Nachschlag Januar 2016: Zum Einschlafen

KaninchenKleinnager in Wald und Flur sind häufig nachtaktiv, und das ist gut so. Kleinkinder im Babybett sind auch häufig nachaktiv, und das ist alles andere als gut. Jedenfalls für die Eltern. Deshalb steht in jeder Familienbibliothek der Standardratgeber Jedes Kind kann schlafen lernen. Und in jedem Kinderzimmer eine Auswahl an Vorlese-Bilderbüchern, in denen Tiere mit großen Zähnen (Biber, Hase, Kaninchen, Vampir) unbedingt zur Ruhe kommen sollen, und zwar jetzt.

Das funktioniert natürlich deshalb nicht, weil die Autorinnen und Autoren keine Master Practitioner in NLP (neurolinguistisches Programmieren) sind und gar nicht wissen können, mit welchen Techniken Kinder schlagartig in den Schlaf fallen. Carl-Johan Forssén Ehrlin dagegen ist es und weiß es und hat aber jetzt daraus ein funktionales Vorlesebuch Das kleine Kaninchen, das so gerne einschlafen möchte mit Bedienungsanleitung gemacht: „Durch das langsame Vorlesen, die Betonung bestimmter Worte und das Einbauen von Gähnen und bestimmten Wiederholungen“ ratzen Kind und Kaninchen schon vor dem Ende der Geschichte friedlich weg. So jedenfalls lautet das Versprechen, dass das Buch jetzt endlich zu einem internationalen Bestseller gemacht hat.

Woran dieser Erfolg nicht liegen kann, sind die Illustrationen. Schon auf dem Titel sehen die Kaninchen aus wie Kängurus mit zu langen Ohren, dahingekritzelt wie Akkord-Ostermotive für den VHS-Kunsthandwerksmarkt in Nieder-Mörlen. Es wird nicht besser, jetzt. Denn woran dieser Erfolg auch nicht liegen kann, ist der Text. Autogenes Training hin, NLP her, schlecht und holprig bleibt schlecht und holprig, jetzt aber mal. Schon die Geschichte ist an den Löffeln herbeigezogen. Statt ihr Kaninchenjunges ins Bett einzukuscheln und ihm eine Geschichte vorzulesen macht sich Mama mit Konrad Kaninchen auf den Weg zum Schlafzauberer Onkel Sandmann auf die andere Seite der Wiese. Dazwischen begegnen sie der Schnecke Herrn Schläfrig und der Eule Frau Müdeblick und dem Autor Klaus Kordon. Kleiner Scherz, dem nicht, aber dessen Name würde sich für ein von Gähnen unterbrochenes, lang gezogenes Vorlesen eignen wie kein zweiter. Egal. Onkel Sandmann schlussendlich vertraut auf „das kraftvolle, magische und unsichtbare Schlafpulver“ – wenn es unsichtbar ist, woher weiß ich denn dann, dass es ein Pulver ist und keine Flüssigkeit? – und schwupps, schon muss sich Konrad sputen, um nicht auf der Stelle und jetzt aber mal sofort einzuschlafen. Diese hanebüchene wie schnarchige Geschichte wird durch die Vorleseanweisungen noch getoppt. Mal wird Konrad direkt angesprochen, dann soll der Name des Kindes kumpelhaft mit in den Text eingefügt werden, und über allem schwebt die vom Autor eingeschriebene Autosuggestion, dass das Kind selbst unbedingt jetzt und auf der Stelle einschlafen will. Schon klar, wollen Kinder ja immer.

Wenn Kinder also beim Vorlesen dieses Buches jetzt wirklich einschlafen, dann hat dieses Buch zwar sein Ziel erreicht. Aber ist es jetzt wirklich das Ergebnis der angewandten Entspannungstechniken? Oder nur die Flucht vor der quälend langweiligen und lieblos gestalteten Geschichte?

Übrigens, wenn sich jemand wundert, dass in diesem Text in jedem zweiten Satz ein befehlstonartiges wie willkürliches „jetzt“ auftaucht – auch das gehört zum System und fokussiert die Kleinen aufs Einschlafen. Glaubt Forssén Ehrlin. Wenn das so einfach ist, dann kann ich das auch: Machen Sie einen großen Bogen um dieses Buch, und zwar jetzt!

Carl-Johan Forssén Ehrlin/Irina Maununen (Illu.): Das kleine Kaninchen, das so gerne einschlafen möchte. Mosaik 2015, 32 S., 12,99 €

Heut geb ich’s dem Maxim!

