Wenn Konfuzius heute leben und Kinderbücher schreiben würde

Manchmal muss Google herhalten: Da ist ein Kinderbuchverlag, nein, eigentlich mehrere, aus Berlin, die sich irgendwo in Nischen festgesetzt und damit den Erfolg haben, den andere Kinderbuchverlage auch gerne hätten. Die nicht Mitglied in der avj sind. Und deren Verleger eine Vita hat, die normalerweise direkt ins rtl-Dschungelcamp führt. Walter Unterweger ist Österreicher, Arzt mit echtem Doktortitel, war davor Teilnehmer in der zweiten Big Brother-Staffel, hat eine erfolgreiche Single veröffentlicht und bei der Daily-Soap Marienhof mitgespielt. Wahrscheinlich alles nach dem Motto: Ich war jung und brauchte das Geld. Dann der biografische Bruch. Er lebt jetzt in Berlin, ist Assistenzarzt in einem Krankenhaus und führt den Wimmelbuch- und den Adrian Verlag. Und weil das noch nicht reicht, auch noch den Neunzehn-Verlag, in dem vegane und hildmannfreie Kochbücher erscheinen.

Aber um diesen Tausendsassa soll es gar nicht gehen, sondern um sein momentan absolut bestverkäuflichstes Buch. Vielleicht heißt es und stammt von Kobi Yamada und der Illustratorin Gabriella Barouch. Der Autor ist Amerikaner und CEO eines Online-Unternehmens mit Namen „Compendium – live inspired“. Dahinter steckt die Idee, mit positiven, inspirierenden Botschaften Menschen zu erreichen – am Anfang gedruckt auf kleinen Karten, mittlerweile auf jedem erdenklichen Nippes. Also klassische Kalendersprüche. Schön gestalteter Motivationssumms, der ansonsten millionenfach durch Instagram und Pinterest schwappt. Kostenlos. Aber Kobi Yamada hatte früh die Idee und hat daran festgehalten. Der Laden läuft, und, schwupps, war auch gleich ein Kinderbuch fertig. Was macht man mit einer Idee?, hat er ja selbst bewiesen, ist in Amerika 2014 erschienen, bei Adrian 2017. Die platte Botschaft ist: Jede Idee ist toll, verwirf sie nicht, sondern schütze und verwirkliche sie!

Vielleicht funktioniert auf gleiche, einfache Weise. Yamada umgarnt und baupinselt die Leser*innen gleich zu Anfang mit „Du bist du. So jemanden wie dich hat es noch nie gegeben und wird es auch nie mehr geben. In dir steckt so viel.“, um ihnen dann mit „Vielleicht“-Sätzen das ganze, große Universum der Möglichkeiten aufzuzeigen: „Vielleicht wirst du einmal etwas erfinden, dass noch niemand zuvor gesehen hat.“ Und das Bild zeigt ein Kind mit einer Blätterschmuckmütze, dass auf übermenschlich große Fliegenpilze die weißen Punkte aufklebt. Nun ja. „Mach alles mit Liebe. Folge deinem Herzen und schaue wohin es dich führt.“ Navi aus, los geht’s. Noch nie gehört den Satz. Bis zu: „Vielleicht bist du hier, um Licht an Orte zu bringen, die viel zu lange dunkel waren.“ Ist das der Aufruf, den Beruf der Elektriker*in zu ergreifen? Mmh. Der Abschluss lautet dann: „Eine Sache ist gewiss, du bist hier. Und weil du hier bist … ist alles möglich.“ Und dazu die ganzen großformatigen Bilder, die aussehen, als hätte René Magritte einen VHS-Kurs in naiver Malerei absolviert.

