Befremdliche Botschaftsangehörige

Mit großer Spannung und Vorfreude, vergleichbar nur mit einer Papstwahl, begleite ich Jahr für Jahr die Auswahl der Lesebotschafter:innen der Stiftung Lesen. Wer hat sich im rtl-Dschungelcamp durch fehlende Allgemeinbildung aufgedrängt? Wo perlten die Fußballersprüche des Grauens in hingehaltene Mikrofone? Wer hat sich überraschenderweise mit einem Buch in der Hand in die Öffentlichkeit gewagt und gestammelt, ich halte das nur für einen Freund?

Am 24. Mai war es so weit, gleich drei neue Granaten der Leseförderung erhob die Stiftung Lesen in den Botschafterrang. Während der Einstellungstest des Auswärtigen Amts für Botschaftsanwärter als einer der schwierigsten gilt, hat die Stiftung Lesen ihre Ansprüche noch mal multifunktional abgesenkt. Anders ist es nicht zu erklären, dass mit Robin Goosens, Fußball-Nationalspieler, Thilo Mischke, Journalist, und Pietro Lombardi, Sänger, drei Menschen fürs Lesen werben, deren Weg zum Buch und zum Lesen ja irgendwie, naja, sehr unterschiedlich, also, ausgefallen ist. Der Reihe nach.

Thilo Mischke ist vielleicht nicht jedem bekannt. Als Journalist schrieb und schreibt er für viele größer Magazine, von VICE bis Focus und ZEIT. Macht Reportagen für TV-Magazine. Bekannt sind womöglich seine ersten Bücher. Sein harter Selbstversuch In 80 Frauen um die Welt (ja, die Assoziation stimmt) oder Wir, intim, Das Sexbuch. oder Die Frau fürs Leben braucht keinen großen Busen. – stört aber auch nicht. Und klar, als Journalist und Storyteller konnte er nur deshalb die Welt und die Frauen „entdecken, sie erleben, sie verstehen, weil ich schon als Kind die richtigen Bücher auf dem Nachttisch hatte.“

Und Robin Goosens konnte nur wegen der Nachttischlektüre seinen Offensivdrang über die linke Seite entwickeln? Äh, nein. Robin liest für seine „mentale Balance“, „um herunterzukommen“. Und Pietro Lombardi? Nach dem Erfolg bei Deutschland sucht den Superstar nun also Deutschland sucht den Superlesebotschafter. Denn Pietro ist mittlerweile öffentlicher Papa und will alle Eltern unterstützen, ihren Kindern „ein gutes Leben zu ermöglichen. Dazu gehört es auch, Lesen und Schreiben zu können.“ Wenn man was damit anfängt.

Aber eine persönliche Affinität zum Buch haben alle drei. Sie haben ja auch alle welche geschrieben. Ja, wirklich. Was bei Thilo ja noch als Teil des Jobs naheliegt, wird bei Robin und Pietro schon etwas komplizierter. Von Robin gibt es eine Spiegel-Bestseller-Biografie Träumen lohnt sich. Mein etwas anderer Weg zum Fußballprofi. Die natürlich nicht er geschrieben hat, sondern kicker-Redakteur Mario Krischel nach ausführlichen Gesprächen. Und der Blutgrätsche des Lektorats, das doch „bildhafter, szenischer, mitreißender“ zu schreiben. Was im Umkehrschluss heißt, die erzählten Geschichten von Robin waren gähnend langweilig.

Wer bei Pietro die ganze Arbeit macht, wird nicht verraten. Heldenpapa im Krümelchaos: Mein neues Leben über seine Rolle als Vater kommt ganz ohne Nennung eines Co-Autors oder Ghostwriters aus. Selbstgeschrieben? Tja, nicht auszuschließen, aber äußerst unwahrscheinlich. Ein Co-Autorin ist mit Nicola Anker aber an Bord seiner nun startenden Kinderbuchserie Dino Tino, Band 1 Dino Tino und das geheime Musikcamp, gefolgt von Dino Tino und das magische Lied der Elemente. Aber nicht zu verwechseln mit den längst erhältlichen Titeln Tino’s Abenteuer im Dinoland oder Tino auf dem Dino oder Mein Kuscheltier-Buch Tino, der Dino. Die haben mit Pietro und dessen Dino Tino nichts zu tun. Waren aber wie Herz und Schmerz reimtechnisch einfach zu naheliegend.

Aber es ist ja so: Die mittlerweile über 200 Lesebotschafter:innen sollen mit Gesicht und Namen und einem universellen Lesen-ist-wichtig-Statement für die gute Sache stehen. Das reicht. Und die Menschen ansprechen, die gerade nicht der aktuellen Uwe-Tellkamp-Debatte folgen. Wenn es nur so einfach wäre. Dann müsste man sich viel weniger Gedanken um die Lesefähigkeit von Kindern wie Erwachsenen machen. Muss man aber trotzdem. Immer mehr.

Pantoffelschnecke statt Transgenderideologie

Die amerikanische Pantoffelschnecke ist ein interessantes Lebewesen. Sie ist ein Hermaphrodit, also ein Zwitter – wie viele Schneckenarten. Das Besondere: jung trägt sie männliche Geschlechtsorgane, als älteres Tier weibliche. Sie wechselt das Geschlecht also ganz alleine, ohne Gesprächskreis am queeren Stammtisch oder dem medialen Brainwash durch Genderideologie. Verrückt!

Bei Menschen ist hingegen alles eindeutig. Behaupten zwei Initiator:innen und eine ganze Reihe von sie unterstützenden „Wissenschaftlern und Ärzten“, die in einem offenen Beschwerdebrief fordern: „Schluss mit der Falschberichterstattung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks!“, eine Rückkehr zur biologisch begründeten Zweigeschlechtlichkeit und eine Abkehr von der „‘queeren‘ Transgenderideologie“. Insbesondere in den Angeboten für Kinder und Jugendliche von ARD und ZDF.

So steht es in einem vielbeachteten WELT-Artikel vom 1.6.2022 mit dem Titel „Wie ARD und ZDF unsere Kinder indoktriniern“ (leider hinter der Bezahlschranke). Und um die Seriosität zu untermauern, hinterlegt mit einem 50-seitigen Dossier „Ideologie statt Biologie im ÖRR“, zusammengetragen von den beiden Initiatorinnen und fünf weiteren Unterstützer:innen. Was daran falsch ist? So ziemlich alles.

