet? Nicht so schlimm? Hat die Bildungspolitik versagt/alles richtig gemacht? Versauen bloß die Migrantenkinder den Schnitt? Was ist mit den Jungs los? Fast könnte man meinen, hinter PISA steckt nicht eine, sondern mehrere Studien, mit unterschiedlichen Ergebnissen, je nachdem, wer sie liest.

Dabei steht da manches schwarz auf weiß. Dann kommt nur der, der in Statistik nicht aufgepasst hat (AfD) oder Ideologie blindlings über Zahlen stülpt (AfD), zu schiefen Bildern. Um das an ein paar Zahlen festzumachen: Die um 11 Punkte gesunkene Lesefähigkeit zu 2016 (von 509 auf 498) werden durch die Forscher in 5 Punkten auf die veränderte Demografie (hauptsächlich Migration) und in 6 Punkten auf die allgemein schlechteren Leistungen bezogen. Sprich: Ohne Zuwanderung wären die Kinder trotzdem schlechter geworden. Heißt: Die Migranten sind ja gar nicht alleine schuld! Oder offiziell: “Die demografischen Veränderungen können jedoch nur einen geringen Teil der umfassenderen negativen Trends erklären.” Na sowas!

Anderer Fall: Die Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich an den Pranger gestellt, weil in ihnen die Schuldigen für das maue Abschneiden gesehen werden. Die reichen den schwarzen Peter aber reflexartig nach unten in die KiTas und in die Familien. Ist hier die passende Stelle, um den Föderalismusirrsinn in der Bildungspolitik zu brandmarken, der komplett an den Schülerinnen und Schülern vorbeigeht? Ja. Passt. Und das kann man gar nicht oft genug widerholen, vor allem in Richtung Baden-Württemberg. Ein grüner Ministerpräsident, der den nationalen Bildungsrat verlässt? Gemeinsam mit Söder-Bayern? Dass muss man erst mal sacken lassen.

Aber das alles war so und nicht anders zu erwarten. Soziale Herkunft entscheidet weiterhin, die Schere zwischen schlau und gar nicht schlau geht immer weiter auf und wo nichts angestoßen wird (Bildungspolitik), kann auch nichts Bahnbrechendes herauskommen (PISA). Darum erschüttert ein Ergebnis besonders, dass eher am Rande in der Diskussion auftaucht: Die Lust am Lesen allgemein. Besser gesagt: Die schwindende Lust am Lesen.

50,3 Prozent der 15-Jährigen lesen nur, wenn sie müssen. Und das vor allem, um die Information zu bekommen, die sie brauchen. Dagegen hält mehr als ein Drittel Lesen für Zeitverschwendung, im OECD-Schnitt sind es mehr als ein Viertel, 28 Prozent. Ein Drittel geringer als im OECD-Durchschnitt ist die Zahl derer, die sagen, das Lesen eines ihrer liebsten Hobbys ist.

Das sind alarmierende Zahlen. Fürs Lesen allgemein. Fürs Jugendbuch. Damit für Verlage und Buchhändler. Denn sie erschüttern die Grundfeste des ästhetischen Lesens, des Genuss-Lesens, des unterhaltenden Lesens. Denn in den Zahlen steht auch eine Konsequenz. Wer heute nicht (mehr) liest, wird auch morgen nur sehr schwer wieder zum Leser. Und es Bedarf keiner besonderen hellseherischen Fähigkeiten, diesen Bedeutungsverlust des Lesens mit der Dominanz anderer Medienformen zu erklären – von den Serien auf Streamingdiensten bis zu Instagram und Snapchat. Snackable Content heißt das Zauberwort, und Snackable ist der nicht nur in Bus und Bahn und den Minuten, sondern auch in der Zeit, in der ansonsten Langeweile aufkam. Ein Gefühl, für das keine Zeit mehr ist. Und das nicht in Lesen mündet.

Dabei könnten sie es. Denn einen Zusammenhang zwischen der Lesefreude und der Lesekompetenz haben die Forscher nicht festgestellt.

