Steigende Durchfallquote, Teil 1

Kinderbücher leiden zusehens unter dem Anspruch, es allen Recht machen zu müssen. Nicht, weil sie es sich selbst auferlegen, sondern weil sie zunehmend von außen dazu aufgefordert bis gezwungen werden. Auslöser sind eine Vielzahl von gesellschaftlichen Gruppen und Gruppierungen, die jede auf ihre Weise Einfluss nimmt, mal mit Wünschen, mal mit erhobenem Zeigefinger, mal mit mahnenden Worten und möglichst immer mit großem medialem Echo.

Diese Erregungsmelder verweisen als Basis gerne auf den angewandten Bechdel-Test, einstmals erfunden für die Bewertung von Frauenrollen in Kinofilmen. Er besteht nur aus folgenden drei Fragen 1.) Gibt es mindestens zwei Frauenrollen? 2.) Sprechen sie miteinander? 3.) Unterhalten Sie sich über etwas anderes als einen Mann? Dreimal Ja ist der Freifahrtschein, weniger ist ein klarer Hinweis auf mangelnde Frauenpower im Film und eine ungleiche Geschlechterdarstellung.

Wenige Fragen, klares Ergebnis, so kann man das weiterdenken. Und den Bechdel-Test adaptieren – und auch auf Literatur und insbesondere Kinderliteratur ausweiten. Als da wäre der Shukla-Test, der die drei Fragen in Bezug auf die Hautfarbe stellt: 1.) Gibt es mindestens zwei People-of-Colour-Rollen mit Namen? 2.) Sprechen sie miteinander? 3.) Unterhalten sie sich über etwas anderes als weiße Menschen und ihre Probleme?

Umfangreicher ist der Tyrion Lannister-Test, der in einem längeren Fragenkatalog die Darstellung von Menschen mit Behinderung abfragt. Und dann ist da noch der Vito Russo-Test, der nach LGBT-Charakteren fragt. Aber nicht einfach nur so, nein, sondern gezielt einfordert „Es muss mindestens ein LGBT-Charakter auftreten.“

Äh, nein, muss nicht. Es muss auch nicht mindestens eine Schwäbin, eine Allergikerin, ein Legastheniker, ein Blonder oder eine mit Senk-Spreizfüßen auftreten. Das Schöne an Literatur ist: Es muss nicht, es kann. Das, was kann, bestimmt die Autorin oder der Autor. Und wenn es um Literatur geht, ein Stück weit auch die Geschichte an sich. Klingt selbstverständlich, ist es aber nicht – wenn zu erfüllende Quoten sich über die Geschichte schieben und zum alleinigen Maßstab für Qualität werden. Diversity in der Kinderliteratur heißt eben nicht, entweder möglichst viel in einem Buch unterzubringen oder aber ein Einzelthema zum dominiernden Grundgedanken zur machen. Denn dann wird Kinder- und Jugendliteratur zur pädagogischen Gebrauchsliteratur, die daran gemessen wird, ob sie funktioniert und die ideologischen Ziele von Erwachsenen vermittelt. Wer genauer hinschaut, wird sehen, dass das Angebot an vielfältigen Kinderbüchern groß ist, auch wenn der Begriff nicht in Leuchtbuchstaben auf jedem Titel blinkt. Denn manchmal ist die Kinderliteratur weiter als die Kritiker fordern: Dann tauchen ganz selbstverständlich Figuren jedweden Geschlechts, jedweder Hautfarbe, mit und ohne Handicap auf. Je selbstverständlicher das passiert, desto fortschrittlicher und „inklusiver“ ist das Buch, und desto mehr Möglichkeiten hat es, darüber zu erzählen und nicht zu belehren.

Wie emotional dieses Thema diskutiert wird und welche Folgen das haben kann, zeigen die sogenannten sensitivity reader in den USA. Was das ist, welche Funktion sie haben und ob das auch im deutschen Sprachraum eine Rolle spielt, davon demnächst mehr.

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