Ausgangpunkt ist „die Falschbehauptung, es gäbe nicht nur ein männliches und weibliches Geschlecht, sondern eine Vielfalt von Geschlechtern bzw. Zwischenstufen zwischen Mann und Frau. Der klar umrissene Begriff des Geschlechts, (…)  wird vermengt mit psychologischen und vor allem soziologischen Behauptungen, mit dem Ergebnis, dass konzeptionelle Unklarheit entsteht.“ Da ist nicht nur die amerikanische Pantoffelschnecke ob der vermaledeiten Unklarheit erschrocken.

Dieser pseudowissenschaftliche Bauerntrick funktioniert immer noch: Ich nenne den Kern meines Anstoßes einfach mal ohne jeden Beleg und Begründung „Falschbehauptung“, fertig. Indem ich eine soziale Konstruktion von Geschlecht (Gender) verneine und auf einer rein biologischen Definition (Sex) beharre, läuft meine Argumentation von ganz alleine. Weil eben alles, was meiner Argumentation nicht folgt, falsch ist, eben mediale „Falschberichterstattung“.

Daraus ergeben sich wie von selbst die vier ausgeführten Kritikpunkte: Die Berichterstattung sei nicht unabhängig oder sachlich (weil sie nicht der Argumentation der Aufrufenden folgt?). Behauptungen werden nicht auf Wahrheit und Herkunft geprüft (der Wahrheitsbegriff ist an dieser Stelle komplett unwissenschaftlich, weil nicht erkenntnisoffen). Objektivität und Unparteilichkeit werden missachtet, wenn Abbildungen und Handreichungen der Trans-Verbände verwendet werden (also beim Wort am Sonntag zukünftig keine Bibelzitate mehr?) Und mit der Berichterstattung findet eine Frühsexualisierung statt (Tipp: Einfach nicht hinsehen, wenn man damit ein Problem hat, was im Übrigen ausnahmslos für Erwachsene gilt, während Kinder dem sehr gut und interessiert folgen, wenn sie das wollen und man sie lässt)

Sieht man sich das Dossier genauer an, dann vermischen sich diese vier Punkte ein ums andere Mal, und selbst die zeichnerische Abbildung von „Intim-Frisen“ bei Frauen und Männern (na, das ist doch schön zweigeschlechtlich aufgereiht!) wird als Einreißen von Schamgrenzen und Verlust von Intimität abgewertet. Auch das Thema „Pinkeln beim Duschen“ (in Brasilien der Aufruf einer Umweltschutzorganisation, um Wasser zu sparen) wird als Beleg für äußerste Schamlosigkeit angeführt.

Was weiterhin nervt? Das aufgesetzte Glaubwürdigkeitsfishing mit der Auflistung „Wissenschaftler und Ärzte“. Ein Professor für aquatische Ökologie? Ein Professor für theoretische Physik? Eine Tierärztin und Professorin für Mikrobielle Immunologie? Ein Anästhesist? Ein Musikpädagoge? Das erinnert fatal an die selbsternannten Küchentischvirolog:innen, die als Telegram-Expert:innen mit fatalem Falschwissen und kruden Behauptungen die Querdenkerszene befeuert haben.

Und die zwei Initator:innen sind seit Jahren schon unermüdlich als ideologische Kämpfer:innen gegen den „Genderwahnsinn“ im Einsatz: Dr. Antje Galuschka, Grüne aus Ostholstein (quasi deren Boris Palmer der Transgender-Fragen) und durch ihr Biologie-Promotionsthema „Struktur-Funktions-Beziehungen des Mycoplasma arthritidis Superantigens“ gleichermaßen legitimiert wie Rieke Hümpel, Biologin, PR-Fachfrau und Autorin („Die Autorin Rieke Hümpel eckt mit gender-kritischen Diskursen an – dabei geht sie wissenschaftlich vor“ heißt es in der Ostsee Zeitung zu dem Artikel „Gendern macht mir Angst“, ohne zu erklären, was daran wissenschaftlich sein soll), die sich in der WELT Artikel um Artikel an allem abarbeitet, was ihr Angst macht.

Und natürlich sind die Initiator:innen stolz auf das Medienecho: „Die Transqueeristen taten, was sie immer tun, sie jammerten lauthals. Zahlreiche, eher konservative Medien stimmten zu. Konservative bis rechtskonservative oder christliche Websites und Onlinemagazine stimmten lobend zu.“ Ist das wissenschaftlich? Und nicht ideologisch? Oder einfach nur dummdreist?

Wer den Roald nicht ehrt ist den Dahl nicht wert

Es ist nicht unüblich im Verlagsgeschäft: Erben eines Autor:innenwerks, deren berufliche Qualifikation in der Regel nichts mit der Profession des beerbten Eltern-/Verwandtschaftsteils zu tun hat, freuen sich über einen steten Geldfluss aus verkauften Büchern. Nun gilt deren hauptsächliches Bestreben, ungeachtet jedweder Gesetze des Marktes und des Vergessenwerdens, diesen Geldfluss so breit wie möglich zu halten. Und während sich Autor:in und Hausverlag darüber noch gerne austauschten, tauschen die Erben stattdessen eher aus: Den Verlag.

Nun auch bei Roald Dahl. Dessen Werk für Kinder und Erwachsene seit Jahr und Tag bei Rowohlt verlegt wurde (ja, ich bin etwas parteiisch, weil ich drei Jahre lang bei Rowohlt gearbeitet habe). Und 2016, zu seinem 100sten Geburtstag, letztmals in neuer Ausstattung erschienen ist: „Die Bücher machen Lust aufs Lesen, zumal alle Manuskripte von ausgezeichneten Übersetzern ins Deutsche übertragen wurden wie Inge M. Artl oder Sybil Gräfin Schönfeldt. Die Illustrationen stammen aus der Feder von Sir Quentin Saxby Blake. Sie sind echte Klassiker, haben aber nichts vom Charme und Humor des britischen Cartoonisten und Kinderbuchautors verloren. Durch Ihre Ausstattung sind die Bücher auch das Richtige für Bibliophile. Mit Hardcover, Halbleinen, Vor- und Nachsatz, Kapitalband, rundem Rücken und schönem Papier fassen sie sich einfach gut an.“ schwärmt Gernot Körner in der Literaturgarage. Das reicht den Erben aber nicht.

