Kinderlieder aufräumen

Die anonyme Buchhändler:innen-Selbsthilfegruppe „Kinderbücher aufräumen“ trifft sich zu ihrer wöchentlichen Sitzung. Im Kreis sitzen, in vorschriftsmäßigem 1,50 m Abstand, A, B und C. A trägt einen Mund-Nasen-Schutz mit einem Jim Knopf-Motiv, B mit Peppa Pig und C mit Sailormoon. B’s Räuspern klingt gedämpft durch die Maske.

B: Schön, dass ihr trotz allem wieder gekommen seid.
A: Ja, es ist ein Graus mit unserem ewig währenden Kampf.
C: In der Tat. Vor allem, weil wir ja unsere Kampfeszone ausgeweitet haben. Wir sind aufmerksam! Uns entgeht nichts! Gar nichts!
B: Trotzdem ist dein Antrag, uns in Radikale Aufräum-Fachkräfte umzubenennen, etwas über das Ziel hinausgeschossen.
A: Ich hatte aber so ein schönes Signet gemalt, mit den drei Buchstaben R, A und F. Mir hat’s gefallen.
B: Wir bleiben lieber im Untergrund und unsichtbar, das macht unsere Arbeit viel effizienter. Jetzt haben wir ja auch diese Drei Chinesen
C: Wurde ja auch Zeit! Der Goldene Drachen und das Peking-Haus, mein lieber Gott, wie das da aussah, ich will gar nicht wissen, aus was das sogenannte Hühnchen bestand, das hat in seinem Leben bestimmt nie gegackert, und bei Ding Ding Sheng blieb dir das Stäbchen ja im Glutamat stecken, so viel haben die reingehauen, also wurde wirklich Zeit dass die geschlossen werden!
B: Nein, nicht die Chinesen. Die Drei Chinesen mit dem Kontrabass.
A: Oh, ein multikulturelles Musik-Trio?
B: Das Kinderlied! Die Dri Chinisin mit dim Kintribiß. Hm?
A: Was jetzt Chinesin? Oder Chinesen? Und was für ein Biss?
B: So kommen wir nicht weiter! Dieses Kinderlied meine ich: (Singt) „Drei Chinesen mit dem Kontrabass, saßen auf der Straße und erzählten sich was.“
C: Genau! Zack, sind sie von der Polizei umzingelt. Eingekesselt. Das ist eindeutig Racial Profiling! Nur weil sie Chinesen sind.
A: Oder Chinesinnen.
C: Egal. Pfui! Sofort verbieten das Lied!
A: Aber, vielleicht hatten die keine Sondernutzungserlaubnis. Oder waren länger als 60 Minuten an einem Ort, das ist ja nicht gestattet. Oder es war gerade zwischen 12 und 15 Uhr, da dürfen …
C: Nimm doch nicht dauern die Bullen in Schutz! Das war übergriffig, rassistisch, Punkt aus!
B: Der Ravensburger Verlag hat jedenfalls entschieden, das Lied aus seinen Kinderliederbüchern künftig rauszulassen.
A: Ich habe von einer Umdichtung gehört, von einem Musikethnologen. Der hat daraus eine politisch korrekte Version gemacht: „Drei Studenten mit dem Lastenrad, fahren auf der Straße, halten ein Plakat, da kam die Polizei „stop, hier ist der Staat“, drei Studenten mit dem Lastenrad.“ Schön, oder?
B: Das müsste aber Studierende heißen. Oder Student:innen. Und ist das jetzt ein normales Lastenrad oder ein E-Lastenrad? Was brauchen Studierende überhaupt ein Lastenrad? Ein normales reicht da doch völlig. Und wie halten die denn da ein Plakat? Lenken die nur mit einer Hand? So ein schweres Lastenrad? Das ist ja verkehrsgefährdend. Und was steht denn auf dem Plakat? Also ich weiß nicht, mir sind das zu viele offene Fragen …
C: Egal, Punkt, Satz und Sieg für uns! Wie schon längst die 10 kleinen N-Wort lein. Überall raus! Und 10 kleine Jägermeister auch! Weil es diese Ausbildungsstufen bei Jägern gar nicht gibt, also Geselle und dann die Meisterprüfung. Völliger Quatsch!
B: (stöhnt leise auf) Gut, danke.
A: Ich habe gelesen, früher hieß das Lied 10 kleine Injuns, also Indianer.
