Winnetou und das Fliwatüüt von Burg Schreckenstein

winnetou_gesamtKinderbuch-Klassiker sind in Kino und Fernsehen anscheinend unkaputtbar. Ob Wickie oder Biene Maja, Hanni & Nanni oder Heidi, sie alle werden in regelmäßigen Abständen runderneuert. Warum? Weil solche Stoffe neben den Kindern auch die Kindheitserinnerungen der Eltern ansprechen. Und aus purer Nostalgie das Portemonnaie lockerer sitzt, wenn es um die nigelnagelneuen Produkte drumherum wie die obligatorischen Bücher zum Film geht.

Schon in den Kinos angelaufen ist Burg Schreckenstein, die Best-of-Verfilmung der schönsten Streiche aus 27 Bänden von Oliver Hassencamp – erschienen ab 1959. Der ritterliche Zusammenhalt im Jungsinternat samt nächtlicher Ruderbootausflüge zum gegenüberliegenden Mädcheninternat Rosenfels, das müffelte schon in den Anfangsjahren leicht nach feuchtem Gemäuer und staubigen Spinnweben. Trotz des permanent nachlassenden Erfolges erschien noch 1988 der letzte Band. Reanimationsversuche wie eine Taschenbuchausgabe bei Omnibus konnten die spürbare Vergänglichkeit dieser Internatsgeschichten nicht mehr aufhalten, zumal mit Hogwarts ein bezauberndes Bilderbuchinternat wie aus dem Nichts erschien, neben dem Schreckenstein wirkte wie eine Gartenlaube neben Versailles. Und jetzt? Ist die Kritik ganz angetan von der behutsamen Transformation in die Jetztzeit. Wenn die aber nur in der Verwendung von Drohnen zum Mädchenärgern verkommt und das ganze zu einer Mädchen-Jungen-Nummernrevue mit Schuluniformen und Rittergetue verkommt, braucht es definitiv auch kein neues Buch zum Film. Deshalb die TV-Movie-Book-Wertung: ein Stern.

Schon länger angekündigt ist der Winnetou-Weihnachtsdreiteiler auf RTL. Darin galoppieren Wotan Wilke Möhring und Nik Xhelilaj gegen die übermächtigen Lex Barker und Pierre Brice an und sehr frei durch eine Art Best-of der Cowboy- und Indianergeschichten von Karl May. Entsprechend nostalgisch wirbt RTL in seinem Trailer auch für seinen Film-Film-Film: Gebannt ins Buch, auf eine alte Kinoleinwand und einen Röhrenfernseher starrende Jungs, umrahmt von Schwesternbeiwerk, verkörpern den Satz „Jede Generation hat ihren Winnetou“. Jetzt ist also die Generation Pokemon-Go dran. Aber ob die für Winnetou Platz hat zwischen Dragoran und Pikachu? Der Kosmos-Verlag jedenfalls glaubt daran und bringt im November Nacherzählungen der Drehbücher zu den Fernsehfilmen heraus – für Kinder – und nicht der Karl-May-Verlag. Denn im Vorfeld der Verfilmung gab es Ärger: Bis vor EU-Gerichte ging der Streit darüber, ob es einen Markenschutz für Winnetou gebe oder nicht. Den beansprucht der Karl-May-Verlag für sich und bekam teilweise Recht. Deshalb heißt der Filmteil zwei Winnetou und das Geheimnis vom Silbersee, obwohl jeder Karl-May-Leser den natürlich sofort mit Der Schatz im Silbersee in Verbindung bringt. Aber braucht es dazu diese neuen Bücher? Als Buch zum Film sicherlich nicht. Obwohl: Karl May im Original neu geschnitten (und dessen manischen Beschreibungsorgien drastisch gekürzt), das wäre als Buch zumindest einen Versuch wert. Deshalb die TV-Movie-Book-Wertung: ein Stern.

