Second Hand-Möbel

Das Sitzmöbel aus orientalischen Amtsstuben mit Namen Divan ist laut Wikipedia ein mehrsitziges gepolstertes Sitz- und Liegemöbel, das sich auch für den kurzen Mittagsschlaf eignet. Darauf schlafen dürfen alle, ob groß, ob klein, getreu dem Motto „Ein Divan für alle“. Nein, das ist keine Werbung für ein neues Möbelhaus, sondern für einen im Frühjahr 2015 startenden Verlag in Berlin: Divan.
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Es verbirgt sich auch kein ehemaliger IKEA-Manager hinter dieser Neugründung, sondern mit Gabriele Dietz die ehemalige Elefanten Press-Frontfrau und mit Peter Maaßen ein erfahrener Kultur- und Medienmanager, der unter anderem eine Literatur- und eine PR-Agentur mit Namen KingKong betreibt. Die steht bei Fuß, wenn es um die „offensive Medienarbeit“ zu den Divan-Titeln geht. Was das ist? Im Gegensatz zu defensiver Medienarbeit? Mehr Licht ins Dunkel bringt wahrscheinlich „die aktuelle Resonanzliste“, die auf Wunsch gerne zugesandt wird.

Jedenfalls: Zwei Profis mit genügend Marktkenntnis gehen das Risiko Verlag ein. Und das sieht für das Kinder- und Jugendbuchprogramm Divan junior wie folgt aus:

„Die ersten drei Kinderbücher, die wir im Frühjahr 2015 vorlegen, sind wahre Klassiker und heute noch so lustig und spannend wie zum Zeitpunkt ihrer Erstveröffentlichung und werden ihre LeserInnen mit Sicherheit auch noch in vielen Jahren begeistern. Reprints von frühen Erfolgstiteln so bekannter Autoren wie Mario Giordano und Martin Klein machen den Anfang.“

Klassiker? Frühere Erfolgstitel? Nach denen Leserinnen und Leser schon seit Jahren gieren? Mal der Reihe nach. Bei allen Titel handelt es sich um ehemalige Elefanten Press-Hardcover. Mario Giordanos Geschichte Die wilde Charlotte stammt aus dem Jahr 1992, war danach bei rororo im rotfuchs-Taschenbuch und ist aktuell noch als Hörbuch erhältlich. Die Stadt der Tiere von Martin Klein stammt aus dem Jahr 2002 und erschien 2005 bei omnibus im Taschenbuch. Und Gabriele Dietz’ Buch Kati Knack-die-Nuss stammt aus dem Jahr 1987. Es waren also schon mal reichlich Bücher in mehreren Verwertungsstufen in Umlauf. Wären die wirklich so erfolgreich gewesen wie behauptet, wären sie sicherlich auch noch lieferbar.

So weit, so gut. Diese drei Titel veröffentlicht Divan nun als Reprint, zum Preis von 14,90 € (Kati) bzw. 16,90 € (Charlotte, Tiere). Schon an sich ein stolzer Preis für ein Kinderbuch. Interessanterweise gibt es alle drei auch als E-Book, für günstige 6,99 €. Diese Preispolitik ist natürlich insofern schwierig, als es die Elefanten-Press- und Taschenbuch-Ausgaben auf den üblichen Secon Hand-Marktplätzen für günstiges Geld zu kaufen gibt, teilweise sogar noch neuwertig – für weit unter den geforderten 14,90 € bzw. 16,90 €. Machen dann solche Reprints überhaupt Sinn? Wenn es nicht mal den Directors Cut, die fünf vergessenen Originalillustrationen, die zwei verloren gegangenen Märchen als Bonus obendrauf gibt? Denn ein Reprint allein frischt ein 23 Jahre altes Piratenabenteuer oder ein 28 Jahre altes emazipatorisches Mädchen-Märchen-Buch nicht automatisch wieder auf.

An dem Rezept will Divan festhalten. Gabriele Dietz kündigt entsprechend an: Es warten auch noch eine Reihe vergriffener, ehemals wirklich erfolgreicher und zeitloser Titel auf eine Neuveröffentlichung. Aber auch Erstveröffentlichungen im Herbst. Schauen wir mal, wer dann auf dem Divan Platz nimmt. Und ob die Idee doch funktioniert.

Boss und Hoss und kleine Cowboys

Bosshoss„Liebe Kinder, mit Bücherschreiben ist das so eine Sache. Es gibt Buchideen, die ein Leben lang nicht geschrieben werden. Und es gibt Buchideen, die platzen. Einfach so, ohne dass man was dafürkann. Wie bei einem Luftballon. Gerade noch groß und rund und – BUMM – im nächsten Moment nur noch ein spuckfeuchter Gummifetzen. Da heißt es dann: Zähne zusammenbeißen.

Es gibt aber auch Buchideen, die sind so tief in einem drin, die kriegt man nicht so leicht zu platzen. Das sind Buchideen für die man kämpfen muss. Jeden Tag aufs Neue. Manchmal ein Leben lang. Unser großer Traum war und ist es, einen Verlag zu finden, um mit unserer langweiligen und plumpen Geschichte die Buchhandlungen dieser Welt zu erobern. Dafür geben wir alles. Und der Verlag Baumhaus auch.“

Liebe Kinder! So oder so ähnlich erklären der Boss und der Hoss, besser bekannt als Bosshoss, ihr erstes Bilderbuch. Und das ist mal so richtig in die Bosshose gegangen. Weil da so gar nichts zusammenpasst. Grundidee nicht, Bilder nicht, Geschichte nicht. Obwohl Kinder- und Jugendbuch-Gesamtleiter Mathias Siebel daran mitgearbeitet hat.