Das kannst du dir schenken, amazon

Stimmt, am Weltkindertag in dieser Woche verschenken amazon und die Stiftung Lesen ein Märchenbuch. Und genau, als das bekannt wurde, war der Aufschrei in der Branche groß. Alle nachfolgenden Erklärungsversuche von Stiftung Lesen und amazon, um den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen, ließen ihn nur noch tiefer reinrutschen. Wie das geht? Ich zähle mal auf, ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

… fünf Bestsellerautoren wie Iny Lorentz …

entpuppen sich als Haus- und Hofautoren des amazon-kindle-selfpublishing-Universums für schmachtende Liebesgeschichten (Poppy J. Anderson) bis blutige Thriller (Noah Fitz)

… fünf prominente Lesebotschafter wie Joey Kelly, Olivia Jones und Jens Lehmann erzählen, was das jeweilige Märchen für sie bedeutet …

wobei die bekannteste Leseszene der drei der Lehmann-Elfmeterzettel im WM-Viertelfinale gegen Argentinien war und der ja irgendwie zum ‚Sommermärchen‘ führte. Das reicht als Bezug zum Thema, oder?

… eine Liste der teilnehmenden Buchhändler (zusätzlich zu Thalia, Mayersche und Hugendubel) finden Familien, Leser und Buchfans ab dem 16. September hier (meint den amazon-Blog dayone) und unter www.amazon.de/lesenisteingeschenk

äh, Stand 16.09. 16:24 Uhr: Weder. Noch. Stand 17.09.: Ja, jetzt. Aber einige der wichtigsten Kinder- und Jugendbuchhandlungen in Deutschland sind nicht dabei.

… die liebevoll illustrierte Sammlung …

einer namentlich nicht genannten Illustrationsfachkraft. Die es aber nicht mal aufs Cover geschafft hat, denn das ist rein typografisch gestaltet.

… 1 Million Märchenbücher …

naja, das hat Adam Riese eher in den Bart genuschelt. Die Hardcover sind limitiert, und zwar weit unterhalb der Million. Wieviel genau verrät amazon nicht, auch auf Nachfrage. Denn bei der Million sind sämtliche digitalen Formate mitgezählt, sozusagen als Downloadobergrenze. Und wer bislang noch keine amazon-Hardware wie den Kindle benutzt, der braucht auf seinem Nicht-Kindle zwingend die kostenlose Kindle App, um das e-Book zu lesen

… jeder nur ein Buch …

sagt Pedro Huerta, Director Books von Amazon Deutschland, und das hat ja bei „Das Leben des Brian“ mit den Kreuzen auch super funktioniert

… kann online auf Thalia.de, Mayersche.de und Hugendubel.de das eBook bestellt werden …

und wird auf Diskette geliefert? In der Regel sind eBooks ja direkt downloadbar. Es sei denn, amazon möchte Daten sammeln von Menschen, die irrtümlicherweise ihre eBooks nicht bei amazon kaufen.

Na dann: #lesenisteingeschenk, aber in diesem Fall eher #amazonbleibmitgeschenkt

Pfuhls Märchenstunde

Stiftung Lesen und amazon verschenken zum Weltkindertag am 20. September ein Buch mit elf Grimms Märchen. Der Aufschrei in der Branche war groß, als diese Meldung durchsickerte. Weil amazon. Weil ohne stationären Buchhandel geplant, außer Hugendubel und Thalia. Weil ohne Mitwissen des Stifter- und Stiftungsrates der Stiftung Lesen. Weil ohne Präsentation auf der Stiftungsversammlung am 4. Juni. Darüber wurde nun schon ausgiebig debattiert.

Die Stiftung Lesen gibt sich davon unbeeindruckt, sie hat ja nur Bestes im Sinn: „Stiftung Lesen und Amazon zufolge ist das Ziel, insbesondere solche Familien fürs gemeinsame Vorlesen zu begeistern, bei denen Lesen noch nicht zum festen Bestandteil ihres Alltags gehört.“ hieß es in der ersten Meldung auf boersenblatt.net vom 23. Juli. Gut eine Woche später reagiert nun deren Vorstandvorsitzende Joerg Pfuhl. Statt mit einem Schritt zurück eher mit einem Tritt in die Weichteile all derer, die sich mit sachlichen Argumenten, die das Erreichen jenes wohlformulierten Ziels in Frage stellen, zu Wort gemeldet hatten.

