Lesen können allein hilft nix

So. All denjenigen, die bis zum Ende der Grundschulzeit nicht sinnerfassend lesen können oder später dann als funktionale Analphabeten durchs Leben stolpern, wird geholfen. Der Nationale Lesepakt spuckt in die Hände und ist sich sicher wie Bob der Baumeister: Yo, wir schaffen das! Alle lesen!

Blöd nur, dass lesen allein längst nicht alle Probleme aus der Welt schafft. Sondern neue, nicht minder ernste erzeugt. Lesen, aber nix richtig verstehen, ist eine ebenfalls nicht zu unterschätzende gesellschaftliche Gefahr. Das belegen aktuelle Zahlen: Die digitale Medienkompetenz auch von jungen Menschen, erhoben in einer repräsentativen Studie der Stiftung Neue Verantwortung und veröffentlich im März 2021, birgt erstaunliche Schwächen. Denn die Befragten können Werbung, Falschinformationen oder Meinungsbeiträge nicht oder nur schwer von seriösen Informationen trennen. Und schon feiern im Netz Alternative Facts und Fake News, Verschwörungstheorien und Aluhut-Geschwurbel fröhliche Urständ.

Die auf den Social-Media-Plattformen zähneknirschend eingesetzten Kennzeichnungen zu Desinformationen helfen auch nicht: Maximal ein Viertel der Befragten konnte diese Markierungen bei Facebook, Twitter oder YouTube richtig einordnen. Noch mehr Erkenntnisse zum Kopfschütteln gefällig? Bitte sehr. Mehr als ein Viertel (27 %) hielt die Anzahl der Likes und Kommentare für einen hilfreichen Hinweis auf die Vertrauenswürdigkeit einer Nachricht. Logisch. Die Seriosität eines Accounts bemisst sich ja direkt an der Anzahl der Follower. Und die Aussage „Jemanden online zu beleidigen kann über 1.000 Euro kosten“ erkannten nur 46 % als wahr, all anderen waren sich unsicher oder bezeichneten sie als falsch. Ne, is klar, ihr Hurensöhne.

Zu diesen Zahlen passt ein Befund von Prof. Dr. Maik Philipp von der Pädagogischen Hochschule Zürich, der ziemlich regungslos wahrgenommen wurde. Philipp  spricht nach der Auswertung einer Metaanalyse von einem klar bezifferbaren „Mediumseffekt“. Das heißt, der Wechsel des Lesemediums verändert das Leseverstehen. Und das ernüchternde Fazit lautet: Es gibt einen „Bildschirm-Unterlegenheitseffekt“. Eher geringer bei schöngeistiger Literatur, deutlich größer bei Sachtexten. Sprich: Dann, wenn ich mich im Internet über Themen informiere, bleibt weniger hängen als wenn ich mir das in gedruckter Form anschaue.

Zusammengenommen heißt das ziemlich eindeutig, dass mangelnde Medienkompetenz durch mehr Einsatz von digitalen Medienformaten nicht aufgewogen werden kann. Der Hang zur Oberflächlichkeit ist ein Makel, dem medienpädagogisch mit angepassten Lesestrategien begegnet werden muss. Zum Beispiel „Sourcing“ – gemeint ist hier „als lesende Person auch Informationen über die Informationen (Wer hat was warum und wie geschrieben und wie in Umlauf gebracht?)“ (Philipp) zu erkennen und zu nutzen. Oder intertextuelles Integrieren, das Verbinden von unterschiedlichen Inhalten aus verschiedenen Dokumenten/Medien. Der Mangel an diesen Strategien führt zu, siehe oben, der fehlenden Medienkompetenz. Also: Nach dem Nationalen Lesepakt als nächster Schritt ein nationaler Medienpakt. Um schon Teens beizubringen, dass das von unzähligen Influencern bejubelte SmileSecret Phonebleaching® für schlappe 119,- Euro beim chinesischen Onlinehändler wish schon für 9 Euro plus 5 Euro Versandkosten zu haben ist, aber genauso wenig bringt. Und Erwachsenen, dass RT.de selbsterklärend „eine autonome, gemeinnützige Organisation (ist)“ die, ja wer ahnt es bei dem Namen Russia Today, „die aus dem Budget der Russischen Föderation öffentlich finanziert wird.“

Und noch was: Die Social Media-Kanäle als sendende Medien endlich einer stärkeren Kontrolle unterstellt werden, was die inhaltliche Sorgfaltspflicht und die Nachverfolgung von Hass und Hetze angeht und in gleicher Weise die ordnungsgemäße Versteuerung der Werbeeinnahmen dort, wo sie er erzielt werden.

Neue Welt bei den Grimms

J: Wilhelm, hört mal, ich habe ein ganz wunderbares neues Märchen geschrieben.
W: Jacob, nur zu, ich bin ganz Ohr.
J: Also, es heißt Der Wolf und die ….
W: Der Wolf?
J: Ja, Der Wolf und die sieben …
W: Also DER Wolf?
J: Das hattet ihr bereits gefragt, ja.
W: Was für ein Wolf?
J: Ja, ein Wolf halt, vier Pfoten, buschiger Schwanz …
W: Ha! Ein binärer Cis-Wolf?
J: Ein was?
W: Ein Wolf, der als Wolf geboren und auch jetzt ein Wolf ist.
J: Was denn sonst? Also, Der Wolf und …
W: Und seine sexuelle Orientierung?
J: Das spielt jetzt in unseren Kinder- und Hausmärchen nun wirklich keine Rolle.
W: Gut. Wird der Wolf wegen seiner Fellfarbe ausgegrenzt?
J: Also, nicht dass ich wüsste.
W: Jacob, Achtung, wenn der Wolf jetzt psychisch belastende Erfahrungen gemacht hat, und Ausgrenzung ist bei Wölfen im Allgemeinen ja durchaus an der Tagesordnung …
J: Aber doch jetzt nicht wegen seiner Fellfarbe.
W: Wisst ihr das? Nein? Seht ihr, ihr unterstellt das einfach, das es nicht so ist. Vielleicht einfach nur wegen seines Wolfseins?
J: Tue ich nicht. Der Wolf und die sieben …
W: Aber wie der Wolf das wahrgenommen hast, das wisst ihr natürlich in keinster Weise.
J: Nein, tue ich nicht, dass ist für mein Märchen aber auch gar nicht so wichtig.
W: Ihr könnt das doch gar nicht wissen.
J: Was?
W: Ob das für den Wolf emotional von großer Bedeutung ist, wie er wahrgenommen wird, oder nicht.
J: (stöhnt auf)
W: Denn ihr seid ja kein Wolf.
J: Nein, ich bin nur der Grimm, nicht der Isegrimm.
W: Richtig. Deshalb vorneweg die Frage: Habt ihr einen Wilderness Reader über euer Märchen lesen lassen?
J: Einen was?
W: Wilderness Reader. Einer, der euer Märchen auf die Lebenswelt und das Gefühl von marginaliserten Wildtieren geprüft hat? Der selbst Wolf ist oder war oder welche kennt, die mit Wölfen verkehren und also weiß, wie Wölfe wirklich sind?
J: Äh, nein, warum?
W: Weil ihr nur so authentisch sein könnt und in dessen Lebenswelt erzählen, ihr als Nicht-Wolf. Ihr also nicht abwertend über ihn schreibst. So von wegen verschlagen, macht sich über wehrlose Tierkinder her, tötet mehr als er zur Nahrungsaufnahme wirklich braucht. Ihr wisst schon, typisches Wolfszeug eben.
J: Puh, also, eigentlich ist das schon der der Kern meines …
W: Was?
J: Na, sieben Geißlein.
W: Was? Alle?
J: Ja, bis auf eines.
W: Und das Ende?
J: Wolf tot.
W: Nein, auf keinen Fall. Das geht nicht. Da muss mehr gelebte Integration rein. Wolf und Geißlein gemeinsam am Tisch, beim Essen, was lecker vegetarisches, im Garten, tanzen um einen Brunnen, so was. Wirklich. Ihr müsst das überdenken, das mit dem Wolf.
J: Ja, ich setze mich noch mal ran.
W: Danke. Und schön, dass wir so offen darüber geredet haben. Das kann eurem Märchen ja nur gut tun! Es wird um ein vielfaches besser, seid euch dessen gewiss!