auerhaus gesamtDie gute Nachricht: Im literarischen Quartett am 11.12. ging es um ein Jugendbuch! Die schlechte: Keiner wollte das wahrhaben. Aber der Reihe nach: Diskutiert wurde der Roman Auerhaus von Bov Bjerg, erschienen im Verlag Blumenbar. Es ist die Geschichte einer Gruppe psychisch angeschlagener Jugendlicher, die in einer Art autonomer WG, im Dorf das Auerhaus genannt, versuchen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Einstimmig gab es großes Lob für Autor und Buch. Alles gut soweit. Bis Daniel Cohn-Bendit unvorsichtigerweise formulierte, er habe sich bei den ersten Seiten der Lektüre gewundert, dass Maxim Biller ein Jugendbuch für die Diskussionsrunde vorgeschlagen habe. „Was will Maxim Biller mit einem Jugendbuch?“ Nach einigem Hin und Her über diese wunderbare Geschichte, über die geschilderte Lust am Leben und die großartige Schilderung dieser Seelenkrüppelgemeinschaft übernimmt Maxim Biller seine Paraderolle als Dauerbesserwisser mit dem Satz: „Das ist kein Jugendbuch. Es tut so.“ Aha. Weil es in Wahrheit von den Eltern handele, die als wichtiger Subtext unter der Geschichte dieser Jugendlichen liege. Oho. Dann wird es phänomenologisch. „Warum haben wir in der deutschen Literatur der letzten Zeit das Phänomen, ein Erwachsenenschriftsteller schreibt ein vermeintliches Jugendbuch? Hermsdorf „Tschick“, Jochen Schmidt „Schneckenmühle“, hier „Auerhaus“ (…) Warum traut er sich nur, (…) bei einem vermeintlichen Jugendbuch, einfach sich gehenzulassen?“ Nun gibt es die Verschwörungstheorie, dass die Bildungshuberei der Feuilletons und der Suhrkamp-Literatur die Autoren bis zur Sterbenslangweiligkeit knechte. Und Bob Bjerg nur deshalb schreibe, ohne sich anpassen zu müssen, weil er so tut, als schriebe er ein Jugendbuch.

An dieser Diskussion sind zwei Aspekte interessant: Erstens die Behauptung, Auerhaus sei kein Jugendbuch. Zweitens die Behauptung, leicht und unangepasst zu schreiben gelinge oft unter der Tarnkappe Jugendbuch bzw. mit dem Trick, es vermeintlich so daherkommen zu lassen.

So einfach ist es nicht. Die Diskussion, ob ein Buch ein Jugendbuch ist oder nicht, dürfen selbstverständlich viele führen. Ein Jugendbuch ist nicht nur dann ein Jugendbuch, wenn es in einem Kinder- und Jugendbuchverlag und kein Jugendbuch, wenn es dort nicht erschienen ist. Ein Jugendbuch ist auch dann ein Jugendbuch, wenn es von Jugendlichen gelesen wird, weil es eine relevante Geschichte erzählt. Die ist in Auerhaus dominant. Natürlich spielen Erwachsene eine Rolle, die man jedoch extrem überhöhen muss, um sie, wie Maxim Biller, als tragend zu charakterisieren. Genau das ist ja die Kunst von Bob Bjerg: die sehr gelungene Doppeltaddressiertheit an Erwachsene und Jugendliche. Übrigens: Wolfgang Herrndorf hat Tschick sehr wohl als Jugendbuch geschrieben und gesehen. „Ich habe überlegt, wie man diese drei Dinge (d.h. schnelle Eliminierung der erwachsenen Bezugspersonen, große Reise, großes Wasser) in einem halbwegs realistischen Jugendroman unterbringen könnte.“ sagt Wolfgang Herrndorf am 31.01.2011 in einem Interview mit der FAZ.

Und sorgt der Trick Jugendbuch tatsächlich für leichte und unbeschwerte Literatur? Die lesbarer und zugänglicher ist als die Feuilleton-Bildungshuberei? Wenn es nicht so despektierlich daherkommen und dem Jugendbuch eine gewisse Literarizität absprechen würde, wäre da was dran. Denn in der Tat, das Jugendbuch will gelesen werden, Belletristik oftmals nur geschrieben. Was die Lektüre oft erschwert.

Trotzdem wäre es schön gewesen, Auerhaus hätte im Literarischen Quartett einfach mal ein tolles Jugendbuch sein dürfen. Es hätte niemandem weh getan. Selbst dem Buch nicht.

Hatschi!

rezension-aura-verliebt-in-einen-geist-von-je-L-ojpq1NMitten hinein in die Erkältungszeit platzt diese Personalmeldung: Auf Jürgen Weidenbach, Verlagsleiter von cbj und cbt, folgt zum 1. April 2016 Markus Niesen. Der Markus Niesen, der, vor wenigen Wochen verkündet, zum 1. Januar 2016 in gegenseitigem Einvernehmen die Verlagsgruppe Oetinger verlässt – er war einfach auf dem Markt. Mit ihm hat Random House einen „sehr kompetenten und erfahrenen Verlagsleiter“ eingekauft, wie es in der offiziellen Pressemitteilung heißt. Als Beleg dient zum Beispiel der Verweis auf den Bestseller Die Tribute von Panem von Suzanne Collins, die er entgegen der Pressemitteilung nicht „entdeckt“ hat, da die Autorin über die in den Jahren zuvor erschienene Gregor-Reihe sowie schon im Oetinger Verlag war. Erwähnt werden auch seine Leistungen, „den Vorleseverlag ellermann und die Oetinger Taschenbuch GmbH erfolgreich positioniert und aufgebaut“ zu haben. Zumindest letztgenanntes war keine so große Managementkunst, wenn man wie Oetinger auf die Titel mehrerer Konzernverlage und eine umfangreiche wie gepflegte Backlist zurückgreifen konnte und kann. Von diesen Möglichkeiten ausgehend wirkt das Oetinger Taschenbuch noch heute ein wenig stiefmütterlich behandelt und als Programm wenig konturiert.