Nachlassverwalterin ist Dahls Witwe Felicity. Mit dabei ist auch die Enkelin von Roald Dahl, Sophie Dahl, und die gehört auch zu keinem verarmten Familienzweig. Verheiratet mit dem Musiker Jamie Cullum und Model unter anderem für Yves Saint Laurent hat sie eine eigene Karriere auch als Autorin und TV-Star hingelegt. Was sie aber nicht davon abhält, für die Erhaltung des Arbeitsplatzes ihres Großvaters Roald, einem ziemlich unscheinbaren Gartenschuppen, den stolzen Betrag von 500.000 Pfund sammeln zu wollen. Ist ja logisch: Der stete Geldfluss soll nicht durch unvorhergesehene Ausgaben ins Stocken geraten. „Eine absurd reiche Familie, die um Geld für seinen Nachlass bettelt – das klingt wie eine verschollene Geschichte Dahls, witzelte damals der Schauspieler Nicholas Pegg. Das wiegen auch die 10 Prozent der Einnahmen nicht auf, die für wohltätige Zwecke gespendet werden.

Anfang des Jahres also die Ankündigung, dass das Werk von Roald Dahl den Verlag wechselt, von Rowohlt zu Random House. Und der Preis ist bestimmt heiß. Denn erst 2021 hat Netflix die Roald Dahl Story Company und damit alle Film-, Fernseh- und Aufführungsrechte weltweit gekauft, für kolportierte 500 Millionen Pfund. Eine Serie zu Charlie und die Schokoladenfabrik und eine Adaption des Musicals von Matilda sind schon in der Mache.

Entsprechend hoch wird die Ablösesumme für die Buchrechte gewesen sein. Es ist wie bei Profi-Fußballern: Der Vertrag läuft aus, der Spieler kommt auf dem Markt. Entweder er unterschreibt einen neuen Vertrag beim alten Verein/Verlag, und es fließt reichlich Handgeld für die Unterschrift, oder ein anderer Verein/Verlag kommt mit einem besseren Vertrag um die Ecke und einer satten Unterschriftsprämie. Gerne mal als einsame Entscheidung der Verlagsspitze getroffen, und die überrumpelten Trainer/Lektorate müssen dann sehen, wie sie, nach dem Moment des in die Ecke Kotzens, das Gesamtpaket irgendwie erfolgreich machen. Oder jedenfalls so, dass es sich halbwegs rechnet. Was meist aussichtslos ist.

Denn diese Erben-Pakete aufzukaufen ist wie eine Wohnungsentrümpelung: Für die drei lohnenden Stücke muss man auch noch den unverkäuflichen Klumpatsch mitnehmen. Oder braucht jemand wirklich noch oder wieder Der Pastor von Nibbleswick? oder Die Giraffe, der Peli und ich? Und vielleicht liegt in diesem leisen Zweifel, ob Roald Dahl heute wirklich noch der attraktive Autor ist, auch die Entscheidung begründet, sein Werk von Sabine Ludwig und Andreas Steinhöfel neu übersetzen zu lassen. Denn betriebswirtschaflich wäre es allemal günstiger gewesen, die Nutzungsrechte der vorhandenen Übersetzungen einzuholen denn Neuübersetzungen zu beauftragen. So aber lässt mit diesen beiden Namen, bekannt als Autor:innen und Übersetzer:innen gleichermaßen, trefflich werben.

Was mich daran stört? Dass hier viel Geld gebunden wird, das für andere Bücher/Autor:innen/Übersetzer:innen/Illlustrator:innen nicht mehr zur Verfügung steht. Was hier verbrannt wird, ist andernorts nicht mehr da. Und das ist schade für aufregende neue Dinge und den Roald Dahl von morgen. Den es zu entdecken gilt anstatt am alten herumzupolieren.

Die Hölle des Löwen

Maschmeyer, Carsten? Ist das nicht dieser steife Anzugtyp mit dem oberammergauer Holzschnittgesicht aus der Unternehmer-Casting-Show Höhle der Löwen? Der mit der Schtonk-Vroni Veronica Ferres verheiratet ist? Und der sein Vermögen gemacht hat als „der Aussätzige der unbeliebten Drückerkolonne AWD“, wie die Financial Times vor Jahren schrieb? Na klar, das sind doch beste Voraussetzungen dafür, ein richtig wichtiges Kinderbuch zu schreiben. Liegt ja in der Familie.

Während Veronica Ferres sich gattinnenhaft ums ehrenamtliche Engagement kümmert und vor Jahren mit Fass mich nicht an und Nein, mit Fremden geh ich nicht zwei Bücher gegen sexuelle Gewalt geschrieben hat, um damit den Münchner Verein Power Child e.V. zu unterstützen, unterstützt Maschmeyer vor allem eines: sich selbst. Denn wer es durch den dezenten Hinweis im Rückentext von seinem ersten Kinderbuch Die Start-up Gang „…von Investor und Höhle der Löwen-Star Carsten Maschmeyer“ noch nicht verstanden hat, der wird spätestens auf Seite 18 nochmals darauf hingewiesen. Wenn er nicht schon im Steckbrief von Gangmitglied Carl beim Eintrag: „Das tollste Buch: Die Millionärsformel“ den dezenten Hinweis auf dessen Ma(s)chwerk für den „Weg zur finanziellen Unabhängigkeit“ bemerkt hätte. Was Teenies in der Mittelstufe halt privat so lesen.

Worum geht es? Um einen „Mann in Cowboystiefeln, eng anliegendem Desingeranzug und Nickelbrille“ der zum Projektwochenstart im Klassenzimmer steht. Na klar, wär käme nicht sofort drauf, dass das a) kein Lehrer sondern b) ein „Hipster“ und c) ein Gründer mehrerer Unternehmen ist. Der den Bratzen jetzt mal in schickem Marketing-Denglish beibringt, wie das upstarten mit einem Start-up funktioniert. Da wird gepitcht und gemerget, Rapid Prototyping betrieben und das Concept geprooft. Und aus den extrem rapid geprototypten, multikulturellen Scherenschnittkindern werden flux erfolgreiche Unternehmer:innen. Denn am Ende steht wie immer der Exit: Im Handumdrehen haben die vier Siebengescheiten ihr kleines 3-D-Druck-Imperium von personalisierten Computermäusen und Online-Game-Figuren für 30 Millionen verkauft und feiern das standesgemäß mit knallenden Kindersektkorken. Jippie! Jetzt die Schule schmeißen, nie mehr arbeiten und dann einmal im Jahr für die Projektwoche ins Klassenzimmer zurückkehren. Wenn das mal keine verheißungsvolle Karriere ist.

