Ja, is‘ denn heut‘ scho‘ Weihnachten?

vorschau2014Ein trüber Aprilwetter-Tag Anfang Mai. Die kurzen Hosen lümmeln ungeduldig in zweiter Reihe im Kleiderschrank, die Flip-Flops floppen noch vor sich hin. Während der Sommer auf sich warten lässt, ist in der Post schon Weihnachten. Ein trüber Aprilwetter-Tag Anfang Mai, und auf dem Tisch liegen 25 Zentimeter hoch die Vorschauen für den Herbst 2014. Ja, geht’s noch?
Es sind nicht mal die Späterscheinungen des Frühjahrs ausgeliefert, die wirklichen Highlights des ersten Vierteljahres entdeckt, da sollen sich alle schon mit den Krippenspiel-Herdmanns und lamettaglitzergeschmückten Weihnachtsbäumen befassen. Dabei sind die Remittenden aus dem letztjährigen Weihnachtsgeschäft gerade erst zurückgeflossen. Schön blöde neue Welt!
Als schizophrener Buchhändler muss man da wohl mitmachen. Der Kunde will noch zu den Neuerscheinungen beraten werden, während man selbst ein Halbjahr weiter ist und Leseexemplare liest, wenn man sich auf den anstehenden Vertreterbesuch vorbereiten will.
Aber auch als Kritiker steht man unter Erwartungsdruck. Die ersten Leseexemplare liegen anbei, die wichtigsten Herbsttitel sind eh schon im Pressegespräch auf der Leipziger Buchmesse angepriesen worden, was will man da noch hinterherlesen? Also beginnt der Herbst schon Anfang Mai, unwiderruflich. Und der Wettbewerb, wer im kommenden Halbjahr als erster die gedruckte Vorschau schwenken und eintüten darf, geht in die nächste Runde. Diesmal Sieger war übrigens Carlsen.
Und Carlsen war auch der erste Verlag, der nicht nur die Leseexemplare, sondern auch ein Büchlein mit Leseproben beigelegt hat. Bei Leseprobensammlungen hat sich bei mir eine ganz pragmatische Vorgehensweise etabliert: Auspacken, den Schriftzug „Leseproben“ entdecken, direkt ins Altpapier entsorgen. Infos zum Buch gibt es in der Vorschau, den Text im kompletten Buch, wozu dann eine Leseprobe? Die willkürlich etwas aus einem Ganzen herausbricht? Wie soll man das Stückchen Text als Leser ernsthaft beurteilen? Wozu solche Literaturhäppchen?
Dennoch scheint mir in den Proben eine Chance für leseunlustige Kinder und Jugendliche zu liegen: Einfach gar keine längeren Texte mehr veröffentlichen, sondern gleich Leseprobenlänge als verbindlichen Maximalumfang festlegen. Noch besser: Jeder Verlag darf pro Halbjahr nur ein Buch veröffentlichen, ein Leseprobenbuch. Schluss, aus, das muss reichen. Das schont die Ressourcen, verringert die Lagerkosten, und im Bücherregal daheim tragen diese Bändchen auch nicht so sehr auf. Wäre doch eine Überlegung wert, oder?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.