Es bleibt also bei genauerer Betrachtung insbesondere der Pressemitteilungen der Oetinger Verlagsgruppe wenig übrig von den Vorschusslorbeeren. Denn der Höhepunkt seiner verlegerischen Tätigkeit liegt eine Weile zurück. 2001 wechselte er von der Fischer Schatzinsel nach Hamburg und arbeitete als Geschäftsführer für den Programmbereich der Verlage Friedrich Oetinger, Ellermann und Erika Klopp. 2010 kam dann die Leitung des Oetinger Taschenbuchverlages hinzu, um wenig später die Verantwortung für den regulären Oetinger Verlag abzugeben, das programmatische Herzstück. Erika Klopp wurde eingestellt und seit 2014 liegt die Geschäftsführung für ellermann in den Händen von Julia Bielenberg. Bleibt dort also nur noch die Verlagsleitung übrig. Und das Oetinger Taschenbuch. Das ist nicht mehr allzuviel und sicher einer der Hintergründe für den Abschied Ende 2015. Trotz allem, bei 14 Jahren in leitender Position, gehört es sich für die aktuelle Oetinger-Geschäftsführung, ihn für die Mitgestaltung zu würdigen. Auch wenn all die zukunftsweisenden Neuerungen und digitalen Experimente in der Verlagsgruppe auf die Ideen der nunmehr alle Schlüsselpositionen innehabenden Verlegerfamilie Weitendorf/Bielenberg zurückgehen.

Nun also cbj und cbt. Das heißt Programmfülle, unklare Positionierung der beiden Marken, ein bisschen Kraut und Rüben. Alles soll und muss sich rechnen, aber die großen Ideen fehlten bislang. Mit Ingo Siegers Kleiner Drache Kokosnuss ist ein starker Charakter im Programm, der vieles andere möglich macht. Deshalb hat Random House gerne zugeschlagen, wenn große Namen auf dem Markt waren. Die wie Joachim Masannek die Erwartungen gar nicht oder wie Zoran Drvenkar nur bedingt erfüllt haben. Dass also soll Markus Niesen richten, der sich bei der Vermarktung einer Kokosnuss sicher wohler fühlt als bei der literarischen Ausrichtung eines Titelkonvoluts oder als Vordenker für die digitalen Herausforderungen der Zukunft. Keine leichte Aufgabe.

Buchmessenrückblick 3 – Selfpublishing im Kinderbuchregal

Selfpublisher werden ernst genommen. Die können was. Die verkaufen ihre Werke auch. Die wollen mittendrin sein statt nur dabei. Das haben Verlage für sich entdeckt und unterhalten Hybrid-Imprints, die wie ein Selfpublishing-Dienstleister funktionieren und bei großem Erfolg den Übergang in die etablierte Verlagswelt nebenan bieten. Und deshalb gab es auf der Buchmesse die Selfpublishing-Area mit „Workshops, Panels und Präsentationen“ und Aussteller wie Amazon und Co., die ihre Angebote für Veröffentlichungsmöglichkeiten suchende Autorinnen und Autoren vorstellten. Und es gab eine sogenannte Einzelbuchausstellung gedruckter Werke. Richtige, echte Bücher, die sich vor denen aus den klassischen Buchverlagen nicht zu verstecken brauchen. Glauben die Selfpublisher. Wenn ich ganz ehrlich bin: Glaube ich nicht so, beim Blick in die Ausstellung. Und zwar deshalb:

HandschuhbärHeiko Jürgens: Der Handschuhbär
Ein Kinderpappbilderbuch über einen Bär, der gelbe Handschuhe trägt. Gelbe Handschuhe mit vier Fingern, nicht fünf. Obwohl ein Bär fünf Zehen und damit fünf Krallen hat. Der Text ist gereimt. Mal im Paarreim, mal im Kreuzreim, mal gar nicht, relativ beliebig. Und die Illustrationen? Nicht der Rede wert. Aber da der Autor und Illustrator einen eigenen Designshop hat, existiert zumindest eine Vertriebsschiene.

schleuderClaus Mattheck: Die Mechanik der Schleuder erläutert mit einfühlsamen Worten von Pauli dem Bär
Ja, mit dem Pauli ist nicht gut Kirschen essen. Ganz einfühlsam erklärt er Kindern, 1. Mai-Demonstranten und dem schwarzen Block den richtigen Einsatz einer Zwille. Der Autor, der seine Bücher auch selbst illustriert, weiß Bescheid, denn er ist Professor am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), was ja schon fast so klingt wie K.I.T.T. aus Knight Rider. Mechanik oder auch die Körpersprache von Bäumen erklären (so ein anderes Buch) kann er wohl ganz gut. Das hat deutlich mehr Potential als in dieser doch sehr handgemachten Form.

nils-nilpferdUdo Auge: Nils Nilspferd oder vom Fremdsein und Freunde finden.
Nein, kein Druckfehler, Nils heißt mit Nachnamen wirklich so. Das Buch will nicht nur Integration darstellen und vermitteln, es ist auch im EmigrantiVerlag erschienen. Schade nur, dass da jemand grafisch und typografisch so gar kein Gespür hat und ihm dafür auch die technischen Möglichkeiten fehlen. Denn das Motiv aus vielen Kreisen und Ellipsen verrät so gar nicht, um was es in der Geshcichte gehts. Gut gemeint, aber eindeutig schlecht gemacht.

