Buchmessenrückblick Teil 1 – Die Literaturbeilagen

LiterauturbeilagenWo und wann wird über Literatur gesprochen? Auf der Buchmesse in Frankfurt natürlich. Die wichtigsten Titel der Saison? Werden in den Literaturbeilagen der großen Tages- und Wochenzeitungen vorgestellt und besprochen. Ein Fest für die Literatur! Und ein Fest für die Kinder- und Jugendliteratur! Ich freue mich sehr, stelle mir etwas zu Essen und zu Trinken bereit, um mich zwischenzeitlich zu stärken bei der sicher umfangreichen Nachlese aller Rezensionen zu den großartigsten Büchern für junge Leser.

Ja, der SPIEGEL gönnt sich eine nigelnagelneue Literaturbeilage, und neben der Belletristik und dem Sachbuch und den DVDs und Serien und Games kommt das Kinderbuch … nicht mehr. Oh. naja, der SPIEGEL eben.

Dafür aber die ZEIT! Die ja den Luchs des Monats vergibt, samt Jahresluchs. Und 72 Seiten Literatur in einer Beilage füllen darf! Klar, erst Belletristik, politisches Buch, Sachbuch, dann noch der unvermeidliche Martenstein, und jetzt das Kinder- und Jugendb… – fertig, die 72 Seiten sind rum. Ach.

Gut, dann reißen’s die großen Tageszeitungen eben raus. Die SÜDDEUTSCHE! Wenn dort neben der Belletrisitk und dem Sachbuch auch das Hörbuch und das Reisebuch seinen Platz hat, dann ist bestimmt fürs Kinderbuch – nix. Ui.

Die WELT vielleicht? Die an den Rolltreppen der Messehallen verteilte Beilage ist dünn und enthält auch nichts, wie man das Blatt auch wendet.

Also, alles auf die FAZ. Ja, siehe da, zwischen Belletristik und Sachbüchern gibt es zwei volle Seiten. Ein Lichtblick. Und da sie ja fast dazu gehört: In der FRANKFURTER RUNDSCHAU schließt eine Seite Kinder- und Jugendbuchkritik die Beilage ab. Immerhin.

Die LITERATAZ enthält nur neue Bücher und keine Sparten, das sind doch eh nur bürgerliche Kategorien, aber Kinder- und Jugendbücher enthält sie dafür nicht. So ist das also mit basisdemokratischen Strukturen und so weiter und so fort. Enttäuschend.

Und die linke Linke? Am Ende der Literatur stehen zwei Seiten mit kurzen Rezensionen und Annotationen zu aktueller Kinder- und Jugendliteratur. Von der Menge der vorgestellten Titel ein klarer Sieg für die Literaturbeilage von NEUES DEUTSCHLAND. Wer hätte das gedacht!

Anmerkung 1: Ich gestehe: In der ein oder anderen Zeitung erschien im Laufe der Messe im Feuilleton tatsächlich Kinder- und Jugendbuchkritik. Beantwortet aber die Frage, warum dann nicht auch in den Literaturbeilagen, leider gar nicht.

Anmerkung 2: Der SPIEGEL hat in der Ausgabe 43 vom 17.10.2015 eine ganze redaktionelle Seite für ein Interview mit einem Kinderbuchautor freigeschlagen. Der bekannte Schriftsteller heißt Carl-Johann Forssén Ehrlin. Über den Titel seines Buches, irgendwas mit Kaninchen, bin ich aber leider eingeschlafen …

 

Hanni & Nanni reloaded

Bildschirmfoto 2015-10-04 um 17.36.24Hanni und Nanni stecken mitten in den Wechseljahren: im August wurden sie 50. Solche runden Geburtstage lässt sich kein Verlag entgehen, um durch großartige Aktionen wie günstige Sonderausgaben oder Sammelbände mal wieder den Verkauf der staubigen Backlist anzukurbeln. Doch das reicht mittlerweile nicht mehr aus. Denn wer eine der älteren Ausgaben schon hat, der braucht halt keine zweite oder dritte zum Schnäppchenpreis oder zweite und dritte in einem Band.

Einen zumindest äußerlichen Mehrwert bietet ein Schuss Illustrations-Botox zum Jubiläum. Mathias Weber kolorierte für Thienemann erst den Räuber Hotzenplotz und nun auch Die kleine Hexe von Otfried Preußler nach. Die hat übrigens auch eine eigene Facebook-Seite, denn die „kleine Hexe, die erst einhundertsiebenundzwanzig Jahre alt (war), und das ist für eine Hexe ja noch gar kein Alter“, ist solch neumodischem Firlefanz gegenüber eben sehr aufgeschlossen.

Nun waren auch der Kleinmädchentraum von Hildegard und Renate, die Zwillinge Hanni und Nanni, beim Schönheitschirurgen des Schneider Verlages. Die beiden erlebten sowieso schon eine erstaunliche Transformation, als sie aus einem streng anglikanischen Internat aus dem England der 40er Jahre in ein 60er Jahre-Internat nach Deutschland umgesiedelt wurden. Ganze Kapitel verschwanden, und ganz neumodisch als Vermarktungsschiene erfolgreicher Character wurde die Serie in den 70er Jahren bei uns von unterschiedlichen Autorinnen fortgesetzt.

Pünktlich zum Feierjahr entstiegen die Zwillinge nun einem illustratorischen Jungbrunnen. Eleni Livanios hat die früher Kleider tragenden und ihre Mähne mit einem Haarband bändigenden Mädchen illustratorisch refresht, Eva Schöffmann-Davidov die Reihengestaltung beigesteuert. Recht dezent und damit einen Hauch nostalgisch. Es fällt auch auf, dass die Mädels gefühlt mindestens 1,80 Meter groß sein müssen, bei einem Gewicht von maximal 40 Kilo. Was auch an den extrem langen und schmalen Hälsen liegen kann.

Das war noch nicht alles. Auch textlich wurde aufgehübscht. „Hochmütig“ ist niemand mehr, nur noch arrogant. Mutter und Vater wurden gestrichen, dafür menscheln jetzt Mama und Papa durch den Text. Und das Müttergenesungswerk wurde als nicht mehr zeitgemäß gestrichen. Schade, wo es das Müttergenesungswerk doch weiterhin und ungebrochen gibt. Ob das alles reicht? Um die Texte aus ihrer Verstaubtheit in die Welt der Hanni und Nanni-Verfilmungen zu überführen? Sollte man das mit literarischen Texten überhaupt tun?

Ich warte noch drauf, dass der Karl-May-Verlag zum 125-jährigen Erscheinen von Winnetou 1 eine leicht aktualisierte Fassung auf den Markt bringt. Illustriert von Blexbolex. Mit dem Native American Winnetou. Der nicht mehr reitet, sondern einen SUV mit Hybridantrieb fährt. Den ein oder anderen Bison am Veggie Day ungeschoren davonkommen lässt. Statt zu schießen gewaltfrei diskutiert. Und mit Old Shatterhand integrative Projekte in erlebnispädagogischen Waldkindergärten betreut. Howgh!