Und angekündigt ist doch tatsächlich Robbi, Tobbi und das Fliwatüüt, nach dem Kinderbuch von Boy Lornsen, erschienen 1967. Bekannter ist die 11-teilige mit Puppen produzierte Serie, die 1972 und 1973 im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Drehbuchautor und Regisseur war damals übrigens Armin Maiwald, bekannt als der Mann hinter der Sendung mit der Maus. Der Trailer verheißt nichts Gutes: Es sieht so aus, als hätte eine Grundschule bei Jugend forscht mitgemacht und nach den Vorlagen Ritter Rost und E.T. aus Altmetall einen Roboter gebaut. Netter gesagt: Der Wiedererkennungswert von Robbi liegt bei fast 100 Prozent. Und das Fliwatüüt? Sieht aus wie ein Autoscooter mit Dach und Propellern. Auch wenn Motive aus dem Buch wieder auftauchen, ist eine actionhaltige Filmhandlung komplett erfunden worden: Der arme Robbie wird von den skrupellosen Agenten Sharon Schalldämpfer und Brad Blutbad (nein, kein Scherz, so heißen die wirklich) gejagt. Und das Buch? Ist zum Glück das Original, nur ergänzt mit ein paar Filmbildern. Macht in diesem Fall eine TV-Movie-Book-Wertung von: drei Sternen.

Edel sind die Kids, aber hilfreich und gut?

edel_bitterMal wieder ein neuer Kinderbuchverlag, warum nicht. Er heißt Edel:Kids Books, gehört, wie der Name schon verrät, zum Medienunternehmen Edel AG und hat seinen Sitz zusammen mit Zabert Sandmann, jetzt ZS Verlag, in München. Gut, Edel veröffentlichte unter diversen Imprints wie Eden Books eh schon einen Kessel Buntes auch für Jugendliche, z.B. Sarah & Pietro: Unsere Reise oder bei Edel Elements eBooks den fast 20 Jahre alten Titel von Nina Gold: Ein Girlie packt aus. Nun also ein richtiges Kinderbuchprogramm. Und das macht einer, der weiß wie es gehen könnte: Jürgen Weidenbach. Der wurde im Mai zwar bei Random House nach 13 Jahren als Verlagsleiter in den Ruhestand verabschiedet. Aber manchmal gibt es eben Angebote, die man nicht ausschlagen kann.

Was kommt Edles? 2017 die ersten Titel mit deutschen Erst- und Originalausgaben – warum der Verlag dann Kids Books heißen muss und nicht Kinderbuch bleibt ein Mystery. Geplant sind acht bis zehn Bücher pro Halbjahr für Kinder bis zu zehn Jahren. In welche Richtung es gehen wird? „Wir werden bei Edel:Kids Books unterhaltsame Bücher verlegen, die überraschen, neugierig machen und für erzählerischen Anspruch und hohe Verkäuflichkeit stehen“, sagt Jürgen Weidenbach. Was ja in seiner Floskelhaftigkeit auch schon jahrelang für die „ …einfach vielseitigen“ Kinderbücher von cbj und cbt galt. Bedauerlich nur, dass dieser Anspruch dort in den vergangenen Jahren immer seltener erfüllt wurde. Die großartige Trennung von cbj und cbt in zwei nebeneinanderstehende Vollprogramme sollte überraschen und die einzelnen Profile schärfen, aber außer ihren Begründern hat das keiner wirklich verstanden. Hohe Verkäuflichkeit? Laut Umsatzstatistik steht cbj/cbt aktuell auf Platz 4 der Kinder- und Jugendbuchverlage, mittlerweile mit einiger Luft nach oben. Denn außer dem erstaunlichen Erfolg von Ingo Siegners Drache Kokosnuss ist dem Verlag in den vergangenen Jahren nicht mehr allzuviel eingefallen, was neugierig macht. Eher wurde mit viel Finanzkraft eingekauft, was sich schlußendlich nicht gerechnet hat, von Joachim Masannek bis Zoran Drvenkar.

Mit Edel:Kids Books soll nun alles besser laufen. Das wird sicher den ein oder anderen cbj/cbt-Autor zumindest zum Nachdenken bringen. Frisches Geld, ein neues Programm, ein Verlagsleiter, den man kennt, das können gute Gründe fürs Hinterherziehen sein. Zumindest die Vermarktungsrechte an den Trickfilmfiguren von Pettersson und Findus besitzt der Verlag schon, übernommen von TV Loonland – daraus haben schon andere Verlage Bücher mit mauem erzählerischem Anspruch entwickelt und schlussendlich in Kaufhäusern und Supermärkten verramscht.

Will da Edel:Kids Books hin? Eher nicht. Aber wie sie in den Kinderbuchmarkt kommen wollen, haben sie auch noch nicht verraten. Ein Schwerpunkt des bisherigen Vertriebs ist der bisher nicht. Aber vielleicht steht da Jürgen Weidenbach ja eine fähige Projektmanagerin zur Seite: Mit Judith Haentjes in dieser Funktion ist die Tochter des geschäftsführenden Vorstandsmitglieds und Mehrheitsaktionärs Michael Haentjes mit an Bord.