So, sagt Onkel Carsten den verzogenen Gören da draußen, vergesst also eure Influencer-Kacke mit den Filmchen und dem Follower-Hinterhergehechle, werdet einfach eine Start-up-Gang und stinkreich, fertig. So wie ich! Dann muss ich ein solches Buch nicht mal selber schreiben, sondern bin mit einem Vor- und einem Nachwort rapid fertig. Den Rest macht der Axel Täubert, der schreibt als Hobby Kinderbücher, wenn er nicht gerade für die Firma Google arbeitet oder, verrückt, Start-ups beim Wachsen hilft. Und der Frank Griesheimer, echt jetzt?, hat als Lektor dieses Werk hoffentlich vor dem allerschlimmsten bewahrt.

Als nächste machen der Maschi und der Axel dann mal einen funktionierenden Businessplan für Die Duftapotheke und verscherbeln die Die Glücksbäckerei an die Harry Brot GmbH, denn da ist ja noch viel Blauäugigkeit im Kinderbuchgewerbe, wo Ideen und knallhartes Unternehmertum gefordert wären.

Auch wenn kein Kind dieses Maschmeyer-Buch braucht oder verdient, die kleinen BWLer-Eltern in mittlerer Laufbahn, aber ohne jede Start-up-Idee, haben ihm immerhin Einstiegsplatz 9 auf der Spiegel-Bestsellerliste Jugendbuch verschafft. Und im Herbst kommt noch mehr: Dann erklärt Tobias Klostermann, Vorstand der ecoblue AG Vermögensberatung, bei Hanser Kindern: Wie werde ich reicher als meine Eltern? Indem man ihnen mit waghalsigen Anlagen, schwindelerregenden Profitaussichten und dürftigen Kinderbüchern das Geld aus der Tasche zieht. Wetten, dass das funktioniert?

Die Nacht des lebenden Toten

Der ein oder andere wird sich noch an ihn erinnern, an den Mann mit dem Mao-Gedächtnis-Anzug, der, nett gesagt, äußerst meinungsfreudig jede Kinderliteraturtagung und jede Debatte der 1990er Jahre mitgeführt hat. Der über Jahre hinweg die Internationalität des Deutschen Jugendliteraturpreises als Staatspreis kritisiert hat, starr festhaltend an dem schon in JuLit 2/1998 veröffentlichten Aufsatztitel: Deutsche Kinder- und Jugendliteratur im Abseits. Gemeint ist Dr. Wolfgang Bittner.

Sein letztes Jugendbuch erschien 2007 im Laetitia Verlag, Flucht nach Kanada. In die Tat umgesetzt hat Wolfgang Bittner den Titel nicht, er ist noch da. Und publiziert. Oder gibt Interviews. Zum politischen Tagesgeschehen. Zum Beispiel 2015 im russischen Staatsfernehen Rossila 1, vorgestellt als Dichter und Denker, produziert von RT, Russia Today (auf YouTube auffindbar). Dort berichtet er, wie die Nato und die USA die westdeutschen Medien infiltrieren, damit die „nichts negatives und kaum etwas kritisches“ über sie sagen. „Die deutschen Medien … lügen zum Teil auch und verdrehen die Tatsachen.“ meint er. Die Annexion der Krim sei eine Sezession gewesen, die sich aus freien Wahlen ergeben hätte. Und dann prangert er Hollywood an mit „diesen furchtbaren Filmen, in denen Konfliktlösungen mit Schießen, Stechen, Hauen vor sich gehen.“ Und die den Menschen auf der Welt etwas sehr Aggressives vermitteln. „Auch da muss sich ein Mentalitätswechsel vollziehen.“

Na klar, da ist er auf der östlichen Seite der Macht goldrichtig, bei dem freien, sich bedroht fühlenden und nur selbstverteidigenden Russland. Oder bei Donald Trump, den er als Fönfrisur gewordenen Wiederstand gegen Establishment und Deep State sieht, unter andere, weil er versprach, Frieden mit Russland herzustellen. (siehe NachDenkSeiten, 11.9.2020) Wenn ihn das US-Establishment nicht daran gehindert hätte.

Und als hätte es die damalige Kritik an Konfliktlösung durch Schießen, Stechen, Hauen aus Hollywood gar nicht gegeben, kommt der „Andersdenker“ am 3. März 2022, also am achten Tag nach dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine und der Flucht Hunderttausender Menschen in die Nachbarländer, mit folgender Überschrift daher: „Ein irrer Propagandafeldzug gegen Russland“ (apolut, 3.3.2022), also der völlig falschen Wahrnehmung dieses Konflikts durch die westliche Öffentlichkeit, angetrieben durch die ja, man ahnt es schon, infiltirierten Medien. Wie bitte? Klar, Schuld ist der Westen, der modernste Waffen an die Ukraine geliefert hat, die dort gegen die Separatisten eingesetzt werden sollten. „Ob dieser Krieg Russlands gegen die Ukraine völkerrechtswidrig ist, oder ob es sich vielmehr um Notwehr gegen eine existenzielle Bedrohung handelt, ist bisher von keiner Seite untersucht worden, das Thema ist tabu.“ Notwehr heißt also, proaktiv in ein anderes Land einzumarschieren, Städte einzukesseln und gewaltige Kollateralschäden an der Zivilbevölkerung in Kauf zu nehmen, nach dem Motto, selbst schuld? Ein derart verbohrter, relativierender Blick auf die Ereignisse vor Ort ist nur sehr schwer auszuhalten.

Übrigens, auf apolut sind auch die gesammelten Inhalte von Ken FM verfügbar, als Akt der freien Meinungsäußerung und der Sichtbarmachung einer wichtigen Stimme. Das nur zur Einordnung des nicht nur querdenkenden Kanals.

Warum ich das alles aufzähle? Deshalb: Weil Dr. Wolfgang Bittner noch immer Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (von 1997 bis 2001 war er dort sogar im Bundesvorstand) und im PEN ist. Echt jetzt? Immer noch? Braucht es da diese Art von Gegenmeinung? Von Russland-Anbiederung? Von großer Lust an Deep State-Verschwörungsmythen? Wirklich?

Ich bin so wundervoll!

Es gibt sie noch, diese Kinder, deren Fotos in der Entbindungsstation nicht in die Mitte gepint werden, sondern eher an den Rand. Bei denen Eltern sich Sätze wie: „Die konnte schon mit xx Monaten laufen/sprechen/auf einem Bein hüpfen/mit Messer und Gabel essen/ohne Windel durchschlafen“ verkneifen. Es gibt sie halt, die Kinder, die nicht hochbegabt sind und auch nicht tiefbegabt, sondern einfach nur, na eben, nicht begabt. Aber was will man denen als Tante oder Onkel schenken? Was trotzdem wertschätzend und aufbauend ist und Mega-Selbstvertrauen aufbaut? Aber eben auch nichts, was Mühe macht oder Zuneigung verlangt oder persönliche Ansprache?

