Pfuhls Märchenstunde

Stiftung Lesen und amazon verschenken zum Weltkindertag am 20. September ein Buch mit elf Grimms Märchen. Der Aufschrei in der Branche war groß, als diese Meldung durchsickerte. Weil amazon. Weil ohne stationären Buchhandel geplant, außer Hugendubel und Thalia. Weil ohne Mitwissen des Stifter- und Stiftungsrates der Stiftung Lesen. Weil ohne Präsentation auf der Stiftungsversammlung am 4. Juni. Darüber wurde nun schon ausgiebig debattiert.

Die Stiftung Lesen gibt sich davon unbeeindruckt, sie hat ja nur Bestes im Sinn: „Stiftung Lesen und Amazon zufolge ist das Ziel, insbesondere solche Familien fürs gemeinsame Vorlesen zu begeistern, bei denen Lesen noch nicht zum festen Bestandteil ihres Alltags gehört.“ hieß es in der ersten Meldung auf boersenblatt.net vom 23. Juli. Gut eine Woche später reagiert nun deren Vorstandvorsitzende Joerg Pfuhl. Statt mit einem Schritt zurück eher mit einem Tritt in die Weichteile all derer, die sich mit sachlichen Argumenten, die das Erreichen jenes wohlformulierten Ziels in Frage stellen, zu Wort gemeldet hatten.

Wie Kirsten Boie. Sie hat im Deutschlandfunk Kritik geübt. Ihre Einschätzung: „wenn ich mir vorstelle, ich möchte buchferne Kinder damit erreichen (…), dann stellt sich doch die Frage, ob Märchen das beste Mittel sind (…). Da hab ich doch meine ganz, ganz großen Zweifel.“ kontert Joerg Pfuhl lässig mit einem „Warum wissen so etwas immer alle schon vorher? Lasst es uns doch einfach ausprobieren.“

Interessanterweise hat Axel Dammler vom Marktforschungsunternehmen iconkids & youth auf der Stiftungsversammlung der Stiftung Lesen am 4. Juni einen Vortrag genau zu dem Thema „Bildungsferne Familien ansprechen & überzeugen“ gehalten. Das klingt beinahe so, als hätte er, empirisch belegt und analysiert, die Grundlage für diese Aktion gelegt. Von wegen! Seine Erfahrungen mit lese- und bildungsfernen Eltern, bei denen Spaß vor pädagogischem Anspruch steht, die sich keinesfalls mit den Kindern zusammen beschäftigen wollen und zwar wissen, das Lesen wichtig ist, „aaaaber …“ zeichnen ein anderes Bild. Und münden in  Thesen für die Leseförderung jener leseunwilligen Gruppe: „Je weniger Lesen draufsteht, desto besser.“ „Lieber Pop-Kultur als Hoch-Kultur.“ „Schnelle Erfolge locken.“ „Die Latte zum Einstieg niedrig hängen.“ Trifft das irgendwie und mit gutem Willen auf Grimms Märchen zu? Und darauf, Kinder und Familien erst mal in eine ihnen völlig unbekannte Buchhandlung locken zu müssen? Und warum weiß ich, dass Handkäse mit Nutella nicht schmeckt, obwohl ich es nicht ausprobiert habe?

Joerg Pfuhls nachfolgender Verweis auf die so erfolgreiche Happy Meal-Aktion bei McDonalds hinkt gewaltig. Da kommen kleine Lesehappen, zum Teil mit AR-Erweiterung fürs Smartphone, tatsächlich zu den kleinen Leserinnen und Lesern, ob die ein Buch wollen oder nicht. Steckt halt in der Tüte mit drin. Das ist ein signifikanter Unterschied.

Doch solche Einschätzungen fechten ihn nicht an. „In seiner Funktion an der Spitze des Stiftungsvorstands stehe er uneingeschränkt hinter den Absichten der Aktion.“ heißt es auf boresenblatt.net. Nun hat ja auch keiner was gegen das Ziel Leseförderung an sich, warum auch. Auch nicht gegen jede Leseförderungsaktion der Stiftung Lesen. Nur diese wird so nicht funktionieren. Und zu dieser Ansicht stehe ich uneingeschränkt.

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