 

Der Super-Duper-Lese-Pakt

Hätte Kirsten Boie das so gewollt? Am Ende ihrer als Hamburg Erklärung bekannt gewordenen Petition forderte sie 2018: „für all diese Zwecke müssen jetzt genügend Mittel in den Haushalten ausgewiesen werden. Das Lesen darf nicht den derzeitigen (kosten)intensiven Bemühungen um die Digitalisierung der Schulen zum Opfer fallen. Unverbindliche Absichtserklärungen reichen nicht mehr aus. Deutsche Grundschulen müssen es schaffen, alle Kinder das Lesen zu lehren!“

Klarer kann ein Aufruf zum Handeln nicht formuliert sein. Jetzt, drei Jahre später, sieht das Handeln wie folgt aus: Am 3. März 2021 fand der Nationale Lese-Summit statt, als Auftakt zum Nationalen Lesepakt, initiiert von Stiftung Lesen und dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Politisch hochrangig besetzt. Verbunden mit großen Erwartungen. Verkündet Bildungsministerin Anja Karliczek den LesePakt Schule, mit der die Bundesregierung und der Bundestag die Leseförderung in den Grundschulen mit X Millionen/Milliarden fördern? Nein. Verkündet Britta Ernst, Bildungsministerin des Landes Brandenburg und amtierende Präsidentin der Kultusministerkonferenz 2021, die Bereitstellung von Mitteln in den Landesbildungshaushalten? Auch nein. Was wollt ihr denn? Ma-o-am?

Der Reihe nach. „Noch immer können zu viele Kinder und Jugendliche in Deutschland nicht richtig lesen. Mit dem Nationalen Lesepakt machen wir und 150 Partner darauf aufmerksam.“ verkündet die Stiftung Lesen begleitend auf Facebook. Ist das etwa schon allumfassend der Zweck des Lesepakts? Auf einen seit Jahren bekannten, aber nie behobenen systemischen Mangel hinzuweisen? Dafür dieser mediale Aufwand? Süffisant bemerkte der Deutschlandfunk-Redakteur Jörg Plath, einer der Wenigen übrigens, der die offiziellen Pressemeldungen nicht eins zu eins widergegeben, sondern sich kritisch dazu geäußert hat: „Man kann offene Türen mit größerem intellektuellem Aufwand einrennen.“

Vielleicht sagt ja Jörg F. Maas, der Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen, noch etwas Konkreteres. Ah, hier kommt‘s: „Mit dem Nationalen Lesepakt haben wir eine nie dagewesene und zukunftsweisende Allianz aufgebaut, die allem voran ein Ziel hat: Alle Kinder in Deutschland können lesen.“  Das erinnert schon sehr an den vorhin zitierten Satz von Kirsten Boie und an ihren Aufruf. So weit waren wir vor drei Jahren schon. Aber wie schaffen wir’s denn jetzt wirklich?

Bei der Suche nach den Handlungskrumen in der Ankündigungsprosa wurde vorübergehend die Nachrichtenredaktion des Deutschlandfunks fündig und sendete am 4.3. unter der Überschrift: „Ein Leseclub für jede Grundschule“: „unter anderem soll in jeder deutschen Grundschule ein Leseclub eingerichtet werden.“ Was in den Worten von Jörg F. Maas tags zuvor in einem SWR2-Interview hingegen so klang: „Es kann in Leseclubs sein, die wir uns für jede Grundschule in Deutschland wünschen.“ Ach so. Wünschen.

Was bleibt ist der virtuelle Zusammenschluss von 150 Partnern, von A wie Amazon bis Z wie ZVEI, dem Zentralverband der Elektroindustrie – die beide bestimmt ein ureigenstes Interesse an lesenden Menschen eint – für Bestellvorgänge einerseits und nicht mehr eigens nachzuschulende Auszubildende andererseits. Der Konsens liegt in einer von vielen Seiten bekräftigten Stärkung des keine finanziellen Mittel benötigenden Ehrenamts. Das ist mehr als eine Watsche für all die professionellen Lesepädagog*innen, die in Rektoratsvorzimmern abgewimmelt werden, weil sie an ihr Klassenstufen-Lesekonzept auch noch eine angemessene Honorarvorstellung anheften. Wo Oma und Opa doch einmal die Woche kostenlos zum Vorlesen vorbeikommen. Einfach mal da draußen nachfragen, woran es hakt.

Bleibt der Bereich Projekte auf der Webseite des Lesepakts, auf der Initiativen und Arbeitsbeispiele gebündelt sind und kurz vorgestellt werden, mitsamt link zu deren Internetauftritten. Als frei verfügbarer Ideenpool und Kontaktbörse. Immerhin.

Und so steuerte die Dramaturgie des Lese-Summits auf einen, nein, zwei Höhepunkte zu: Der Enthüllung zweier Anzeigenmotive. Ein Mädchen und ein Junge von hinten, gehüllt in ein Superwoman/-man-Cape, mit der Headline: „Lesen – eine wahre Superkraft“ Und darunter: „Lesen eröffnet uns die Welt. Und unseren Kindern eine gute Zukunft. Dafür machen wir uns stark.“ Ja, machen wir. Uns stark. Kostet ja auch nix.

