Lohnschreiberei

Spannende Frage: Stört es eigentlich jemanden, wenn man als Lohnarbeiter für Unternehmen Kinderbücher schreibt oder illustriert? Nehmen wir einfach mal eines der berühmtesten Beispiele. Die Figur ist schwarz-gelb und heißt „Lurchi“ – genau, es ist der Feuersalamander der Salamander-Schuhe.

Das erste Lurchi-Heft entstand übrigens 1937 mit der Absicht, Kinder im Kaufhaus zu beschäftigen, damit Mutti ganz in Ruhe Schuhe anprobieren konnte – Schuhe für Kinder gab es damals noch gar nicht. Salamander hat seither Insolvenzen überlebt, der Feuersalamander wechselnde Illustratoren und Texter, unter anderem den Werbechef der Schuhfirma. Lurchi (seit Heft 130 mit gelbem Shirt und Hose bekleidet) erfreut sich auch heute noch bester Gesundheit: Als kostenloses Heft im Schuhhandel. Als günstiges Pixi-Buch. Und in Sammelbänden bei Esslinger für 12,90 €.

Ist das jetzt verwerflich, sich als Illustrator oder Autor vor den Karren eines Unternehmens spannen zu lassen und auf Bestellung Geschichten zu schreiben oder zu illustrieren? Bernhard Lassahn, der auch Käpt’n Blaubär-Geschichten erfunden hat, war zumindest für einige der Lurchi-Bände mitverantwortlich. Ihm hat es nicht geschadet.

Vielleicht ist ja andersherum störender. Dann nämlich, wenn Unternehmens- oder Produktwerbung in verkappter Form über den Buchhandel vertrieben und vom Leser auch noch bezahlt wird. Zum Beispiel im Julius Breitschopf Verlag. Bei dem es an guten Kontakten zu Auto-Konzernen nur so wimmelt. Im Dresden-Wimmelbuch (erstmalig erschienen 2014) gibt es eine ganze Doppelseite mit der Gläsernen Manufaktur von VW. Die blieb auch in der Neuauflage von 2017 erhalten, nur der VW Phaeton wurde durch einen nigelnagelneuen E-Golf ersetzt. Im Bremen-Wimmelbuch ist das Mercedes-Benz-Werk zu finden und im Leipzig-Wimmelbuch das Porsche-Werk. Kinder lernen Städte anhand der dortigen Automobilfabriken kennen? Ein interessanter Ansatz. Vielleicht ja auch eine Begründung für den günstigen Preis von 4,99 € pro Buch.

Das lässt sich zu unserem 70-Jährigen Jubiläum doch konsequent weiter denken, entschied Porsche und ließ für sein neuestes Buchprojekt einfach das urbane Drumherum weg. „Thematisch bietet das Werk stürmische Aerodynamik-Tests im Windkanal des Entwicklungszentrums Weissach über die Montagelinie im Zuffenhausener Stammwerk bis zu einer Tour über das Offroad-Gelände im Werk Leipzig. Auch Abstecher ins Porsche Museum und zum legendären 24 Stunden Rennen von Le Mans sind dabei.“ hieß es im Branchenblatt w & v. Also werben & verkaufen, dem Fachmagazin für die Werbewirtschaft. Gezeichnet hat das Buch Stefan Lohr, der auch die Major Tom-Buchreihe bei Tessloff illustriert. Oder die „Gibt’s da nicht was von Ratiopharm?“-Wimmelbücher fürs Wartezimmer beim Kinderarzt. Nur dass im Buchhandel 12,90 € für das Porsche-Buch aus dem Wimmelbuchverlag fällig sind.

Eine saubere Sache dagegen gab es von Persil. Wer bis Ende 2018 in der „Unser Bestes“-Aktion zwei Persil-Produkte erwarb, bekam das Kinderbuch Weißt du, was das Beste ist? geschenkt. „Das Kinderbuch (…) wurde zusammen mit Familienbloggern entwickelt und enthält Geschichten, die Kinder zum Träumen bringen und ganz nebenbei für das Leben stark machen sollen.“ hieß es dazu in der Pressemitteilung. Illustriert hat das Buch Elsa Klever, die auch  schon für Tulipan, Beltz & Gelberg und Thienemann gearbeitet hat.

Die Kernkompetenz der Blogger Johanna @pinkepanki, Toni @twoandahalfunicorn und Micha @how.cool.is.dad, die die Geschichten im Buch verfasst haben, liegt ansonsten nicht so im Schreiben für Kinder. Eher im Vorlesen. Und sich dabei fotografieren. Aber sie haben die Kanäle, um das fertige Buch, ihre tollen Geschichten und die Aktion zu bewerben. Nein, nicht die Aktion „Jedes Kind muss lesen lernen!“, sondern die Treueaktion von Persil.

Ein Gedanke zu “Lohnschreiberei

  1. An Lohnschreiberei ist nichts verwerfliches, wenn das Buch gut gemacht ist. Autoren und Illustratoren brauchen mehrere Standbeine. Brigitte Endres und Anna Karina Birkenstock haben es auch gemacht.

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