Die diverse Puppe

Kaum ein Thema lässt sich über Kinderbücher so zu Tode reiten wie Vielfalt im Kinderbuch. Um genau zu sein: Wie fehlende Vielfalt im Kinderbuch. Letztes Beispiel: Ein kurzer Text in der taz vom 18.5. mit dem Titel „Der Ranz aus alten Büchern“ Doch der Ranz wird eben nicht nur bei alten Büchern angemahnt, sondern: „auch die meisten neuen deutschen Kinderbücher sind voller stereotyper Figuren“. Nämlich „Die Hauptcharaktere sind oft weiß, männlich, dünn, ohne Behinderung, christlich, cis, hetero, aus der Mittelschicht, die Eltern leben zusammen.“ Würde ich in einem Buch von mir erzählen, dann würde ich genau diesem Stereotyp entsprechen und habe sofort das Gefühl, ich dürfe das gar nicht. Weil ich nur manifestiere, was an Vielfalt fehlt.

Umgekehrt wäre ein Kinderbuch mit einem Hauptcharakter, der die Eigenschaften vereint: schwarz, weiblich, dick, behindert, muslimisch, trans, homosexuell, aus der Unterschicht, die Eltern leben getrennt, tja, was? Viel zu viel von allem? Auch nur ein überspitzes Klischee? Mehrfach drüber? Eine einfache Lösung gibt es nicht, aber die Antwort der Autorin ist in meinen Augen auch keine. Wie in „„Feuerwehr und Regenauto“ von Janosch und darin gibt es eine rassistische Stelle über Müllmänner und Gastarbeiter_innen, die ich nie vorlese. Frauen haben darin außerdem kurze Röcke und große Brüste.“ Die Textpassage, in der mit dem Herrn Türken über dessen Arbeit als Müllmann gesprochen wird, und wie gut es ist, dass hier bei uns einer den stinkenden Dreck wegmacht, weil man das selber nicht tun möchte, danke dafür! ist aus werkhistorischer Sicht gar nicht rassistisch zu lesen. Das Original stammt aus dem Jahr 1972 und war der heute sprachlich wie inhaltlich plump wirkende Versuch der Integration der damaligen Gastarbeiter, die seit kurzem auch aus der Türkei kamen. Und kurze Röcke und große Brüste sehe ich nie im heutigen Straßenbild, wohingegen hautenge Leggins und bauchfreie Tops im Gegensatz dazu selbstverständlich feministische Statements sind.

Selbst bei der Raupe Nimmersatt bleibt ein Teil unvorgelesen. Die Autorin erklärt: „ich zögere oft an der Stelle, an der steht, dass die Raupe sich ein Haus baut, das man Kokon nennt. Denn ich habe mal in einem Interview gelesen, dass das so nicht ganz stimmt. Dass sich Schmetterlinge, vor allem Tagfalter, in der Regel keinen Kokon spinnen, sondern sich verpuppen. (…)  sinnerfassend hieß es, dass wegen eines Kinderbuchs Millionen Menschen glaubten, alle Schmetterlinge würden sich einen Kokon spinnen. (…) Ich will ihm (dem Kind) keine Dinge beibringen, die es später nur schwer verlernen kann. Ich lese nur vor, dass sich die Raupe ein Haus baut. Mehr nicht.“

Kann man so machen, hilft aber nicht wirklich weiter. Verpuppt wird sich immer, aber nicht alle Schmetterlingsarten bauen auch einen Kokon. Manche tun es aber. Deshalb ist die Aussage im Buch richtig. Manche Arten tun es nicht. Deshalb ist die Aussage im Buch nicht falsch. Denn die Raupe Nimmersatt ist nicht pars pro toto. Sondern nur die eine, namentlich genannte Raupe. Ganz falsch aber ist die Aussage, dass sich die Raupe ein Haus baut. Das tut sie definitiv nicht. Sie hat ja nicht mal eine Baugenehmigung und erfüllt auch die hohen energetischen Standards für Eigenheime nicht.

Die 25 Kommentare darunter sind gefühlt dreimal so lang wie der Artikel selbst. Interessanterweise gehen die KommentatorInnen entspannt mit dem angesprochenen Thema um. Für Aufregung ist wenig Platz, für lautstarke Forderungen an die Verlage und BüchermacherInnen auch nicht, stattdessen wird auf das Nebeneinander unterschidlicher Erzählweisen und die Fähigkeit von Eltern und Kindern verwiesen, historisch einzuordnen und die Dinge zu besprechen, die zu den genannten Aussagen besprochen werden müssen. Da klingt ja nach einem deutlich souveräneren Umgang.