Wie Kirsten Boie. Sie hat im Deutschlandfunk Kritik geübt. Ihre Einschätzung: „wenn ich mir vorstelle, ich möchte buchferne Kinder damit erreichen (…), dann stellt sich doch die Frage, ob Märchen das beste Mittel sind (…). Da hab ich doch meine ganz, ganz großen Zweifel.“ kontert Joerg Pfuhl lässig mit einem „Warum wissen so etwas immer alle schon vorher? Lasst es uns doch einfach ausprobieren.“

Interessanterweise hat Axel Dammler vom Marktforschungsunternehmen iconkids & youth auf der Stiftungsversammlung der Stiftung Lesen am 4. Juni einen Vortrag genau zu dem Thema „Bildungsferne Familien ansprechen & überzeugen“ gehalten. Das klingt beinahe so, als hätte er, empirisch belegt und analysiert, die Grundlage für diese Aktion gelegt. Von wegen! Seine Erfahrungen mit lese- und bildungsfernen Eltern, bei denen Spaß vor pädagogischem Anspruch steht, die sich keinesfalls mit den Kindern zusammen beschäftigen wollen und zwar wissen, das Lesen wichtig ist, „aaaaber …“ zeichnen ein anderes Bild. Und münden in  Thesen für die Leseförderung jener leseunwilligen Gruppe: „Je weniger Lesen draufsteht, desto besser.“ „Lieber Pop-Kultur als Hoch-Kultur.“ „Schnelle Erfolge locken.“ „Die Latte zum Einstieg niedrig hängen.“ Trifft das irgendwie und mit gutem Willen auf Grimms Märchen zu? Und darauf, Kinder und Familien erst mal in eine ihnen völlig unbekannte Buchhandlung locken zu müssen? Und warum weiß ich, dass Handkäse mit Nutella nicht schmeckt, obwohl ich es nicht ausprobiert habe?

Joerg Pfuhls nachfolgender Verweis auf die so erfolgreiche Happy Meal-Aktion bei McDonalds hinkt gewaltig. Da kommen kleine Lesehappen, zum Teil mit AR-Erweiterung fürs Smartphone, tatsächlich zu den kleinen Leserinnen und Lesern, ob die ein Buch wollen oder nicht. Steckt halt in der Tüte mit drin. Das ist ein signifikanter Unterschied.

Doch solche Einschätzungen fechten ihn nicht an. „In seiner Funktion an der Spitze des Stiftungsvorstands stehe er uneingeschränkt hinter den Absichten der Aktion.“ heißt es auf boresenblatt.net. Nun hat ja auch keiner was gegen das Ziel Leseförderung an sich, warum auch. Auch nicht gegen jede Leseförderungsaktion der Stiftung Lesen. Nur diese wird so nicht funktionieren. Und zu dieser Ansicht stehe ich uneingeschränkt.

Abbloggen

„Hallo ihr Lieben und schön dass ihr dabei! Heute gibt es nach ganz langer Zeit mal wieder ein Want to eat. Also, ich möchte jetzt unbedingt, eigentlich schon heute, loslegen. Und das erste, was ich essen möchte, ist eine Pizza Napoletana. Ich habe mir schon die Speisekarte besorgt, und oh mein Gott wie schön ist bitte dieser Umschlag, ich liebe diese Farben, ich liebe diese Pastelltöne, es ist ein richtiger Blickfang. Was steht hier in der Karte? Pizza Napoletana mit Tomatensauce. Das klingt super spannend, ich stehe total auf Tomatensauce. Weiter heißt es da Mozzarella. Ich liebe Mozzarella! Ich bin so aufgeregt, ich kann’s nicht abwarten, die Pizza in meinen Händen, zu halten, sie zu verschlingen! Es wird einfach so hot! Und dann noch Basilikum. Finde ich sehr interessant. Werde ich auf alle Fälle essen. Ja meine Lieben, das war’s mit meinem Video, ich hoffe, ich habe euch ein paar tolle Tipps gegeben, tschüß.“

Das Video-Blogger-Format „Want to Eat“ hat sich noch nicht durchgesetzt. Klingt auch einigermaßen absurd, eine Speisekarte vorzulesen und anderen Menschen mitzuteilen, was man irgendwann mal essen mag. Das Format „Want to Read“ hingegen ist bei Buchbloggern durchaus üblich – einige der Sätze aus dem Anfangstext stammen nahezu wortwörtlich aus dem Video „Want to read März 2019 oder so … von Sara Bow“ – mit aktuell rund 6.500 Aufrufen.

