Die Wedernochs – Teil 2

diogenesblogEin ähnlicher Fall wie Rowohlt ist Diogenes. Ach stimmt, die haben ja auch ein Kinder- und Jugendbuchprogramm. Deren kleiner Vampir heißt übrigens Der kleine Nick von René Goscinny und Sempé. Ersterer schreibt aber nicht mehr, von dem werden allerhöchstens noch Geschichten auf Dachböden gefunden. Bis jemand auf die Idee kommt, mit Billigung der Erben neue Geschichten schreiben zu dürfen. Die dann selbstredend auch bei Diogenes erscheinen.

Ansonsten dürfte der Altersschnitt der noch aktiven Autorinnen und Autoren bei rund 70 Jahren liegen. Lukas Hartmann, Tomi Ungerer, Tatjana Hauptmann, die Auflistung hat einen Hauch von Gnadenbrot, aber in die Zukunft und auf Wachstum ausgerichtet ist das nicht. Erzählerisch kommt da nichts Frisches nach.

Nicht mal der einzige blutjunge und entsprechend vermarktete Autor Stefan Bachmann mit seinen Steam Punk-Nachzüglern Die Seltsamen und nun Die Wedernochs darf das dümpelnde Diogenes-Jugendbuch beleben. In den USA als Juvenile Fiction einsortiert und von Autorenkollegen Rick Riordan und Christopher Paolini hoch gelobt, landet er bei Diogenes im allgemeinen Programm. Obwohl seine Bücher als All Age-Jugendbuchtitel viel besser aufgehoben wären, nur eben nicht im Jugendbuch bei Diogenes.

Denn dort tummeln sich vor allem die Klassiker, von Charles Dickens über Jack London bis Jules Verne. Schön, aber als Programm-Basis nicht mehr wirklich brauchbar. Und die neuen Illustratoren und Bilderbücher, die ausnahmsweise mal nicht von Ungerer sind, sehen trotzdem aus wie vor 50 Jahren. Als hätte sich die Bilderbuchillustration seit Maurice Sendak nicht mehr weiterentwickelt. Wie Frank Vivas Eine lange Straße lang. Oder Ein Apfelbaum im Bauch von Gérard Dubois und Simon Boulerice, alle beide aktuelle Titel aus dem Herbstprogramm.

»Jede Art zu schreiben ist erlaubt – nur die langweilige nicht« heißt das Verlagsmotto. Das Kinder- und Jugendbuch bei Diogenes ist weit weg von diesem Anspruch. Da wird gemacht, was gemacht werden muss, weil die Autorin/der Autor schon immer bei Diogenes oder ein Schweizer Autor ist. Aber mehr? Das verwundert vor allem deshalb, weil es in Österreich und der Schweiz sehr wohl eine gute Autoren-Nachwuchsszene gibt. Die aber offenbar nichts mit Diogenes zu tun haben will.

Das Frühjahrsprogramm 2015 bleibt übrigens auch beim Wedernoch. Weder neu noch unterhaltend. Mit Weggepustet von Rob Biddulph gibt’s mal wieder ein hübsch-nostalgisches Art-Directoren Bilderbuch, dazu das fliegende Känguru Adelaide von, man ahnt es fast, Tomi Ungerer, „endlich wieder als Einzelband in schöner Ausstattung“. Mehr nicht.

Die Wedernochs – Teil 1

rotfuchsdtv hat sein dtv junior, Random House sein cbj, Hanser sein Hanser und S. Fischer sein KJB, FJB und noch viele andere mehr: Es scheint so, als spiegeln diese Kinder- und Jugendbuchableger den Marktanspruch des jeweiligen Mutterverlages wieder. Aber es gibt Ausnahmen. Verlage, die ganz aufs Kinder- und Jugendbuch verzichten wie Piper oder Kiepenheuer & Witsch. Und Verlage, die aus Tradition heraus irgendwie doch auch so Kinderbücher machen. Es aber auch bleiben lassen könnten. Die Wedernochs. Wie Diogenes. Und wie Rowohlt.

Zu Rowohlt habe ich eine besondere Beziehung: Weil ich vor langer Zeit dort Lektor war. Und mein bisher einziges Kinderbuch dort erschienen ist. Ersteres ist 14 Jahre her, letzteres ist mit dem Rückfall der Rechte ebenfalls verjährt. Trotzdem: Vorangekommen ist das Programm seit jener Zeit nur im Schneckentempo. Es ist und bleibt ein Sammelsurium aus teils ambitionierten Titeln, teils zweitklassigen Trendmitläufern, teils krampfhaften Verlängerungen lange zurückliegender Erfolge und teils deplatzierten Notlösungen.