Liebe auf 7 PfotenSigrid Suszek: Liebe auf 7 Pfoten
Es ist „die Geschichte von der Schäferhündin Xena und dem dreibeinigen Wolf Naum, wie sie sich im Jahre 2000 in Ostbrandenburg zugetragen hat. Es erzählen 3 Tiere und 2 Menschen, wie sie die Geschichte aus ihrer Sicht erlebt haben.“ heißt es zum Buch. „Mit Bildern aus dem privaten Videofilm.“ Soso. Nette Menschen, die andere vom Nutzen der Spezies Wolf erzählen wollen. Aber: Wäre das Video, geschnitten und vertont, da nicht die bessere Alternative gewesen als dieses langweilig daherkommende Buch mit vielzuviel Text auf dem Cover? Bestimmt.

wie miri schwimmtHanna und Veronika Veitl: Schau mal, wie Miri schwimmt!
Miri lernt nicht nur schwimmen. „Sie lernt über das Verhalten des menschlichen Körpers in Wasser und experimentiert mit verschiedenen Schwimmstilen. Die fantasiereiche und humorvolle Geschichte motiviert mit anregenden Illustrationen“, unbedingt einen Zeichenkurs für Anfänger zu belegen. Nicht nur die wackelige Ausdrucksweise des Textes fällt auf, sondern auch die dilettantisch kolorierten Bilder, die selbst unter Wasser keinerlei Eindruck machen. Da muss ich Conni nicht warm anziehen.

PaulchenPaul Sonn: Paulchen + Paulinchen … und die Reise auf der rosa Wolke.
Die beiden Kinder reisen auf einer rosa Wolke um die Welt und halten hier und dort, um über eine Strickleiter auf die Erde zu gelangen. Ein Sprachen-Zauberkoffer ermöglicht es ihnen, sich mit allen Kindern in der jeweiligen Landessprache zu verständigen. Und da erzählen sie so dies und das. Klingt ziemlich belanglos und wird durch das Cover und die Illustrationen ins bodenlose hinabgerissen. Die wirken so, als hätten Paulchen + Paulinchen sie auf der Reise mit der wackeligen Wolke selbst gemalt. Will das jemand? Nein.

Hätte irgendeines dieser Bücher eine Chance bei einem renommierten Verlag? Eher nicht bis auf keinen Fall. Fehlt dem klassischen Buchmarkt deshalb ein wichtiges Werk? Eher nicht bis auf einen Fall. Das heißt, dass im Kinderbuch der qualitative Abstand noch sichtbar ist. Wer tatsächlich Wert auf fantasievolle Geschichten und Illustrationen legt, wird bei Selfpublishern noch nicht fündig.

Buchmessenrückblick Teil 2 – Wie super ist das SuperBuch?

Superbuch.jpg.1585801Im Herbst 2015 startete Carlsen die Reihe LeYo! als eine Kombination aus Buch und App und Augmented Reality-Anwendung. Eine erfolgversprechende Idee vor allem von Medienunternehmen, die noch Papier verwenden. Denn Augmented Reality in der vorgestellten Form braucht eine gedruckte Vorlage, um sie zu scannen und mit digitalen Inhalten verbinden zu können.

Dann fiept, spricht, bewegt sich etwas auf dem Second Screen von Handy oder Tablet, was im Buch statisch wirkt. In Mein Atlas zum Beispiel fahren Schiffe auf dem Ozean, hört man in Australien ein Digeridoo und kann sich die Begleittexte vorlesen lassen. Schiere Begeisterung löste dieses Konzept im Buchhandel noch nicht aus, die Technik war nicht immer auf der Höhe, man brauchte eine ruhige Hand (und das Kind ein teures Hilfsgerät) und erklärungsbedürftig ist solcher Elektronikschnickschnack für Buchgeschenkkäufer natürlich auch.

Doch der Technik Augmented Reality wohnt eine ungebrochen hohe Faszination inne. Der nächste, der mit einem AR-Projekt auf Buchhändler und Kinder losstürmt, ist Till Weitendorf an der Spitze des Oetinger-TigerBooks-Imperiums. Das ganze nennt sich SuperBuch, startet im Frühjahr 2016 und hat einen sichtbar anderen Ansatz: Keine neuen Bücher sind Grundlage, sondern erfolgreiche Backlist-Titel aus kooperierenden Verlagen, zum Beispiel Der Regenbogenfisch von Marcus Pfister (NordSüd) und Janosch mit Oh wie schön ist Panama (Beltz & Gelberg) und Pettersson und Findus: Findus zieht um von Sven Nordquist (Oetinger).

Das heißt, hier sind es Bilderbücher, die super werden. Und zwar „Jedes SuperBuch bietet neben atmosphärischen Sounds und professionellen Vorlesern eine Vielzahl pädagogisch wertvoller (Lern-)Spiele, witzige Animationen und tolle, noch nie dagewesene 3D-Effekte.“ Klar, wo sollen die tollen 3D-Effekte in einem Buch auch herkommen. Wobei die meisten Bilderbuchleser bislang noch nicht über fehlende 3D-Animationen in Büchern geklagt hätten.