Ich bleibe dabei: Ich kann mit vielen dieser sogenannten Buchblogs wenig anfangen. Sich über Reichweiten seine Social Media-Aktivitäten zu finanzieren und dafür jubilierend auf YouTube Buchpakete auszupacken oder Klappentexte vorzulesen: Das ist für mich einfach nur schlecht gemachte Werbung. Mit diesen so getroffenen pauschalen Aussagen über Blogger habe ich mir in meiner Woche bei „Was mit Kinderbüchern“ auf Facebook reichlich verbalen Gegenwind eingefangen.

Da meldete sich die „Indie“-Fraktion der Kinderbuchblogger zu Wort, die mir Ahnungslosigkeit unterstellt, sagt, wie ernsthaft sie Bücher bespricht, dass sie sich gerade um kleine Verlage und unbekanntere Bücher kümmert, auch sehr kritisch ist, sie die Kosten im Sinne von investierter Zeit und dem technischen Aufwand wie Hosting usw. eher drauflegt usw. usf. Ja, mag ja alles richtig sein, und Buchblogger sind bestimmt auch eine Bereicherung in der Beschäftigung mit Literatur.

Ändert aber nichts an daran, dass ich manche Dinge nicht verstehe. Oder verstehen will. Oder ich eine große Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit erkenne. Top-Vlogger auf YouTube wie die schon genannte Sarah Bow, erreichen pro YouTube-Video fünfstellige Aufrufzahlen, das erreichen Blogs manchmal nicht im Jahr.

Schaue ich doch mal, wie das ist mit dem kommerziellen Drumherum. Der Kontakt mit Verlagen beruht auf Gegenseitigkeit. Carlsen zum Beispiel verschickt nur dann freizügig Rezensionsexemplare, wenn die Reichweite stimmt. Influencer mit einem einzigen Kanal brauchen mindestens 2.500 Follower, wer diverse Social Media Kanäle bespielt, sollte mindestens 1.000 Follower, Fans oder Abonnenten haben. Auf der anderen Seite ist es ist nicht unüblich, dass auf den Buchblogger-Seiten unter „Media-Kit“ oder „Für Autoren & Verlage“ die Hand für Leistungen ausgestreckt wird, über reine Rezensionen hinaus. Frau Kallafitti schreibt da an Verlage gerichtet: „An Kooperationen bin ich stets interessiert. Die Möglichkeit einer Verlagsvorstellung oder Präsentation einzelner Aspekte besteht selbstverständlich ebenfalls“. Oder die „Literatouristin: „Produktvorstellungen, Interviews, Veranstaltungsberichte und kreative Auseinandersetzungen/ Kooperationen“ sind jederzeit möglich. Solche oder ähnliche Formulierungen könnte ich beliebig fortsetzen und sie finden sich sogar auf den Blogs derjenigen, die mich scharf kritisiert haben: „Auf meinem Blog xxxxxxxx können Sie werben. Ich biete Ihnen Bannerwerbeplätze, Blogsponsoring, sponsored Posts und redaktionelle Beiträge zum Thema Kinder- und Jugendliteratur an. Letzteres kann auch auf Ihrer Webseite/Blog erscheinen.“

Blöd nur, dass Rezensionen viel weniger gefragt und geklickt sind als Social Media-gängige Formate wie „Mein Lesemonat“, Neuzugänge oder Bookhauls. Nehmen wir mal YouTuber David Milan. Der füllt neben seinen eigenen Kanal auch das Content Marketing-Portal „Tales & More“ von Literaturtest für den Grossisten KNV – apropos, gibt’s den nach der Insolvenz von KNV eigentlich noch? Bestimmt nicht für Naturalien. Oder Maren Vivien. Die Agentur HitchOn für Influencer und YouTube-Marketing hat für den im Bastei Lübbe-Imprint one erschienenen Fantasy-Roman „Zorn und Morgenröte“ eine Influencer-Kampagne entwickelt. Und Maren Vivian verpackt die Vorstellung des Romans in ihr Video über kuschelige Leseroutine. Ach ja, bei „Tales & More“ ist sie auch dabei.

Das wollen bestimmt nicht alle, die sich auf Blogs mit Kinder- und Jugendbüchern auseinandersetzen. Aber so altruistisch und „kritisch“ ist die Welt der Buchblogger nun auch nicht. Muss sie auch nicht sein. Aber die Kritik aushalten, dass muss sie.