Nachschlagen für 2,6 Mio. Euro

Der Corona-Lockdown geht uns allen auf die Nerven. Besonders betroffen: Schülerinnen und Schüler, die seit Wochen die Schulgebäude nicht mehr betreten dürfen. Während manche noch immer versuchen, auf eBay ein Faxgerät zu ersteigern, damit sie endlich die von ihren Lehrer*innen versendeten Arbeitsblätter aus der Schule ausdrucken können, brummt andernorts schon der Digitalunterricht. Naja, jedenfalls dort, wo Kinder zuhause die Möglichkeit haben, an schulischem Digitalunterricht teilzunehmen, die eingesetzten Tools zu verwenden und eine stabile Internetverbindung haben.

Ach, haben manche nicht? Wieso, es gibt doch den großen Digitalpakt, der die Digitalisierung der Schulen und damit auch der Schüler*innen vorangebracht hat? Oh, der Topf ist noch immer nicht zu mehr als 20 Prozent ausgeschöpft? Mmh. Da scheint noch einiges im Argen zu liegen. Ausgerechnet jetzt, wo digitaler Unterricht die einzige Möglichkeit ist, Kinder und Jugendliche nicht in einem Bildungsvakuum zu parken, aus dem sie später nicht mehr herauskommen.

Aber Nordrhein-Westfalen bzw. die Schul- und Bildungsministerin Yvonne Gebauer von der FDP hat reagiert. Greift jetzt rigoros durch. Knallt die Faust auf den Tisch und sagt: „Nicht mit mir!“. Holt 2,6 Millionen Euro aus der Schatulle und rettet damit die Allgemeinbildung. Denn unter ihrer Ägide sind die Schulen in Nordrhein-Westfalen „rasant digital“ ausgebaut worden. Vielleicht mit verstärkten Dämmschutz, damit man das ohrenbetäubende Fiepen der 56k-Modems jetzt nicht mehr in den Klassenzimmern hört. Fehlen noch die Lerninhalte. Also die digitalen Lerninhalte. Genau die hat Ministerin Gebauer jetzt geordert. Für 2,6 Millionen Euro für die nächsten drei Jahre.

Was sie bestellt hat? Das „Paket des Brockhaus Online-Nachschlagewerks“, das die „Enzyklopädie, ein Jugend- und Kinderlexikon“ und den Online-Kurs „Richtig recherchieren“ beinhaltet. Das war’s. Immerhin, eine Vorlese- und Übersetzerfunktion in 60 Sprachen ist auch dabei. Aber Lerninhalte? Ein Lexikon? Wohl kaum. Statt für die stolz herausgegebene Pressemeldung und die Begründung für den Kauf Lob einzusammeln, hagelte es Kritik, zum Beispiel von netzpolitik.org.

Denn gefühlt verbirgt sich in dem folgenden Pressemitteilungssatz ein grundlegender Widerspruch: „Damit Lernende eine Vielzahl von Informationen sicher bewerten können, brauchen Sie neben altersgerechten Einstiegsinformationen in übersichtlicher, konzentrierter und schülergerechter Form vor allem objektive Inhalte.“ heißt es. Ja, schon, aber wenn ich einen objektiven Inhalt von Brockhaus habe, muss ich selbst ja keine Bewertung anderer Informationen mehr treffen. Der ist gesetzt. Weil er objektiver ist als Inhalte auf Wikipedia? Oder Klexikon, dem Kinderlexikon im Netz? Denn transparent ist der Wissenspool, aus den Brockhaus schöpft, auch nicht. Es gibt eine siebenköpfige Redaktions- und Ressortleitung, die man auf der Webseite von Brockhaus um zwei Laptops herum drapiert „bei der Arbeit“ sieht. Was sie da tun? Recherchieren sie im Netz? Bei Wikipedia gar? Bestellen sie etwas bei Liferando? Man weiß es nicht.

Es geht also im Kern um zu vermittelnde Medienkompetenz, um Media Literacy. Ein Thema, ungefähr so klar umrissen und erfolgreich umgesetzt wie die Digitalisierung in Schulen. Junge Menschen, die überteuerten Plunder kaufen oder sich Schönheitsoperationen unterziehen wollen, nur weil Influencer mit Millionenreichweiten ihnen eine heile Welt vorgaukeln, die vielen Janas aus Kassel und anderswo, die auf Kanälen wie Telegram und Bitchute die einzige einzig wahre Wahrheit finden – die fängt man mit einem Brockhaus-Abo für Schulen nicht ein.

Stattdessen muss man neidlos anerkennen, dass die Brockhaus-Vermarktung bei den öffentlichen Bildungsträgern und dem Ministerium offenbar verfängt. Einmal Brockhaus, immer Brockhaus. Für den offenen und freien Umgang in unserer Wissensgesellschaft ein rückwärtsgewandtes Signal. Und ein viel zu teures obendrein.

No Hummel, no cry

Die Hummeln summten es von den Dächern: Nach dem Herbstprogramm 2021 ist Schluss mit der Hummelburg. Dem ein oder der anderen mag es bislang noch nicht aufgefallen sein: Hmhm, die Hummelburg war und ist noch immer der Kinderbuch-Imprint von Ravensburger. Quasi der urbane Ableger des oberschwäbischen blauen Dreiecks.

Immerhin. Das bei der Gründung im Jahr 2018 von Dr. Anuschka Albertz, Geschäftsführerin des Ravensburger Verlages, als Deadline für das Schreiben von schwarzen Zahlen postulierte „2020“ ist um ein Jahr übertroffen worden. Was aber nicht automatisch heißen soll, dass 2020 schwarze Zahlen geschrieben worden wären. Ein Ziel übrigens, das bei einer realistischen Eischätzung außerhalb von Ravensburg bei einem Programmstart im Herbst 2019 – also mit drei Programmen – eh nahezu unerreichbar war. Ebenso wie offenbar ein positives Ergebnis ein Jahr später. Das können dann selbst Plattitüden wie „Markus Niesen hat mit seinem Team großartige Arbeit geleistet und mit viel Leidenschaft den Hummelburg Verlag aufgebaut.“ nicht verschleiern. So wertschätzend verabschiedet werden auch Bundesligatrainer, wenn ihr Team auf einem aussichtlosen Abstiegsrang steht. Und als vermeintlich literarisches Aushängeschild im umkämpften Kinderbuchsegment gewann die Hummelburg eben auch keine Preise und Auszeichnungen. Womöglich der strategische Hintergrund für diese Entscheidung.