Doch wie kommt das SuperBuch zum Leser? Natürlich durch den begeisterten Buchhändler. Denn für den ist dieser Super-Effekt vollkommen kostenlos. Sprich: Das normale Buch ohne Aufkleber kostet genausoviel wie das mit. Dafür profitiert er von einem Handelsetat von 200.000 Euro mit 15 Millionen Kontakten über Ströer Infoscreen und Social Media-Kampagnen. Sprich: Der Kundendruck soll den Buchhändler zur Herausgabe der SuperBücher zwingen. Denn er selbst hat ja wenig davon, ob er das Buch mit oder ohne Augmented Reality verkauft.

Und die Verlage? Müssen den technischen Aufwand natürlich trotzdem finanzieren, allerdings nicht auf dem Rücken der Käufer, sondern dem eigenen. Das bedeutet, sie tragen die Kosten für die Augmented Reality-Anwendungen, zusätzlich zum Werbebudget.

Damit sollen im übrigen „komplett neue Käufergruppen“ erreicht werden, sagt der Verkaufsfolder von SuperBuch. Wer auch immer das sein soll, der da ihm völlig unbekannte Läden stürmt, weil es nun endlich Bücher mit 3D-Effekten gibt.

Trotz aller Skepsis, man kann es ja mal versuchen. Auch wenn in diesem Falle der Satz Versuchen kostet nichts nicht stimmt. Zumindest nicht für die beteiligten Verlage.

Buchmessenrückblick Teil 1 – Die Literaturbeilagen

LiterauturbeilagenWo und wann wird über Literatur gesprochen? Auf der Buchmesse in Frankfurt natürlich. Die wichtigsten Titel der Saison? Werden in den Literaturbeilagen der großen Tages- und Wochenzeitungen vorgestellt und besprochen. Ein Fest für die Literatur! Und ein Fest für die Kinder- und Jugendliteratur! Ich freue mich sehr, stelle mir etwas zu Essen und zu Trinken bereit, um mich zwischenzeitlich zu stärken bei der sicher umfangreichen Nachlese aller Rezensionen zu den großartigsten Büchern für junge Leser.

Ja, der SPIEGEL gönnt sich eine nigelnagelneue Literaturbeilage, und neben der Belletristik und dem Sachbuch und den DVDs und Serien und Games kommt das Kinderbuch … nicht mehr. Oh. naja, der SPIEGEL eben.

Dafür aber die ZEIT! Die ja den Luchs des Monats vergibt, samt Jahresluchs. Und 72 Seiten Literatur in einer Beilage füllen darf! Klar, erst Belletristik, politisches Buch, Sachbuch, dann noch der unvermeidliche Martenstein, und jetzt das Kinder- und Jugendb… – fertig, die 72 Seiten sind rum. Ach.

Gut, dann reißen’s die großen Tageszeitungen eben raus. Die SÜDDEUTSCHE! Wenn dort neben der Belletrisitk und dem Sachbuch auch das Hörbuch und das Reisebuch seinen Platz hat, dann ist bestimmt fürs Kinderbuch – nix. Ui.

Die WELT vielleicht? Die an den Rolltreppen der Messehallen verteilte Beilage ist dünn und enthält auch nichts, wie man das Blatt auch wendet.

Also, alles auf die FAZ. Ja, siehe da, zwischen Belletristik und Sachbüchern gibt es zwei volle Seiten. Ein Lichtblick. Und da sie ja fast dazu gehört: In der FRANKFURTER RUNDSCHAU schließt eine Seite Kinder- und Jugendbuchkritik die Beilage ab. Immerhin.

Die LITERATAZ enthält nur neue Bücher und keine Sparten, das sind doch eh nur bürgerliche Kategorien, aber Kinder- und Jugendbücher enthält sie dafür nicht. So ist das also mit basisdemokratischen Strukturen und so weiter und so fort. Enttäuschend.

Und die linke Linke? Am Ende der Literatur stehen zwei Seiten mit kurzen Rezensionen und Annotationen zu aktueller Kinder- und Jugendliteratur. Von der Menge der vorgestellten Titel ein klarer Sieg für die Literaturbeilage von NEUES DEUTSCHLAND. Wer hätte das gedacht!

Anmerkung 1: Ich gestehe: In der ein oder anderen Zeitung erschien im Laufe der Messe im Feuilleton tatsächlich Kinder- und Jugendbuchkritik. Beantwortet aber die Frage, warum dann nicht auch in den Literaturbeilagen, leider gar nicht.

Anmerkung 2: Der SPIEGEL hat in der Ausgabe 43 vom 17.10.2015 eine ganze redaktionelle Seite für ein Interview mit einem Kinderbuchautor freigeschlagen. Der bekannte Schriftsteller heißt Carl-Johann Forssén Ehrlin. Über den Titel seines Buches, irgendwas mit Kaninchen, bin ich aber leider eingeschlafen …

 

Hanni & Nanni reloaded

Bildschirmfoto 2015-10-04 um 17.36.24Hanni und Nanni stecken mitten in den Wechseljahren: im August wurden sie 50. Solche runden Geburtstage lässt sich kein Verlag entgehen, um durch großartige Aktionen wie günstige Sonderausgaben oder Sammelbände mal wieder den Verkauf der staubigen Backlist anzukurbeln. Doch das reicht mittlerweile nicht mehr aus. Denn wer eine der älteren Ausgaben schon hat, der braucht halt keine zweite oder dritte zum Schnäppchenpreis oder zweite und dritte in einem Band.