Sichtbar lesen

Die Insta-Bühne im neuen Hugendubel

Bücherlesen ist ein stummer und einsamer Prozess, ausgeübt in Zurückgezogenheit. Wer liest, entfernt sich ein Stück aus der Realität und verschwindet in seinen Buchseiten. Vorm Schlafengehen im Bett, eingemummelt in einer warmen Decke auf dem Lieblingssessel, auf der Heizung sitzend mit einer dampfenden Tasse Kaffee. Ach, alles Quatsch! Im Zeitalter von Instagram und Selfiestange darf die Social Media Welt da draußen immer und überall sehen, dass ich lese und was ich lese. Och, letzteres ist ja eigentlich egal. Also: Dass ich lese. Das reicht für einen coolen Post auf Instagram.

Das Ergebnis sind erfolgreiche Seiten wie diese hier: Hot dudes reading. Abgekürzt H D R. Bilder von verdammt gut aussehenden lesenden Männern, lieber knapper bekleidet im Sommer als mit Webpelzrandkapuze im Winter, aufgenommen in der U-Bahn  vornehmlich von Frauen. Kindle-Leser sind ausdrücklich nicht erwünscht.

Es gibt auch schon Merchandising-Artikel wie Mugs und T-Shirts in Frauengrößen mit der Aufschrift: „If you meet a dude on the subway & he isn’t reading, don’t fuck him.“ Tja, Männer. Jetzt pro forma die Weber-Grillbibel unter den Arm zu klemmen ist ganz sicher nicht zielführend. Karl Ove Knausgard geht. Oder noch besser Dörte Hansen, das hat was tiefes und bodenständiges.

Wer liest, gewinnt eben nicht nur, sondern er wird darüber sogar Insta-Famous. Dachte sich auf Deutschlands drittgrößte Buchhandelskette Hugh Double (zu deutsch: Hugendubel), als sie am Stachus in München im November 2018 ihre Buchhandlung der Zukunft eröffnete. Nein, die Mitarbeiterinnen bei der Bestellannahme heißen nicht Alexa und die Bücher werden an der Kasse auch nicht in amazon-Kartons verpackt. Sondern Hugh Double will „das Produkt Buch im Laden mit Emotion und Erlebnis verbinden“.

Im Erdgeschoss, in der neu firmierten „abtauchen“-Welt – das auch in anderen Bereichen durchexerzierte Weltenmodell löst die sonst üblichen Warengruppen ab – lädt ein Jugendbereich im Manga-Style mit Instagram-Bühne, die monatlich umgestylt wird, zum Verweilen ein. Zur Neueröffnung hat man sich gleich eine Aktion einfallen lassen und Besucher gebeten, Bilder mit dem Hashtag #münchentauchtab zu versehen und zu veröfffentlichen (58 Beiträge sind darunter zu finden, minus Verlagsvertreter am Eröffnungstag und irgendeiner Buchwerbung zu Weihnachten).

Trotzdem ist die Idee irgendwie schief. Üblicherweise ist das Buch, das ich auf diesem Foto zu lesen vorgebe, frisch aus dem Regal gezogen und noch gar nicht bezahlt. Noch weniger weiß ich, ob es mir wirklich gefallen wird und was ich dazu im Moment schon schreiben soll. Zum Lesen setzte ich mich bestimmt nicht in den Ohrensessel zwischen fliegende Plastikfische. Oder aber ich beweise allen meinen Instafreunden, was mein Lieblingsbuch ist. Nehm es mir fürs Bild aus dem Regal, mache mein Selfie und stelle es wieder zurück. Funktioniert so Buchhandel?

Unboxing (d.i. im weitesten Sinne irgendwas auspacken, in die Kamera halten und sich wie Bolle freuen) mit Büchern ist ziemlich sinnbefreit, weil der Inhalt im Moment kaum erfassbar ist – im Gegensatz zu Makeup, Nahrungsmitteln oder Gadgets, weil man sie ja spontan ausprobieren oder vorführen kann. Aber Bücher? Bleiben doch weiterhin was für die stille Ecke in der U-Bahn. Aber ich achte zukünftig drauf, dabei so gut wie möglich auszusehen. Man weiß ja nie.

Lohnschreiberei

Spannende Frage: Stört es eigentlich jemanden, wenn man als Lohnarbeiter für Unternehmen Kinderbücher schreibt oder illustriert? Nehmen wir einfach mal eines der berühmtesten Beispiele. Die Figur ist schwarz-gelb und heißt „Lurchi“ – genau, es ist der Feuersalamander der Salamander-Schuhe.

