Die beißen nicht, die wollen doch nur lesen

warrior catsDer Verlag Beltz & Gelberg hat eine großangelegte Verkaufsförderungsaktion gestartet.  Na und? Er verschenkt 50.000 Exemplare. Oh, das ist aber eine Menge. Vom ersten Band der Warrior Cats. Häh? An Lehrer. Ach, das ist sicher nachhaltig gedacht, aber warum gleich so viele? Als Klassensatz über den Lehrerclub der Stiftung Lesen, samt Materialien für den Unterricht. Ah, verstehe. Habe ich das richtig gehört, über die Stiftung Lesen? Wie kommen die denn dazu? Ist das nicht grob wettbewerbsverzerrend? Und verursacht irgendwie ein ungutes Gefühl? Nicht nur bei den 64 Autorinnen und Autoren, die einen offenen Brief an Beltz & Gelberg geschrieben haben?

Bleiben wir zur Abwechslung doch mal bei der Stiftung Lesen. Nur mal zur Erinnerung: Heinz-Peter Meidinger, Chef des Deutschen Philologenverbands (DPhV), hatte öffentlich „zur Arbeit der Stiftung erklärt: „Es wird hier zu stark auf Kooperationen mit einzelnen Firmen und Industrieunternehmen gesetzt, die sich selber auch stark in den Vordergrund schieben.“ Meidinger dringt auf „Korrekturen“ bei den Arbeitsmaterialien: Mit diesen werde das Vertrauen ausgenutzt, das die Lehrer in die Stiftung Lesen haben.“ So stand es im Mai 2011 in der überregionalen Presse wie der Süddeutschen Zeitung. Auslöser waren von der Stiftung Lesen in ihrem Lehrerclub angebotene Unterrichtsmaterialien, die die Vorzüge der Bahn erklärten und Kinderkonten bei der Mainzer Volksbank empfahlen – und natürlich deren Magazin „Primax“.

Auch wenn dieser Vorwurf damals ohne Konsequenzen blieb, er hat Kratzer im glänzenden Lack der Stiftung Lesen hinterlassen. Und den Eindruck, dass man dort für Geld so ziemlich alles tut, sogar Schleichwerbung zulassen. Klar, die Stiftung ist auf Förderer und Stifter angewiesen. Und da gibt es schon die erste Überschneidung: Im Stifterrat sitzt, neben großen anderen Kinder- und Jugendbuchverlagen, auch Beltz & Gelberg. Ja schau einer an.

Aus der Irritation von 2011 haben offenbar beide Partner gelernt und einen Weg gefunden, diese Klippe zu umschiffen. Deshalb heißt es in der Pressemitteilung von Beltz & Gelberg: „Zusätzlich zu den Büchern bieten die Kooperationspartner deshalb Materialien für den Unterricht. Die Stiftung Lesen stellt im Lehrerclub allgemein Impulsmaterial für die Lesemotivation mit Fantasy-Literatur zur Verfügung, bei Beltz gibt es darüber hinaus Materialien für den Unterricht, die speziell auf die Katzenserie ausgerichtet ist.“ Noch mal im Klartext: Ich darf als Lehrer einen Klassensatz Warrior Cats umsonst bestellen und bekomme entweder a) die Lehrerhandreichung gratis dazu– als Download bei Beltz, wenn ich mich dort registriere oder b) was Allgemeines von der Stiftung Lesen zu Fantasy-Büchern, die ich gar nicht kenne. Wie der Lehrer sich hier wohl entscheiden wird? Na? Und schon wird der Neu-Lehrer in der Beltz-Datenbank regelmäßig über die neuesten Beltz & Gelberg-Titel und die dazugehörigen Handreichungen informiert.

Auf die Kritik der Autorinnen und Autoren haben inzwischen Verlag und Stiftung Lesen reagiert. Leseförderung so viel wie möglich sei wichtig, sagt Beltz. Und die Stiftung Lesen erklärt folgendes: „Bei diesem Angebot handelte es sich nicht um eine reine Buchschenk-Aktion: Zusätzlich stellte die Stiftung Lesen eigens entwickeltes kostenloses Impulsmaterial (…) zur Verfügung.“ Das kenne ich als Beigabe eines Glases oder Flaschenöffners beim Kauf einer Kiste Bier. Damit ich genau diese Marke kaufe. Was wollte die Stiftung Lesen mir damit noch mal sagen?

