Nachschlag Januar 2016: Zum Einschlafen

KaninchenKleinnager in Wald und Flur sind häufig nachtaktiv, und das ist gut so. Kleinkinder im Babybett sind auch häufig nachaktiv, und das ist alles andere als gut. Jedenfalls für die Eltern. Deshalb steht in jeder Familienbibliothek der Standardratgeber Jedes Kind kann schlafen lernen. Und in jedem Kinderzimmer eine Auswahl an Vorlese-Bilderbüchern, in denen Tiere mit großen Zähnen (Biber, Hase, Kaninchen, Vampir) unbedingt zur Ruhe kommen sollen, und zwar jetzt.

Das funktioniert natürlich deshalb nicht, weil die Autorinnen und Autoren keine Master Practitioner in NLP (neurolinguistisches Programmieren) sind und gar nicht wissen können, mit welchen Techniken Kinder schlagartig in den Schlaf fallen. Carl-Johan Forssén Ehrlin dagegen ist es und weiß es und hat aber jetzt daraus ein funktionales Vorlesebuch Das kleine Kaninchen, das so gerne einschlafen möchte mit Bedienungsanleitung gemacht: „Durch das langsame Vorlesen, die Betonung bestimmter Worte und das Einbauen von Gähnen und bestimmten Wiederholungen“ ratzen Kind und Kaninchen schon vor dem Ende der Geschichte friedlich weg. So jedenfalls lautet das Versprechen, dass das Buch jetzt endlich zu einem internationalen Bestseller gemacht hat.

Woran dieser Erfolg nicht liegen kann, sind die Illustrationen. Schon auf dem Titel sehen die Kaninchen aus wie Kängurus mit zu langen Ohren, dahingekritzelt wie Akkord-Ostermotive für den VHS-Kunsthandwerksmarkt in Nieder-Mörlen. Es wird nicht besser, jetzt. Denn woran dieser Erfolg auch nicht liegen kann, ist der Text. Autogenes Training hin, NLP her, schlecht und holprig bleibt schlecht und holprig, jetzt aber mal. Schon die Geschichte ist an den Löffeln herbeigezogen. Statt ihr Kaninchenjunges ins Bett einzukuscheln und ihm eine Geschichte vorzulesen macht sich Mama mit Konrad Kaninchen auf den Weg zum Schlafzauberer Onkel Sandmann auf die andere Seite der Wiese. Dazwischen begegnen sie der Schnecke Herrn Schläfrig und der Eule Frau Müdeblick und dem Autor Klaus Kordon. Kleiner Scherz, dem nicht, aber dessen Name würde sich für ein von Gähnen unterbrochenes, lang gezogenes Vorlesen eignen wie kein zweiter. Egal. Onkel Sandmann schlussendlich vertraut auf „das kraftvolle, magische und unsichtbare Schlafpulver“ – wenn es unsichtbar ist, woher weiß ich denn dann, dass es ein Pulver ist und keine Flüssigkeit? – und schwupps, schon muss sich Konrad sputen, um nicht auf der Stelle und jetzt aber mal sofort einzuschlafen. Diese hanebüchene wie schnarchige Geschichte wird durch die Vorleseanweisungen noch getoppt. Mal wird Konrad direkt angesprochen, dann soll der Name des Kindes kumpelhaft mit in den Text eingefügt werden, und über allem schwebt die vom Autor eingeschriebene Autosuggestion, dass das Kind selbst unbedingt jetzt und auf der Stelle einschlafen will. Schon klar, wollen Kinder ja immer.

Wenn Kinder also beim Vorlesen dieses Buches jetzt wirklich einschlafen, dann hat dieses Buch zwar sein Ziel erreicht. Aber ist es jetzt wirklich das Ergebnis der angewandten Entspannungstechniken? Oder nur die Flucht vor der quälend langweiligen und lieblos gestalteten Geschichte?

Übrigens, wenn sich jemand wundert, dass in diesem Text in jedem zweiten Satz ein befehlstonartiges wie willkürliches „jetzt“ auftaucht – auch das gehört zum System und fokussiert die Kleinen aufs Einschlafen. Glaubt Forssén Ehrlin. Wenn das so einfach ist, dann kann ich das auch: Machen Sie einen großen Bogen um dieses Buch, und zwar jetzt!

Carl-Johan Forssén Ehrlin/Irina Maununen (Illu.): Das kleine Kaninchen, das so gerne einschlafen möchte. Mosaik 2015, 32 S., 12,99 €

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