Das erste Lurchi-Heft entstand übrigens 1937 mit der Absicht, Kinder im Kaufhaus zu beschäftigen, damit Mutti ganz in Ruhe Schuhe anprobieren konnte – Schuhe für Kinder gab es damals noch gar nicht. Salamander hat seither Insolvenzen überlebt, der Feuersalamander wechselnde Illustratoren und Texter, unter anderem den Werbechef der Schuhfirma. Lurchi (seit Heft 130 mit gelbem Shirt und Hose bekleidet) erfreut sich auch heute noch bester Gesundheit: Als kostenloses Heft im Schuhhandel. Als günstiges Pixi-Buch. Und in Sammelbänden bei Esslinger für 12,90 €.

Ist das jetzt verwerflich, sich als Illustrator oder Autor vor den Karren eines Unternehmens spannen zu lassen und auf Bestellung Geschichten zu schreiben oder zu illustrieren? Bernhard Lassahn, der auch Käpt’n Blaubär-Geschichten erfunden hat, war zumindest für einige der Lurchi-Bände mitverantwortlich. Ihm hat es nicht geschadet.

Vielleicht ist ja andersherum störender. Dann nämlich, wenn Unternehmens- oder Produktwerbung in verkappter Form über den Buchhandel vertrieben und vom Leser auch noch bezahlt wird. Zum Beispiel im Julius Breitschopf Verlag. Bei dem es an guten Kontakten zu Auto-Konzernen nur so wimmelt. Im Dresden-Wimmelbuch (erstmalig erschienen 2014) gibt es eine ganze Doppelseite mit der Gläsernen Manufaktur von VW. Die blieb auch in der Neuauflage von 2017 erhalten, nur der VW Phaeton wurde durch einen nigelnagelneuen E-Golf ersetzt. Im Bremen-Wimmelbuch ist das Mercedes-Benz-Werk zu finden und im Leipzig-Wimmelbuch das Porsche-Werk. Kinder lernen Städte anhand der dortigen Automobilfabriken kennen? Ein interessanter Ansatz. Vielleicht ja auch eine Begründung für den günstigen Preis von 4,99 € pro Buch.

Das lässt sich zu unserem 70-Jährigen Jubiläum doch konsequent weiter denken, entschied Porsche und ließ für sein neuestes Buchprojekt einfach das urbane Drumherum weg. „Thematisch bietet das Werk stürmische Aerodynamik-Tests im Windkanal des Entwicklungszentrums Weissach über die Montagelinie im Zuffenhausener Stammwerk bis zu einer Tour über das Offroad-Gelände im Werk Leipzig. Auch Abstecher ins Porsche Museum und zum legendären 24 Stunden Rennen von Le Mans sind dabei.“ hieß es im Branchenblatt w & v. Also werben & verkaufen, dem Fachmagazin für die Werbewirtschaft. Gezeichnet hat das Buch Stefan Lohr, der auch die Major Tom-Buchreihe bei Tessloff illustriert. Oder die „Gibt’s da nicht was von Ratiopharm?“-Wimmelbücher fürs Wartezimmer beim Kinderarzt. Nur dass im Buchhandel 12,90 € für das Porsche-Buch aus dem Wimmelbuchverlag fällig sind.

Eine saubere Sache dagegen gab es von Persil. Wer bis Ende 2018 in der „Unser Bestes“-Aktion zwei Persil-Produkte erwarb, bekam das Kinderbuch Weißt du, was das Beste ist? geschenkt. „Das Kinderbuch (…) wurde zusammen mit Familienbloggern entwickelt und enthält Geschichten, die Kinder zum Träumen bringen und ganz nebenbei für das Leben stark machen sollen.“ hieß es dazu in der Pressemitteilung. Illustriert hat das Buch Elsa Klever, die auch  schon für Tulipan, Beltz & Gelberg und Thienemann gearbeitet hat.

Die Kernkompetenz der Blogger Johanna @pinkepanki, Toni @twoandahalfunicorn und Micha @how.cool.is.dad, die die Geschichten im Buch verfasst haben, liegt ansonsten nicht so im Schreiben für Kinder. Eher im Vorlesen. Und sich dabei fotografieren. Aber sie haben die Kanäle, um das fertige Buch, ihre tollen Geschichten und die Aktion zu bewerben. Nein, nicht die Aktion „Jedes Kind muss lesen lernen!“, sondern die Treueaktion von Persil.