Vegane Grasbücher

Ob man es glaubt oder nicht, aber vegan ist echt kompliziert. Und es gibt Dinge, von denen man ja gar nicht glaubt, dass sie nicht vegan sind, bis es einen gibt, der das gleiche Produkt in der veganen Variante verkauft, für einige Euro mehr.

Wein zum Beispiel ist unvegan. Und damit sind nicht die Fliegen, Würmer und anderes Gekreuch gemeint, das versehentlich in und auf der Traube sitzt, wenn sie in der Presse landet und dann mitverarbeitet wird. Sondern Eiweiß bzw. tierische Proteine, die zum Klären von Wein eingesetzt werden und mit den gebundenen Schwebeteilchchen auch wieder aus dem Wein verschwinden. Aber eben in Kontakt gekommen sind. Das geht auch ohne, entweder mit anderen Mitteln oder gar nicht, dann wird ein Trend draus: Naturweine, bei deren Herstellungsprozess so wenig wie möglich eingegriffen wird.

Oder veganes Mineralwasser. Auch erst mal verwirrend. Bei genauerem Hinsehen geht es dann um den Verzicht auf Etikettenkleber, der üblicherweise Milcheiweiß enthält. Und bei Getränkeschorlen auch wieder ums Klären, siehe Wein. Das eigentliche Produkt, Mineralwasser ist aber per se vegan.

Und jetzt auch Bücher. Matabooks aus Dresden stellt vegane Produkte her, aus Graspapier, ohne Knochenleim fürs Binden und mit reinen Bio-Druckfarben, in denen keine organischen Bestandteile tierischen Ursprungs enthalten sind. „Die kosten wie bei Bio-Lebensmitteln ein paar Euro mehr.“ heißt es in einem Tageszeitungsartikel zu dieser neuen Bücher-Geschäftsidee. Nun ist es bei dem hier erhältlichen und gebräuchlichen Graspapier, das Matabooks frü die Buchumschläge nutzt, so, dass es zwar wesentlich ressourcenschonender ist als normales Papier, aber es keineswegs ausschließlich aus Gras besteht, sondern nur zu rund 50 Prozent. Der Rest ist Frischzellstoff, wie er auch in der normalen Papierherstellung benötigt wird. Mit recyceltem Papier oder daraus gewonnenem Material funktioniert das Verfahren nicht. Das für den Buchblock verwendetet reine Süßgraspapier aus Reis und Gras wiederum stammt aus Indien. Alles trotzdem gut und unterstützenswert, aber ich will ja gar nicht vom eigentlichen Thema ablenken.

Also gut, vegane Bücher. Darunter auch Jugendromane. Mit dem Hinweis „nachhaltig, fair & vegan“ auf dem Cover. Und spätestens in diesem Moment taucht bei mmir die Frage auf, ob auch die Autor*innen nachhaltig und fair behandelt werden, wenn schon so viel Wert auf den Produktionsprozess gelegt wird. Natürlich kenne ich die Verlagsverträge nicht, an dieser Stelle kann ich nicht werten. Aber es ist schon komisch, wenn im Online-Shop auf der Seite zu den Büchern weniger über den Buchinhalt als über die Produktionsweise und verwendeten Rohstoffe zu lesen ist – und über die Autor*innen und Illustrator*innen außer den Namen gar nichts. In Worten: nichts. Die sind nicht mal verlinkt. Denn kurze knappe Sätze gibt es ja, nur sind die unter dem Reiter „Über uns“ auf der Website verborgen. Ist das auch fair denjenigen gegenüber, die das Produkt mit Leben füllen? Ich denke nicht.

Es geht mir bei Mata ein bisschen wie mit „Ökotest“. Was nutzen mir ökologisch unbedenkliche Kopfhörer, wenn sie scheiße klingen? Was nachhaltig produzierte Bio-Matratzen, wenn ich darauf schlecht schlafe? Was veganer Wein, wenn er nicht schmeckt? Auch darum sollte es gehen, gerade bei Büchern. Um Inhalte. Und um die Menschen, die sie machen und davon leben.

