„Ich bin nicht da, um die Leute mit Kunststückchen zu unterhalten“

Der Thomas ist ein ziemlich guter Fußballer. Er war Torschützenkönig bei der WM 2010. Hat zig Titel geholt mit Bayern München. Und ist auch sonst ein ganz gewitzter Typ in der ansonsten so glatten Fußballerwelt. Das er was mit Büchern macht, ist neu. Umso erstaunlicher ist sein Erstleserdebüt Mein Weg zum Traumverein, erschienen bei Oetinger. In einer Reihe, die da heißt „Lesenlernen mit Fußballstars“.

Das ist in etwa so naheliegend wie Strickenlernen mit Gebirgsjägern oder Englischlernen mit Franzosen. Oder hat man schon mal einen Kicker aus dem Mannschaftsbus steigen sehen, der anstelle eines dicken Kopfhörers ein Buch unterm Arm oder in der Hand getragen hätte? Und wie war das noch gleich bei der diesjährigen WM? Im Trainingslager der Nationalmannschaft hat Teammanager Oliver Bierhoff den Spielern nicht die Leselampen rausgedreht, sondern das W-LAN abgeklemmt. Weil die Spieler bis in die Puppen FIFA und Fortnite an ihren Konsolen zockten. Vielleicht gibt es ja wirklich welche, die lesen. Die Quote dürfte mindestens so hoch sein wie die homosexueller Fußballer. Und sich zu outen mindestens so selten.

Trotzdem ist Fußball einer der thematischen Schlüssel, um Jungs zum Lesen zu bringen. Mit Aktion wie der „Lese-Kick“ in Bayern und „Kicken und Lesen“ in anderen Regionen, Lesungen in Vereinsheimen oder Fußballern als Lesebotschaftern soll das gelingen. Aber seit die Wilden Fußballkerlen von Joachim Masannek im Abseits stehen, funktioniert das der schlecht als recht.

Jetzt also der Thomas Müller, mit illustrer Hilfe. Die Bilder stammen von Jan Birck. Das ist DER Fußballgeschichtenillustrator, seit der Wilden Fußballkerle. Die Figuren sehen dann auch alle ziemlich gleich aus. Geschrieben hat die Geschichte der Thomas, zusammen mit Julien Wolff. Der ist Sportreporter der WELT und Bayern-Spezi. Aber garantiert kein Kinderbuchautor.

Aus dem Baukasten für Fußballgeschichten kommt das wichtige Spiel, in dem a) der Held das entscheidende Tor schießt oder b) das entscheidende Tor des Gegners verhindert. Bei Thomas Müller gerät dieser Standardplot leicht ins Hintertreffen, denn der Talent-Späher, nicht zu verwechseln mit dem Eichel-Häher, des großen FC Bayern hat ihn beim TSV Pähl beobachtet und auf dem Zettel. Die Einladung zum Probetraining wird ein Erfolg, der Thomas vom Dorf ist jetzt Spieler beim FC Bayern. Die flaue Spannung dieser überschaubaren Geschichte ergibt sich allein aus der Frage, ob der Talent-Späher den Thomas auch nimmt, wenn nicht gleich alles klappt. Oder ihn aber als ungeeignet abserviert. Was ja unlogisch erscheint, wenn der Thomas heute Nationalspieler ist. Ach egal, bei Erstlesebüchern kommt es ja auf den Inhalt nicht so an.

Die Reihe von Thomas Müller wird fortgesetzt. Nach dem Weg vom Dorfverein zum FC Bayern geht es dann um die Jahre in den Jugendmannschaften. Das klingt vom Konzept her ein wenig nach Conni. Thomas in der Pubertät. Wie er seine Lisa kennengelernt hat. Seine erste deutsche Meisterschaft. Lisa und Thomas auf dem Pferdehof. Da steckt eine Menge Vermarktungspotential drin, je nach dem, was der Thomas noch so alles ausplaudern will. Aber wenn es so langweilig bleibt, wer will das lesen? Da schaut man lieber dem Thomas auf dem Rasen zu, wie er ohne Kunststücke die Kugel versenkt und Bayern zur erneuten Meisterschaft führt. Das kann er ja.

Steigende Durchfallquote, Teil 2 – Die Schnitzelpfanne

„Man muss nicht in der Bratpfanne gelegen haben, um über ein Schnitzel zu schreiben.“ hat Maxim Gorki mal richtigerweise gesagt.

Nicht nur in den USA gerät dieser Satz mehr und mehr zum Lippenbekenntnis. Denn auf Druck einzelner gesellschaftlicher Gruppen heißt der politisch korrekte Satz nun: „Nur wenn in der Bratpfanne gelegen hat, kann über ein Schnitzel schreiben.“ (oder über ein Sellerieschnitzel, um nicht gleich sämtliche Vegetarier und Veganer zum Shitstorm aufzuwiegeln) In ihrem Artikel „Der große Verlust“ in der ZEIT vom 13. Juni fasst die Hamburger Schriftstellerin Tina Uebel zusammen, was nicht nur sie im Zuge dieser Einschränkungen alles an Freiheiten verliert. Und in der NZZ vom 11. März beklagt der ehemalige Chefredakteur der NZZ am Sonntag, Felix E. Müller, „politisch korrekte Zensoren sorgen für schlechte Literatur“ und stellt die sogenannten „sensitivity reader“ vor, die gerade in der amerikanischen Kinder- und Jugendliteratur mehr und mehr an Bedeutung gewinnen. Weil sich nicht jede Autorin und jeder Autor in die Bratpfanne legen kann oder will, helfen sie nach.