C: Auch verbieten, sofort, dieses I-Wort. Wie das N-Wort auch. Ist genauso diskriminierend und rassistisch!
B: Wir haben die Yakari-Bücher mal ganz nach hinten gestellt und den Drachen Kokosnuss wegen des I-Wortes auch und natürlich Cowboy Klaus und das pupsende Pony.
A: Aber wenn ich das Wort jetzt nicht mehr sagen darf, auch hier in Hessen nicht, was antworte ich denn, wenn mich jemand auf der Straße fragt Liegt der Bahnhof in dieser Richtung? Und ich antworte Nein, I-Wort Richtung. Der weiß ja gar nicht, was ich meine.
B: Versteh ich nicht.
A: Wenn ich nicht mehr sagen darf „In die anner“ Richtung. Hast du doch eben gesagt.
B: (stöhnt entnervt auf) Das darfst du selbstverständlich weiter sagen. Mensch!
C: Und Alle Kinder lernen lesen auch verbieten, sofort!
A: Die Kinder sollen schon lesen lernen, um genau die Stereotype zu erkennen und zu sagen, halt stopp, ich fühle mich gemoppt durch …
B: Ach, du meinst das Lied.
C: Genau. Denn das geht weiter mit „Indianer …
B: Wir sagen I-Wort.
C: Ja doch, „… und Chinesen. Selbst am Nordpol lesen alle Eskimos …
A: E-Wort! Das geht doch auch nicht, oder?
C: Seht ihr, alle drin, I-Wort und die Chinesen wieder!
A: Davon gibt es ja auch 1,4 Milliarden, also dass die dann häufiger in Liedern vorkommen als zum Beispiel Lichtensteiner oder Monegassen ist schon irgendwie logisch. Mal prozentual gesehen ist das nicht so schlimm, wenn mal ein Lichtensteiner Kind nicht lesen kann, aber das wären dann 100.000 oder so chinesische Kinder, die das nicht könnten, versteht ihr?
B: Danke für den Hinweis. Haben wir auch noch ein paar positive Beispiele?
A: Vielleicht Ein Vogel wollte Hochzeit machen?
C: Wie kommst du denn darauf? Das ist doch voll heterosexuell normativ? Zwangsehe und alles? Spinnst du?
A: Aber es heißt doch Die Drossel war der Bräutigam, die Amsel war die Braute. Die Drossel, merkst du was? Zwei weibliche Vögel? Das ist doch ganz klar eine lesbische Eheschließung und divers und so.
B: Mal langsam mit den wilden Vögeln. In der ersten Zeile heißt es schon Ein Vogel wollte Hochzeit machen, nicht zwei. Gehören aber zwei dazu.
C: Genau: Zwangsehe! Ganz klar! Sofort verbieten!
B: Weil der Sperber der Hochzeitswerber war. Also der Kuppler.
C: Richtig! Einsperren den Lump!
B: Reg‘ dich doch nicht so auf.
C: Und später kommt noch Die Puten, die Puten, die machten breite Schnuten. Als wären sie zu blöd für wichtigere Aufgaben wie all die anderen Vögel. Sitzen nur rum und können nichts. Unerhört! Ausgrenzung! Eine marginalisierte Gruppe! Die müssen sich organisieren, protestieren, skandieren: Ich bin hier die Gute, die unfehlbare Pute! oder so.
A: Apropos, ich habe ein bisschen Hunger bekommen. Drüben im Chinesen gibt es heute als Tagesgericht Putengeschnetzeltes. Habt ihr Lust?

ABC-Alarm

Unausweichlich? Nicht umkehrbar? Alarmierend? Das alles kommt einem in den Sinn, beim Blick in die am 30.11.2021 vorgestellten Ergebnisse der neuen JIM-Studie des Medienpädagogische Forschungsverbundes Südwest (mpfs). Da geht es um Mediennutzung allgemein, um für Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren relevante Themen wie Klimawandel und die Corona-Situation, um Nachrichtenquellen und Hassbotschaften, um WhatsApp und Fake News. Das alles ist in der Pressemitteilung des mpfs nachzulesen unter der zeitgeistgemäßen Überschrift „Anstieg an Desinformation und Beleidigungen im Netz“ als zentraler Zusammenfassung.

