The ONE and not the only

Logo one lübbeBastei Lübbe hat zum Frühjahr 2015 seine Kinder- und Jugendbuchprogramme Baumhaus und Boje etwas entrümpelt und verjüngt – trennschärfer aufgestellt – und dafür ein neues Imprint zwischen Jugendbuch und Belletristik platziert: ONE. Hat das noch auf dem Markt gefehlt? Oder ist das ONE zuviel?

Nun ja. Die Zeiten sind längst vorbei, als die Ankündigung eines neuen All Age-Programmes in der Fachpresse oder im Buchhandel noch Begeisterung hervorrief. Wie schön, dass einem wenigstens die Pressemappe ausführlich erklärt, warum ONE trotzdem hit-verdächtig ist und der Gesamtleiter im Kinder- und Jugendbuch, Mathias Siebel, der Presse sogar zusätzliches Insiderwissen verrät. Wäre ja auch noch schöner, wenn er als Insider keines hätte.

Mit dem vorab zum Weihnachtsgeschäft erschienenen „Magisterium – Der Weg ins Labyrinth“ von Cassandra Clare und Holly Black samt inhaltlich herbeigeredeter Analogie zu Harry Potter sollte schon mal ein Ausrufezeichen gesetzt werden. Was mit bekannten Sujets wie einem Magierkind wider Willen, einer unterirdischen Schule für Zauberei und einer lebensbedrohlichen Gefahr inhaltlich nur bedingt gelingt. Doch offenbar hat die Autorin Cassandra Clare, bekannt durch „Die Chroniken der Unterwelt“, ein treues Fanpublikum, so dass der Start zumindest in Verkaufszahlen ganz ordentlich gelaufen sein muss.

Fehlen noch fünf weitere Neuerscheinungen, denn mehr als sechs pro Halbjahr soll es nicht geben. Es folgen im Februar mit Sabaa Tahir eine in den USA hochgejubelte Debütantin, mit Liz Cooler eine erstmals in deutsch erscheinende Autorin und mit Cat Patrick eine schon bekannte Boje-Autorin. Des weiteren ist Geoffrey Girard Lübbe-Autor und der letzte Roman von Jasper Fjorde erschien bei Eichborn, das ebenfalls zu Lübbe gehört. Ein Dystopie aus dem alten Rom – vielleicht was mit viel Feuer? –, ein Jugendkrimi im Tatort-Stil, ein völlig-verrücktes Fantasy-Abenteuer: Zusammengenommen klingt das jetzt weniger nach hitverdächtiger Planung, sondern eher nach dem Bauplan für einem am Verlagsgebäude angeflanschten Carport, um dort die in der Belletristik als nicht bestsellertauglich erachteten Titel von für den Verlag wichtigen Autorinnen und Autoren unterstellen zu können. Was in der Pressemitteilung anders verpackt wir folgt klingt: „Auch aus dem Lübbe-Programm konnten wir schon Autoren gewinnen.“

Als einzige Originalausgabe ist ein Krimi von Brigitte Glaser dabei. Die schreibt ansonsten badische Regionalkrimis und hat vor einiger Zeit bei Sauerländer auch schon Krimis für Jugendliche veröffentlicht, ohne durchschlagenden Erfolg jedoch.

Ach ja, was noch auffällt: Ganz schön viele Titel bei einem 6-Titel-pro-Halbjahr-Programm. Zumindest Titel bei den verantwortlichen Personen im Verlag, als da wären ein Gesamtleiter, der auch „Regie führt“, ein Verleger, eine Verlagsleiterin, die bei ONE alle das große Potential sehen. „Starke Stoffe“ sagt der Gesamtleiter, „für einige Überraschungen gut“, sagt der Verleger, „spannende Projekte“ sagt die Verlagsleiterin. Machen muss das Programm wahrscheinlich jemand ganz anderes. Es gibt nämlich auch noch eine Lektorin.

Schweinerei!

details_schweinebacke_330x330„Ach, früher, das waren noch Zeiten!“ Der alte Efraim schaute von der Reling seines in die Jahre gekommen Piratenkutters Hoppetosse in die untergehende Sonne. Seine Hand lastete schwer auf Pippi Schulter. „Früher, da war ich Pirat. Schlechte Sozialleistungen, ungünstige Arbeitszeiten, unwilliges Personal: Das war kein Zuckerschlecken. Und gesellschaftlich anerkannt war der Job auch nicht. Aber ich war zufrieden.“  Für einen Moment schloss Efraim die Augen. Vielleicht zogen gerade die 10 aufregendsten Piratenmomente an ihm vorüber wie in einer dieser RTL-Sendungen mit Sonja Zietlow.