Einen zumindest äußerlichen Mehrwert bietet ein Schuss Illustrations-Botox zum Jubiläum. Mathias Weber kolorierte für Thienemann erst den Räuber Hotzenplotz und nun auch Die kleine Hexe von Otfried Preußler nach. Die hat übrigens auch eine eigene Facebook-Seite, denn die „kleine Hexe, die erst einhundertsiebenundzwanzig Jahre alt (war), und das ist für eine Hexe ja noch gar kein Alter“, ist solch neumodischem Firlefanz gegenüber eben sehr aufgeschlossen.

Nun waren auch der Kleinmädchentraum von Hildegard und Renate, die Zwillinge Hanni und Nanni, beim Schönheitschirurgen des Schneider Verlages. Die beiden erlebten sowieso schon eine erstaunliche Transformation, als sie aus einem streng anglikanischen Internat aus dem England der 40er Jahre in ein 60er Jahre-Internat nach Deutschland umgesiedelt wurden. Ganze Kapitel verschwanden, und ganz neumodisch als Vermarktungsschiene erfolgreicher Character wurde die Serie in den 70er Jahren bei uns von unterschiedlichen Autorinnen fortgesetzt.

Pünktlich zum Feierjahr entstiegen die Zwillinge nun einem illustratorischen Jungbrunnen. Eleni Livanios hat die früher Kleider tragenden und ihre Mähne mit einem Haarband bändigenden Mädchen illustratorisch refresht, Eva Schöffmann-Davidov die Reihengestaltung beigesteuert. Recht dezent und damit einen Hauch nostalgisch. Es fällt auch auf, dass die Mädels gefühlt mindestens 1,80 Meter groß sein müssen, bei einem Gewicht von maximal 40 Kilo. Was auch an den extrem langen und schmalen Hälsen liegen kann.

Das war noch nicht alles. Auch textlich wurde aufgehübscht. „Hochmütig“ ist niemand mehr, nur noch arrogant. Mutter und Vater wurden gestrichen, dafür menscheln jetzt Mama und Papa durch den Text. Und das Müttergenesungswerk wurde als nicht mehr zeitgemäß gestrichen. Schade, wo es das Müttergenesungswerk doch weiterhin und ungebrochen gibt. Ob das alles reicht? Um die Texte aus ihrer Verstaubtheit in die Welt der Hanni und Nanni-Verfilmungen zu überführen? Sollte man das mit literarischen Texten überhaupt tun?

Ich warte noch drauf, dass der Karl-May-Verlag zum 125-jährigen Erscheinen von Winnetou 1 eine leicht aktualisierte Fassung auf den Markt bringt. Illustriert von Blexbolex. Mit dem Native American Winnetou. Der nicht mehr reitet, sondern einen SUV mit Hybridantrieb fährt. Den ein oder anderen Bison am Veggie Day ungeschoren davonkommen lässt. Statt zu schießen gewaltfrei diskutiert. Und mit Old Shatterhand integrative Projekte in erlebnispädagogischen Waldkindergärten betreut. Howgh!

Ab jetzt alles im Blogsatz

blog_iconImmer wieder mal flammen kurze Debatten über das Verhältnis von Bücherbloggern und Literaturkritikern auf. Die Bloggerin Caterina Kirsten brachte ihre Gedanken mit der Überschrift „Literaturblogger wollen gar keine Kritiker sein“ im Mai 2015 im Börsenblatt auf den Punkt, um gleichzeitig ulbrichthaft zu beteuern: Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten. An der sich in der Folge aber dennoch beide Seiten mit Hammer und Meisel abarbeiteten. Die Blogger wollten sich nicht vorwerfen lassen, sie seien inkompetente Laienkritiker, die bloß öffentlich über ihre Lektüreerfahrungen schwätzen möchten. Und die eh gern etwas jämmerlich klingende Literaturkritik beklagte, sie sei ja gar nicht technikfern und bloginkompatibel.

Bekanntlich lümmelt die Wahrheit ja gerne in der Mitte herum. Aber ein paar Sätze seinen dazu trotzdem angemerkt. Der Blog „Lesen mit links“ erwähnt, dass Thierry Chervel vom „Perlentaucher“ in einem Deutschlandradio-Interview folgendes gesagt hat: „Im Jahr 2001 habe der Perlentaucher noch 4330 Kritiken auswerten können, im Jahr 2013 dagegen nur noch 2200.“ Hoppla. Das liegt nun nicht daran, dass seither weniger Bücher erschienen sind, sondern am fehlenden Anzeigenerlös im Feuilleton. Denn die Rechnung ist einfach: Weniger Anzeigen bedeutet weniger redaktioneller Raum bedeutet weniger Literaturkritik.

Denn auch das Werbe- bzw. Mediabudget der Verlage ist im gleichen Zeitraum nicht geschrumpft. Es hat sich nur verlagert. Das Vermarktungsdeutsch in den Vorschauen listet ja akkurat auf, wo und auf welchen Medienkanälen die jeweiligen Spitzentitel beworben werden. Da gehören Lese-Communities wie lovelybooks genauso dazu wie Booktrailer auf YouTube oder Social Media-Kampagnen mit Millionen von erträumten Kontakten. Oder eben Blogger-Relations in allen Spielformen. Nur eines darf man dabei nicht vergessen: Auch jedes Rezensionsexemplar für einen Blogger ist rechnerisch eine Marketingausgabe.

