Steigende Durchfallquote, Teil 2 – Die Schnitzelpfanne

„Man muss nicht in der Bratpfanne gelegen haben, um über ein Schnitzel zu schreiben.“ hat Maxim Gorki mal richtigerweise gesagt.

Nicht nur in den USA gerät dieser Satz mehr und mehr zum Lippenbekenntnis. Denn auf Druck einzelner gesellschaftlicher Gruppen heißt der politisch korrekte Satz nun: „Nur wenn in der Bratpfanne gelegen hat, kann über ein Schnitzel schreiben.“ (oder über ein Sellerieschnitzel, um nicht gleich sämtliche Vegetarier und Veganer zum Shitstorm aufzuwiegeln) In ihrem Artikel „Der große Verlust“ in der ZEIT vom 13. Juni fasst die Hamburger Schriftstellerin Tina Uebel zusammen, was nicht nur sie im Zuge dieser Einschränkungen alles an Freiheiten verliert. Und in der NZZ vom 11. März beklagt der ehemalige Chefredakteur der NZZ am Sonntag, Felix E. Müller, „politisch korrekte Zensoren sorgen für schlechte Literatur“ und stellt die sogenannten „sensitivity reader“ vor, die gerade in der amerikanischen Kinder- und Jugendliteratur mehr und mehr an Bedeutung gewinnen. Weil sich nicht jede Autorin und jeder Autor in die Bratpfanne legen kann oder will, helfen sie nach.

Ihre Aufgabe ist die Prüfung, wenn Autorinnen und Autoren „außerhalb ihres eigenen Erfahrungshorizontes schreiben.“ – heißt es bei einer dieser Leserinnen, Justina Ireland. Was im schriftstellerischen Alltag allerdings sehr häufig vorkommt. Zensur? Nein, sondern eine Hilfestellung, nicht in überkommenen und falschen Kategorien zu denken, zu leben und zu schreiben. Der „sensitivity reader“ „soll den Text auf heikle Fragen wie Religion, Rasse, Geschlecht, Sexualität, chronische Krankheiten, Behinderungen, Vorurteile prüfen und dem Autor vorschlagen, wie mögliche Intensitivitäten ausgemerzt werden sollen.“ (Felix E. Müller) Entsprechend gibt es „sensitivity reader“ mit unterschiedlichstem Background: Geschlecht, Hautfarbe, sexueller Orientierung, psychische oder physisches Handicap, also für jede Figur die passende Prüferin oder den passenden Prüfer.

Das führt schlußendlich zu Gewissensfragen wie der, ob in einer in den 1960er Jahren angesiedelten Jugendgeschichte der Held einen Negerkuss essen darf oder nicht. Einerseits ist das N-Wort aus heutiger Sicht klar rassistisch konnotiert und mehr oder minder verboten. Andererseits wäre das Wort in der beschriebenen Zeit die übliche wie gebräuchlichere Bezeichnung für einen Schokokuss gewesen, ohne dahinter sogleich eine rassistische Gesinnung zu vermuten. Und nun?

Die Autorin bzw. der Autor gibt das Heft des Handels aus der Hand, wenn „sensitivity reader“ das letzte Wort haben. Lesen, Hören, miteinander Sprechen, das sind die Werkzeuge der Recherche, die einem Autor zu Verfügung stehen und die er in der Regel nutzt. Daraus entsteht die Basis, von der aus er in das Wesen einer literarischen Figur eintaucht, wie auch immer sie ausgestaltet ist. In der Figurenrede vielleicht sogar bewusst lügend, verfälschend, beleidigend. Weil es Rollenprosa ist, die subjektive Wahrnehmung und Äußerung einer Figur, die sich einer inhaltlichen oder sprachlichen Kontrolle durch Prüfung von außen entzieht. Es ist ein literarisches Stilmittel.

Und Verlage ziehen sich damit aus der Verantwortung zurück. Eine Instanz wird vorgeschoben, der „sensitivity reader“ stellt einen Konfrontationsfreibrief aus. Am besten mit einem Stempel oder Aufkleber auf dem Cover, als wäre das Buch TÜV-geprüft. Das sind Folgen, die Autorinnen und Autoren schon jetzt aus den Lektoraten zu spüren bekommen. Lieber nicht so formulieren, da ein wenig Rücksicht nehmen, ach, das besser so nicht sagen.

Wenn Michael Ende heute Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer hätte schreieben wollen, es wäre ohne „sensitivity reader“ nicht gegangen. Denn Michael Ende hat vom Dampflokomotivenführen doch gar keine Ahnung!

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