Ihre Aufgabe ist die Prüfung, wenn Autorinnen und Autoren „außerhalb ihres eigenen Erfahrungshorizontes schreiben.“ – heißt es bei einer dieser Leserinnen, Justina Ireland. Was im schriftstellerischen Alltag allerdings sehr häufig vorkommt. Zensur? Nein, sondern eine Hilfestellung, nicht in überkommenen und falschen Kategorien zu denken, zu leben und zu schreiben. Der „sensitivity reader“ „soll den Text auf heikle Fragen wie Religion, Rasse, Geschlecht, Sexualität, chronische Krankheiten, Behinderungen, Vorurteile prüfen und dem Autor vorschlagen, wie mögliche Intensitivitäten ausgemerzt werden sollen.“ (Felix E. Müller) Entsprechend gibt es „sensitivity reader“ mit unterschiedlichstem Background: Geschlecht, Hautfarbe, sexueller Orientierung, psychische oder physisches Handicap, also für jede Figur die passende Prüferin oder den passenden Prüfer.

Das führt schlußendlich zu Gewissensfragen wie der, ob in einer in den 1960er Jahren angesiedelten Jugendgeschichte der Held einen Negerkuss essen darf oder nicht. Einerseits ist das N-Wort aus heutiger Sicht klar rassistisch konnotiert und mehr oder minder verboten. Andererseits wäre das Wort in der beschriebenen Zeit die übliche wie gebräuchlichere Bezeichnung für einen Schokokuss gewesen, ohne dahinter sogleich eine rassistische Gesinnung zu vermuten. Und nun?

Die Autorin bzw. der Autor gibt das Heft des Handels aus der Hand, wenn „sensitivity reader“ das letzte Wort haben. Lesen, Hören, miteinander Sprechen, das sind die Werkzeuge der Recherche, die einem Autor zu Verfügung stehen und die er in der Regel nutzt. Daraus entsteht die Basis, von der aus er in das Wesen einer literarischen Figur eintaucht, wie auch immer sie ausgestaltet ist. In der Figurenrede vielleicht sogar bewusst lügend, verfälschend, beleidigend. Weil es Rollenprosa ist, die subjektive Wahrnehmung und Äußerung einer Figur, die sich einer inhaltlichen oder sprachlichen Kontrolle durch Prüfung von außen entzieht. Es ist ein literarisches Stilmittel.

Und Verlage ziehen sich damit aus der Verantwortung zurück. Eine Instanz wird vorgeschoben, der „sensitivity reader“ stellt einen Konfrontationsfreibrief aus. Am besten mit einem Stempel oder Aufkleber auf dem Cover, als wäre das Buch TÜV-geprüft. Das sind Folgen, die Autorinnen und Autoren schon jetzt aus den Lektoraten zu spüren bekommen. Lieber nicht so formulieren, da ein wenig Rücksicht nehmen, ach, das besser so nicht sagen.

Wenn Michael Ende heute Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer hätte schreieben wollen, es wäre ohne „sensitivity reader“ nicht gegangen. Denn Michael Ende hat vom Dampflokomotivenführen doch gar keine Ahnung!

Steigende Durchfallquote, Teil 1

Kinderbücher leiden zusehens unter dem Anspruch, es allen Recht machen zu müssen. Nicht, weil sie es sich selbst auferlegen, sondern weil sie zunehmend von außen dazu aufgefordert bis gezwungen werden. Auslöser sind eine Vielzahl von gesellschaftlichen Gruppen und Gruppierungen, die jede auf ihre Weise Einfluss nimmt, mal mit Wünschen, mal mit erhobenem Zeigefinger, mal mit mahnenden Worten und möglichst immer mit großem medialem Echo.

Diese Erregungsmelder verweisen als Basis gerne auf den angewandten Bechdel-Test, einstmals erfunden für die Bewertung von Frauenrollen in Kinofilmen. Er besteht nur aus folgenden drei Fragen 1.) Gibt es mindestens zwei Frauenrollen? 2.) Sprechen sie miteinander? 3.) Unterhalten Sie sich über etwas anderes als einen Mann? Dreimal Ja ist der Freifahrtschein, weniger ist ein klarer Hinweis auf mangelnde Frauenpower im Film und eine ungleiche Geschlechterdarstellung.

Wenige Fragen, klares Ergebnis, so kann man das weiterdenken. Und den Bechdel-Test adaptieren – und auch auf Literatur und insbesondere Kinderliteratur ausweiten. Als da wäre der Shukla-Test, der die drei Fragen in Bezug auf die Hautfarbe stellt: 1.) Gibt es mindestens zwei People-of-Colour-Rollen mit Namen? 2.) Sprechen sie miteinander? 3.) Unterhalten sie sich über etwas anderes als weiße Menschen und ihre Probleme?

