Schiefe Bilder mit PISA

Seit dem 3. Dezember ist die PISA-Studie veröffentlicht. Und seit dem 3. Dezember läuft die Exegese. Doch alles schlechter als befürchtet? Nicht so schlimm? Hat die Bildungspolitik versagt/alles richtig gemacht? Versauen bloß die Migrantenkinder den Schnitt? Was ist mit den Jungs los? Fast könnte man meinen, hinter PISA steckt nicht eine, sondern mehrere Studien, mit unterschiedlichen Ergebnissen, je nachdem, wer sie liest.

Dabei steht da manches schwarz auf weiß. Dann kommt nur der, der in Statistik nicht aufgepasst hat (AfD) oder Ideologie blindlings über Zahlen stülpt (AfD), zu schiefen Bildern. Um das an ein paar Zahlen festzumachen: Die um 11 Punkte gesunkene Lesefähigkeit zu 2016 (von 509 auf 498) werden durch die Forscher in 5 Punkten auf die veränderte Demografie (hauptsächlich Migration) und in 6 Punkten auf die allgemein schlechteren Leistungen bezogen. Sprich: Ohne Zuwanderung wären die Kinder trotzdem schlechter geworden. Heißt: Die Migranten sind ja gar nicht alleine schuld! Oder offiziell: “Die demografischen Veränderungen können jedoch nur einen geringen Teil der umfassenderen negativen Trends erklären.” Na sowas!

Anderer Fall: Die Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich an den Pranger gestellt, weil in ihnen die Schuldigen für das maue Abschneiden gesehen werden. Die reichen den schwarzen Peter aber reflexartig nach unten in die KiTas und in die Familien. Ist hier die passende Stelle, um den Föderalismusirrsinn in der Bildungspolitik zu brandmarken, der komplett an den Schülerinnen und Schülern vorbeigeht? Ja. Passt. Und das kann man gar nicht oft genug widerholen, vor allem in Richtung Baden-Württemberg. Ein grüner Ministerpräsident, der den nationalen Bildungsrat verlässt? Gemeinsam mit Söder-Bayern? Dass muss man erst mal sacken lassen.

Aber das alles war so und nicht anders zu erwarten. Soziale Herkunft entscheidet weiterhin, die Schere zwischen schlau und gar nicht schlau geht immer weiter auf und wo nichts angestoßen wird (Bildungspolitik), kann auch nichts Bahnbrechendes herauskommen (PISA). Darum erschüttert ein Ergebnis besonders, dass eher am Rande in der Diskussion auftaucht: Die Lust am Lesen allgemein. Besser gesagt: Die schwindende Lust am Lesen.

50,3 Prozent der 15-Jährigen lesen nur, wenn sie müssen. Und das vor allem, um die Information zu bekommen, die sie brauchen. Dagegen hält mehr als ein Drittel Lesen für Zeitverschwendung, im OECD-Schnitt sind es mehr als ein Viertel, 28 Prozent. Ein Drittel geringer als im OECD-Durchschnitt ist die Zahl derer, die sagen, das Lesen eines ihrer liebsten Hobbys ist.

Das sind alarmierende Zahlen. Fürs Lesen allgemein. Fürs Jugendbuch. Damit für Verlage und Buchhändler. Denn sie erschüttern die Grundfeste des ästhetischen Lesens, des Genuss-Lesens, des unterhaltenden Lesens. Denn in den Zahlen steht auch eine Konsequenz. Wer heute nicht (mehr) liest, wird auch morgen nur sehr schwer wieder zum Leser. Und es Bedarf keiner besonderen hellseherischen Fähigkeiten, diesen Bedeutungsverlust des Lesens mit der Dominanz anderer Medienformen zu erklären – von den Serien auf Streamingdiensten bis zu Instagram und Snapchat. Snackable Content heißt das Zauberwort, und Snackable ist der nicht nur in Bus und Bahn und den Minuten, sondern auch in der Zeit, in der ansonsten Langeweile aufkam. Ein Gefühl, für das keine Zeit mehr ist. Und das nicht in Lesen mündet.

Dabei könnten sie es. Denn einen Zusammenhang zwischen der Lesefreude und der Lesekompetenz haben die Forscher nicht festgestellt.

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