Spannender ist dagegen die Frage, warum manche jungen Verlage es am Markt offenbar erfolgreicher machen. Zum Beispiel Verlage wie Zuckersüß, ebenfalls 2019 gestartet, oder der Mentor Verlag. Sie nutzen die Sozialen Medien und ihre Webseite, um ihre Bücher direkt zu verkaufen. Interessanterweise beide mit ähnlich happigen Preisen von 24 € bzw. 24,90 € für ein handelsübliches Bilderbuch. In diesem Online-Geschäft spielt plötzlich das alte Subskriptions-Modell wieder eine Rolle. Lupita Nyong’o Bilderbuch Sulwe ist jetzt bei Mentor im Vorverkauf, geliefert wird am 29. März, pünktlich zu Ostern. Schlau gedacht, denn produziert wird größtenteils nur, was längst verkauft ist, und nicht fürs Regal in der Verlagsauslieferung. Aber auch die Inhalte sind sehr „social“. Ein Bilderbuch des berühmten Moderators und Comedians Jimmy Kimmel, Sulwe mit seiner schwarzen Heldin und einer Geschichte über „die Schönheit der schwarzen Haut“, wie die Gründerinnen des auf Vielfalt Wert legenden Onlineshops tebalu sagen, so was funktioniert in Communities und im Netz. Hummelburg? Hat nicht mal eine eigene Website.

Andere jüngere Verlage, die sich behaupten, sind zum Beispiel Mixtvison oder Klett Kinderbuch, aus unterschiedlichen Gründen. Mixtvision traut sich ebenfalls, mutig auf der Marketing-Klaviatur zu spielen und nutzt jetzt Tiktok als Kanal, um in der Zielgruppe der jungen Leser*innen Sichtbarkeit zu schaffen. Das Programm nimmt seinen Anspruch ernst, die Verlagsauszeichnungen für Titel und den Verlag an sich machen das deutlich. Und Klett hat sich ein ziemlich unverwechselbares Profil mit klaren Ecken und Kanten erarbeitet. Es gibt Bücher und Themen, die man blind Klett zuordnen kann, mit einer hohen Trefferquote. Und es gibt Bücher, die da halt nicht erscheinen, weil sie nicht passen. Hummelburg? Weder noch.

Das böse Wort aus der Ökonomie heißt Marktbereinigung. Wer sich nicht durchsetzen kann oder zumindest in einer Nische erinrichtet, der wird irgendwann geschluckt oder bereinigt. Dass Ravensburger es sich hätte leisten können, den emsigen Hummeln mehr Zeit zu geben, ist unstrittig. 20 % Umsatzwachstum 2020, „Kinderbücher, tiptoi® Produkte (…) waren besonders gefragt“, und „Zweistelliges Wachstum erzielte auch die Kinder- und Jugendliteratur“ sollte den nötigen finanziellen Spielraum geben. Aber nein, die unternehmerische Entscheidung ist eine andere, es gibt halt keine Rot-Schwarz-Schwäche in Ravensburg. Das kleine Insektenhotel in Hamburg leert sich nun. Summ.

Sie sind festgenommen!

Herrlich, es geht schon wieder weiter! Wohlmeinende Weltverbesserer mit selbsternannter journalistischer Deutungshoheit sagen der deutschsprachigen Kinderliteratur, was sie zu tun und zu lassen hat. Das funktioniert immer nach dem gleichen Muster: Aus meiner eigenen Lebenswirklichkeit heraus betrachtet fehlt etwas Fundamentales, was zwingend in Kinderbüchern abgehandelt werden muss. Skandal! Ergänzt von mir gerne mit dem Verweis, dass es das andernorts auf der Welt schon irgendwie gibt. Und daruntergelegt ein Subtext, der sämtlichen Kinderbuchmacher*innen hierzulande Schnarchigkeit, Gestrigkeit und bewusstes Ausblenden der Wirklichkeit unterstellt.

Neuestes Versäumnis: Die Polizei. Dargestellt nicht als klischeehafte Freunde und Helfer und „Igelretter“, sondern wie sie wirklich ist. Nämlich als „Knüppelgarde“, von rechtsradikalem Gedankengut unterwandert, rassistisch. Oder wie von Daniel Gerhard in der ZEIT vom 3.1.2021 etwas ZEIT-gemäßer formuliert: „Kindergerechte Erklärungen zur exponierten Position der Polizei, zu ihrer Fehlbarkeit und der Angst vor polizeilicher Willkür und Gewalt, mit der vor allem nicht-weiße Kinder aufwachsen, fanden lange Zeit gar nicht statt.“ Nachdem vorher genüßlich Beispiele wie ein Band aus der bei Magellan erschienenen Serie Die Haferhorde mit dem Titel Eins, zwei, Ponyzei von Suza Kolb und Nina Dulleck und die Ravensburger-Sachbücher Alles über die Polizei (empfohlenes Lesealter 4 – 7 Jahre)  und Die Polizei – Wieso, weshalb, warum? (empfohlenes Lesealter 2 – 4 Jahre) aufgezählt wurden, schließt sich nahtlos an, dass drei Psychologinnen aus Atlanta diesen Zustand nicht mehr tragbar fanden. Also den in den USA. Und ein Buch dazu geschrieben haben.

„Die deutsche Situation unterscheidet sich nun natürlich deutlich von jener in den USA“ heißt es weiter. Macht aber nix. Könnte man trotzdem so übernehmen, im Kinderbuch, findet Daniel Gerhard. Denn weiter schlussfolgert er messerscharf, „Die Gegenwart gehört hierzulande aber weiterhin scheinbar neutralen Erklärbüchern und den Abenteuern der Ponyzei. Dieses Bild zu differenzieren, müsste auch in Kinderbüchern möglich sein.“ Nun ja, ist es doch. Mal sind es Ponys mit Polizeimützen, mal uniformierte Menschen mit allerlei Gerätschaften am Körper und in der Garage. Mal heißen sie Dimpfelmoser. Das ist differenziert.

„Auch gibt es keine aktuellen Veröffentlichungen, die Polizeiarbeit aus der Alltagswirklichkeit von Kindern in Deutschland kritisch thematisieren.“ Was genau aber versteht Daniel Gerhard unter Alltagswirklichkeit von Kindern im Zusammenhang mit Polizeiarbeit? Diese nicht ganz unwichtige Antwort bleibt er schuldig. Denn die ersten Erfahrungen mit Polizisten machen Kinder in der Regel im Grundschulalter, bei der Fahrradprüfung. Aber was gibt es da bei der Rechts-vor-Links-Regel – haha! – und Fahradklingeln kritisch zu thematisieren? Denn dass vor dem Grundschultor von SEKs gemäß eines angewandten Racial Profiling willkürlich Schulranzen durchsucht werden, ist mir unbekannt.