Umfangreicher ist der Tyrion Lannister-Test, der in einem längeren Fragenkatalog die Darstellung von Menschen mit Behinderung abfragt. Und dann ist da noch der Vito Russo-Test, der nach LGBT-Charakteren fragt. Aber nicht einfach nur so, nein, sondern gezielt einfordert „Es muss mindestens ein LGBT-Charakter auftreten.“

Äh, nein, muss nicht. Es muss auch nicht mindestens eine Schwäbin, eine Allergikerin, ein Legastheniker, ein Blonder oder eine mit Senk-Spreizfüßen auftreten. Das Schöne an Literatur ist: Es muss nicht, es kann. Das, was kann, bestimmt die Autorin oder der Autor. Und wenn es um Literatur geht, ein Stück weit auch die Geschichte an sich. Klingt selbstverständlich, ist es aber nicht – wenn zu erfüllende Quoten sich über die Geschichte schieben und zum alleinigen Maßstab für Qualität werden. Diversity in der Kinderliteratur heißt eben nicht, entweder möglichst viel in einem Buch unterzubringen oder aber ein Einzelthema zum dominiernden Grundgedanken zur machen. Denn dann wird Kinder- und Jugendliteratur zur pädagogischen Gebrauchsliteratur, die daran gemessen wird, ob sie funktioniert und die ideologischen Ziele von Erwachsenen vermittelt. Wer genauer hinschaut, wird sehen, dass das Angebot an vielfältigen Kinderbüchern groß ist, auch wenn der Begriff nicht in Leuchtbuchstaben auf jedem Titel blinkt. Denn manchmal ist die Kinderliteratur weiter als die Kritiker fordern: Dann tauchen ganz selbstverständlich Figuren jedweden Geschlechts, jedweder Hautfarbe, mit und ohne Handicap auf. Je selbstverständlicher das passiert, desto fortschrittlicher und „inklusiver“ ist das Buch, und desto mehr Möglichkeiten hat es, darüber zu erzählen und nicht zu belehren.

Wie emotional dieses Thema diskutiert wird und welche Folgen das haben kann, zeigen die sogenannten sensitivity reader in den USA. Was das ist, welche Funktion sie haben und ob das auch im deutschen Sprachraum eine Rolle spielt, davon demnächst mehr.

Der Klub der alten Männer oder Warum Männer Verlage gründen und Frauen Agentinnen werden

Jetzt ist schon wieder was passiert. Ein älterer Mann weit über die 50 hat einen Kinderbuchverlag gegründet. Markus Niesen (Hummelburg), davor Harald Kiesel (360 Grad), Jürgen Weidenbach (Edel:Kids Books), Klaus Humann (Aladin) usw. usf.

Warum tun DIE das? Und warum tun das keine Frauen, die als Programmleiterinnen lange genug unter Beweis gestellt haben, dass Sie für die besonderen Verlagserfolge mindestens so viel Verantwortung tragen wie die zu ihrer Zeit amtierenden Verlegermänner? Denn weder kann sich ein Klaus Humann den Erfolg der Biss-Bände auf die Fahnen schreiben noch ein Markus Niesen den der Tribute von Panem. Aber „Männer stehen ständig unter Strom, Männer baggern wie blöde, Männer lügen am Telefon, Männer sind allzeit bereit, Männer bestechen durch ihr Geld und ihre Lässigkeit“ – und schon wird ein Verlag draus.

Also arbeiten erfahrene Programmmacherinnen wie Dr. Paula Peretti (ehemals Verlagsleiterin Baumhaus/Boje), Sarah Haag (Gesamtprogrammleiterin Loewe), Ulrike Schuldes (Programmleitung cbj) oder Martina Kuscheck (Programmleitung cbj) jetzt als Agentin, alleine oder in einem Agenturverbund. Entwickeln Projekte, entdecken Autorinnen und Autoren, Illustratorinnen und Illustratoren, vertreten ausländische Verlage. Und beschaffen den Verlegermännern das, was die für ihre vollmundig angekündigten Programme brauchen, auf die der Buchhandel ja so dringend gewartet hat.

Programme, die in Wirklichkeit einen von allen Beteiligten als längst überquellend beklagten Markt weiter fluten. Der Literaturmisanthrop hätte reichlich Futter für einseitiges Abwatschen. Aladin? Ambition schlägt Verkäuflichkeit. Edel:Kids Books? Noch mehr Me-Too-Bücher mit Schwerpunkt 3 bis 11 Jahre, von Film und Fernsehhelden über fantastische Mädchenschmöker bis zum Familienhundetagebuch. Gähn. 360 Grad? Deutscher Ableger eines englischen Sachbuchimprints without serious ideas. Und jetzt auch noch die Hummelburg von Ravensburger. „Besondere“ Bücher mit Schwerpunkt 6 bis 11 Jahre, aha. Aber war das nicht schon Edel? So viele lesenswerte, aber unentdeckte Kinderbücher für 6 bis 11-jährige kann es gar nicht geben, wie Verlage sie momentan einkaufen würden. Vom Buchhandel ganz zu schweigen, der das alles ja auch noch verkaufen soll.

Im Selbstverwirklichungsstrudel unter geht die persönliche Verantwortung. Nehmen wir den Aladin Verlag und Klaus Humann. Unter dem Dach von Bonnier hat er mal eben sein Erbe geregelt und alles zu Thienemann-Esslinger verscherbelt. Oder, wie es offiziell heißt: „In den ganz natürlichen Abschiedsschmerz (…) mischt sich die Erleichterung, in Bärbel Dorweiler ‚eine Schwester im Geiste‘ gefunden zu haben, die das besondere Aladin-Programm in reduziertem Umfang weiterführen wird.“ Während die wenigen gut laufenden Lizenzen also nach Stuttgart umziehen und Klaus Humann ins Rentnerleben, steht die komplette restliche Mannschaft von Aladin in Hamburg ab September auf der Straße. Männer eben.

