Wenn Jan ein Kinderbuch schreibt …

Jan Philipp Reemtsma ist Professor für Germanistik, ein absoluter Spezialist für Arno Schmidt und Christoph Martin Wieland, Gründer des Hamburger Instituts für Sozialforschung, um nur einige seiner wissenschaftlichen Arbeitsfelder zu nennen. Er laudatiert, er publiziert, vor allem über seine Betätigungsfelder. Er hat über das Interpretieren eines literarischen Textes geschrieben, aber einen eigenen literarischen Text bislang nicht. Bislang. Denn nun gibt es Weg war das Ihmchen! mit Illustrationen von Nikolaus Heidelbach, erschienen im Kampa Verlag, 140 Seiten für 28 Euro. Und dieses Buch steht exemplarisch für all die Prominenten, die mal eben ein Buch für Kinder geschrieben haben, weil das ja nicht so viel Mühe macht und leicht von der Hand geht, im Gegensatz zu den vielen Kinderbuchautor*nnen, die Bücher schreiben. Kinderbücher.

Was meine ich damit? Es braucht offenbar eine tanten- oder onkelhafte Ohrenssesselatmosphäre, um so für Kinder zu schreiben. Auf der Lehne sitzt der kleine Wildfang wie betäubt, wenn der Mensch im Sessel nun wild zu fabulieren beginnt. Oder wie Reemtsma selbst sagt: „es stellt sich ein“: „Weg war das Ihmchen! Nicht zu sehen, hier nicht und da nicht. Kurtpeter war ganz verzweifelt.“ (S. 7) Und die heidelbachsche Vignette zeigt anstelle des Ihmchens ein Vernutzel, über das Großmutter froh gewesen wäre, hätte man das früher gehabt anstelle des offenbar viel exklusiveren Ihmchens. Was dem Autor die Chance einer Fußnote eröffnet, um diese Bild-Text-Schere zu schließen. Die Seite ist noch nicht zuende, da kommt auch noch eine Grätsche ins Spiel, aber nicht im fuballerischen Sinne, sondern offenbar auch ein Viech, dass aufgescheucht einen Siselbaum hinauftappt. Alle Namen hier sind wohlgesetzt und so gewollt, vom altertümlichen Kurtpeter bis zu den fabulierte Fabelwesennamen bis zum „hinauftappen“, was als plump, unbeholfen vorwärtsbewegend oder dumpf stampfend im Zusammenhang mit einem Baumstamm aber so gar kein Bild ergeben will und nach Lektorat! schreit.

Als wäre das nicht schon genug, bekommt auf Seite 8 das Ihmchen auch noch einen Namen: „Gnaupe!“ Und beim Fabulieren fallen alle Grenzen. Wer kennt ihn nicht, den Glidder der Biselsträucher, der einen Fußball so richtig glidderig machen kann. Und einen Lonk gibt es auch noch. Noch mehr gefällig? Reemtsma findet, dass gesprochene Sprache lautmalerisch sichtbar abgebildet werden muss. In Form von „Ja-ha“ statt ja oder „Du-hu“ statt du oder „Do-hoch“ statt doch. Und weil er mit Kurtpeter gestartet ist, heißt der Junge, den er bei seiner Suche trifft, logischerweise Beinelars. Und so geht die Odyssee weiter. Und der Leser lernt noch viel mehr kennen: Grätschen möhften und können sich aufpumpen und tappen auch horizontal. Es gibt den Angstabwender, der kein Küchenutensil ist. Es gibt das gefährliche Überdimensionalkrokodil, dass mit Bällen um sich wirft und die Kinder schluckt wie der Wal Jonas. Und wieder auskackt. Den blaugestreiften Onkel Justaf, der von der Regierung als Ausspracheaufpasser bestimmt wurde und Grammatikverbesserer im Nebenberuf ist. Es gibt mittendrin ein Märchen von Imgrunde, die Wunderschöne, und dem Prinzen Werwilnoch. Spätestens jetzt heißt es bei mir mal: Ichnicht.

Und in das ganze Aneinander statt miteinander drängelt sich zuguterletzt auch noch der Autor höchstpersönlich: „Ihr habt gemerkt, dass ich eben schreiben wollte: »Das Ihmchen war überhaupt ganz und gar mit Bratengarn gefesselt« – ihr versteht: »gar«, ja? – und dann hätte ich geschrieben: »Glücklicherweise war das Ihmchen noch ganz, und gar war es noch lange nicht.« Oder so. Aber das gehört sich nicht, nicht wahr?“ Das ist wie jemand, der seinen eigenen Witz erklärt.

Nein, das ist kein gutes Kinderbuch. Das ist ein Buch von jemand, der viel Spaß beim Fabulieren hatte. An sprachlichen Fingerübungen. Sprachspielereien. An vielem und allem. Es sei Jan Philip Reemtsma gegönnt. Aber darüber vergisst er das Wichtigste überhaupt: Für Kinder zu erzählen. Nicht über Kinder. Oder von Kindern. Das gelingt dem Text leider so gar nicht. Wie es besser geht? Blackbird von Matthias Brandt ist in meinen Augen ein gutes Beispiel (aber als Jugendbuch auch irgendwie einfacher, wenn es autobiografisch erscheint, zumiindest was die Zeit angeht, über die erzählt wird). Er ist und bleibt in seiner Figur und in seiner Geschichte. Ganz ohne Grätsche.