Die Stiftung Lesen hat noch ein weiteres Super-Argument im Köcher: „Die Realität sieht jedoch so aus, dass die Anschaffung von aktuellen Titeln in Klassensatzstärke ein Problem für viele Schulen darstellt.“ Weil das Geld fehlt. Und dann kommen die Robin Hoods der Stiftung Lesen mit Leseförderungsprojekten wie diesem und helfen. Wie ehrenhaft! Aber woher kommt eigentlich das Geld dafür? Zu über 50 Prozent von denen, die die Schulen nicht mit den nötigen Finanzmitteln ausstatten, um dort direkt Lektüre anzuschaffen oder eine Schulbibliothek zu unterhalten. Und die auch für die Finanzierung von öffentlichen Bibliotheken verantwortlich sind: im Jahresbericht 2013 sind 55 Prozent der Einnahmen der Stiftung Lesen Zuwendungen der öffentlichen Hand. Dieser Bereich ist der am stärksten gestiegene in den vergangenen Jahren, von 891.000 Euro im Jahr 2009 auf 4, 589 Mio. Euro.

Mir sträuben sich jedenfalls die Nackenhaare bei dieser Aktion.

A Bug’s Life

käferStellen wir uns mal Folgendes vor: Eine junge Frau arbeitet nach ihrem Germanistikstudium mit dem Schwerpunkt Weimarer Klassik seit Jahren als verantwortliche Online-Redakteurin beim Staatstheater in Darmstadt und macht das auch sehr gut. Darüber berichtet sie gerne auf Konferenzen und in Workshops. Zudem hat sie ein etwas außergewöhnliches Hobby, sie liebt und sammelt Muscheln. Und sie schreibt so nebenbei. Einen Blog über Muscheln. Und ein Kinderbuch über ein Mädchen und eine Muschel mit Namen Bunti. Die mit der Muschel zusammen ihre verschwundene Mutter sucht. Ausgelegt auf drei Bände.

Würde eine Agentin oder ein Agent dieses Manuskript auf dem deutschen Kinderbuchmarkt anbieten, es wäre sicherlich kein Selbstläufer und harte Arbeit, dafür einen Abnehmer zu finden.

In England ist das anders. Da gilt Barry Cunningham, der Verleger von Chicken House, als eine Art Midas, seit er als damaliger Kinderbuchchef von Bloomsbury J. K. Rowling unter Vertrag nahm. Und der hat ein ähnliches Buchprojekt angenommen und freut sich mit der Agentin, damit einen vermeintlichen Welterfolg gelandet zu haben. Ein erstes Anzeichen: Das englische Buchhandelsmagazin Bookseller erschien vor der Kinderbuchmesse in Bologna mit einem Kinderbuchspezial – und auf dem Titel: Das Cover von M.G. Leonards Kinderbuch „Beetle Boy“. Ein Kinderbuchdebüt einer jungen Autorin, von Beruf Senior Digital Media Producer am National Theater. Hat englische Literatur studiert und einen Abschluss in Shakespeare Studies. Und eine Schwäche für Käfer. Ach ja, nur so nebenbei: Das Buch erscheint am 3. März 2016.

Worum es geht? Um eine nebulöse Story über einen Jungen mit Namen Darkus, dessen Vater verschwindet und der nun mit Hilfe eines Riesenkäfers namens Dexter das Geheimnis dahinter aufklären soll. Dazu gibt es nette Fotos einer mit bunten Fingernägeln und einem Hirschkäfer auf den Händen posierenden Autorin. Das reicht, um weltweit Lizenzen zu verkaufen. Unter anderem nach Deutschland, zu Chicken House.

Was einem das sagen soll? So einiges. Der Trend in heimischen Kinder-und Jugendbuchverlagen ist noch immer ungebrochen, lieber fertige Manuskripte samt vager Erfolgsversprechen (fast ein Jahr im voraus!) einzukaufen anstatt mit heimischen Autorinnen und Autoren zu arbeiten. Die Selbstvermarktung einer Autorin oder eines Autors wird immer wichtiger. Da darf es natürlich auch eine hinreißende Kombination aus erzählerischem Sujet und persönlichem Enthusiasmus geben. Schadet auf keinen Fall.

Und in welchem Land sonst sollte eine Geschichte mit Käfern auf so fruchtbaren Boden fallen? Denn zwischen der Hochkultur von Franz Kafkas „Die Verwandlung“ und dem millionenfach gebauten VW Käfers ist sicher Platz für eine „Krieg der Käfer“-Trilogie. Wir erinnern uns: Die letzten Käfer wurden ja auch nicht mehr hier, sondern in Mexiko gebaut.