John Olivers schwules Kaninchen

Ein Bilderbuch über das schwule Kaninchen Marlon Bundo hoppelt an die Spitze der Bestsellerlisten. Ah, ein Projekt von LGBTI-Aktivisten? Dem Lesben- und Schwulenverband in Deutschland? Gesundheitsminister Jens Spahn? Weit gefehlt. Die Geschichte des bis über beide Löffel verliebten Kaninchens mit der schmucken Fliege stammt aus der Redaktion von John Oliver, dem Komiker und Moderator der Late Night Show „Last Week Tonight“ in den USA. Und ist einerseits ein Plädoyer für Toleranz und Selbstverwirklichung in Form einer Bilderbuchgeschichte, andererseits ein politischer Affront gegen den selbst für republikanische Verhältnisse konservativen amerikanischen Vizepräsidenten Mike Pence.

Familie Pence hat nämlich selbst ein Bilderbuch veröffentlicht. Tochter Charlotte erzählt in holprigen Reimen, Ehefrau Karen illustriert in Kunsthandwerksmarkt-Qualität einen Tag im Leben des Vizepräsidenten. Aus der Perspektive des Pence’schen Hauskaninchens Marlon Bundo. Richtig, den gibt es wirklich, schwarz-weiß gescheckt und mit 20.000 Followern auf Instagram.

Den Dreh zu John Oliver bekommt die Geschichte durch die Nähe von John Pence zu konservativen und evangelikalen Organisationen, die die sexuelle Orientierung geistig verwirrter Schwulen und Lesben mal eben mittels einer Therapie wieder richtig justieren wollen. Aber John Oliver prangert in seiner Show nicht nur wortgewaltig und bissig an. Sondern agiert. Ob er politische Informationen als Werbespots in Donald Trumps Lieblingsendungen auf Fox News schaltet oder ob er im Zuge der Kritik an der mangelhaften Krankenversicherung 9.000 unbezahlte Arztrechnungen aufkauft und verspricht, sie zu bezahlen – seine Anliegen wirken über die reine Sendung hinaus. Deshalb jetzt der Coup mit dem Bilderbuch. Die feindliche Übernahme des Kaninchens. Und der Twist in der Geschichte: Raus aus dem Weißen Haus, rein in die Gay-Community. Soll er sich doch schwarz-weiß ärgern, der Pence.

Das Bilderbuch funktioniert auf zweierlei Ebenen. Für Erwachsene als politisches Statement. Für Kinder als Geschichte über Freundschaft, Liebe und Miteinander. Selbst in der allerkürzesten Zusammenfassung sind schon beide Ebenen sichtbar: Marlon Bundo will unbedingt seinen Wesley heiraten, gegen den erbitterten Protest des Stinkekäfers, der unübersehbare Ähnlichkeiten mit Mike Pence aufweist.

Dieses im amerikanischen Verlag Chronicle Books erschienene Buch hat sein großes Ziel erreicht: Es sollte in den ersten Tagen häufiger gekauft werden als das Buch von Mike Pence. Auf der Amazon-Bestsellerliste lag es am Montag nach Verkaufsstart auf Platz eins, das von Familie Pence auf Platz 15.

Auf diesen Erfolg hin ist das Kinderzimmer jedenfalls festlich geschmückt. Marlon Bundo, Wesley und mit ihnen Transgender-Teddy Tilly, der jetzt Thomas ist, feiern gemeinsam mit Honigtöpfchen und Karottensticks, dass sie so sein dürfen, wie sie wollen. Hurray!

Lanz ruhig bleiben

Tun wir einfach mal so. Lesen wir noch einmal die einmütig bejubelnden Pressestimmen zu Flurin Jeckers Debut Lanz: „Das spannende ist die rohe, ungehobelte Sprache …“ (Marcus Brügge, WDR 5 Scala), „Die Stärke liegt in der sprachlichen Reduktion und im jugendlich-authentischen Erzählton.“ (Esther Schneider, SRF 2 Kontext „Literatur im Gespräch“), „Flurin Jecker verdichtet in seinem hochamüsanten Debüt regionale und alltagssprachliche Elemente zu einer fingierten Mündlichkeit“ (aus der Jurybegründung für das Kranichsteiner Jugendliteratur-Stipendien 2018) und schlußendlich: „Wir lesen und staunen: Das ist keine Literaturinstituts-Literatur, sondern pulsierende Prosa. Solche genuinen, frischen Bücher brauchen wir!“ (Manfred Papst, NZZ am Sonntag)

Echt jetzt? Dann stellen wir uns einfach mal vor, diese kurze Erzählung – von wegen Roman! – wäre nun doch nicht mehr als eine kalkulierte Literaturinstituts-Literatur. Entstanden am Reißbrett, als Fingerübung eines Creative Writing-Seminars. Als erstes braucht es dazu eine polarisierende Figur, nehmen wir mal einen 14-jährigen mit Namen Lanz, dessen Namen man prima versprachspielen kann wie in Länz, gesprochen wie Lance, oder in Lanzelot. Das klingt auch gleich bedeutungsschwanger. Weil er ein ziemlicher Loser mit zerrüttetem Elternhaus ist, braucht er neben der harten auch eine weiche Seite, die den Leser emotional mitnimmt. Einerseits immer und überall kiffen, andererseits Jungfrau sein, weil er das mit den Mädchen nicht so auf die Reihe kriegt und ja doch auch sensibel-naiv ist. Und jetzt noch so was wie ein Signatur Move. Etwas, was diese Figur kennzeichnet. Die Sprache? Stimmt, ist ja eine Erzählung! Ja, die Sprache. Also diesen Lanz so reden lassen, wie ihm vermeintlich der Schnabel gewachsen ist. Der auf alles mögliche scheisst. Der von sich sagt, und über andere sagt, wie dumm sie sind. Kurze Sätze, aneinanderreihen, und die Dialoge ansatzlos auch. Prima, passt, dann mal los, für 124 Seiten reicht’s, so lang lässt sich die Handlung strecken.