Erster Retter dieser richtig Ratlosen ist der amerikanische Autor Kobi Yamada, der sein Geld ursprünglich mit auf kleinen Karten gedruckten positiven Botschaften gemacht hat, also Glückskekse ohne Teig, mittlerweile zu finden auf jedem erdenklichen Nippes. Und in Bilderbüchern. Die tragen Titel wie Vielleicht – Eine Geschichte über die unendlich vielen Begabungen in jedem von uns, dass die Bestsellerliste Kinderbuch des Jahres 2020 angeführt hat. Oder Das Glück in dir: Wie du dein Leben lebendiger machst oder Was du machst ist gut. Allen Büchern gemein ist, dass sie wie bauchpinselnde Erbauungsliteratur funktionieren: Sie vermitteln jedem noch so unbegabten Wesen dieser Welt auf schlichteste Art und Weise das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein und alles zu können. Wegen der unendlich vielen Begabungen und so, die Kobi Yamada allen einredet. Und wer will das nicht hören?

Als wäre das nicht schon unnötig genug, hat sich nun ein meterlanges Trittbrett gebildet, auf dem sich allerlei Fahrerinnen und Fahrerinnen dicht an dicht drängeln. Die erst gar nicht so tun, als hätten sie die Begabung, eine eigene Idee zu finden. Zum Beispiel Weil du einzigartig bist, kannst du alles schaffen: Inspirierende und mutmachende Geschichten über das grenzenlose Potential in uns von Elea Niehus. Bei BOD erschienen und bei amazon mit 1.103 Bewertungen versehen.

Oder Weil du ein wundervolles Mädchen bist von Nina Blume („Du bist gut genug, und zwar genauso wie du bist!“) mit 1.130 Bewertungen auf amazon, nicht zu verwechseln mit Weil du ein wundervolles und einzigartiges Mädchen bist von Katja Sommer („Du bist auf deine eigene Art und Weise wundervoll und vor allem einzigartig!“) oder mit Weil du ein einzigartiges Mädchen bist von Anne Bernstein und schon gar nicht mit Weil du ein einzigartiges Mädchen voller Stärken bist von Sophia Jung („Du bist wunderbar und fabelhaft. Bleibe bitte genauso wie du bist, denn du bist perfekt!“) Oder eben nicht nur wundervoll oder einzigartig, sondern etwas Besonderes. Weil du etwas Besonderes bist. Genau. Von Alma Gross („Diese Geschichte soll dir zeigen, wie Besonders du bist, mit all deiner Einzigartigkeit“). Egal ob Alma oder Pia: Pia Gross zaubert noch ein Weil du ein zauberhaftes Mädchen bist. dahin. Und natürlich Weil du unvergleichlich bist, schaffst du alles. von Annalena Siedler. Nicht zu vergessen: Du bist fantastisch! von Sophie Linde.

Wer sich jetzt fragt, ob auch Jungs wundervoll sein können? Nein, können sie nicht. Denn sie sind großartig. Eben Weil du ein großartiger Junge bist. von Nina Blume. Und anstatt der zauberhaften Mädchen heißt es bei Pia Gross, ja der Pia Gross Weil du ein fantastischer Junge bist. Da muss schon der Lese Papagei, ja so heißt der oder die Autor:in, kommen, denn bei dem geht auch Weil ich ein wundervoller Junge bin („Du bist großartig und in dir schlummern unendlich viel Mut und Selbstvertrauen.“) Und selbstverständlich auch Weil ich ein wundervolles Mädchen bin Jungen? Mädchen? Das sind doch nur bürgerliche Kategorien. Denn Mädchen wie Jungs wissen eh: Du bist einzigartig wundervoll, sagt Mara Linde.

Mir reicht es, ich bin gestärkt bis in die Haarspitzen. Wowowow, ihr kleinen Einsteins und Curies, ihr da Vincis und de Beauvoirs! So wunderwunderwundervoll ist das Leben, wenn man solch inspirierende Bücher geschenkt bekommt!

 

 

 

Ballermann auf dem Pädagog:innen-Elfenbeinturm

Alle behindert!, so lautet der Titel eines im September 2019 im Klett Kinderbuch Verlag erschienenen Sachbuchs für Kinder, das kurze Zeit später auch über die Bundeszentrale für politische Bildung bpb vertrieben wurde. Die Idee ist schnell erklärt: Ähnlich eines Quartetts oder den vorgegebenen Seiten in einem Freundschaftsbuch werden 25 spannende und bekannte Beeinträchtigungen in Wort und Bild, von Down-Syndrom bis Angeber, von Tussi bis Querschnittlähmung in knappen Kategorien nebeneinandergestellt, Kategorien wie: „Wo kommt das her?“ „Geht das wieder weg?“ „Was lasse ich lieber?“ „Vorteil“. Schon ist das Prinzip verstanden. Zusammenwerfen, was vordergründig nicht zusammengehört, und damit den Kernsatz unterstreichen: Wir sind alle gleich und wir sind alle anders, jede:r auf seine Weise. Rigoros aus Kindersicht gedacht und genau so vereinfachend und pauschalisierend umgesetzt, damit die Idee schnell und direkt ankommt. Punkt.

Die Reaktionen waren unterschiedlich. Auf der einen Seite Auszeichnungen wie „Beste 7 im Januar 2020“, „Leipziger Lesekompass 2020“,Longlist des Wissenschaftsbuches des Jahres 2019“, auf der anderen Seite Kritik wie „Unangemessene und unpassende Vergleiche“ von Eltern eines Kindes mit Down-Syndom auf amazon als Beispiel oder das „lebenslange Diskriminierung nicht mitgedacht“ sei in Die neue Form, einem Online-Magazin für Disability Mainstreaming. Es gab Diskussionsbedarf. Bis jetzt. Bis zu einem im Januar 2022 publizierten offenen Brief von Prof. Dr. Dino Capovilla vom Lehrstuhl für Pädagogik bei Sehbeeinträchtigungen an der Universität Würzburg, unterzeichnet von 14 weiteren Professor:innen aus den Feldern Inklusionsforschung, Pädagogik bei diversen Beeinträchtigungen und Bildungsdidaktik. Darin werden die schon 2019 und 2020 genannten kritischen Argumente ausführlich erneuert. So weit, so gut, so legitim in einer offenen und freien Gesellschaft, in der man über Positionen und Sichtweisen streiten darf. Aber dabei bleibt es ganz und gar nicht, leider.

