Buchmessenrückblick 3 – Selfpublishing im Kinderbuchregal

Selfpublisher werden ernst genommen. Die können was. Die verkaufen ihre Werke auch. Die wollen mittendrin sein statt nur dabei. Das haben Verlage für sich entdeckt und unterhalten Hybrid-Imprints, die wie ein Selfpublishing-Dienstleister funktionieren und bei großem Erfolg den Übergang in die etablierte Verlagswelt nebenan bieten. Und deshalb gab es auf der Buchmesse die Selfpublishing-Area mit „Workshops, Panels und Präsentationen“ und Aussteller wie Amazon und Co., die ihre Angebote für Veröffentlichungsmöglichkeiten suchende Autorinnen und Autoren vorstellten. Und es gab eine sogenannte Einzelbuchausstellung gedruckter Werke. Richtige, echte Bücher, die sich vor denen aus den klassischen Buchverlagen nicht zu verstecken brauchen. Glauben die Selfpublisher. Wenn ich ganz ehrlich bin: Glaube ich nicht so, beim Blick in die Ausstellung. Und zwar deshalb:

HandschuhbärHeiko Jürgens: Der Handschuhbär
Ein Kinderpappbilderbuch über einen Bär, der gelbe Handschuhe trägt. Gelbe Handschuhe mit vier Fingern, nicht fünf. Obwohl ein Bär fünf Zehen und damit fünf Krallen hat. Der Text ist gereimt. Mal im Paarreim, mal im Kreuzreim, mal gar nicht, relativ beliebig. Und die Illustrationen? Nicht der Rede wert. Aber da der Autor und Illustrator einen eigenen Designshop hat, existiert zumindest eine Vertriebsschiene.

schleuderClaus Mattheck: Die Mechanik der Schleuder erläutert mit einfühlsamen Worten von Pauli dem Bär
Ja, mit dem Pauli ist nicht gut Kirschen essen. Ganz einfühlsam erklärt er Kindern, 1. Mai-Demonstranten und dem schwarzen Block den richtigen Einsatz einer Zwille. Der Autor, der seine Bücher auch selbst illustriert, weiß Bescheid, denn er ist Professor am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), was ja schon fast so klingt wie K.I.T.T. aus Knight Rider. Mechanik oder auch die Körpersprache von Bäumen erklären (so ein anderes Buch) kann er wohl ganz gut. Das hat deutlich mehr Potential als in dieser doch sehr handgemachten Form.

nils-nilpferdUdo Auge: Nils Nilspferd oder vom Fremdsein und Freunde finden.
Nein, kein Druckfehler, Nils heißt mit Nachnamen wirklich so. Das Buch will nicht nur Integration darstellen und vermitteln, es ist auch im EmigrantiVerlag erschienen. Schade nur, dass da jemand grafisch und typografisch so gar kein Gespür hat und ihm dafür auch die technischen Möglichkeiten fehlen. Denn das Motiv aus vielen Kreisen und Ellipsen verrät so gar nicht, um was es in der Geshcichte gehts. Gut gemeint, aber eindeutig schlecht gemacht.

Liebe auf 7 PfotenSigrid Suszek: Liebe auf 7 Pfoten
Es ist „die Geschichte von der Schäferhündin Xena und dem dreibeinigen Wolf Naum, wie sie sich im Jahre 2000 in Ostbrandenburg zugetragen hat. Es erzählen 3 Tiere und 2 Menschen, wie sie die Geschichte aus ihrer Sicht erlebt haben.“ heißt es zum Buch. „Mit Bildern aus dem privaten Videofilm.“ Soso. Nette Menschen, die andere vom Nutzen der Spezies Wolf erzählen wollen. Aber: Wäre das Video, geschnitten und vertont, da nicht die bessere Alternative gewesen als dieses langweilig daherkommende Buch mit vielzuviel Text auf dem Cover? Bestimmt.

wie miri schwimmtHanna und Veronika Veitl: Schau mal, wie Miri schwimmt!
Miri lernt nicht nur schwimmen. „Sie lernt über das Verhalten des menschlichen Körpers in Wasser und experimentiert mit verschiedenen Schwimmstilen. Die fantasiereiche und humorvolle Geschichte motiviert mit anregenden Illustrationen“, unbedingt einen Zeichenkurs für Anfänger zu belegen. Nicht nur die wackelige Ausdrucksweise des Textes fällt auf, sondern auch die dilettantisch kolorierten Bilder, die selbst unter Wasser keinerlei Eindruck machen. Da muss ich Conni nicht warm anziehen.