Diese ungehobelte Figurenrede, diese artifizielle Jugendsprachen-Rollenprosa, das ist ja kein seltenes literarisches Verfahren. Kirsten Boie hat sie in Ich ganz cool durchexerziert, ihr Protagonist ist ungefähr im Alter von Lanz. Stefanie de Velasco hat sie in Tigermilch angewendet, da stehen zwei 14-jährige Mädchen im Mittelpunkt. Oder Luis in Es bringen von Verena Günther. Gleiches Spiel, gleiche Mittel. Alle Figuren gerne aus dem Prekariat, damit es noch etwas rotziger und grober daherkommt und sie Dinge tun können, die „normale“ Jugendliche nicht tun würden, jedenfalls nicht im Jugendbuch.

Und wie lautet der Trick, um Lanz zum Reden zu bringen? Er schreibt einen Blog, als Schulprojekt. Einen Blog darüber, dass er nicht weiß, was er in seinem Blog schreiben soll. Und dafür minutiös beschreibt, was er den Tag über so tut. Und denkt. Schon plaudert er drauflos. Fehlt noch der Road Movie-Anteil, der seit Tschick in keinem Buch mehr fehlen darf. Also fährt Lanz aufs Land, schaufelt eine tote Kuh mit dem Gabelstapler hinter den Hof und erinnert sich an schöne Tage in seiner Kindheit. Das war’s.

Tun wir einfach mal so. Dann wäre Lanz gar nicht mehr so toll. Aber wir haben ja nur so getan.

Rechts, drei, vier …

Gesellschaftliche Phänomene führen nahezu reflexartig zu Jugendbüchern. Aktuelles Beispiel: Der triumphale Einzug in Landesparlamente und die 12,6 Prozent der Stimmen bei der Bundestagswahl für die AfD, die damit drittstärkste politische Kraft in Deutschland ist, ergänzt mit dem Flüchtlings- und Integrationsthema. Vier unterschiedliche Titel sind im Herbst 2017 erschienen, die sich mehr oder weniger direkt damit auseinandersetzen, von Reiner Engelmann, Timo F. , Christian Linker und Martin Schäuble, alle natürlich wichtig und notwendig und wohlwollend begrüßt.

Reiner Engelmann beschreibt in seinem Buch die Hintergründe eines versuchten Brandanschlages auf eine Flüchtlingsunterkunft, multiperspektivisch und chronologisch. Die Geschichte einzelner Flüchtlinge, die bierselige Feier der späteren Täter, die Protokolle und Aussagen aus der Gerichtsverhandlung addieren sich zu einem Text. „Sein sachlicher Ton, in dem er das menschenverachtende Tun von drei jungen Leuten beschreibt, macht das Geschehen noch erschreckender.“ schreibt Ralf Husemann in der SZ vom 2.1.2018.

Timo F. war Neonazi und ist nach einer Karriere bei der Jugendorganisation der NPD ausgestiegen. „Beim Lesen von Timo F.s autobiografischem Roman wird man den Kloß im Hals nicht los. Das mulmige Gefühl begleitet die LeserInnen bis zur letzten Seite …“ heißt es bei Adienne Karsten auf der Rezensionsseite kinderundjugendmedien.de der Universität Bremen.

Christian Linker mischt Polit-Thriller-Elemente in seine Geschichte. Robin befindet sich in einer Zwickmühle: Er hat auf einem USB-Stick den Beweis, dass der Kandidat der Deutschen Alternativen Partei hinter dem Mord an einem Informanten steckt. Gibt er den Stick zurück oder soll er ihn dem Mädchen Henry geben, die mit einem Journalisten zusammen das ganze rechte Netzwerk auffliegen lassen will? „Christian Linker macht das in Der Schuss besser.“ wertet Martin Machowecz in der ZEIT vom 6.9.2017, im Vergleich zu Martin Schäuble.

Der beschreibt ein Deutschland, in dem die Nationale Alternative regiert und all das umgesetzt hat, was in den rechten Parteiprogrammen steht. Der junge Soldat Anton bekommt einen Geheimauftrag: Er soll sich als Flüchtling ins eigene Land schleichen und einen Bombenanschlag im Flüchtlingslager fingieren. „Es ist ein kluges Buch, manchmal zu klug womöglich, …“ lobt Fritz Göttler in der SZ vom 15.09.2017.

Aber wie nah dran an der rechten Gesinnungswelt, der Filterblase der Nazi-Sympathisanten sind diese 2017 erschienenen Bücher im Vergleich zu denen Anfang der 1990er Jahre? 1991 fand der Brandanschlag von Hoyerswerda statt. 1992 zogen die Republikaner mit 10,9 Prozent in den Landtag von Baden-Württemberg ein. Es gab die Gefahr von rechts und die warnenden Bücher. Die mit verblüffend ähnlichen Stilmitteln und Erzählanlässen hantierten. Und die die Prototypen der rechten Gewalttäter lieferten, die noch heute Bestand haben, jedenfalls in der aktuellen Jugendliteratur.