Intention dieses an die Bundeszentrale für politische Bildung gerichteten Briefes ist eine gänzlich andere. „Mit diesem offenen Brief möchte wir erreichen, dass die bpb diese Publikation aus ihrem Programm nimmt“ und weiter am Ende des Briefes: „Wir erwarten von der bpb eine ernsthafte und angemessene inhaltliche Auseinandersetzung (…). Ein erster Schritt in diese Richtung ist eine Distanzierung von der diskutierten Publikation und eine Entfernung aus dem Programm.“

So geht‘s halt nicht, auch nicht im Elfenbeinturm. Eine ernsthafte und angemessene inhaltliche Auseinandersetzung führt man nicht, indem man als Voraussetzung dafür erst mal das Objekt der Auseinandersetzung, das Buch, verbietet. Und genau das ist ja die glasklare Forderung: Buch aus dem Programm entfernen. Und zusätzlich an die bpb noch die Erwartung, sich in den Staub zu werfen, selbstzukasteien und einzugestehen, dass man einen Riesenfehler begangen habe. Das ist ein derart bevormundender Ton, den man ansonsten nur in überkochenden Aktivist:innen-Communities auf Social Media-Kanälen kennt, nicht aber aus Wissenschaft und Forschung.

Nur zur Erinnerung: Neben der im Grundgesetz verankerten Freiheit der Wissenschaft und Forschung, auf die sich sicherlich alle Unterzeichnenden berufen, gibt es auch die im Grundgesetz in gleicher Weise verbriefte Kunstfreiheit, und die gilt auch für Kinderliteratur. Vergessen? Gern geschehen.

Mit dem offenen Brief war und ist es aber offenbar nicht getan. Die Forderung, sich zu distanzieren und seine Meinung zu dem Buch zu revidieren, ging und geht offenbar auch persönlich an Rezensent:innen und an die Jurys, die den Titel ausgezeichnet haben, wie zum Beispiel die Jury der Besten 7 (in der ich Juror bin). Gefühlt wird darin ein erster Erfolg schon gefeiert, denn der Titel ist mittlerweile bei der Bundeszentrale für politische Bildung vergriffen und von der Webseite verschwunden – damit sei ja „ein erstes Ziel erreicht“. Die nun erhobene Forderung an die Jury, sich „in eine kritische inhaltliche Auseinandersetzung mit Ihrer Auszeichnungspraxis (zu) begeben“ klingt in diesem Kontext beinahe drollig. Und es ist fraglich, ob Menschen, die Bücher verbieten wollen, die richtigen sind, um mit ihnen über eine kinderliterarische Auszeichungspraxis zu diskutieren.

Gnädigerweise wird den Juror:innen noch ein Auseinandersetzungs-Ausweg eröffnet, „Sofern Sie Ihre Auszeichnung nicht als Ihr letztes Statement stehen lassen wollen“. Ich für meine Person lasse sie felsenfest stehen. Aus Prinzip. Für den Ballermann-Wild West-Ansatz erst zu schießen und dann zu fragen, wollen wir reden? stehe ich nicht zur Verfügung. Und der entspricht auch nicht meinen Erwartungen an einen universitären Diskurs, ganz gleich zu welchem Thema.

Kinderlieder aufräumen

Die anonyme Buchhändler:innen-Selbsthilfegruppe „Kinderbücher aufräumen“ trifft sich zu ihrer wöchentlichen Sitzung. Im Kreis sitzen, in vorschriftsmäßigem 1,50 m Abstand, A, B und C. A trägt einen Mund-Nasen-Schutz mit einem Jim Knopf-Motiv, B mit Peppa Pig und C mit Sailormoon. B’s Räuspern klingt gedämpft durch die Maske.

