He, Eltern, geht’s noch?

Die Vorlesestudie 2020 ist, wie jedes Jahr, eine Bilanz des Schreckens. Vorlesen ist ja irgendwie wichtig, aber die Gründe, es nicht zu tun, sind ellenlang. Und zum Teil hanebüchen. Was, zugebermaßen, auch an der gewollt so gewählten Stichprobe liegt. Die befragten Eltern sind formal weniger gebildet und repräsentieren einen höheren Migrantenanteil als die Durchschnittsbevölkerung. Und ja, die uralte Erkenntnis ist unerschütterlich, dass Bildung mit Lesen können und wollen korreliert.

Warum es mit dem Vorlesen nicht klappt, liegt an der eigenen Müdigkeit, an anderen Dingen, die zu tun sind und dem Gefühl, keine Zeit dafür zu haben. Aber nicht nur. Immerhin 31 % behaupten, das Kind will gar nicht vorgelesen bekommen, 27 % finden Vorlesen nicht so wichtig und 25 % altmodisch, weil man Kinder heutzutage mit modernen Medien beschäftigen kann. Dazu kommt noch der Umstand, dass grundsätzlich gar keine Bücher vorhanden sind. Oder nur sehr wenige, im Vergleich zu vorherigen Studien.

Und waren die Gründe fürs Nicht-Vorlesen schon wenig nachvollziehbar, so sind die fürs fehlende Buch noch doofer. „57 % aller befragter Eltern fänden es gut, wenn ihr Kind regelmäßig Bücher geschenkt bekäme, z.B. in der Kita, in der Schule, beim Kinderarzt, im Laden.“ Letzteres meint wahrscheinlich den Buchladen: „Können Sie das als Geschenk einpacken? Dann muss es bei ihnen doch nicht mehr bezahlen, oder? Ist doch jetzt ein Geschenk?“ Heißt im nächsten Schritt, ich Elternteil würde dann auch meinem Kind selbstverständlich aus den geschenkten Büchern vorlesen, so halt eben nicht, selber schuld. Und ich dachte ja bisher, Bücher schenken Eltern, Omas und Opas, Patentanten und -onkel. Aber nein, die sind ja jetzt für Steam-Gutscheine und das neue Handy zuständig. Und wie kommen Autor*innen und Illustrator*innen überhaupt auf die Idee, Honorare zu verlangen, wenn Bücher doch verschenkt werden?

Und „42 % aller befragten Eltern fänden es gut, wenn es in jedem Supermarkt gute Kinderbücher und -spiele gäbe.“ Daran arbeitet die Stiftung Lesen seit Jahren fleißig, indem sie ihr Siegel „Unterstützt von Stiftung Lesen“ auf Vorlesebücher pappen lässt, die bei Aldi Süd erhältlich sind. Ach ja, Aldi Süd gehört ja ebenso zum Stifterrat der Stiftung Lesen wie der Lingen Verlag, der diese Buchreihe produziert. Ein Schelm, wer …, aber darum geht es ja vordergründig gar nicht. Nein, Kinderbücher gehören nicht in den Supermarkt. Dafür gibt es eigene Läden. Mit Menschen, die beraten können. Oder Bücher besorgen, wenn es in einer anderen Sprache sein soll. Die Lösung ist eben nicht der Wühltisch mit Sonderangeboten.

Es ist ja auch nicht so, dass Eltern nicht wüssten, wo sie Bücher herbekommen. Selbst 71 % derjenigen mit einer anderen Muttersprache wissen, wo sie Bücher in dieser Sprache finden können. Die Schlussfolgerung ist ernüchternd und eher die: Sie wollen nicht. Und nun? Niederschwellige Angebote? Noch mehr Lese-Apps? Von Pharmafimen bezahlte Mitnahmebücher beim Kinderarzt? 4,99-Schlabberkrma in rosa und hellblau beim Discounter? Lieber nehme ich den Umweg übers Kind. Denn was ist langfristig erfolgreicher? Eine neue Social Media Kampagne der Stiftung Lesen? Oder der flehende Kinderschmollmund, der sich zuhause eine Vorlesegeschichte wünscht?

Darum macht es Sinn, die Erzieher*innenausbildung zu stärken. Da gehört Vorlesen, sich mit Büchern beschäftigen, Lesen im Sinne eines Vorbildcharakters essentiell dazu. Und das muss auch vor Ort in den KiTas gefördert werden. Mit einer Bilderbuchecke für die Kinder, in die regelmäßig neue Bücher dazukommen. Mit festen Vorlesezeiten. Damit, die Kinder bei der Buchauswahl mit einzubeziehen usw. usf. An dieser Stelle sehe ich noch jede Menge Potential. Denn auch unter den Erzieher*innen gibt es nicht wenige, die mit Büchern nicht so viel anfngen können. Und das darf nicht sein.