PaulchenPaul Sonn: Paulchen + Paulinchen … und die Reise auf der rosa Wolke.
Die beiden Kinder reisen auf einer rosa Wolke um die Welt und halten hier und dort, um über eine Strickleiter auf die Erde zu gelangen. Ein Sprachen-Zauberkoffer ermöglicht es ihnen, sich mit allen Kindern in der jeweiligen Landessprache zu verständigen. Und da erzählen sie so dies und das. Klingt ziemlich belanglos und wird durch das Cover und die Illustrationen ins bodenlose hinabgerissen. Die wirken so, als hätten Paulchen + Paulinchen sie auf der Reise mit der wackeligen Wolke selbst gemalt. Will das jemand? Nein.

Hätte irgendeines dieser Bücher eine Chance bei einem renommierten Verlag? Eher nicht bis auf keinen Fall. Fehlt dem klassischen Buchmarkt deshalb ein wichtiges Werk? Eher nicht bis auf einen Fall. Das heißt, dass im Kinderbuch der qualitative Abstand noch sichtbar ist. Wer tatsächlich Wert auf fantasievolle Geschichten und Illustrationen legt, wird bei Selfpublishern noch nicht fündig.

Buchmessenrückblick Teil 2 – Wie super ist das SuperBuch?

Superbuch.jpg.1585801Im Herbst 2015 startete Carlsen die Reihe LeYo! als eine Kombination aus Buch und App und Augmented Reality-Anwendung. Eine erfolgversprechende Idee vor allem von Medienunternehmen, die noch Papier verwenden. Denn Augmented Reality in der vorgestellten Form braucht eine gedruckte Vorlage, um sie zu scannen und mit digitalen Inhalten verbinden zu können.

Dann fiept, spricht, bewegt sich etwas auf dem Second Screen von Handy oder Tablet, was im Buch statisch wirkt. In Mein Atlas zum Beispiel fahren Schiffe auf dem Ozean, hört man in Australien ein Digeridoo und kann sich die Begleittexte vorlesen lassen. Schiere Begeisterung löste dieses Konzept im Buchhandel noch nicht aus, die Technik war nicht immer auf der Höhe, man brauchte eine ruhige Hand (und das Kind ein teures Hilfsgerät) und erklärungsbedürftig ist solcher Elektronikschnickschnack für Buchgeschenkkäufer natürlich auch.

Doch der Technik Augmented Reality wohnt eine ungebrochen hohe Faszination inne. Der nächste, der mit einem AR-Projekt auf Buchhändler und Kinder losstürmt, ist Till Weitendorf an der Spitze des Oetinger-TigerBooks-Imperiums. Das ganze nennt sich SuperBuch, startet im Frühjahr 2016 und hat einen sichtbar anderen Ansatz: Keine neuen Bücher sind Grundlage, sondern erfolgreiche Backlist-Titel aus kooperierenden Verlagen, zum Beispiel Der Regenbogenfisch von Marcus Pfister (NordSüd) und Janosch mit Oh wie schön ist Panama (Beltz & Gelberg) und Pettersson und Findus: Findus zieht um von Sven Nordquist (Oetinger).

Das heißt, hier sind es Bilderbücher, die super werden. Und zwar „Jedes SuperBuch bietet neben atmosphärischen Sounds und professionellen Vorlesern eine Vielzahl pädagogisch wertvoller (Lern-)Spiele, witzige Animationen und tolle, noch nie dagewesene 3D-Effekte.“ Klar, wo sollen die tollen 3D-Effekte in einem Buch auch herkommen. Wobei die meisten Bilderbuchleser bislang noch nicht über fehlende 3D-Animationen in Büchern geklagt hätten.

Doch wie kommt das SuperBuch zum Leser? Natürlich durch den begeisterten Buchhändler. Denn für den ist dieser Super-Effekt vollkommen kostenlos. Sprich: Das normale Buch ohne Aufkleber kostet genausoviel wie das mit. Dafür profitiert er von einem Handelsetat von 200.000 Euro mit 15 Millionen Kontakten über Ströer Infoscreen und Social Media-Kampagnen. Sprich: Der Kundendruck soll den Buchhändler zur Herausgabe der SuperBücher zwingen. Denn er selbst hat ja wenig davon, ob er das Buch mit oder ohne Augmented Reality verkauft.

Und die Verlage? Müssen den technischen Aufwand natürlich trotzdem finanzieren, allerdings nicht auf dem Rücken der Käufer, sondern dem eigenen. Das bedeutet, sie tragen die Kosten für die Augmented Reality-Anwendungen, zusätzlich zum Werbebudget.

Damit sollen im übrigen „komplett neue Käufergruppen“ erreicht werden, sagt der Verkaufsfolder von SuperBuch. Wer auch immer das sein soll, der da ihm völlig unbekannte Läden stürmt, weil es nun endlich Bücher mit 3D-Effekten gibt.

Trotz aller Skepsis, man kann es ja mal versuchen. Auch wenn in diesem Falle der Satz Versuchen kostet nichts nicht stimmt. Zumindest nicht für die beteiligten Verlage.