„Goethe war schwul!“

„Hallo, mein Name ist Ralf, ich bin Literaturwissenschaftler, Germanist und habe eine eigene Praxis. In den vergangenen Wochen des Lockdowns wurde mein Unbehagen gegenüber der Meinungsdiktatur der Mainstream-Wissenschaft immer größer. Von oben wird verfügt, bestimmt, vorgegeben, wie wir zu denken und zu lesen haben. Das konnte und wollte ich so nicht mehr hinnehmen, deshalb habe ich die Partei Wahrheit 2020 gegründet. Damit die Wahrheit ans Licht kommt. Denn ich habe recherchiert. Und eins und eins zusammengezählt. Denn es ist so: Johann Wolfgang von Goethe war schwul. Wussten Sie nicht, oder? Na klar, weil alle, die das behaupten und beweisen, von der Staatswissenschaft mundtot gemacht wurden und werden. Ich aber kenne die Fakten. Goethe als Frauenheld? Alles nur Tarnung. Wie bei den Profifußballern auch. Die tun so, als hätten sie Freundinnen oder Frauen, nur damit ja keiner merkt, dass sie andersrum sind. Da war Goethe Vorreiter. Fangen Sie doch mit den Fakten an, der Hauslehrer bei den Goethes. Da lag nicht nur einmal die Hand auf Johanns Oberschenkel und wer weiß noch wo. Die Mainstream-Germanisten behaupten natürlich, er hätte später dann mit seiner Frau Christiane fünf Kinder gehabt. Mal ehrlich, gab es dazu je einen Vaterschaftstest? Kennen Sie einen? Ich nicht. Dann seine vielen Reisen. War er wirklich immer vor Ort gewesen, wenn wir die fünf Zeugungstermine einfach mal von der Geburt zurückrechnen? Sehen Sie.

Oder diese enge Verbindung zu Johann Peter Eckermann. Einen deutlicheren Hinweis als in Wikipedia können Sie doch gar nicht finden. Da steht: „Er wurde jedoch nicht, wie noch jahrzehntelang auf der Gedenktafel am Weimarer Eckermann-Haus in der Brauhausgasse zu lesen war, Goethes Sekretär. Vielmehr befand er sich in einem unverbindlichen Gefälligkeitsverhältnis zu ihm.“ Was denken sie denn, was das für Gefälligkeiten waren? Mal ’ne Tasse Tee holen? Ich bitte Sie! Denn bei den langen Gesprächen knisterte es doch nicht nur intellektuell, sondern auch zwischenmenschlich. Über solche Realitäten müssen wir ganz offen reden und uns nicht einer Meinungsdiktatur der sogenannten Goethe-Forschung unterwerfen. Es ist allerhöchste Zeit.

Und die Literaturwissenschaft hält noch so viele wichtige Erkenntnisse unter Verschluss, die ich jetzt öffentlich machen werden, in meiner Partei Wahrheit 2020. Wussten Sie, dass Walter von der Vogelweide der Erfinder des Meisenknödels war? Sehen Sie. Oder das Martin Walser, obwohl er das Buch „Das fliehende Pferd“ geschrieben hat, gar nicht reiten konnte? Ha! Deshalb rufe ich die Germanisten an den Hochschulen Deutschlands auf – legen Sie Ihre Professuren nieder, werden Sie Mitglied meiner Partei und folgen Sie der Wahrheit 2020. Denn es gibt nur eine Wahrheit. Meine.“

#stayathome hat dazu geführt, dass wir alle die Verbreitung des Corona-Virus verlangsamen konnten. #stayathome hat aber auch dazu geführt, dass irrlichternde Menschen noch irrlichternder wurden. Xavier „ich kenne nichts“ Naidoo hat sich in seinem Auto in Quarantäne begeben und murmelt auf Instagram verstörend-verschwörerische Botschaften. Porsche-Veganer Atilla Hildmann bruzzelt aktuell keine fleischlosen Burger mehr, sondern führt in Berlin jetzt die Untergrundbewegung „Der leuchtende Salat“ an, bewaffnet bis an die Zähne und mit martialischen Botschaften auf seinen Social Media-Kanälen. Und dann Dr. Bodo Schiffmann, HNO-Arzt mit Schwindelpraxis in Sinzheim und Gründer der Partei Wiederstand 2020. Der in echter oder gespielter Naivität Impfgegner wie Identitäre, Umvolkungswarner und Islamfeinde dazu einlädt, gegen die vermeintliche Corona-Diktatur und Zwangsimpfungen der Regierung zu kämpfen. Demonstrationen organisiert. Aktive Politiker*innen zum Eintritt auffordert. Das ist alles zum Kotzen. Aber das unzählige Menschen denen auch noch Beifall klatschen, zustimmende Emojis unter die kruden Postings pinnen und allein schon den Begriff Solidarität als links-grün-versifft ansehen, macht wütend.