Ach egal, steile Thesen reichen, um nervös-aufgebrachtes Kommentieren (nach fast 24 Stunden 325 Kommentare, alle Achtung) zu entfachen. Und ein Kommentar gibt schon den Ausblick auf die Lücken vor, derer sich die Kinderbuchwelt in Zukunft noch annehmen muss. „… tötende Pfleger, vergewaltigende Pfarrer, lügende Politiker, verirrte Forscher usw. Und vergessen wir nicht, auch Journalisten sagen/schreiben nicht immer die Wahrheit, siehe Fall Relotius.“ Da muss man schnellstmöglich reagieren – vielleicht mit:

Uwe Mark Klingeling: Der Tag, an dem ich Oma eine Überdosis verabreichte

Band 1 von Die Soutanenhorde: Her mit den kleinen Ministranten!

Eva Hermans Erstlesebuch Angela, Helmuts Reptiloiden-Mädchen

Karl-Theodor zu Guttenberg: Die Grundschultechnik wissenschaftlichen Arbeitens

Claas Relotius: 1000 Places to google before you write

Feuer frei! von Grisu, dem kleinen Drachen

Und natürlich die neuen Sachbücher bei Ravensburger, Wirklich alles über die Polizei und Die Polizei – Wieso? Weshalb? Weg damit?, geschrieben selbstverständlich nur noch von Hengameh Yaghoobifarah. Ham wir’s jetzt?

Kennste? Kennste die? Musste kennen! (wird stetig aktualisiert)

Die klassische Biografie, das ist Oma-Kram zur Firmung. Ein ganzes Jugendbuch zu einer einzigen Person kann ja nur langweilig sein. Wie diese Alois Prinz-Schinken. Sich mit Menschen unterhalten, Zeitzeugnisse studieren, schon veröffentlichte Biografien heranziehen, boah, wie mühsam. Geht das nicht auch snackable? Zackzack und fertig? Was anlesen und Wikipedia? Wenig Text und schmucke Porträts? Ja, na klar. Und schon ist der Trend fertig. Kennste? Haste schon bemerkt? Siehste!

Es ging 2017 los, mit Good Night Stories for Rebel Girls.100 außergewöhnliche Frauen gefolgt von mehr außergewöhnliche Frauen (2018) und 100 Migrantinnen, die die Welt verändern (2020), alle Bücher von Elena Favilli, alle übersetzt und bei Hanser erschienen. Da kommen in Band 1 Frauen vor wie Angela Merkel, Coco Chanel, Frida Kahlo, Jane Goddall, Malala Yousafzai und Kleopatra. Im zweiten Ellen DeGeneres, Hillary Clinton, Madonna und Sophia Loren. Und im Migrantinnen-Band Hannah Arendt, Josephine Baker und Rihanna.

Frauen-Power, das geht auch andernorts. Wie die 100 Frauen, die die Welt verändert haben der englischen Autorin Stella Caldwell u.a. bei DK, auch 2018. Mit Porträts von Angela Merkel, Anne Frank, Malala Yousafzai, Coco Chanel und „Top-Königinnen“ wie Kleopatra und Königin Viktoria. Die Luschen-Königinnen fielen aus Platzgründen raus.

Oder Power Women. Geniale Ideen mutiger Frauen. der englischen Autorin Kay Woodward, erschienen 2018 bei ars edition. Da haben wir, ja hoppla, neben Kleopatra, Malala Yousafzai, Emma Watson auch eine Präsidentengattin wie Michelle Obama mit dabei. Aber Fraun sind nicht nur mutig, sondern kommen auch rum. Wie Adventure Girls. 14 rebellische Frauen erobern die Welt, von der englischen Autorin und Illustratorin Kari Herbert bei C.H. Beck, mit Frauenporträts von Isabelle Bird bis Freya Stark.

Für Mädchen? Da muss auch was für Jungs her. Stories for Boys who dare to be different. Geschichten, die dein Leben verändern von Ben Brooks, aus dem Englischen übersetzt und bei Loewe (2018) erschienen, reichen von Barack Obama über Steve Jobs bis Ralph Lauren und Ai Weiwei. Gefolgt von More Stories for Boys who dare to be different. Geschichten, die dein Leben verändern (2019), die Sokrates, Kylian Mbappé und Ed Sheeran zwischen den Buchdeckeln zusammenwürfeln.

Ohne Geschlechtertrennung kommt Cordula Thörner aus. Von Mozart bis Malala. Viele faszinierende Persönlichkeiten, die jeder kennen sollte. erschien bei Carlsen (2018). Neben den genannten tauchen auch Steve Jobs, Jane Goddall, Coco Chanel und Anne Frank auf. Und selbstverständlich Angela Merkel. Nicht zu verwechseln mit Megan Markle. Kommt später noch.

So, Mädchen hatten wir, Jungs auch, beide Geschlechter sowieso – fehlen nur noch, ja, Kinder! Genau: Stories for Kids who dare to be different. Vom Mut, anders zu sein., stammt auch von Ben Brooks, erschien bei Loewe (2019). Jetzt ist auch sonst alles egal, wie die Auswahl von Björk, Papst Franziskus, Werner Herzog und den Edelweiß-Piraten in einem Buch zeigt.

Aber man muss nicht erst alt oder tot sein, um die Welt zu verändern. Kann man auch schon in jungen Jahren. Eben Power Kids. 25 junge Weltveränderer. von der schon erwähnten Stella Caldwell, erschienen bei ars edition (2020). Mit Greta Thunberg, Malala Yousafzai, Felix Finkbeiner und Anne Frank. Ganz ähnlich klingt Rise up! Außergewöhnliche Lebensgeschichten von starken Kids von Amanda Li, aus dem Englischen übersetzt und erschienen bei Arena (2020), mit Porträts von Greta Thunberg, Malala Yousafzai, Emma González,  Louis Braille und Frida Kahlo. Im Februar 2021 folgt noch Kinder verändern die Welt bei EMF, von Jenny Strömstedt, aus dem schwedischen übersetzt, mit Porträts von Greta Thunberg, Malala Yousafzai, Louis Braille, Anne Frank. Oder Young Rebels. 25 Jugendliche, die die Welt verändern von Christine und Benjamin Knödler (Hanser 2020), mit Greta Thunberg, Malala Yousafzai, Felix Finkbeiner, Emma Gonzáles, Louis Braille. Was sich rein optisch ziemlich an die Erfolgsreihe der Good Night Stories anschmiegt. Oder Stories for Future – 13 Jugendliche, die etwas bewegen der italienischen Journalistin Viviana Mazza, bei dtv junior (2020) mit Greta Thumberg und Emma Gonzalez zum Beispiel.