„Doch plötzlich änderte sich alles. Nach dem ersten Girlsday auf der Hoppetosse standen die Mädchen Schlange. Und dann kam auch noch die Frauenquote in Führungspositionen. Piratinnen, pffh. Auch deshalb habe ich mir einen anderen Job gesucht. Negerkönig.“ Efraim atmete lautstark aus. „Das war wunderbar. Ein freundlicher König wird von seinem Volk geliebt. Und ist überall anerkannt. Nicht nur auf einem Fleckchen Weltmeer.“ Er lächelte sanft, bis sein Gesicht zu einer Maske erstarrte. „Bis die da“ – seine Hand zeigte grob in Richtung Hamburg – „aus mir einen Südseekönig gemacht haben. Dabei leben in der Südsee gar keine Neger. Und was soll überhaupt ein König der Südsee sein? Herrsche ich jetzt über Putzerfische und Seeanemonen?“ Pippi sah ihn an. Ja, sie konnte sich noch gut an ihren Besuch im Taka-Tuka-Land erinnern. Und an das Faschingsfest mit Papas bestem Freund, Otfried. Wie sie in ihren gewichsten Piratenstiefeln mit den als Neger, Chinesenmädchen und Türken verkleideten Kindern ein fröhliches Fest mit ganz vielen Negerküssen gefeiert hatten.

„Ich weiß, woran du denkst, Pippi. Jetzt haben die Kinder alle diese billigen Verkleidungssäcke aus dem Discounter und sehen aus wie ein gelber Schwamm mit Gesicht oder diese Batterien.“  „Du meinst wie Minions.“ „Mir egal wie das heißt, ist doch eh alles ein und dasselbe fürchterliche Gelumpe. Aber weißt du, was das schlimmste ist? Jetzt nehmen die uns auch noch den Mettigel weg. Und das Spießbratenbrötchen. Und die drei kleinen Schweinchen. Und Piggeldy und Frederick. Und Miss Piggy.“ Efraims Stirn sank auf die kühle Reling. „Weil Schweine die Gefühle von Moslems und Juden verletzen könnten. Sagt dieser englische Verlag, der kein englischer Verlag mehr sein will, sondern ein gesichtsloser Großkonzern, der  nicht mehr in Büchern, sondern in Shareholder Value denkt. Deshalb sollen die Autorinnen und Autoren sich was anderes überlegen. Tiere nehmen, die nicht als unrein gelten. Wie Zwergponys. Dobermänner. Dino-Wheelies.“ Efraim legte den Arm um Pippis Schulter. „Ach, aber was rege ich mich auf. Das sollen mal schön die anderen machen. Ich bin ja längst in Ruhestand.“ Und dann flüsterte er Pippi noch leise ins Ohr: „Denn wenn ich jung wäre – dann aber Yippie-ya-yeah, Schweinbacken!“

„An English-Book in Al Tona“

e645f6ead2bcf00260300f97a2dffba0Das Klagen der deutschsprachigen Autorinnen und Autoren, die mit ihrer Gesamtsituation unzufrieden sind, ist längst noch nicht verklungen. Auch die Diskussion um den Deutschen Jugendliteraturpreis und die Preisvergabe an Übersetzungen ist noch nicht zu Ende geführt. Aber das scheint Verlage in ihrer Programmarbeit nicht weiter zu beeinflussen. Aktuelles Beispiel: Carlsen samt seinem Imprint Kingschildren (z.dt. Königskinder).

Publishing Director Barbara King hatte schon in ihrem ersten Programm im Herbst 2014 unter Beweis gestellt, dass es außer Andreas Steinhöfel keine weiteren ernstzunehmenden deutschsprachigen Erzählerinnen und Erzähler gibt, die den hohen Ansprüchen genügen. Und weil der nicht zu den Vielschreibern gehört, kommt das Frühjahrsprogramm 2015 nun ganz ohne Originalausgabe aus. Dafür ist das Commonwealth mit den USA, Australien und Kanada programmfüllend vertreten.