Endland von Martin Schäuble ähnelt dem Roman Der Schlund von Gudrun Pausewang von 1993. Während bei Gudrun Pausewang die DVB, die Deutsche Volksbewegung, mit ihrem starken Führer Schlott die Macht ergreift und Schritt für Schritt den Staat umbaut, regiert die Nationale Alternative schon. Die politischen Ziele sind ähnlich: Make Germany great again! und Germany first! Selbst die Kombination schwarz und weiß, hier der Soldat Anton und das Flüchtlingsmädchen Fana, dort die Familie Lorbach und das äthiopische Adoptivkind Jirgalem, findet sich in beiden Büchern. Und doch ist Endland, trotz aller holzschnittartigen Figurenzeichnung eine clevere Übertragung ins Hier und Jetzt. In der Handlung zeigt sich die Konsequenz der Politik – siehe der reale Fall des Soldaten Franco A. – und die wachsenden Zweifel Antons daran. Nur selten wird referiert, anders als bei Christian Linkers Der Schuss. Seitenweise werden da aktuelle politische Standpunkte aus AfD-wie aus Antifa-Perspektive erörtert. Aber sie passen leider nur wenig auf die handelnden Figuren. Nikolaj und Schädel sind gewaltbereite Handlanger mit schwieriger Kindheit, während Fred der clevere wie rücksichtslose Karrierist ist, der beide ausnutzt. Ein Figurensetting wie aus einem ZDF-Montagskrimi.

Der Neonazi von Timo F. ist in Schwarzer, Wolf, Skin von Marie Hagemann 1993 schon vorweggenommen, ja, deutlich zugespitzter dargestellt. Timo F. erzählt autobiografisch, Wolf Schwarzer ist Fiktion. Aber für den Leser macht es keinen Unterschied, wenn er nachvollziehen will, wie ein junger Mann in der Gruppe Bestätigung findet und zum Skinhead wird oder zum sich mit Linken prügelnden Parteiaktivisten.

Bleibt noch Anschlag von rechts: Nach einer wahren Begebenheit von Reiner Engelmann, dem Erwachsene reden. Marco hat was getan. von Kirsten Boie aus dem Jahr 1994 gegenübersteht. In beiden Büchern wird mit dem Mittel des multiperspektivischen Erzählers neben der reinen Handlungs- auch noch eine subjektive Wahrnehmungsebene mit einbezogen, beide Male ausgehend von einem Anschlag auf ein Asylbewerberheim. Wer sieht wen wie? Und wie sehen sich die Figuren selbst? Reiner Engelmann bleibt da arg an der Oberfläche, während Kirsten Boie wie bei einem Puzzlespiel vorgeht und Stück um Stück im Auge des Lesers sichtbar werden lässt.

Die prügelnde Glatze als Prototyp des Rechtsextremen, die gerne mal Sieg Heil! brüllt und Störkraft hört, sie hat sich seit den 1990er Jahren nicht weiterentwickelt. Jedenfalls nicht in der Jugendliteratur. Es gibt zwar laut Verfassungsschutz mehr gewaltbereite Rechtsextremisten, aber die Zahl reicht nicht aus, um den politischen Schwenk nach rechts zu erklären. Daran ändern auch die vier Neuerscheinungen nichts. Wer die gesellschaftliche Realität mit einer AfD als Zerrbild einer konservativen Partei abbilden will, findet viel Raum dafür vor.

Ein Loch, zwei Lochis und ein Apfel

Die Stiftung Lesen tut viele gute Dinge. Sie verschenkt jedes Jahr eine Geschichte zum „Welttag des Buches“, unterstützt ALDI SÜD beim Verkauf von Vorlesegeschichten und lädt bundesweit AfD-Abgeordnete zum Vorlesetag ein. Hoppla, letzteres war ja ein Versehen. Aber damit die Stiftung Lesen überhaupt so viele gute Dinge tun kann, benötigt sie Geld. Und hat dazu neben finanzkräftigen Stiftern auch selbst unglaublich gute Ideen wie diese: Wenn vor Weihnachten der Cent locker sitzt und schnell mal in den Klingelbeuteln bedürftiger Straßenmusiker und verhungert dreinblickender Zirkuslamas landet, warum dann nicht auch bei der Stiftung Lesen? Gesagt, getan.

Wer jetzt 99 Cent stiften möchte, bekommt auch etwas dafür: Einen Song fürs Lesen, für Groß und Klein. Denn zusammengetan hat sich, was nicht zusammengehört: Die Poesiemusiker Richard Schönherz und Angelica Fleer, bekannt durch ihr Rilke-Projekt, mit den Vorzeigedichtern der YouTube-Generation, die Lochis. Wahnsinn! Vertont haben sie in bewährter Manier das Kinder-Herbstgedicht Vom schlafenden Apfel von Robert Reinick.