Vielleicht liegt das gar nicht mal nur am Reinbeker Verlagshaus. Es heißt, es wäre eine Entscheidung von Holtzbrinck, nur einem Konzernverlag Wachstum im Kinderbuch zu erlauben. Und die Wahl fiel auf S. Fischer. Also wurde dort das Kinder- und Jugendzimmer kräftig renoviert und ordentlich erweitert. Der Lütte aus Hamburg dagegen hatte ja sein kleines Zimmer. Die Tapete tut’s auch noch, damit soll der mal schön klar kommen.

Wie zum Hohn lagern in diesem Zimmer jetzt auch palettenweise stinkige Thea und Geronimo Stilton-Bücher. Die rochen nach einem ersten vergeblichen Anlauf bei C. Bertelsmann schon etwas streng, als sie eine zweite Heimat suchten. Und sie irrtümlich bei Rowohlt fanden. 38 Bände Geronimo, 8 Bände Thea, dazu noch Sonderausgaben, das klingt nach einem Stilton-Overkill in einem titelanzahlmäßig überschaubaren Programm. Außerdem: Eine Mäuse-Serie für Leseanfänger bei Rowohlt? Im Taschenbuch? Und Lesungstourneen in Plüschverkleidung? Mit Grauen erinnern sich Alt-Rowohltianer noch an Angela Sommer-Bodenburgs Kleiner-Vampir-Lesungen mit Sarg und Umhang – der ja als ebenso Untoter wie Unverkäuflicher noch immer sein Unwesen im Programm treibt, samt einmaligem Spin-off und einem 21. Band, der für 2015 angekündigt ist. Und dazu die Käsemaus, direkt neben Thomas Pynchon und Paul Auster? Das ist als würde Rowohlt Cindy aus Marzahn-Bücher verlegen in der Hoffnung auf einen späteren Literaturnobelpreis.

Wie schwer sich Rowohlt mit diesem Käse tut, zeigen auch die großartig in der Vorschau angekündigten monatlichen Aktivitäten auf der Geronimo-Stilton-Webseite. Seit April mausetot. Und das Mausefell des Vorlesers liegt seither in der Reinigung.

Und sonst so? Wieland Freund – weg. Cory Doctorow – weg. Alexa Hennig von Lange – weg. Der einzige, der noch da ist, ist Nils Mohl, was für ein Glück. Und Literatur für Kinder und Jugendliche? Tut sich noch schwerer, weil jetzt Bobo Siebenschläfer von Markus Osterwalder aufgewacht ist, mit neuen Abenteuern. Und allerneusten Abenteuern. Und irgendwo im Fernsehen zu sehen ist. Es ist und bleibt ein Trauerspiel, umsomehr, als ich mit diesem Verlag noch immer etwas verbinde.