B: Schön, dass ihr trotz allem wieder gekommen seid.
A: Ja, es ist ein Graus mit unserem ewig währenden Kampf.
C: In der Tat. Vor allem, weil wir ja unsere Kampfeszone ausgeweitet haben. Wir sind aufmerksam! Uns entgeht nichts! Gar nichts!
B: Trotzdem ist dein Antrag, uns in Radikale Aufräum-Fachkräfte umzubenennen, etwas über das Ziel hinausgeschossen.
A: Ich hatte aber so ein schönes Signet gemalt, mit den drei Buchstaben R, A und F. Mir hat’s gefallen.
B: Wir bleiben lieber im Untergrund und unsichtbar, das macht unsere Arbeit viel effizienter. Jetzt haben wir ja auch diese Drei Chinesen
C: Wurde ja auch Zeit! Der Goldene Drachen und das Peking-Haus, mein lieber Gott, wie das da aussah, ich will gar nicht wissen, aus was das sogenannte Hühnchen bestand, das hat in seinem Leben bestimmt nie gegackert, und bei Ding Ding Sheng blieb dir das Stäbchen ja im Glutamat stecken, so viel haben die reingehauen, also wurde wirklich Zeit dass die geschlossen werden!
B: Nein, nicht die Chinesen. Die Drei Chinesen mit dem Kontrabass.
A: Oh, ein multikulturelles Musik-Trio?
B: Das Kinderlied! Die Dri Chinisin mit dim Kintribiß. Hm?
A: Was jetzt Chinesin? Oder Chinesen? Und was für ein Biss?
B: So kommen wir nicht weiter! Dieses Kinderlied meine ich: (Singt) „Drei Chinesen mit dem Kontrabass, saßen auf der Straße und erzählten sich was.“
C: Genau! Zack, sind sie von der Polizei umzingelt. Eingekesselt. Das ist eindeutig Racial Profiling! Nur weil sie Chinesen sind.
A: Oder Chinesinnen.
C: Egal. Pfui! Sofort verbieten das Lied!
A: Aber, vielleicht hatten die keine Sondernutzungserlaubnis. Oder waren länger als 60 Minuten an einem Ort, das ist ja nicht gestattet. Oder es war gerade zwischen 12 und 15 Uhr, da dürfen …
C: Nimm doch nicht dauern die Bullen in Schutz! Das war übergriffig, rassistisch, Punkt aus!
B: Der Ravensburger Verlag hat jedenfalls entschieden, das Lied aus seinen Kinderliederbüchern künftig rauszulassen.
A: Ich habe von einer Umdichtung gehört, von einem Musikethnologen. Der hat daraus eine politisch korrekte Version gemacht: „Drei Studenten mit dem Lastenrad, fahren auf der Straße, halten ein Plakat, da kam die Polizei „stop, hier ist der Staat“, drei Studenten mit dem Lastenrad.“ Schön, oder?
B: Das müsste aber Studierende heißen. Oder Student:innen. Und ist das jetzt ein normales Lastenrad oder ein E-Lastenrad? Was brauchen Studierende überhaupt ein Lastenrad? Ein normales reicht da doch völlig. Und wie halten die denn da ein Plakat? Lenken die nur mit einer Hand? So ein schweres Lastenrad? Das ist ja verkehrsgefährdend. Und was steht denn auf dem Plakat? Also ich weiß nicht, mir sind das zu viele offene Fragen …
C: Egal, Punkt, Satz und Sieg für uns! Wie schon längst die 10 kleinen N-Wort lein. Überall raus! Und 10 kleine Jägermeister auch! Weil es diese Ausbildungsstufen bei Jägern gar nicht gibt, also Geselle und dann die Meisterprüfung. Völliger Quatsch!
B: (stöhnt leise auf) Gut, danke.
A: Ich habe gelesen, früher hieß das Lied 10 kleine Injuns, also Indianer.
C: Auch verbieten, sofort, dieses I-Wort. Wie das N-Wort auch. Ist genauso diskriminierend und rassistisch!
B: Wir haben die Yakari-Bücher mal ganz nach hinten gestellt und den Drachen Kokosnuss wegen des I-Wortes auch und natürlich Cowboy Klaus und das pupsende Pony.
A: Aber wenn ich das Wort jetzt nicht mehr sagen darf, auch hier in Hessen nicht, was antworte ich denn, wenn mich jemand auf der Straße fragt Liegt der Bahnhof in dieser Richtung? Und ich antworte Nein, I-Wort Richtung. Der weiß ja gar nicht, was ich meine.
B: Versteh ich nicht.
A: Wenn ich nicht mehr sagen darf „In die anner“ Richtung. Hast du doch eben gesagt.
B: (stöhnt entnervt auf) Das darfst du selbstverständlich weiter sagen. Mensch!
C: Und Alle Kinder lernen lesen auch verbieten, sofort!
A: Die Kinder sollen schon lesen lernen, um genau die Stereotype zu erkennen und zu sagen, halt stopp, ich fühle mich gemoppt durch …
B: Ach, du meinst das Lied.
C: Genau. Denn das geht weiter mit „Indianer …
B: Wir sagen I-Wort.
C: Ja doch, „… und Chinesen. Selbst am Nordpol lesen alle Eskimos …
A: E-Wort! Das geht doch auch nicht, oder?
C: Seht ihr, alle drin, I-Wort und die Chinesen wieder!
A: Davon gibt es ja auch 1,4 Milliarden, also dass die dann häufiger in Liedern vorkommen als zum Beispiel Lichtensteiner oder Monegassen ist schon irgendwie logisch. Mal prozentual gesehen ist das nicht so schlimm, wenn mal ein Lichtensteiner Kind nicht lesen kann, aber das wären dann 100.000 oder so chinesische Kinder, die das nicht könnten, versteht ihr?
B: Danke für den Hinweis. Haben wir auch noch ein paar positive Beispiele?
A: Vielleicht Ein Vogel wollte Hochzeit machen?
C: Wie kommst du denn darauf? Das ist doch voll heterosexuell normativ? Zwangsehe und alles? Spinnst du?
A: Aber es heißt doch Die Drossel war der Bräutigam, die Amsel war die Braute. Die Drossel, merkst du was? Zwei weibliche Vögel? Das ist doch ganz klar eine lesbische Eheschließung und divers und so.
B: Mal langsam mit den wilden Vögeln. In der ersten Zeile heißt es schon Ein Vogel wollte Hochzeit machen, nicht zwei. Gehören aber zwei dazu.
C: Genau: Zwangsehe! Ganz klar! Sofort verbieten!
B: Weil der Sperber der Hochzeitswerber war. Also der Kuppler.
C: Richtig! Einsperren den Lump!
B: Reg‘ dich doch nicht so auf.
C: Und später kommt noch Die Puten, die Puten, die machten breite Schnuten. Als wären sie zu blöd für wichtigere Aufgaben wie all die anderen Vögel. Sitzen nur rum und können nichts. Unerhört! Ausgrenzung! Eine marginalisierte Gruppe! Die müssen sich organisieren, protestieren, skandieren: Ich bin hier die Gute, die unfehlbare Pute! oder so.
A: Apropos, ich habe ein bisschen Hunger bekommen. Drüben im Chinesen gibt es heute als Tagesgericht Putengeschnetzeltes. Habt ihr Lust?

ABC-Alarm

Unausweichlich? Nicht umkehrbar? Alarmierend? Das alles kommt einem in den Sinn, beim Blick in die am 30.11.2021 vorgestellten Ergebnisse der neuen JIM-Studie des Medienpädagogische Forschungsverbundes Südwest (mpfs). Da geht es um Mediennutzung allgemein, um für Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren relevante Themen wie Klimawandel und die Corona-Situation, um Nachrichtenquellen und Hassbotschaften, um WhatsApp und Fake News. Das alles ist in der Pressemitteilung des mpfs nachzulesen unter der zeitgeistgemäßen Überschrift „Anstieg an Desinformation und Beleidigungen im Netz“ als zentraler Zusammenfassung.

Schon richtig. Aber branchenrelevant ist in der JIM-Studie vor allem das Kapitel 6 „Bücher und Lesen“ (Seite 20 ff). Und die Veränderungen im Laufe eines Jahres (von 2020 zu 2021) und im Laufe der Jahre (seit 1998 wird jährlich erhoben). Darüber steht nix in der Pressemitteilung. Obwohl dazu das ein oder andere zu sagen ist. Und zwar dringend wie drängend. In der Studie ist die Veränderung des Leseverhaltens noch relativ neutral formuliert, es handelt sich um einen: „wellenförmiger Verlauf mit abnehmen­der Tendenz, bei dem sich die Beschäftigung mit Büchern seit Beginn der JIM-Studie 1998 um die Marke von 40 Prozent bewegte. Aktuell liegt der Anteil der Jugendlichen, die sich aus eigenem Antrieb – also ohne berufli­chen oder schulischen Anlass – mit gedruckten Büchern beschäftigen, bei 32 Prozent.“ Das ist der niedrigste Wert ever, nur mal so. 32 Prozent. Weniger als ein Drittel. 2011 lag der Wert bei 44 Prozent. Erhöht hat sich dagegen der Anteil an Nicht-Lesern, der liegt bei jetzt 18 Prozent, davon 23 Prozent Jungs und 13 Prozent Mädchen.