Aber ist das wirklich ein Bilderbuch? Für Kinder? Nein, ist es nicht. Es ist ein Buch für Hafermilch-Latte-geschwängerte Helikopter-Eltern, die in der KiTa schon mit Fragen nach der Früherziehung in der zweiten Fremdsprache nerven, Chinesisch in der Mittelstufe verlangen, aber nur von Muttersprachler*innen, und trotz der Eigendiagnose „Hochbegabung“ noch mehrere Fachkräfte beschäftigen, die das Kind nachmittags benachhilfen. Deren Nerv trifft dieses Hochmotivationsbrimborium wie die Schüttelstöße beim Potenzieren homöopathischer Arzneimittel den harten, aber elastischen Körper. Es überhöht jeden noch so einfältigen Charakter, weil dahinter ja der weitläufig abgesteckte Möglichkeitsraum der Traumverwirklichung steckt. Den Yamada konfuziusartig bis glückskeks-like konstruiert und damit jedem Elternteil aus der Seele spricht. Selbst wenn im Sandkasten das eigene Gör dem anderen mal wieder die Schaufel überzieht. Könnte ja vielleicht der Ausrdruck eines kreativen Geistes sein. Der seine Idee verteidigt. Denn, ja klar, es „ist alles möglich“.

So was kann man verschenken, wenn einem sonst nichts mehr einfällt. Als ferner Verwandter. Aber als Bilderbuch für Kinder? Eher nicht.

Irgendwie divers unangenehm

Die in der medialen Öffentlichkeit geführten Diskussionen um aktuelle Kinder- und Jugendliteratur haben gefühlt gerade ein enormes Ungleichgewicht. Die großen Empörungswellen machen sich nicht an der Frage fest, ob Autor*innen, Illustrator*innen und Übersetzer*innen bis hin zu freien Lektor*innen morgen noch ihrer Arbeit nachgehen können, weil sie trotz der Soforthilfe für Soloselbständige und Mitteln aus dem Bundeskulturfonds kein Einkommen mehr haben.

Stattdessen erscheinen jetzt in überregionalen Medien im Wochenrhythmus Abrechnungen mit der aktuellen Kinderliteratur, der massiv Rassismus, das Verhaften in überholten Rollenmustern und mangelnde Diversität vorgeworfen wird. Am 23.7. sagt die Kita-Leiterin Christiane Kassama in der „ZEIT“: „Jim Knopf wird leider noch oft gelesen. Jim Knopf reproduziert viele Klischees, zum angeblich typischen Wesen und Äußeren von Schwarzen. Jim Knopf ist so, wie sich Weiße ein lustiges, freches, schwarzes Kind vorstellen.“ Diese Aussagen hatten ein großes Echo, auf der ZEIT-Online-Seite finden sich Stand 9.9. 1.228 Kommentare – nicht nur bestätigende. Im fluter, dem jungen Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung, erscheint am 2.9. ein Text mit dem Titel „Klischee, lass nach“ über die Arbeit von Sensivity Readern. Und am 6.9. veröffentlicht SPIEGEL online einen Artikel über Diversität in Kinderbüchern, als Interviews mit einer Mutter, zwei Buchladen-Gründerinnen und einer Literaturkritikerin. Die Betreiberin des Buchblogs buuu.ch, Carla Heher, kommt zu dem Fazit: „Sensitivity Reading“ – ein Prozess aus den USA, in dem Bücher von Betroffenen auf Diskriminierungen überprüft werden – sollte zum Beispiel auch in der deutschen Verlagswelt zum Standard werden.“ Denn das, was große Verlage anbieten, ist in ihren Augen in vielerlei Hinsicht eher enttäuschend.

Allen gemein ist ein Tenor, der besagt: Die aktuelle Kinderliteratur ist defizitär. Das fängt beim fehlenden „Bewusstsein für Themen wie Rassismus“ in den Verlagen an, geht über die Feststellung, dass „die Verlagslandschaft selbst wenig divers ist“, reicht weiter zum Eindruck „Willkommen in den Fünfzigerjahren“ beim Blick in die Kinderbuchabteilungen, und und und.

Ist das so? Und darf man und frau das so einfach stehen lassen?

Fangen wir mal an: Fehlende Diversität in der Verlagsbranche, und damit ist auch die Gruppe der Produzent*innen eingeschlossen, festzumachen, ist schwierig. Das fängt schon damit an, dass Männer in Kinderbuchverlagen unterrepräsentiert sind (außer in Leitungsfunktionen, aber das ist ein anderes Thema), genauso wie in den Kinderbuchabteilungen, Bibliotheken, Grundschulen, KiTas. Das ist nicht neu. Aber ungerecht. Menschen mit Migrationshintergrund sind in Studienfächern unterrepräsentiert, die in die Buchbranche führt. Woher sollen sie denn dann kommen? Das braucht Zeit.