Das E-Book-vs.-Buch-Battle

E-Book battleSeit es E-Books und E-Reader gibt, wird verglichen. Und zwar besonders gerne von Technik-Nerds und Algorithmus-Rechnern, die natürlich immer zu dem Ergebnis kommen, dass das gedruckte Buch ein makelbehaftetes Auslaufmodell sei. Wie langweilig. Vor allem aber: Wie unsinnig. Genau das zeigen die 11 vermeintlichen Vorteile, die Michael Koszlowski, Chefredakteur der E-Book-Internetseite „Goodereader“, gesammelt und die Holger Ehling in seinem Wochenrückblick Ende Oktober auf Deutsch veröffentlicht hat.
Ich gehe sie gerne mal durch, Stück für Stück, auf der Suche nach einem stichhaltigen Argument. Als da wären:
1. Aktives Inhaltsverzeichnis, mit dem man im Buch ohne Blätterei hin- und herspringen kann.
Für erzählende Texte? Unnötig. Da springe ich nicht hin und her, da lese ich. Und beim Sachbuch ist das Inhaltsverzeichnis – Überraschung! – immer am Anfang oder ganz hinten zu finden. Das kostet in der Handhabung maximal 5 Sekunden mehr Zeit, bis ich die gewünschte Seite gefunden und aufgeschlagen habe. Was ich ja eh nicht permanent tue.
2. Synchronisierung in der Cloud: Auf jedem angemeldeten Lesegerät ist der jeweilige Leserfortschritt erhalten.
Synchronisierung in der Tasch: Ich habe das Buch dabei, fertig, samt Lesezeichen. Denn mal ehrlich, auf wie vielen Lesegeräten lese ich ein Buch? iPad ist zu schwer und zu schnell leer, Smartphone viel zu klein, also doch auf dem Reader. Auf dem einen Reader. Oder wer hat für jedes Zimmer einen?
3. Notiz-Funktion: Selbst bei E-Books, die nur ausgeliehen sind, bleiben die Annotationen in der Cloud erhalten.
Hä? Die Randnotizen bleiben, auch ohne Buch? Ganz ohne Zusammenhang? „Hört, hört“, „guter Gedanke“, „siehe auch Seite 127“ Was soll das denn? Das ist einfach nur Datenmüll. Und ich schreibe nichts in Bücher, ich lese sie.
4. Wörterbücher und Übersetzungsfunktionen: Wenn ein Begriff unbekannt ist, sorgt ein mit dem E-Book verbundenes Wörterbuch für Klarheit. Und bei einigen Geräten ist auch die Übersetzung in andere Sprachen möglich.
Kontextuelles Lesen hilft in den meisten Fällen. Das reißt mich nicht aus dem Lesefluss wie solche Fuchtelfunktionen. Und warum soll ich ein Buch, das ich gerade lese, in andere Sprachen übersetzen? Vielleicht auch noch durch Google Translate? Oh nein.
5. Unterschiedliche Schriftgrößen: Kleinere oder größere Schrift, je nach Sehvermögen – kein Problem bei E-Books.
Komischerweise kommen die allermeisten Menschen mit den buchgebräuchlichen Schriftgrößen samt Durchschuss prima klar. Die sich in den letzten Jahrzehnten durchaus lesefreundlich verändert haben. Ansonsten heißt das Zauberwort Lesebrille.
6. Ausleihfunktion: Amazon und Barnes & Noble haben Ausleihmöglichkeiten entwickelt, mit dem man ein E-Book für einen begrenzten Zeitraum an einen Freund weitergeben kann. Vorteil: Im Gegensatz zu gedruckten Büchern bekommt man die elektronischen Dinger tatsächlich garantiert zurück.
Klar, und wenn der Freund nicht schnell genug liest, ist die Datei wie von Zauberhand weg. Und sie ist eben nur eine seelenlose Datei und keine Buch, das ich jemandem in die Hand drücke, mit ein paar netten Worten dazu.
7. Kauf zu jeder Zeit, an jedem Ort: Ob spätnachts im Bett oder fernab der Zivilisation mit ihren Buchläden: E-Books kann man immer und überall erwerben.
Fernab der Zivilisation? Und da soll stabiler Netzempfang sein? Und mir fällt gerade dann ein derart dringender Buchwunsch ein, der keinerlei Aufschub duldet? Das ist zurechtkonstruierte Märchenstunde.
8. Fan Fiction: Gerade bei den Harry Potters der Welt und anderen ähnlich populären Charakteren hat sich eine enorme Szene entwickelt, in der Fans die Geschichten um ihre Lieblingshelden weiterspinnen. Das muss man nicht mögen – über Wattpad und andere gibt es aber hunderttausendfach Stoff für Hard Core-Fans, in der Regel kostenlos.
Möchte ich solches Trittbrettfahrergeschreibsel wirklich lesen? Möchte ich wirklich Musik hören von Coverbands? Möchte ich wirklich Klamotten tragen mit gefälschten Markenstickern? Und das alles auch noch umsonst? Nein. Möchte ich nicht.
9. X-Ray: Das Tool von Amazon gibt jederzeit einen Überblick über die einzelnen Charaktere und Handlungsorte in einem Buch.
Es hat noch niemanden genutzt, beim Lesen sein Gehirn outzusourcen. Gerade weil ich nicht permanent  nachblättern muss, entwickelt eine Geschichte ihren Sog. Alles andere ist handwerklicher Mumpitz oder gewollte Vernebelungstaktik.
10. Umweltfreundlichkeit: Wer mehr als 30 E-Books auf seinem Reader hat, ist in Sachen Umwelt im grünen Bereich.
Elektronische Bauteile, Speicherplatz intern und extern, Strom, Netzzugang, Bestell- oder Leihabwicklung, Updates und so weiter und sofort. Das soll in Sachen Umwelt im grünen Bereich sein?
11. Anonymität: Mit E-Books kann man prima verbergen, was man da eigentlich gerade liest – 50 Shades of Grey wären in gedruckter Form wohl nicht so oft in der U-Bahn gelesen worden.
Gegenargument: Demonstrativ mit dem Cover von Lutz Seilers Kruso in der U-Bahn herumfuchteln und allen Mitfahrern prima zeigen, was man gerade intellektuell herausforderndes liest: Macht das nicht deutlich mehr Sinn?
Also. Ich diskutiere gerne über die Zukunft des E-Books und wo das E-Book das gedruckte Buch verdrängen kann und wird. Da sehe ich schon etwas auf die Verlage zurollen. Aber bitte keine Argumentationen auf diesem Niveau. Danke!