Fehlt noch was? Wurde nicht schon alles verlegt, aber noch nicht von allen? Siehste! Geht noch was! Young Heroes. 100 inspirierende Menschen, die du kennen musst der italienischen Journalistin Gilda Ciaruffoli  im März 2021 bei Edel Kids. Das Knüller-Verkaufsargument: „Mit vielen bekannten Namen (Greta Thunberg, Steve Jobs, Meghan Markle – nicht Angela Merke!, Jane Goddall, Bob Dylan)“, in der Vorschau erkennt man außerdem noch Coco Chanel, Mozart und Malala Yousafzai. 2018 reichten noch Persönlichkeiten, die jeder kennen sollte, jetzt sind es Menschen, die du kennen musst! Man merkt, der Ton wird rauer. Denn für die jungen gilt Wir machen Zukunft! von Julieta Cánepa und Pierre Ducrozet, aus dem Französischen übersetzt bei Gabriel, seit Februar 2021, mit Greta Thunberg, Felix Finkbeiner, Emma González und Malala Yousafzai. Im Magazinstil mit vielen Fotos. Noch was? Ja, natürlich, die kleinen Little People, big Dreams-Bücher bei Insel, von María Isabel Sánchez Vegara, übersetzt aus dem Spanischen. Statt alles in einem gibt es hier pro Person ein ganzes Büchlein. Wen es da schon gibt? Greta Thunberg, Hannah Arendt, Coco Chanel, Jane Goodall, Frida Kahlo und viele andere.

Was vergessen? Ach ja, diese hier: Queer Heroes: 53 LGBTQ-Held*innen von Sappho bis Freddie Mercury und Ellen DeGeneres und Frida Kahlo, geschrieben von der amerikanischen Bloggerin Arabella Sicardi, erschienen bei Prestel (2020). So viele Bücher, da braucht es endlich mal was zum Entspannen. Wie dieses Buch mit tollen Vorlagen hier: Powerfrauen häkeln von Yvonne Rapp, erschienen im Februar 2021 bei EMF. Coco Chanel, Kleopatra, Marie Curie, Frida Kahlo und natürlich Angela Merkel – insgesamt 16 tolle Häkelanleitungen für außergewöhnliche Frauen. Haben wir es jetzt? Siehste! Kennste! Kennste jetzt alle!

Ich weiß, zu weiß

Am 8. Oktober erschien auf der Seite Heimatkunde, dem migrationspolitischen Portal der Heinrich Böll-Stiftung, ein Beitrag über Schwarze Kinder, weiße Perspektiven und die Frage, wie divers die Kinderbuchbranche sei.

Die afrodeutsche Autorin Chantal-Fleur Sandjon ist Kommunikationswissenschaftlerin und Diversity-Trainerin. Seit 2019 co-leitet sie außerdem das Kinderliteratur-Projekt DRIN (Diversität. Repräsentation. Inklusion. Normkritik.) des Goethe-Instituts Finnland. Aha. Mal wieder einer dieser pauschalen Vorwurfs-Artikel, könnte man abwinkend sagen. Aber so einfach ist es nicht. Auch wenn der erste Satz des Vorspanns die Marschroute vorgibt: „Die deutsche Kinderbuchbranche steht an einem Wendepunkt.“ Hui, weniger groß und pathetisch kann man kaum starten. Aber zum Glück geht es differenzierter und differenzierender weiter.

Ausgangspunkt ist, wie so oft, die Feststellung der Marginalisierung des Individuums oder bestimmter Gruppen, die sich auch in einer Marginalisierung in Kinderbüchern widerspiegelt. Dem gegenüber reicht aber eine vermehrte Repräsentation dieser Gruppen allein nicht aus, wie der Illustrator Dapo Adeola es für den englischen Kinderbuchmarkt kritisch anmerkt: „Oftmals sind das aber Bücher, bei denen die Figuren wortwörtlich nur eingeschwärzt wurden.“ Ja, das mag auch für Titel hierzulande so zutreffen.

Gefordert wird eine Öffnung des Buchmarkts, denn es genüge nicht, wenn weiße Buchschaffende eingeschwärzte Geschichten imaginieren. „Dennoch bleibt es eine Annäherung an die eigentliche Erfahrung basierend auf dem eigenen Wissen, aber auch der eigenen Sozialisierung und den damit verbundenen Werten und Normen, Vorurteilen und Bewertungen. Weitere Perspektiven, die auf anderen gesellschaftlichen Positionierungen basieren, würden die deutsche Kinderliteratur nachhaltig bereichern.“

Aber all jenen, die das könnten, wird der Zugang erschwert bis verbaut. Als ein Beispiel wird die Autorin Andrea Karimé und ihre Erfahrungen angeführt. Ihr Buch King kommt noch, erschienen 2017 im Peter Hammer Verlag, ist eines der positiven Beispiele. Weil darin gezeigt wird, „was es bedeutet, von Flucht empowernd aus der marginalisierten Perspektive zu erzählen.“ Warum ist das so? Weil die Autorin sehr gut recherchiert hat? Poetische Wege gefunden hat, diese Fluchtgeschichte auch für jüngere Leser*innen zu erzählen? Spürbare Empathie für ihre Figur entwickelt hat? Oder weil sie eine „libanesisch-deutsche Autorin“ ist, in Kassel geboren, also als genau das angeführt wird, was ansonsten mit der Frage „Woher kommst du?“ als Alltagsrassimus gebrandmarkt wird?

Sie selbst behauptet über den Buchmarkt „Kinderbücher sollen diverser werden, die Menschen, die sie schreiben, aber nicht unbedingt. Von Forderungen, wie sie #ownvoices stellt, sind wir in der deutschen Kinderbuchbranche noch weit entfernt.“ Hinter dem Hashtag steckt der Ansatz, marginalisierte Autor*innen in der Kinder- und Jugendliteratur zu fördern und auf Bücher aufmerksam zu machen, in denen die marginalisierte Positionierung der Hauptprotagonist*innen die der Autor*in widerspiegelt. Sprich: Fluchtgeschichten von Flüchtlingen, schwarze Held*innen von PoC-Autor*innen und Illustrator*innen, Coming-out-Geschichten von Schwulen und Lesben usw.

Die Autorin spricht aber noch konkreter von der „Auseinandersetzung mit bestehenden strukturellen Ausschlüssen“, einem in der Verlagsbranche vorherrschenden Othering. Will heißen: Bestimmte Bücher und Menschen werden deshalb nicht verlegt, weil die Verlage sie bewusst ausgrenzen. Das wage ich sehr zu bezweifeln. (Ja, meine Glaubwürdigkeit in dieser Frage leidet sehr unter meiner Zuschreibung als alter weißer Cis-Mann) Ein Buchprojekt abzulehnen kann viele Gründe haben. Aber der, dass es sich zum Beispiel bei der Autor*in um eine PoC handelt, ist keiner. Aber sehr wohl kann es bei der Bewertung einer Geschichte ein trifftiger Grund sein, eine mögliche Leserschaft als zu klein anzusehen, egal, wie wichtig der Urheber*in der Inhalt sein mag. Das ist eine klare verlegerische Entscheidung. Die gilt zum Beispiel auch gegenüber vielen älteren Menschen, die ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen aufschreiben und gerne als Botschaft an die Enkelgeneration verlegt sehen möchten. Wozu es seltenst kommt. Ein Fall von Altersdiskriminierung? Oder nur die Erkenntnis, dass es in den meisten Fällen erzählerisch nicht reicht und die Nachfrage nicht gesehen wird?