Warum die Lochis wird spätestens dann klar, wenn man sich ihr Statement als Lesebotschafter der Stiftung Lesen vergegenwärtigt: „Lesen fördert die Kreativität und den Wortschatz: Wenn man zum Beispiel mal geile Songs schreiben will, dann sollte man viel lesen, denn der Wortschatz wird erweitert. (…)“

Es mit der rhetorischen Frage: Wer kennt überhaupt einen geilen Song der Lochis? abzutun wäre zu einfach. Und ist natürlich unfair. Denn der erweiterte Wortschatz der Lochis blinzelt ja nahezu durch jeden Songtext. Zum Beispiel durch diesen hier, der sehr berührend dieses der Aktion zugrundeliegende Stiftungs-Gefühl in, äh, Reime packt:

Ich bin blank

Hab kein Geld mehr auf der Bank

Brauche Cash in meiner Hand

Ohne Kohle kann ich mir nichts mehr holen


Ich bin blank

Na na na na na na

Na na na na na na

Ohne Kohle kann ich mir nichts mehr holen (aus: Ich bin blank)

oder jene gefühlvolle Ode an sich selbst dieser berühmtesten Zwillinge Deutschlands:

Und die Leute, die meinen wir machen nichts mehr selbst,
würden sofort an Burn-out leiden, denn hier ist nichts gestellt.

Jeden Tag nach der Schule: Texten oder Drehen.
Oder cutten, nie relaxen, zu ’nem Meeting gehen. (aus: Klartext)

Oder eben ein Kindergedicht vertonen für die Stiftung Lesen. Besser, als wenn die Lochis mit ihrem Wortschatz selbst gedichtet hätten.

Ach ja, wie wichtig ist den beteiligten Künstlern eigentlich diese Aktion? Mmh, nun ja. Stattdessen fragen die Lochis lieber ihre Facebook-Community: Wie werden die Konzerte in nem Land, in dem eine ganz andere Sprache gesprochen wird? – wobei sie jetzt nicht Turkmenistan oder Papua-Neuguinea meinen. Sondern die USA. Hoffentlich kommen sie da mit Zeichensprache durch. Oder posten ein neues Video von „Lochi vs. Lochi“ und lassen sich zusammen in einen Container einsperren. Gewonnen hat, wer zuerst aufgibt und den Container verlässt. Auf die Idee, sich gegenseitig ihre Songtexte vorzulesen, sind sie dabei leider nicht gekommen. Schade.

Und Schönherz und Fleer? Posten brav auf Facebook und freuen sich über die Zusammenarbeit, zu der sie wesentlich mehr beigetragen haben als nur irgendein Gedicht einzusprechen.

Na dann, viel Erfolg!

Liebe Heike Brillmann-Ede, liebes Eselsohr,

beim Lesen der September-Ausgabe bin ich doch glatt über einen Artikel gestolpert. „Living the Dream“ heißt er und ist das Porträt des kleinen Schweizer Verlages da bux. Dahinter stecken die Autorin Alice Gabathuler, der Journalist und Autor Stephan Sigg und der Autor und Lehrer Tom Zai. Die produzieren zusammengefasst Shortys für leseschwache Jugendliche, vertreiben die direkt und mittlerweile auch über den Buchhandel. So weit, so gut. Doch dann stolpere ich über Formulierungen wie „Alice Gabathuler gilt als Lesestar in der Schweiz“, „Stephan Sigg (…) gilt als echt, spontan und mit einer Zielgruppen-Spürnase gesegnet. (…) Sensibilität und unbedingte Gesprächsbereitschaft gerade in Grenzfragen sind seine Markenzeichen.“ Und immer weiter setzt sich die Lobhudelei fort. Autorin Gabathuler ist grundoptimistisch und mutig und liebt den Seitenwechsel hin zur Lektorin. Tom Zai ist ein Fuchs in Sachen Website bis Schriftenkunde (Schriftgrad & Durchschuss perfekt!) und die Presse macht Stephan Sigg kommunikativ, schnell, weit vernetzt und 24 Stunden online. Diese anschleimende Gefälligkeitsprosa mündet in die beiden Schlusssätze zur Einmaligkeit des Projekts: „…wirkt da bux erfrischend anders: durchdacht, konzentriert, leidenschaftlich. Hier sind drei am Werk, die überzeugen wollen durch Qualität und Augenmaß.“ Spätestens jetzt ist jedes Augenmaß verloren gegangen und der Leser sucht händeringend, aber vergebens den zwingend erforderlichen Schriftzug „Anzeige“ auf dieser Seite.

Nun mag man ja grundsätzlich jeden Leseförderungsansatz für unterstützenswert halten. Aber wenn dabei sämtliche Grundlagen seriösen Journalismus über Bord geworfen werden, fällt das echt schwer. Denn selbstverständlich ist das da bux-Projekt so einmalig nicht, erst vor kurzem hat dtv junior seine Reihe Shorts gestartet, es gibt bei Ravensburger short & easy, bei Carlsen Clips oder auch die K.L.A.R.-Reihe beim Verlag an der Ruhr, die das gleiche wollen und dabei manchmal sogar eine bessere Figur machen. Denn der Fuchs in Sachen Satz und Schriftenkunde nutzt bloß eine schnörkellose Grotesk-Schrift in einer absolut ungebräuchlichen Satz-Software, und ob die Titelgrafik wirklich eine positive Wiedererkennungsgarantie hat und lockt, bleibt dem subjektiven Blick überlassen.