LGBT? Schon eher gegeben, aber nicht jede*r muss das offensiv nach außen tragen. Aber es gibt sie, und die werden, wie alle anderen auch, an der Qualität ihrer Arbeiten gemessen und an nichts sonst. Auch in Verlagen. Ein Buch eines Transgenders wird eben nicht deshalb verlegt, weil es um Transgender geht. Sondern weil es gut ist.

Tja, dann die Frage nach den Klischees. Wie der ‚lustige, freche, schwarze Jim Knopf‘, der so sei wie Weiße sich Schwarze vorstellen. Der bestimmt auch gut singen und tanzen kann, gerne schnackselt, ach, die Reihe ließe sich fortsetzen. Aber was ist die Konsequenz? Muss eine schwarze Kinderfigur immer als Kontra-Klischee angelegt sein, um nicht in die mannigfaltig aufgestellten Fallen zu tappen? Traurig und schüchtern? Im fluter heißt es „Stereotyp: Asiatin, sexualisierte, devote und nerdige Darstellung.“, was die Art von Diskriminierung von Sensitivity Reader Victoria Linnea als „asiatisch gelesener Mensch“ und Teil einer „marginalisierten Gruppe“ beschreibt. Als Kind wäre das Asiatinnen-Klischee adäquat zu Jim Knopf die angepasste, strebsame Geige spielende Mai Ling. Aber muss ich jetzt die asiatischen Eltern in der Musikschule auf genau diese Klischee-Falle ansprechen, wenn sie stolz ihre Tochter dabei bewundern, wie sie sich durch eine Bach-Sonate geigt? Und verdammt, ich kenne jede Menge asiatischer Kinder in der Musikschule. Denn vielleicht gibt es dafür ja noch andere Gründe, die zum Beispiel etwas mit Bildungsbewusstsein zu tun haben.

Von Maxim Gorki stammt der Satz: „Man muss nicht in der Bratpfanne gelegen haben, um über ein Schnitzel zu schreiben“, der für Sensitivity Reader so nicht stehen bleiben kann: Es muss mindestens ein Schnitzel drüberlesen. Oder anders: Als Elfie Ligensa 1971 den ersten Roman über „Dr. Stefan Frank. Der Arzt, dem die Frauen vertrauen.“ schrieb, blickte sie nicht auf eine abgeschlossene Facharztausbildung zurück, sondern auf ein Volontariat bei Bastei-Lübbe. Und hat recherchiert. Denn Literatur ist zuallererst ein fiktionaler Raum, den die Autor*in nach ihren Vorstellungen gestalten kann. Und nicht nach gesellschaftlichen Querschnitten gestalten muss. Viel wichtiger ist die Frage nach der Plausibilität. Glaube ich der Geschichte? Glaube ich den Figuren? Ihrem Handeln? Das verändert sich mit der Zeit, und das verändert sich anders als es die in ihrer Vielstimmigkeit unüberhörbaren marginalisierten Gruppen fordern.

Und wir geraten in Teufels Küche. Wieviel Klischee steckt in der Aussage, dass im Osten die ganzen Nazis wohnen? Ist es ein Klischee, dass der Neonazi Thor Stainar-Klamotten trägt, dumpf aus seinen arisch blauen Knopfaugen blinzelt und kategorisch Ausländer verprügelt? Geht das vom Prinzip her auch nicht? Müsste man den Nazi klischeebefreit als charmanten, höflichen und gebildeten jungen Mann darstellen? Es wird dadurch auch nicht besser.

Deshalb: Es gibt sie längst, die „guten“ Bücher. Auch wenn sie nicht automatisch in den Bestsellerlisten stehen oder als Stapelware angeboten werden. Sonst hätte buuu.ch keine so große Auswahl an diversen Kinderbücher, die sie anbieten könnten. Es gibt sie längst, die guten Bücher, die sich sprach- und bildästhetisch nicht von äußeren Vorgaben knebeln lassen. Das geht, und das geht oftmals besser als die vor Betroffenheit quietschenden Bücher aus der Sebsthilfegruppenproduktion. Und ja, es können noch mehr werden, ohne Frage. Aber ohne Checklisten und Diversitäts-Prüfsiegel und Betroffenenkontrolle. Das schafft die Kinderliteratur schon ganz allein.