Um eines klarzustellen: Menschen – und das meine ich allumfassend – dabei zu fördern, kinderliterarisch kreativ zu werden, ist wichtig. Hemmnisse abzubauen, die können persönlicher Natur sein, am Elternhaus liegen, und, ja, auch kulturell bedingt sein – nicht überall spielen Bücher und verschriftlichte Geschichten eine so große Rolle wie hier, auch. Verlage und etablierte Buchschaffende können das tun und tun das in Workshops, als Mentor*innen oder in Wettbewerben für Texte und Illustrationen durchaus. Aber auch da spielt die Qualität eine sehr große Rolle – eine Qualität, die für alle gilt, die Bücher veröffentlichen wollen. Literarisch. In den Illustrationen. In der Geschichte selbst. Wer sich diesem Wettbewerb und möglichen Absagen nicht stellen möchte, kann sein Buch trotzdem veröffentlichen: Im Selbstverlag, als Selfpublisher. Einen kleinen, aber feinen Verlag für eine oder mehrere Nischen gründen. Und damit Erfolg haben. Der grundsätzliche qualitativ literar-ästhetische Aspekt kommt mir in dieser gerne vorwurfsvoll geführten Diskussion oftmals viel zu kurz.

Kinderbuch aufräumen

Die anonyme Buchhändler*innen-Selbsthilfegruppe „Kinderbücher aufräumen“ trifft sich zu ihrer wöchentlichen Sitzung. Im Kreis sitzen, in vorschriftsmäßigem 1,50 m Abstand, A, B und C. A trägt einen Mund-Nasen-Schutz mit einem Pippi-Langstrumpf-Motiv, B mit Bob dem Baumeister und C mit Grisu. B’s Räuspern klingt gedämpft durch die Maske.

B: Schön, dass ihr trotz allem gekommen seid.
A: Gibt ja auch Erfolgsmeldungen.
C: In der Tat. Aber der Kampf ist noch nicht vorüber.
B: Genau. Wobei, in der letzten Zeit … Egal, schauen wir uns die letzten Ereignisse an und dann planen wir unsere weiteren Aktionen.
C: Wir reiten auf einer Erfolgswelle, jawoll!
B: So. Was haben wir alles erreicht?
A: Naja, nicht so viel bei Michael Ende und Jim Knopf.
B: Wieso?
A: Die weigern sich einfach, das N-Wort zu ersetzen. Das bleibt.
C: Was? Das ist noch drin? Heute noch?
A: Und soll auch drin bleiben. Sagt der Verlag. Mitsamt den klischeehaften Illustrationen.
C: Geht gar nicht. Das fliegt raus, hochkant.
A: Wobei, der zweite Film ja jetzt anläuft.
C: Mist.
B: Tja, schwierige Situation. Vertagen wir am besten. Sonst noch was?
A: Aktuell nicht.
B: So, kommen wir zu unseren nächsten Aufgaben. A, was steht an?
A. Ha! Die haben es wieder getan! 2013 haben wir Carlsen doch schon erwischt. Conni kriegte zu ihrem 15ten Geburtstag einen Amazon-Gutschein! Aber die Autorin Dagmar Hoßfeld hat das schnell geändert, in einen unverfänglichen Geschenkgutschein.
C: Ja, geht’s noch?
B: Und jetzt?
A: Juli Zeh! Die ist an der Reihe. Dabei hätten wir das zu Weihnachten so gut verkaufen können, Alle Jahre wieder, also Juli im Dezember quasi.
C: Wie, jedes Jahr?
A: Nein, so heißt das Buch. Alle Jahre wieder. Genau wie Carlsen, alle Jahre wieder. Das  steckt voller Werbung. Das müssen wir aufräumen. Nintendo zum Beispiel.
C: Super Mario sag ich nur! Ein italienischer Klempner! Von Japanern entwickelt. Das ist doch kulturelle Aneignung! Unmöglich sowas.
B:  C, ich bitte dich, reg dich nicht so auf.
A: Nutella.
C: Palmöl! Ferrero boykottieren, sag ich schon lange! Und jetzt so was im Kinderbuch! Die Kinder sollen sowieso nicht so viel Süßes …
B: Beruhige dich doch mal! Selbst der WWF stellt Ferrero mitlerweile ein gutes Zeugnis für sein eingesetztes Palmöl aus.
A: Ein riesiger Karton von Amazon Prime.
C: WAS? Auch noch Prime? Da hört sich doch alles auf. Sofort aufräumen. Und ausräumen. Alle Bücher von der Zeh. Und von Carlsen. Alle!
B: Ruhe jetzt!
C: Die hätte das doch anders schreiben können. Malefiz statt Nintendo. Wäre doch auch gegangen, vielleicht. Ein Brettspiel für jung und alt. Und eine vegane Möhrenstreichcreme anstelle der Schokopampe. Ist viel gesünder. Und statt dem Karton von Dings halt nur  Karton. Mindestens aus recycelter Pappe.
B: So ähnlich hatte ich mir das auch vorstellen können.
A: Ich weiß nicht, das ist ja schon sehr alltäglich, dass man so einen Karton bekommt.
C: Umso schlimmer! Man muss doch nicht alles nachmachen und Kinder auf die falsche Spur setzen. Retoure!
A: Gut. Und was ist mit dem neuen Steinhöfel?
C: Der auch noch? Echt jetzt?
B: Na, da sieht Rico, wie die schöne Cilly vom Hausbootdach mit einem Gewehr auf Enten schießt.
C: Sofort PETA anrufen, Greenpeace, WWF! Gewalt ist schon an sich scheiße, und dann auch noch gegen unschuldige Enten!
B: Aber die schießt doch nur mit Erbsen.
C: Tiefgekühlte? Etwa tiefgekühlte? Die sind steinhart! Fast tödlich!
B: Das steht da nicht so genau.
C: Unmöglich. Ich lehne das ab. Ist doch kein Vorbild. Ausräumen!
B: Den Andreas? Das ist jetzt aber …
A: So, auf dem Stapel liegt noch der Will Gmehling, Nächste Runde, wieder diese Bukowski-Familie.
B: Diese Familie, die sich so durchschlagen muss, mit wenig Geld, aber viel Zusammenhalt?
C: Und wo geht der Sohn hin zum Kakao trinken und Berliner essen? Nein, nicht zum Bäcker, zum Bioladen oder so, sondern in die Back-Factory! So ein Franchise-Ding von Deutschlands Mega-Bäkerei, in der es bestimmt zugeht wie in diesen Schlachthöfen, mit Leiharbeit und allem. Das lehne ich ab, raus!
B: Musst du denn immer alles so schwarz sehen?
C: Wer im Kleinen nicht anfängt, sag ich dir.
A: Dann habe ich die Stepha Quitterer, Weltverbessern für Anfänger.
B: Das klingt ja erst mal sehr empathisch.
A: Aber die Minna geht mit dem Basti und dem Christoph zu dem Betonhäuschen am Sportplatz und die rauchen Selbstgedrehte.
C: Was? Die sind doch höchsten 13? Das ist komplett verboten: Rauchen in der Öffentlichkeit. Und in Kinderbüchern. Katastrophe!
A: Und der neue Elsässer, Play. Die trinken beim Autofahren. Rauchen. Werfen sich Ecstasy-Pillen ein. LSD. Und ich bin erst auf Seite 80.
C: Ich kriege Schnappatmung. Sind die jetzt alle völlig durchgedreht?
B: Aber vielleicht machen das junge Menschen im richtigen Leben.
C: Von mir aus! Aber nicht in Büchern! Niemals! Ich bin raus!
(steht auf und stampft wutentbrannt nach draußen)
A: Und jetzt? Ich habe hier noch einen ganzen Stapel.
B: Du, ich weiß nicht. Wollen wir die Verlage nicht lieber mal daran erinnern, dass wir nicht 10 Meter Thekenplatz für diese ganzen Aufsteller haben? Stört mich auch immer.
A: Hast recht. Schreiben wir einen Brief?
B: Ja, so machen wir das.