Kinderbuchpolitik

Selten besitzen Kinderbücher politisches Erregungspotential. Manchmal doch. 1988 versetzte der Deutsche Jugendliteraturpreis für Gudrun Pausewangs Die Wolke die Atomlobby der CDU/CSU in Aufruhr und sorgte für eine hitzige öffentliche Debatte. Schon 1974 erschien der Aufklärungsbildband Zeig mal von Will McBride, der in den 1990er Jahren mehrfach Indizierungsanträge über sich ergehen lassen musste. Genervt auch vom Vorwurf der Kinderpornografie ließ Will McBride das Werk schließlich vom Markt nehmen. Oder Alles lecker von Anke Kuhl und Alexandra Maxeiner, erschienen 2012 bei Klett Kinderbuch. Aufgebrachte Schweinezüchter und der Bauernverband Schleswig-Holstein entfachten einen Shitstorm wegen einer in ihren Augen tendenziösen Darstellung der konventionellen Schweinehaltung gegenüber der romantisierten in Bio-Betrieben.

Andernorts geht Aufregung einfacher. Man nehme bekannte Volksmärchen, drehe sie durch den LGBT-Fleischwolf, heraus kommen z.B. schwule Prinzen, Transgender-Drachentöter, Hänsel und Gretel aus der Perspektive der Hexe. Erschienen ist Märchenland für alle im kleinen Verlag des ungarischen Lesbenverbandes Labrisz, und schwupps, fertig ist der Skandal. Es ist, als hätte der Verband einen swimmingpool-großen Fettnapf aufgestellt, extra für die rechten Parteien des ungarischen Parlaments. Mit beiden Beinen voran und als erste hineingesprungen ist die Abgeordnete Dora Duro, die vor laufenden Kameras wegen „Homo-Propaganda“ Seiten aus dem Buch riss und durch einen Aktenvernichter jagte. Und Ministerpräsident Victor Orban faselte dazu etwas von roter Linie – im Buch, nicht das Verhalten der Parlamentarierin – und forderte: „Lasst unsere Kinder in Ruhe!“

Das mag einen nicht wundern und passt in rechtskonservative Strömungen wie in Polen oder den USA eines Donald Trump, wo gezielt Einfluss genommen wird auf Inhalte in Kinder- und Schulbüchern. Aber es sind zwei weitere Erscheinungen, die es zu benennen gilt:

Einerseits die knapp 200 Kommentare in der Kronen-Zeitung, quasi der Bild-Zeitung Österreichs, die das als sachliche Meldung brachte. Anderseits die verquere Übergriffigkeit gegenüber Literatur.

Zu den Kommentaren: „Man sollte auch immer vor Augen haben, dass es um Störungen der Sexualpräferenzen bzw. der Geschlechtsidentät handelt“ schreibt MALNACHGEDACHT, ohne seinem Namen wirklich gerecht zu werden. So geht das in einem fort: „Dieser Gender-Wahn wird im Rückblick einmal eine besonders peinlicher Abschnitt der menschlichen Sozialgeschichte sein.“ (Liberalist 77), „Struwelpeter, HatschiBratischi Luftballon, usw. dürfen Kinder nicht unzensuriert lesen, aber von Schwulen und Lesben und sonstigen Dingen dürfen sie schon lesen?“ (MaBru), „Kinder für die eigenen Zwecke zu missbrauchen ist unterstes Niveau!“ (Eraser). Es liest sich, als hätte die FPÖ die Kommentarspalte gekapert. auf dem Rechtschreibniveau einer Klippschule.

Und ein weiterer Kommentar führt direkt zum zweiten Aspekt: „Sie sagen sie wollen Vielfalt fördern, wollen aber der Mehrheit ihre Meinung aufzwingen.“ (Coccodrillo) Eine Aussage, die den Umgang des öffentlichen Ungarns mit dem Buch umschreibt. Ein Umgang, der zur Folge hat, dass Buchhändler*innen bedroht werden und verbalen Angriffen ausgesetzt sind. Dass eine Online-Petition angestoßen wurde, die das Buch aus den Buchhandelsregalen verbannen soll. Dass Politiker verbieten, das Buch in Kindergärten einzusetzen.

Da hört jede Form der sachlichen Kritik auf. Es geht nicht mehr um Pluralität, sondern darum, wie eine sich selbst als schweigende Mehrheit bezeichnende Minderheit anderslautende Meinungen anderer Minderheiten verbieten will. Sich eine unerschütterliche Deutungshoheit zuschreiben. Um das einmal klarzustellen: Das bunte Märchenbuch zwingt nicht. Zu nichts. Zwingt niemanden der Kommentarschreiber*innen, das Buch zu lesen, zu kaufen, seinen Kindern in die Hand zu drücken. Das Buch ist ein Angebot. Ich muss es nicht annehmen. Aber ich kann. Es geht um die Freiheit des Wortes, der Kunst und um gesellschaftliche Toleranz. Die verquere Denkweise dieser Menschen mit Kommentarzwang ist das genaue Gegenteil davon. Schluss damit, diese Kleingeisterei nervt. Nicht nur in Ungarn, sondern auch hierzulande.

Ach ja, die Ironie der Geschichte: Das Buch ist gerade vergriffen und geht in die nächste Auflage, bei mittlerweile 80.000 verkauften Büchern. In Ungarn ein echter Bestseller.