Das E-Book-vs.-Buch-Battle

E-Book battleSeit es E-Books und E-Reader gibt, wird verglichen. Und zwar besonders gerne von Technik-Nerds und Algorithmus-Rechnern, die natürlich immer zu dem Ergebnis kommen, dass das gedruckte Buch ein makelbehaftetes Auslaufmodell sei. Wie langweilig. Vor allem aber: Wie unsinnig. Genau das zeigen die 11 vermeintlichen Vorteile, die Michael Koszlowski, Chefredakteur der E-Book-Internetseite „Goodereader“, gesammelt und die Holger Ehling in seinem Wochenrückblick Ende Oktober auf Deutsch veröffentlicht hat.
Ich gehe sie gerne mal durch, Stück für Stück, auf der Suche nach einem stichhaltigen Argument. Als da wären:
1. Aktives Inhaltsverzeichnis, mit dem man im Buch ohne Blätterei hin- und herspringen kann.
Für erzählende Texte? Unnötig. Da springe ich nicht hin und her, da lese ich. Und beim Sachbuch ist das Inhaltsverzeichnis – Überraschung! – immer am Anfang oder ganz hinten zu finden. Das kostet in der Handhabung maximal 5 Sekunden mehr Zeit, bis ich die gewünschte Seite gefunden und aufgeschlagen habe. Was ich ja eh nicht permanent tue.
2. Synchronisierung in der Cloud: Auf jedem angemeldeten Lesegerät ist der jeweilige Leserfortschritt erhalten.
Synchronisierung in der Tasch: Ich habe das Buch dabei, fertig, samt Lesezeichen. Denn mal ehrlich, auf wie vielen Lesegeräten lese ich ein Buch? iPad ist zu schwer und zu schnell leer, Smartphone viel zu klein, also doch auf dem Reader. Auf dem einen Reader. Oder wer hat für jedes Zimmer einen?
3. Notiz-Funktion: Selbst bei E-Books, die nur ausgeliehen sind, bleiben die Annotationen in der Cloud erhalten.
Hä? Die Randnotizen bleiben, auch ohne Buch? Ganz ohne Zusammenhang? „Hört, hört“, „guter Gedanke“, „siehe auch Seite 127“ Was soll das denn? Das ist einfach nur Datenmüll. Und ich schreibe nichts in Bücher, ich lese sie.
4. Wörterbücher und Übersetzungsfunktionen: Wenn ein Begriff unbekannt ist, sorgt ein mit dem E-Book verbundenes Wörterbuch für Klarheit. Und bei einigen Geräten ist auch die Übersetzung in andere Sprachen möglich.
Kontextuelles Lesen hilft in den meisten Fällen. Das reißt mich nicht aus dem Lesefluss wie solche Fuchtelfunktionen. Und warum soll ich ein Buch, das ich gerade lese, in andere Sprachen übersetzen? Vielleicht auch noch durch Google Translate? Oh nein.
5. Unterschiedliche Schriftgrößen: Kleinere oder größere Schrift, je nach Sehvermögen – kein Problem bei E-Books.
Komischerweise kommen die allermeisten Menschen mit den buchgebräuchlichen Schriftgrößen samt Durchschuss prima klar. Die sich in den letzten Jahrzehnten durchaus lesefreundlich verändert haben. Ansonsten heißt das Zauberwort Lesebrille.
6. Ausleihfunktion: Amazon und Barnes & Noble haben Ausleihmöglichkeiten entwickelt, mit dem man ein E-Book für einen begrenzten Zeitraum an einen Freund weitergeben kann. Vorteil: Im Gegensatz zu gedruckten Büchern bekommt man die elektronischen Dinger tatsächlich garantiert zurück.
Klar, und wenn der Freund nicht schnell genug liest, ist die Datei wie von Zauberhand weg. Und sie ist eben nur eine seelenlose Datei und keine Buch, das ich jemandem in die Hand drücke, mit ein paar netten Worten dazu.
7. Kauf zu jeder Zeit, an jedem Ort: Ob spätnachts im Bett oder fernab der Zivilisation mit ihren Buchläden: E-Books kann man immer und überall erwerben.
Fernab der Zivilisation? Und da soll stabiler Netzempfang sein? Und mir fällt gerade dann ein derart dringender Buchwunsch ein, der keinerlei Aufschub duldet? Das ist zurechtkonstruierte Märchenstunde.
8. Fan Fiction: Gerade bei den Harry Potters der Welt und anderen ähnlich populären Charakteren hat sich eine enorme Szene entwickelt, in der Fans die Geschichten um ihre Lieblingshelden weiterspinnen. Das muss man nicht mögen – über Wattpad und andere gibt es aber hunderttausendfach Stoff für Hard Core-Fans, in der Regel kostenlos.
Möchte ich solches Trittbrettfahrergeschreibsel wirklich lesen? Möchte ich wirklich Musik hören von Coverbands? Möchte ich wirklich Klamotten tragen mit gefälschten Markenstickern? Und das alles auch noch umsonst? Nein. Möchte ich nicht.
9. X-Ray: Das Tool von Amazon gibt jederzeit einen Überblick über die einzelnen Charaktere und Handlungsorte in einem Buch.
Es hat noch niemanden genutzt, beim Lesen sein Gehirn outzusourcen. Gerade weil ich nicht permanent  nachblättern muss, entwickelt eine Geschichte ihren Sog. Alles andere ist handwerklicher Mumpitz oder gewollte Vernebelungstaktik.
10. Umweltfreundlichkeit: Wer mehr als 30 E-Books auf seinem Reader hat, ist in Sachen Umwelt im grünen Bereich.
Elektronische Bauteile, Speicherplatz intern und extern, Strom, Netzzugang, Bestell- oder Leihabwicklung, Updates und so weiter und sofort. Das soll in Sachen Umwelt im grünen Bereich sein?
11. Anonymität: Mit E-Books kann man prima verbergen, was man da eigentlich gerade liest – 50 Shades of Grey wären in gedruckter Form wohl nicht so oft in der U-Bahn gelesen worden.
Gegenargument: Demonstrativ mit dem Cover von Lutz Seilers Kruso in der U-Bahn herumfuchteln und allen Mitfahrern prima zeigen, was man gerade intellektuell herausforderndes liest: Macht das nicht deutlich mehr Sinn?
Also. Ich diskutiere gerne über die Zukunft des E-Books und wo das E-Book das gedruckte Buch verdrängen kann und wird. Da sehe ich schon etwas auf die Verlage zurollen. Aber bitte keine Argumentationen auf diesem Niveau. Danke!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.