Schon richtig. Aber branchenrelevant ist in der JIM-Studie vor allem das Kapitel 6 „Bücher und Lesen“ (Seite 20 ff). Und die Veränderungen im Laufe eines Jahres (von 2020 zu 2021) und im Laufe der Jahre (seit 1998 wird jährlich erhoben). Darüber steht nix in der Pressemitteilung. Obwohl dazu das ein oder andere zu sagen ist. Und zwar dringend wie drängend. In der Studie ist die Veränderung des Leseverhaltens noch relativ neutral formuliert, es handelt sich um einen: „wellenförmiger Verlauf mit abnehmen­der Tendenz, bei dem sich die Beschäftigung mit Büchern seit Beginn der JIM-Studie 1998 um die Marke von 40 Prozent bewegte. Aktuell liegt der Anteil der Jugendlichen, die sich aus eigenem Antrieb – also ohne berufli­chen oder schulischen Anlass – mit gedruckten Büchern beschäftigen, bei 32 Prozent.“ Das ist der niedrigste Wert ever, nur mal so. 32 Prozent. Weniger als ein Drittel. 2011 lag der Wert bei 44 Prozent. Erhöht hat sich dagegen der Anteil an Nicht-Lesern, der liegt bei jetzt 18 Prozent, davon 23 Prozent Jungs und 13 Prozent Mädchen.

Auch wenn hier „gedruckte Bücher“ steht: Das E-Book rettet diese Negativwerte nicht. Es geht um Text in üblichem Buchumfang in allen Erscheinungsformen.

Lesen ist weiterhin ein Mädchending? Ja, schon, wobei die Mädchen ungewohnt schwächeln, es sind nur noch 36 Prozent regelmäßige Leserinnen, im Vergleich zu 42 Prozent 2020. Dafür lesen weiterhin 29 Prozent der Jungs regelmäßig, im Vergleich zu 28 Prozent im vergangenen Jahr. Und Bildung? Spielt weiterhin eine große Rolle. 39 Prozent der Gymnasiast:innen lesen regelmäßig, aber nur 23 Prozent der Haupt- und Realschüler:innen. Nur mal zum Vergleich: 2011, also vor 10 Jahren, lagen die Werte bei 32 Prozent bei Hauptschüler:innen, 37 Prozent bei Realschüler:innen und 52 Prozent bei Gymnasiast:innen. Alarmierend? Ja, meiner Ansicht nach schon, wenn man auch andere Studien mit heranzieht. In der eine jugendliche Unlust an Lektüre gerade in Deutschland konstatiert wird. Oder die Rückmeldungen aus pädagogischen Fachschulen für Erzieher:innen. In denen die Bedeutung von Bilderbüchern für kleine Kinder erst noch vermittelt werden muss. Weil da viele jungen Menschen sitzen, für die das Neuland ist. Weil sie selbst nicht (mehr) lesen.

So betrachtet machen die JIM-Ergebnisse 2021 wenig Spaß. Bücher zu lesen wird als schulisch notwendiges Übel gerade noch so akzeptiert, um dass man sich dank YouTube und Wikipedia noch halbwegs herummogeln kann. Mit persönlicher Bereicherung bringen Bücherlesen nur die wenigsten in Verbindung. Und nun? Auf Initiativen und „wir müssen gemeinsam irgendwas anpacken“ hoffen? Von der Politik ist bisher dazu wenig zu erwarten. Ein Digitalpakt 2.0 für Schulen ist sicher notwendig. Aber warum Schüler mit Technik zuschütten, wenn sie nicht mal die grundlegendsten Dinge kennen und können? Wollen wir wirklich bis Ende 2022 warten, bis die IGLU, die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung uns noch dramatischere Ergebnisse aus monatelangem Schullockdown liefert bei den Jüngeren liefert? Anscheinend.