John Olivers schwules Kaninchen

Ein Bilderbuch über das schwule Kaninchen Marlon Bundo hoppelt an die Spitze der Bestsellerlisten. Ah, ein Projekt von LGBTI-Aktivisten? Dem Lesben- und Schwulenverband in Deutschland? Gesundheitsminister Jens Spahn? Weit gefehlt. Die Geschichte des bis über beide Löffel verliebten Kaninchens mit der schmucken Fliege stammt aus der Redaktion von John Oliver, dem Komiker und Moderator der Late Night Show „Last Week Tonight“ in den USA. Und ist einerseits ein Plädoyer für Toleranz und Selbstverwirklichung in Form einer Bilderbuchgeschichte, andererseits ein politischer Affront gegen den selbst für republikanische Verhältnisse konservativen amerikanischen Vizepräsidenten Mike Pence.

Familie Pence hat nämlich selbst ein Bilderbuch veröffentlicht. Tochter Charlotte erzählt in holprigen Reimen, Ehefrau Karen illustriert in Kunsthandwerksmarkt-Qualität einen Tag im Leben des Vizepräsidenten. Aus der Perspektive des Pence’schen Hauskaninchens Marlon Bundo. Richtig, den gibt es wirklich, schwarz-weiß gescheckt und mit 20.000 Followern auf Instagram.

Den Dreh zu John Oliver bekommt die Geschichte durch die Nähe von John Pence zu konservativen und evangelikalen Organisationen, die die sexuelle Orientierung geistig verwirrter Schwulen und Lesben mal eben mittels einer Therapie wieder richtig justieren wollen. Aber John Oliver prangert in seiner Show nicht nur wortgewaltig und bissig an. Sondern agiert. Ob er politische Informationen als Werbespots in Donald Trumps Lieblingsendungen auf Fox News schaltet oder ob er im Zuge der Kritik an der mangelhaften Krankenversicherung 9.000 unbezahlte Arztrechnungen aufkauft und verspricht, sie zu bezahlen – seine Anliegen wirken über die reine Sendung hinaus. Deshalb jetzt der Coup mit dem Bilderbuch. Die feindliche Übernahme des Kaninchens. Und der Twist in der Geschichte: Raus aus dem Weißen Haus, rein in die Gay-Community. Soll er sich doch schwarz-weiß ärgern, der Pence.

Das Bilderbuch funktioniert auf zweierlei Ebenen. Für Erwachsene als politisches Statement. Für Kinder als Geschichte über Freundschaft, Liebe und Miteinander. Selbst in der allerkürzesten Zusammenfassung sind schon beide Ebenen sichtbar: Marlon Bundo will unbedingt seinen Wesley heiraten, gegen den erbitterten Protest des Stinkekäfers, der unübersehbare Ähnlichkeiten mit Mike Pence aufweist.

Dieses im amerikanischen Verlag Chronicle Books erschienene Buch hat sein großes Ziel erreicht: Es sollte in den ersten Tagen häufiger gekauft werden als das Buch von Mike Pence. Auf der Amazon-Bestsellerliste lag es am Montag nach Verkaufsstart auf Platz eins, das von Familie Pence auf Platz 15.

Auf diesen Erfolg hin ist das Kinderzimmer jedenfalls festlich geschmückt. Marlon Bundo, Wesley und mit ihnen Transgender-Teddy Tilly, der jetzt Thomas ist, feiern gemeinsam mit Honigtöpfchen und Karottensticks, dass sie so sein dürfen, wie sie wollen. Hurray!

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