Umso erstaunlicher ist, dass diese Grundeinstellung auch auf das erzählende Programm von Carlsen abgefärbt haben muss. Lässt man Reihen, Serien und Lesefutter weg, zählt man dort 14 Neuerscheinungen – die Neuausgabe einer Geschichtensammlung von, na, wem wohl,  Andreas Steinhöfel ist dabei selbstverständlich nicht berücksichtigt. Von den 14 Titeln ist, na immerhin, eine von einer deutschsprachigen Autorin. Ansonsten: USA, England, ein Titel aus Frankreich.

Was lässt sich nun daraus ableiten? Natürlich die gern geäußerte Einstellung, in Deutschland fehle es an neuen erzählerischen Stimmen, am Nachwuchs mit Potential, gerade im Kinder- und Jugendbuch. Dieser Vorwurf ist nicht neu und aus vielen Verlagen zu vernehmen.

Vielleicht stimmt das zum Teil. Aber spielt man den Ball zurück in die Verlage, muss der Vorwurf auch lauten, dass immer weniger Verlage offenbar Lust haben, sich der Autorenentwicklung zu verschreiben. Weil es mehr Arbeit macht als auf den Buchmessen fertige Auslandslizenzen einzukaufen? Weil es in den Lektoraten an der Fähigkeit fehlt, Talente zu erkennen? Und mit ihnen zusammen Ideen und Geschichten zu entwickeln? Anders lässt sich ein Programm wie das von Carlsen nicht erklären. Denn vor wenigen Jahren noch gab es eine Reihe von jungen deutschsprachigen Autorinnen im Paperback, gab es ein großes Interesse an unveröffentlichten Titeln, die auf der Auswahlliste zum Oldenburger Kinder- und Jugendliteraturpreis standen. Und nun?

Meine Kinderbuchwoche

Neues Jahr, neuer Blog: Ab jetzt wöchentlich ein Beitrag rund um die Kinderbuchwelt, jeden Mittwoch neu.

Frühjahr wird’s, und die Vorschauen stapeln sich samt erster Leseexemplare. Die Vorfreude wächst insbesondere auf meine drei ganz persönlichen Programm-Highlights 2015.

Mein erstes Smartphone_ProduktfotoPlatz 3: „Mein erstes Smart-Fon“ (ministeps)

Schon 9 Monate alt, aber immer noch nicht voll vernetzt? Dagegen hat Ravensburger was. Damit die kleinen Buggybengel und -gören erst gar nicht auf die Idee kommen, Bilderbücher durchzublättern, baumelt schon das erste Smart-Fon am Buggybügel. Mit bewegtem Entchen-Bild, sechs Klingeltönen und realistischen Wahlgeräuschen. Und schon prüfen die Kleinen beim Fläschchennuckeln im Sekundentakt, ob sie auf ihrem Smart-Fon eine neue Whatsentchen-Mitteilung bekommen haben. Der Traum aller Eltern, wetten?

zauberkätzchenPlatz 2: „Zauberkätzchen. Ballerinaträume.“ von Sue Bentley (arsedition)

Nein, so kann es nicht weitergehen. Die mörderischen „Warrior Cats“ bringen mit ihrem riesigen Erfolg eine ganze Kuscheltiergattung in Verruf. Niedliche Miezen als Killermaschinen? Zeit, dieser Entwicklung entgegenzutreten. Mit blinzelnden Glitzeräuglein, einem leicht debilen Gesichtsausdruck und einer hanebüchenen Geschichte, in denen der kleine Fellpuschel mal eben so vorbeischnurrt, um Kindern in brenzligen Situationen – Eifersucht in der Ballettschule! – beizustehen. Gib Pfötchen!

Dino WheeliesPlatz 1: „Dino Wheelies. Die Schatzsuche.“ von Matthias Weigert (KJB)

Nein, dafür wird mehr benötigt als nur Platz im Kinderbuchregal. Drei Bücher mit Geschichten, ein Kitzelbuch – und natürlich Bo, Tanka und Pukki, die Dinos mit den Rädern untendran. – die brauchen eine Garage. Dazu rollt noch die kostenlose Dino Wheelies-App heran, gefördert vom Land Hessen im Rahmen des „Innnovative Game Concepts“. Da fliegt einem glatt die Radkappe vom Reifen. Wer ist denn auf diese bescheuerte Idee gekommen? Fahrende Dinos? Und glaubt auch noch fest daran, dass das funktioniert und Disneys „Cars“ überholt? Als Erstlesebuch, das Erstleser nur mit Mühe entziffern können? Peter Conrady rauft sich garantiert die letzten Haare über diesen ausgemachten Humbug auf breiten Schlappen.