Auch wenn hier „gedruckte Bücher“ steht: Das E-Book rettet diese Negativwerte nicht. Es geht um Text in üblichem Buchumfang in allen Erscheinungsformen.

Lesen ist weiterhin ein Mädchending? Ja, schon, wobei die Mädchen ungewohnt schwächeln, es sind nur noch 36 Prozent regelmäßige Leserinnen, im Vergleich zu 42 Prozent 2020. Dafür lesen weiterhin 29 Prozent der Jungs regelmäßig, im Vergleich zu 28 Prozent im vergangenen Jahr. Und Bildung? Spielt weiterhin eine große Rolle. 39 Prozent der Gymnasiast:innen lesen regelmäßig, aber nur 23 Prozent der Haupt- und Realschüler:innen. Nur mal zum Vergleich: 2011, also vor 10 Jahren, lagen die Werte bei 32 Prozent bei Hauptschüler:innen, 37 Prozent bei Realschüler:innen und 52 Prozent bei Gymnasiast:innen. Alarmierend? Ja, meiner Ansicht nach schon, wenn man auch andere Studien mit heranzieht. In der eine jugendliche Unlust an Lektüre gerade in Deutschland konstatiert wird. Oder die Rückmeldungen aus pädagogischen Fachschulen für Erzieher:innen. In denen die Bedeutung von Bilderbüchern für kleine Kinder erst noch vermittelt werden muss. Weil da viele jungen Menschen sitzen, für die das Neuland ist. Weil sie selbst nicht (mehr) lesen.

So betrachtet machen die JIM-Ergebnisse 2021 wenig Spaß. Bücher zu lesen wird als schulisch notwendiges Übel gerade noch so akzeptiert, um dass man sich dank YouTube und Wikipedia noch halbwegs herummogeln kann. Mit persönlicher Bereicherung bringen Bücherlesen nur die wenigsten in Verbindung. Und nun? Auf Initiativen und „wir müssen gemeinsam irgendwas anpacken“ hoffen? Von der Politik ist bisher dazu wenig zu erwarten. Ein Digitalpakt 2.0 für Schulen ist sicher notwendig. Aber warum Schüler mit Technik zuschütten, wenn sie nicht mal die grundlegendsten Dinge kennen und können? Wollen wir wirklich bis Ende 2022 warten, bis die IGLU, die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung uns noch dramatischere Ergebnisse aus monatelangem Schullockdown liefert bei den Jüngeren liefert? Anscheinend.

Der Müller liest’s!

Wos i auf jedn Foi vorwegschick: Der Müllerthomas is an echter Bazi aufm Fußballplatz, bei den Bayern aus München. Und auch außerhalb. Nicht so glattgeleckt und von Medienberatern sprachpoliert. Der redet normal daher und wirkt so, als könne man nach dem Spiel glatt mit ihm eine Maß trinken. Oder zwei. Und auch über was anderes als nur über die vergebene Chance in Minute 25 nachdenken. Statt sündhaft teurer Sportkarren und einem eigenen Tattoostudio hat er Hasen, zwei Hunde und einen, naja, Audi SUV in groß, aber er muss halt auch mal Pferdeanhänger hin- und herfahren, weil er und seine Frau Lisa ja ein Gestüt besitzen und selbst bewirtschaften und seit 2021 auch EU-Besamungsstation sind. Was immer das ist.

Wer ko, der ko, dachte sich der Müllerthomas und hat auch drei Bücher geschrieben. Guad, ned ganz aloan. Sondern mit einem Sportjournalisten zusammen, dem Julien Wolff. Passt scho. Sind auch nicht so lang, die beiden Erstlesebücher. Worum es darin geht? Um den Müllerthomas und seinen Weg zum Traumverein. Und um seinen Weg in die Startelf. Wo doch der Louis van Gaal gesagt hat: „Müller spielt immer“, aber egal. Und ein langes Kinderbuch gibt es auch. Mein Weg zum Fußballprofi. Also der Weg vom Müllerthomas über den Traumverein zur Startelf.

Un jetzet erhält der Müllerthomas au no den Deutschen Lesepreis 2021 als prominenter Lesebotschafter der Siftung Lesen. Herrschaftszeitn, no amoi!

Warum er den Preis bekommt, verrät der Mann von der Commerzbank-Stiftung. Der sagt, der Müllerthomas mache viele Videolesungen. Ja, mei, schau ich mal, was mir die Suchmaschine so ausspuckt. Und in der Tat, es wird jede Menge angezeigt, wenn ich „Thomas Müller liest vor“ eintippe. Ah, ja, da liest er scho. Im Stadion. Aus seinem Buch. Nächster Treffer. „Thomas Müller liest exklusiv für seine jungen Fans ein Kapitel aus seinem neuen, noch nicht veröffentlichten Buch“. Verrückt! Nächster Treffer: Thomas Müller liest beim FC Bayern Kids Club vor. Doch nicht etwa schon wieder aus seinem eigenen …? Nein! Denn schwupps ist die Kamera bei dem guten Freund vom Müllerthomas, dem Felix Neureuther, und der liest … aus dem Buch vom Müllerthomas und dann umgekehrt, der Mülllerthomas liest aus dem Bilderbuch vom Neureutherfelix. Und dann wieder der Müllerthomas aus dem Buch vom Müllerthomas. Und so weiter und so fort.

Wie gesagt, der Thomas ist ja ein netter. Und Vorlesen und auch Bücherschreiben nicht sein Hauptberuf. Aber ist denn Leseförderung als prominenter Lesebotschafter und die Vermarktung der eigenen Bücher ein und dasselbe? Und preis- und auszeichnungswürdig? Mit 2.500 Euro, die für einen guten Lerseförderungszweck  eingesetzt werden sollen? Ja, in den Rezensionen zu den Büchern steht immer wieder, dass ein lesefauler Bayer-Fan sich doch ins Buch vertieft hätte. Aber dann tut‘s vielleicht auch die BRAVO-Sport. Naja, komisch ist es irgendwie scho. Mit dem Müllerbazi. Und der Stiftung.