He, Eltern, geht’s noch?

Die Vorlesestudie 2020 ist, wie jedes Jahr, eine Bilanz des Schreckens. Vorlesen ist ja irgendwie wichtig, aber die Gründe, es nicht zu tun, sind ellenlang. Und zum Teil hanebüchen. Was, zugebermaßen, auch an der gewollt so gewählten Stichprobe liegt. Die befragten Eltern sind formal weniger gebildet und repräsentieren einen höheren Migrantenanteil als die Durchschnittsbevölkerung. Und ja, die uralte Erkenntnis ist unerschütterlich, dass Bildung mit Lesen können und wollen korreliert.

Warum es mit dem Vorlesen nicht klappt, liegt an der eigenen Müdigkeit, an anderen Dingen, die zu tun sind und dem Gefühl, keine Zeit dafür zu haben. Aber nicht nur. Immerhin 31 % behaupten, das Kind will gar nicht vorgelesen bekommen, 27 % finden Vorlesen nicht so wichtig und 25 % altmodisch, weil man Kinder heutzutage mit modernen Medien beschäftigen kann. Dazu kommt noch der Umstand, dass grundsätzlich gar keine Bücher vorhanden sind. Oder nur sehr wenige, im Vergleich zu vorherigen Studien.

Und waren die Gründe fürs Nicht-Vorlesen schon wenig nachvollziehbar, so sind die fürs fehlende Buch noch doofer. „57 % aller befragter Eltern fänden es gut, wenn ihr Kind regelmäßig Bücher geschenkt bekäme, z.B. in der Kita, in der Schule, beim Kinderarzt, im Laden.“ Letzteres meint wahrscheinlich den Buchladen: „Können Sie das als Geschenk einpacken? Dann muss es bei ihnen doch nicht mehr bezahlen, oder? Ist doch jetzt ein Geschenk?“ Heißt im nächsten Schritt, ich Elternteil würde dann auch meinem Kind selbstverständlich aus den geschenkten Büchern vorlesen, so halt eben nicht, selber schuld. Und ich dachte ja bisher, Bücher schenken Eltern, Omas und Opas, Patentanten und -onkel. Aber nein, die sind ja jetzt für Steam-Gutscheine und das neue Handy zuständig. Und wie kommen Autor*innen und Illustrator*innen überhaupt auf die Idee, Honorare zu verlangen, wenn Bücher doch verschenkt werden?

Und „42 % aller befragten Eltern fänden es gut, wenn es in jedem Supermarkt gute Kinderbücher und -spiele gäbe.“ Daran arbeitet die Stiftung Lesen seit Jahren fleißig, indem sie ihr Siegel „Unterstützt von Stiftung Lesen“ auf Vorlesebücher pappen lässt, die bei Aldi Süd erhältlich sind. Ach ja, Aldi Süd gehört ja ebenso zum Stifterrat der Stiftung Lesen wie der Lingen Verlag, der diese Buchreihe produziert. Ein Schelm, wer …, aber darum geht es ja vordergründig gar nicht. Nein, Kinderbücher gehören nicht in den Supermarkt. Dafür gibt es eigene Läden. Mit Menschen, die beraten können. Oder Bücher besorgen, wenn es in einer anderen Sprache sein soll. Die Lösung ist eben nicht der Wühltisch mit Sonderangeboten.

Es ist ja auch nicht so, dass Eltern nicht wüssten, wo sie Bücher herbekommen. Selbst 71 % derjenigen mit einer anderen Muttersprache wissen, wo sie Bücher in dieser Sprache finden können. Die Schlussfolgerung ist ernüchternd und eher die: Sie wollen nicht. Und nun? Niederschwellige Angebote? Noch mehr Lese-Apps? Von Pharmafimen bezahlte Mitnahmebücher beim Kinderarzt? 4,99-Schlabberkrma in rosa und hellblau beim Discounter? Lieber nehme ich den Umweg übers Kind. Denn was ist langfristig erfolgreicher? Eine neue Social Media Kampagne der Stiftung Lesen? Oder der flehende Kinderschmollmund, der sich zuhause eine Vorlesegeschichte wünscht?

Darum macht es Sinn, die Erzieher*innenausbildung zu stärken. Da gehört Vorlesen, sich mit Büchern beschäftigen, Lesen im Sinne eines Vorbildcharakters essentiell dazu. Und das muss auch vor Ort in den KiTas gefördert werden. Mit einer Bilderbuchecke für die Kinder, in die regelmäßig neue Bücher dazukommen. Mit festen Vorlesezeiten. Damit, die Kinder bei der Buchauswahl mit einzubeziehen usw. usf. An dieser Stelle sehe ich noch jede Menge Potential. Denn auch unter den Erzieher*innen gibt es nicht wenige, die mit Büchern nicht so viel anfngen können. Und das darf nicht sein.