Das beginnt schon beim Illustrator Daniel Ernle. Der kann Piraten und Sternenritter und Characters für die Werbung entwickeln und mit Layoutfilzern Bilder skizzieren. Wenn die Scribbles aber schon die fertigen Illustrationen sind, wirkt das flau und unfertig ausgearbeitet. Und die gewollte Ähnlichkeit der beiden Cowboys zu Boss und Hoss ist selbst auf den fünften Blick nicht festzustellen.

Und die Geschichte? Rumpelt sich in die eigentlich Handlung. Denn Boss und Hoss wohnen in einem ganz gewöhnlichen Kinderzimmer. Und wollen, wenn sie groß sind, Feuerwehrmännner? Fußballstars? Astronauten? werden? „Nein?“ Warum steht hier ein Fragezeichen? Wer erzählt denn hier eigentlich? Der liebe Onkel von Boss und Hoss? Seltsam. Aber auch egal, schließlich wollen die beiden, na was wohl, Cowboys werden. „Kurzerhand machen sie sich auf in den Wilden Westen.“ Schwupps, sind sie vom Kinderzimmer in die Prärie gebeamt. Direkt unter ein gesatteltes Pferd.

Von nun an läuft die Geschichte nach dem immergleichen Prinzip. Reiten klappt nicht, Kuh fangen klappt nicht, Feuer machen misslingt, schießen (mit Saugnapfpfeilen) wird nichts. Bis ein nebulös-geheimnisvoller Fremder des Weges kommt. Und eine Gitarre vergisst. Schon beginnt Boss an den Saiten zu zupfen, und Hoss beginnt dazu zu singen. Und alle Cowboys, die sie vorher belächelt haben, tragen sie nun begeistert zum Saloon. Wow! Denn ein echter Cowboy wird man schon, wenn man als Naturbegabung Gitarre spielen und singen kann. Fertig.

Was das soll? Die gewonnene Popularität von Bosshoss mitnehmen, koste es was es wolle. Das ist so offensichtlich und dazu so offensichtlich schnell dahingeschmiert, dass der Vorleser glatt zur Rothaut wird: weil es einem die Schamesröte ins Gesicht treibt. Kleine Cowboys ganz groß? Nee, große Cowboys ganz klein. Das passt eher.

Die Klette

Logo_Klett_Drache_Freight_bearbMS3Klett – für viele war und ist das das „Unternehmen Bildung“, wie man sich auch selbst tituliert. Aber weil Bildung nicht immer nur Spaß macht, gab und gibt es im Portfolio auch einige Publikumsverlage wie beispielsweise Klett-Cotta. Oder für die jüngeren Leser seit 1988 den Esslinger Verlag. Und seit 2009 Klett Kinderbuch in Leipzig. Eine lohnende Ausweitung? Offenbar nicht in jedem Fall. Der Hobbit-Verlag Klett-Cotta hat 2009 durch die Übernahme von Tropen samt Personal neuen Schub bekommen. Doch die Entwicklung bei Esslinger ging in die entgegengesetzte Richtung. Er wurde 2014 mit Thienemann zusammengeführt und an die Bonnier-Gruppe verkauft. Und nun zieht sich sich die Mutter Klett auch aus Klett Kinderbuch zurück: Der Name bleibt, aber Klett selbst ist nur noch in Minderheit beteiligt. Die Mehrheit geht auf die Verlagsleiterin Monika Osberghaus über.

Rückzug aufs Kerngeschäft würde diese Strategie heißen. Und davon profitiert nun Monika Osberghaus. Denn das Experiment, dem Journalismus den Rücken zu kehren, um mit Hilfe von Klett einen eigenen Verlag mit eigenständigem Profil aufzubauen, ist längst gelungen. In der Frühjahrsvorschau beschreibt Monika Oberhaus ihr Rezept: „Wir bringen weiterhin nur wenige Titel heraus, und vor allem bleiben wir uns inhaltlich treu. Das heißt, wir suchen Bücher, die geradeaus und direkt sind, kitschfreien Spaß bescheren und Kinder von heute zum Reden bringen.“ Stimmt. In dieser Konsequenz besteht das Programm nun die ersten sechs Jahre, und es gibt so einige Titel, die sich erfreulich durchgesetzt haben

Es sind aber nicht nur die Inhalte, sondern auch die Themen und Formen. Ein Aufklärungs-Frageblock für Kinder. Die Wort-Schatz-Kiste. Alle Kinder-Reimbücher. Oder Alles Familie, ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis. In der Mehrheit Originalausgaben, zeitgemäß illustriert, nicht zu weit oben in den Altergruppen angeseidelt. Und im Frühjahr kommen dezidiert Erstlesebücher dazu – „die freche Antwort auf dröge Erstlese-Literatur“. Das klingt selbstbewusst, wird aber auch eingelöst. Von daher heißt es jetzt Loslesen! in eigener Regie. Wäre doch gelacht.