Aber, liebe Heike Brillmann-Ede, es ist nicht nur die oberflächliche Bauchpinselei, die dieses Verlags-Porträt so ärgerlich macht. Ein Blick ins Impressum der da bux-Bücher zeigt, dass ab 2017 Sie für das gesamte Korrektorat zuständig sind. Sie arbeiten also auf freier Basis für den Verlag, den Sie so begeistert porträtieren. Nun ja. Vielleicht ja alles erklärbar, wahrscheinlich haben Sie Alice Gabathuler ja während ihrer Zeit als Lektorin bei Thienemann kennengelernt. Aber moment, gibt es da etwa noch mehr Verbindungen? Aber ja! Denn aktuell arbeiten Sie nicht nur als Journalistin, sondern auch als Leseagentin und vertreten zahlreiche Kinder- und Jugendbuchautorinnen und -autoren. Unter anderem …. Alice Gabathuler. Komisch, oder nicht?

Es waren zwei Königskinder …

Buchmesse ist, und der Ausbau des Kinder- und Jugendbuchmainstreams macht mal wieder ein Biotop platt: Königskinder, die schmucke Brosche am Business-Kostüm des Carlsen Verlages, wird mit dem Frühjahrsprogramm 2018 eingestellt. Und schon setzt allerorten Jammern und Wehklagen ein.

Erst einmal klingt es nachvollziehbar. „Angesichts der Verkaufszahlen ist eine Fortsetzung der Programmarbeit (…) nicht mehr zu verantworten.“ begründet die verlegerische Geschäftsführerin Renate Herre die Entscheidung. Verkaufsziele erreichen: Nichts anderes galt vom Anfang der Königskinder an und war auch der Anspruch der Verlagsleiterin Barbara König: „Ich habe die Trennung zwischen kommerziellen Titeln und literarischen noch nie gemocht. Das ist sehr deutsch. Und natürlich wollen wir Geld verdienen.“ Was anscheinend in vier Jahren nur unzureichend gelang.

Unbeantwortet bleiben dabei einige Fragen. Einerseits, ob das Programm, so wie es ist, überhaupt eine echte Marktchance hatte – und warum Carlsen nicht früher programmatisch korrigierend eingegriffen hat, wenn man es denn retten und fortführen wollte. Denn ein reines Lizenztitelprogramm für Jugendliche (bis auf zwei Ausnahmen von 42), eine königliche Vorliebe für viel Wortrauschgeklingel drumherum und der Wille zur auffälligen, aber nicht immer gefälligen einheitlichen Gestaltung jedes einzelnen Programms: Das war vor allem der Königweg, aber nicht der Königsweg. Der erreichte viele wohlmeinende Buchhändler, aber wenige Leserinnen. Und noch weniger Leser. Andererseits braucht ein derartiges Programm eine entsprechende Unterstützung im Marketing. Wenn die fehlt, wird’s eng. Dann freut sich zwar die Presseabteilung über schöne Rezensionen und Auszeichnungen, die es ja in der Tat gab. Aber unterm Strich zählt nur die schwarze Zahl oder die bewusst einkalkulierte Quersubventionierung. Und deswegen hilft ein Satz wie „Wieder ein Stück Idealismus, der dem Profitdenken geopfert wird …“ der Königskinder-Buchgestalterin Suse Kopp nicht weiter. Oder arbeitet sie etwa aus ideellen Gründen und nicht auch, um ihre Kosten zu decken und am Ende sogar etwas zu verdienen? Solange Buchverlage Wirtschaftsunternehmen sind und nicht von staatlichen Subventionen abhängig oder direkt von Stiftungen finanziert werden, ist Gewinn machen ursprünglicher Verlagssinn und selbstverständlich auch im Sinne von Autorinnen und Autoren.

Aber die Königskinder sind kein Einzelfall. Auf der roten Liste der bedrohten Bucharten stehen auch die Bücher mit dem blauen Band bei S. Fischer. Als eine Art Enzenberger’sche Andere Bibliothek für Kinder gedacht starteten sie 2008 literarisch hoch ambitioniert, mit Felicitas Hoppes Iwein Löwenritter. Fein verpackt im Schuber und mit namensgebendem blauen Lesebändchen ausgestattet sollten besondere Originale neben neu aufgelegten Klassikern stehen, insgesamt drei Titel pro Halbjahr, präsentiert in einer eigenen Vorschau. Entgegen der Verkaufszahlen wird das Programm zwar noch fortgesetzt, aber der Schuber und die damit einhergehende Gesamtausstattung samt Leinenrücken fielen dem Rotstift zum Opfer. Jetzt erscheint ein Titel im Halbjahr, der nicht mehr weiter auffällt, bis auf das übrig gebliebene Lesebändchen. Die schöne Idee hat sich am lethargisch reagierenden Markt aufgerieben.

Was weiter?
Für Barbara König ist der Weg bei Carlsen zu Ende. Auch wenn die Pressemitteilung zur Einstellung der Königskinder noch größtmögliche Harmonie und Wertschätzung ausdrückt, ist das Tischtuch bei Carlsen zerschnitten. „Sie suche künftig neue Herausforderungen“ hieß es abschließend in der Online-Meldung des Buchmarkts, klarer kann man das nicht formulieren. Und die vielen großartigen Autorinnen und Autoren vornehmlich aus dem englischsprachigen Raum? Die bringen die Agenten und Agenturen eben bei anderen Verlagen unter, das wird schon. Denn auch in anderen Verlagen arbeiten Menschen mit Herzblut und Leidenschaft an der Sache. Dann wird’s eben nur wieder ein Buch, und kein Königskind.