Das sagt auch Karla Paul, Aushänge-Digital-Büchernerdin und Leiterin des digitalen Buchgeschäfts bei der Edel AG, in einem aktuellen Interview: „Die Verlage richten sich nach den erfolgreichsten Multiplikatoren und das sind inzwischen Blogger, Booktuber sowie private Leser mit entsprechend beliebten Accounts.“ Da sollte es doch mit dem Teufel zugehen, wenn sich diese Nähe nicht auch subtil steuern ließe. Und Buchblogger so unabhängig über Bücher reden wie Sami Slimani und Bibi von BibisBeautyPalace über Kosmetikprodukte und Y-Titty über Samsung-Handys.

Eine Nähe, die im Kinder- und Jugendbuch vielleicht noch ausgeprägter ist. Bei frechen Mädchenbüchern werden gerne auf lizzynet Romane vorab gelesen oder Coverentwürfe zur Abstimmung gestellt. Leserpartizipation heißt das Zauberwort. Wer hier im Netz auf die Suche nach Kinder- und Jugendliteraturkritik geht, die ihren Namen auch verdient, der wird tatsächlich mit einer weiteren Aussage von Karla Paul konfrontiert: „Wenn ein Leser nach einem bestimmten Buch sucht und die Zeitungsinhalte sind oft online nicht auffindbar oder aber hinter einer Paywall versteckt, wenn viele Kulturredakteure nicht in den sozialen Netzwerken aktiv sind und ihre Abneigung vor dem Netz nur noch betonen – ist hier die Krise hausgemacht.“

Wenn das mal nicht mit der Nase drauf gestoßen ist, liebe Literaturkritik.

Die beißen nicht, die wollen doch nur lesen

warrior catsDer Verlag Beltz & Gelberg hat eine großangelegte Verkaufsförderungsaktion gestartet.  Na und? Er verschenkt 50.000 Exemplare. Oh, das ist aber eine Menge. Vom ersten Band der Warrior Cats. Häh? An Lehrer. Ach, das ist sicher nachhaltig gedacht, aber warum gleich so viele? Als Klassensatz über den Lehrerclub der Stiftung Lesen, samt Materialien für den Unterricht. Ah, verstehe. Habe ich das richtig gehört, über die Stiftung Lesen? Wie kommen die denn dazu? Ist das nicht grob wettbewerbsverzerrend? Und verursacht irgendwie ein ungutes Gefühl? Nicht nur bei den 64 Autorinnen und Autoren, die einen offenen Brief an Beltz & Gelberg geschrieben haben?

Bleiben wir zur Abwechslung doch mal bei der Stiftung Lesen. Nur mal zur Erinnerung: Heinz-Peter Meidinger, Chef des Deutschen Philologenverbands (DPhV), hatte öffentlich „zur Arbeit der Stiftung erklärt: „Es wird hier zu stark auf Kooperationen mit einzelnen Firmen und Industrieunternehmen gesetzt, die sich selber auch stark in den Vordergrund schieben.“ Meidinger dringt auf „Korrekturen“ bei den Arbeitsmaterialien: Mit diesen werde das Vertrauen ausgenutzt, das die Lehrer in die Stiftung Lesen haben.“ So stand es im Mai 2011 in der überregionalen Presse wie der Süddeutschen Zeitung. Auslöser waren von der Stiftung Lesen in ihrem Lehrerclub angebotene Unterrichtsmaterialien, die die Vorzüge der Bahn erklärten und Kinderkonten bei der Mainzer Volksbank empfahlen – und natürlich deren Magazin „Primax“.

Auch wenn dieser Vorwurf damals ohne Konsequenzen blieb, er hat Kratzer im glänzenden Lack der Stiftung Lesen hinterlassen. Und den Eindruck, dass man dort für Geld so ziemlich alles tut, sogar Schleichwerbung zulassen. Klar, die Stiftung ist auf Förderer und Stifter angewiesen. Und da gibt es schon die erste Überschneidung: Im Stifterrat sitzt, neben großen anderen Kinder- und Jugendbuchverlagen, auch Beltz & Gelberg. Ja schau einer an.

Aus der Irritation von 2011 haben offenbar beide Partner gelernt und einen Weg gefunden, diese Klippe zu umschiffen. Deshalb heißt es in der Pressemitteilung von Beltz & Gelberg: „Zusätzlich zu den Büchern bieten die Kooperationspartner deshalb Materialien für den Unterricht. Die Stiftung Lesen stellt im Lehrerclub allgemein Impulsmaterial für die Lesemotivation mit Fantasy-Literatur zur Verfügung, bei Beltz gibt es darüber hinaus Materialien für den Unterricht, die speziell auf die Katzenserie ausgerichtet ist.“ Noch mal im Klartext: Ich darf als Lehrer einen Klassensatz Warrior Cats umsonst bestellen und bekomme entweder a) die Lehrerhandreichung gratis dazu– als Download bei Beltz, wenn ich mich dort registriere oder b) was Allgemeines von der Stiftung Lesen zu Fantasy-Büchern, die ich gar nicht kenne. Wie der Lehrer sich hier wohl entscheiden wird? Na? Und schon wird der Neu-Lehrer in der Beltz-Datenbank regelmäßig über die neuesten Beltz & Gelberg-Titel und die dazugehörigen Handreichungen informiert.