YouTube für Erstleser

Bildschirmfoto 2015-05-03 um 19.33.46Erfolgreiche YouTuber, die mit ihren Kanälen Abonnentenzahlen im sechs- oder siebenstelligen Bereich erzielen, gibt es einige. Das weckt Begehrlichkeiten. Agenturen wie Mediakraft vermarkten ihre Klienten gezielt an werbetreibende Unternehmen oder als Testimonials. Zum Beispiel wirbt LeFloid in einer großangelegten Kampagne für die Techniker Krankenkasse. Oder Sami Slimani für Google. Aber lässt sich auch für Buchverlage Gewinn aus deren Bekanntheit gerade in jungen Zielgruppen ziehen? Na klar! Wer es nicht wusste: Y-Titty haben schon 2012 ihr erstes Buch mit dem Titel „Nicht-Buch“ bei Carlsen veröffentlicht.

Besonders gut im Geschäft ist der Münchener riva-Verlag (bekannte Titel unter anderem „Leben mit einem großen Penis“, „Sei dein eigener Arzt“, „Helene Fischer“), . Der nimmt auf der nach unten offenen Niveauskala eh alles mit, was sich irgendwie zwischen Buchdeckel pressen lässt und mediale Aufmerksamkeit erregt. Und hat gleich mehrere YouTuber im Programm.

Den Anfang machte ebenfalls 2012 das Buch „Überleben unter Opfern“ von DieAussenseiter, das sind die beiden Cousins Dimitri und Sascha Kozlowski, sozusagen die Ostzonen-Lochis. Denn Namen und Aussprache klingen nicht nur russisch gefärbt, sie sind es auch. Wurst, das Programm ist das gleiche wie bei vielen anderen auch: Musikvideoparodien und Klamauk. Den man aber nur nach reichlich Wodka lustig finden kann. Ihr Buch ist ein Ratgeber für das Leben außerhalb des Webs. Blöd nur, dass die beiden außerhalb des Web nichts anderes sind als zwei langweilige Jugendliche Ende 20.

Simon Desue ist zwar erst 24 Jahre alt, hat dafür aber schon vier Bücher veröffentlicht: Ratgeber für Teenies. Für 15jährige, 16jährige, 17jährige und 18jährige. Was die Bücher mit ihm zu tun haben? „Er hat im gesamten Entstehungsprozess aktiv am Layout und der Gestaltung mitgewirkt“, sagt Tina Nollau, Pressefrau von riva. Will heißen: Können wir das eine Foto von mir mit der Grimasse auf Seite 17 nicht gegen das Bild mit Der Grimasse von Seite 45 tauschen? Ich finde, das passt besser. Oder so ähnlich. Wichtig ist nur, dass sein Name draufsteht.

Denn zum Erfolgsrezept dieser Bücher gehört die Vermarktung auf den eigene YouTube-Kanälen. So, als wäre es eines der üblichen Videos verbirgt sich dahinter eine Art Werbespot mit den vertrauten Mitteln der wackeligen Selfie-Look-Kamera und punkt- und kommafreiem Gequassel über Beweggründe und Inhalte, wenn es denn welche gibt.

Alberto Trovato, der „beatboxende Pastorensohn“ hat zumindest nicht ausgeschlachtet, was er ansonsten in seinen Videos verwurstet. Seine Idee: Er erzählt „Die Wahrheit über Alberto Trovato“. Klar, der Mann hat Anspruch. Und versichert mehrmals, dass sein Buch den Lesern absoluten Nährwert gibt. Und es sind „krasse Sachen drin, mit denen ihr nicht gerechnet habt.“ Ja Mensch! Das ist insofern überraschend, als er in seiner YouTube-Videoreihe „Hey Al!“ sowieso schon Fragen seiner Zuschauer beantwortet – er ist aktuell bei Video Nummer 71 angelangt. Was man da noch wissen will? Den Namen seines Lieblings-Tattoo-Studios vielleicht.

Und? Läuft bei riva? Ein paar amazon-Rezensionen von Fans, ein kurzer Ausflug in die Top 100, und dann waren die Bücher auch schon wieder weg. Braucht also jeder Verlag YouTuber-Bücher? Nein. Von daher viel Spaß mit dem Slimani-Prinzip, liebe Edel AG!