Ab jetzt alles im Blogsatz

blog_iconImmer wieder mal flammen kurze Debatten über das Verhältnis von Bücherbloggern und Literaturkritikern auf. Die Bloggerin Caterina Kirsten brachte ihre Gedanken mit der Überschrift „Literaturblogger wollen gar keine Kritiker sein“ im Mai 2015 im Börsenblatt auf den Punkt, um gleichzeitig ulbrichthaft zu beteuern: Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten. An der sich in der Folge aber dennoch beide Seiten mit Hammer und Meisel abarbeiteten. Die Blogger wollten sich nicht vorwerfen lassen, sie seien inkompetente Laienkritiker, die bloß öffentlich über ihre Lektüreerfahrungen schwätzen möchten. Und die eh gern etwas jämmerlich klingende Literaturkritik beklagte, sie sei ja gar nicht technikfern und bloginkompatibel.

Bekanntlich lümmelt die Wahrheit ja gerne in der Mitte herum. Aber ein paar Sätze seinen dazu trotzdem angemerkt. Der Blog „Lesen mit links“ erwähnt, dass Thierry Chervel vom „Perlentaucher“ in einem Deutschlandradio-Interview folgendes gesagt hat: „Im Jahr 2001 habe der Perlentaucher noch 4330 Kritiken auswerten können, im Jahr 2013 dagegen nur noch 2200.“ Hoppla. Das liegt nun nicht daran, dass seither weniger Bücher erschienen sind, sondern am fehlenden Anzeigenerlös im Feuilleton. Denn die Rechnung ist einfach: Weniger Anzeigen bedeutet weniger redaktioneller Raum bedeutet weniger Literaturkritik.

Denn auch das Werbe- bzw. Mediabudget der Verlage ist im gleichen Zeitraum nicht geschrumpft. Es hat sich nur verlagert. Das Vermarktungsdeutsch in den Vorschauen listet ja akkurat auf, wo und auf welchen Medienkanälen die jeweiligen Spitzentitel beworben werden. Da gehören Lese-Communities wie lovelybooks genauso dazu wie Booktrailer auf YouTube oder Social Media-Kampagnen mit Millionen von erträumten Kontakten. Oder eben Blogger-Relations in allen Spielformen. Nur eines darf man dabei nicht vergessen: Auch jedes Rezensionsexemplar für einen Blogger ist rechnerisch eine Marketingausgabe.

Das sagt auch Karla Paul, Aushänge-Digital-Büchernerdin und Leiterin des digitalen Buchgeschäfts bei der Edel AG, in einem aktuellen Interview: „Die Verlage richten sich nach den erfolgreichsten Multiplikatoren und das sind inzwischen Blogger, Booktuber sowie private Leser mit entsprechend beliebten Accounts.“ Da sollte es doch mit dem Teufel zugehen, wenn sich diese Nähe nicht auch subtil steuern ließe. Und Buchblogger so unabhängig über Bücher reden wie Sami Slimani und Bibi von BibisBeautyPalace über Kosmetikprodukte und Y-Titty über Samsung-Handys.

Eine Nähe, die im Kinder- und Jugendbuch vielleicht noch ausgeprägter ist. Bei frechen Mädchenbüchern werden gerne auf lizzynet Romane vorab gelesen oder Coverentwürfe zur Abstimmung gestellt. Leserpartizipation heißt das Zauberwort. Wer hier im Netz auf die Suche nach Kinder- und Jugendliteraturkritik geht, die ihren Namen auch verdient, der wird tatsächlich mit einer weiteren Aussage von Karla Paul konfrontiert: „Wenn ein Leser nach einem bestimmten Buch sucht und die Zeitungsinhalte sind oft online nicht auffindbar oder aber hinter einer Paywall versteckt, wenn viele Kulturredakteure nicht in den sozialen Netzwerken aktiv sind und ihre Abneigung vor dem Netz nur noch betonen – ist hier die Krise hausgemacht.“

Wenn das mal nicht mit der Nase drauf gestoßen ist, liebe Literaturkritik.

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