Auf die Kritik der Autorinnen und Autoren haben inzwischen Verlag und Stiftung Lesen reagiert. Leseförderung so viel wie möglich sei wichtig, sagt Beltz. Und die Stiftung Lesen erklärt folgendes: „Bei diesem Angebot handelte es sich nicht um eine reine Buchschenk-Aktion: Zusätzlich stellte die Stiftung Lesen eigens entwickeltes kostenloses Impulsmaterial (…) zur Verfügung.“ Das kenne ich als Beigabe eines Glases oder Flaschenöffners beim Kauf einer Kiste Bier. Damit ich genau diese Marke kaufe. Was wollte die Stiftung Lesen mir damit noch mal sagen?

Die Stiftung Lesen hat noch ein weiteres Super-Argument im Köcher: „Die Realität sieht jedoch so aus, dass die Anschaffung von aktuellen Titeln in Klassensatzstärke ein Problem für viele Schulen darstellt.“ Weil das Geld fehlt. Und dann kommen die Robin Hoods der Stiftung Lesen mit Leseförderungsprojekten wie diesem und helfen. Wie ehrenhaft! Aber woher kommt eigentlich das Geld dafür? Zu über 50 Prozent von denen, die die Schulen nicht mit den nötigen Finanzmitteln ausstatten, um dort direkt Lektüre anzuschaffen oder eine Schulbibliothek zu unterhalten. Und die auch für die Finanzierung von öffentlichen Bibliotheken verantwortlich sind: im Jahresbericht 2013 sind 55 Prozent der Einnahmen der Stiftung Lesen Zuwendungen der öffentlichen Hand. Dieser Bereich ist der am stärksten gestiegene in den vergangenen Jahren, von 891.000 Euro im Jahr 2009 auf 4, 589 Mio. Euro.

Mir sträuben sich jedenfalls die Nackenhaare bei dieser Aktion.

A Bug’s Life

käferStellen wir uns mal Folgendes vor: Eine junge Frau arbeitet nach ihrem Germanistikstudium mit dem Schwerpunkt Weimarer Klassik seit Jahren als verantwortliche Online-Redakteurin beim Staatstheater in Darmstadt und macht das auch sehr gut. Darüber berichtet sie gerne auf Konferenzen und in Workshops. Zudem hat sie ein etwas außergewöhnliches Hobby, sie liebt und sammelt Muscheln. Und sie schreibt so nebenbei. Einen Blog über Muscheln. Und ein Kinderbuch über ein Mädchen und eine Muschel mit Namen Bunti. Die mit der Muschel zusammen ihre verschwundene Mutter sucht. Ausgelegt auf drei Bände.

Würde eine Agentin oder ein Agent dieses Manuskript auf dem deutschen Kinderbuchmarkt anbieten, es wäre sicherlich kein Selbstläufer und harte Arbeit, dafür einen Abnehmer zu finden.

In England ist das anders. Da gilt Barry Cunningham, der Verleger von Chicken House, als eine Art Midas, seit er als damaliger Kinderbuchchef von Bloomsbury J. K. Rowling unter Vertrag nahm. Und der hat ein ähnliches Buchprojekt angenommen und freut sich mit der Agentin, damit einen vermeintlichen Welterfolg gelandet zu haben. Ein erstes Anzeichen: Das englische Buchhandelsmagazin Bookseller erschien vor der Kinderbuchmesse in Bologna mit einem Kinderbuchspezial – und auf dem Titel: Das Cover von M.G. Leonards Kinderbuch „Beetle Boy“. Ein Kinderbuchdebüt einer jungen Autorin, von Beruf Senior Digital Media Producer am National Theater. Hat englische Literatur studiert und einen Abschluss in Shakespeare Studies. Und eine Schwäche für Käfer. Ach ja, nur so nebenbei: Das Buch erscheint am 3. März 2016.

Worum es geht? Um eine nebulöse Story über einen Jungen mit Namen Darkus, dessen Vater verschwindet und der nun mit Hilfe eines Riesenkäfers namens Dexter das Geheimnis dahinter aufklären soll. Dazu gibt es nette Fotos einer mit bunten Fingernägeln und einem Hirschkäfer auf den Händen posierenden Autorin. Das reicht, um weltweit Lizenzen zu verkaufen. Unter anderem nach Deutschland, zu Chicken House.

Was einem das sagen soll? So einiges. Der Trend in heimischen Kinder-und Jugendbuchverlagen ist noch immer ungebrochen, lieber fertige Manuskripte samt vager Erfolgsversprechen (fast ein Jahr im voraus!) einzukaufen anstatt mit heimischen Autorinnen und Autoren zu arbeiten. Die Selbstvermarktung einer Autorin oder eines Autors wird immer wichtiger. Da darf es natürlich auch eine hinreißende Kombination aus erzählerischem Sujet und persönlichem Enthusiasmus geben. Schadet auf keinen Fall.

Und in welchem Land sonst sollte eine Geschichte mit Käfern auf so fruchtbaren Boden fallen? Denn zwischen der Hochkultur von Franz Kafkas „Die Verwandlung“ und dem millionenfach gebauten VW Käfers ist sicher Platz für eine „Krieg der Käfer“-Trilogie. Wir erinnern uns: Die letzten Käfer wurden ja auch nicht mehr hier, sondern in Mexiko gebaut.