Die diverse Puppe

Kaum ein Thema lässt sich über Kinderbücher so zu Tode reiten wie Vielfalt im Kinderbuch. Um genau zu sein: Wie fehlende Vielfalt im Kinderbuch. Letztes Beispiel: Ein kurzer Text in der taz vom 18.5. mit dem Titel „Der Ranz aus alten Büchern“ Doch der Ranz wird eben nicht nur bei alten Büchern angemahnt, sondern: „auch die meisten neuen deutschen Kinderbücher sind voller stereotyper Figuren“. Nämlich „Die Hauptcharaktere sind oft weiß, männlich, dünn, ohne Behinderung, christlich, cis, hetero, aus der Mittelschicht, die Eltern leben zusammen.“ Würde ich in einem Buch von mir erzählen, dann würde ich genau diesem Stereotyp entsprechen und habe sofort das Gefühl, ich dürfe das gar nicht. Weil ich nur manifestiere, was an Vielfalt fehlt.

Umgekehrt wäre ein Kinderbuch mit einem Hauptcharakter, der die Eigenschaften vereint: schwarz, weiblich, dick, behindert, muslimisch, trans, homosexuell, aus der Unterschicht, die Eltern leben getrennt, tja, was? Viel zu viel von allem? Auch nur ein überspitzes Klischee? Mehrfach drüber? Eine einfache Lösung gibt es nicht, aber die Antwort der Autorin ist in meinen Augen auch keine. Wie in „„Feuerwehr und Regenauto“ von Janosch und darin gibt es eine rassistische Stelle über Müllmänner und Gastarbeiter_innen, die ich nie vorlese. Frauen haben darin außerdem kurze Röcke und große Brüste.“ Die Textpassage, in der mit dem Herrn Türken über dessen Arbeit als Müllmann gesprochen wird, und wie gut es ist, dass hier bei uns einer den stinkenden Dreck wegmacht, weil man das selber nicht tun möchte, danke dafür! ist aus werkhistorischer Sicht gar nicht rassistisch zu lesen. Das Original stammt aus dem Jahr 1972 und war der heute sprachlich wie inhaltlich plump wirkende Versuch der Integration der damaligen Gastarbeiter, die seit kurzem auch aus der Türkei kamen. Und kurze Röcke und große Brüste sehe ich nie im heutigen Straßenbild, wohingegen hautenge Leggins und bauchfreie Tops im Gegensatz dazu selbstverständlich feministische Statements sind.

Selbst bei der Raupe Nimmersatt bleibt ein Teil unvorgelesen. Die Autorin erklärt: „ich zögere oft an der Stelle, an der steht, dass die Raupe sich ein Haus baut, das man Kokon nennt. Denn ich habe mal in einem Interview gelesen, dass das so nicht ganz stimmt. Dass sich Schmetterlinge, vor allem Tagfalter, in der Regel keinen Kokon spinnen, sondern sich verpuppen. (…)  sinnerfassend hieß es, dass wegen eines Kinderbuchs Millionen Menschen glaubten, alle Schmetterlinge würden sich einen Kokon spinnen. (…) Ich will ihm (dem Kind) keine Dinge beibringen, die es später nur schwer verlernen kann. Ich lese nur vor, dass sich die Raupe ein Haus baut. Mehr nicht.“

Kann man so machen, hilft aber nicht wirklich weiter. Verpuppt wird sich immer, aber nicht alle Schmetterlingsarten bauen auch einen Kokon. Manche tun es aber. Deshalb ist die Aussage im Buch richtig. Manche Arten tun es nicht. Deshalb ist die Aussage im Buch nicht falsch. Denn die Raupe Nimmersatt ist nicht pars pro toto. Sondern nur die eine, namentlich genannte Raupe. Ganz falsch aber ist die Aussage, dass sich die Raupe ein Haus baut. Das tut sie definitiv nicht. Sie hat ja nicht mal eine Baugenehmigung und erfüllt auch die hohen energetischen Standards für Eigenheime nicht.

Die 25 Kommentare darunter sind gefühlt dreimal so lang wie der Artikel selbst. Interessanterweise gehen die KommentatorInnen entspannt mit dem angesprochenen Thema um. Für Aufregung ist wenig Platz, für lautstarke Forderungen an die Verlage und BüchermacherInnen auch nicht, stattdessen wird auf das Nebeneinander unterschidlicher Erzählweisen und die Fähigkeit von Eltern und Kindern verwiesen, historisch einzuordnen und die Dinge zu besprechen, die zu den genannten Aussagen besprochen werden müssen. Da klingt ja nach einem deutlich souveräneren Umgang.

Vegane Grasbücher

Ob man es glaubt oder nicht, aber vegan ist echt kompliziert. Und es gibt Dinge, von denen man ja gar nicht glaubt, dass sie nicht vegan sind, bis es einen gibt, der das gleiche Produkt in der veganen Variante verkauft, für einige Euro mehr.

Wein zum Beispiel ist unvegan. Und damit sind nicht die Fliegen, Würmer und anderes Gekreuch gemeint, das versehentlich in und auf der Traube sitzt, wenn sie in der Presse landet und dann mitverarbeitet wird. Sondern Eiweiß bzw. tierische Proteine, die zum Klären von Wein eingesetzt werden und mit den gebundenen Schwebeteilchchen auch wieder aus dem Wein verschwinden. Aber eben in Kontakt gekommen sind. Das geht auch ohne, entweder mit anderen Mitteln oder gar nicht, dann wird ein Trend draus: Naturweine, bei deren Herstellungsprozess so wenig wie möglich eingegriffen wird.

Oder veganes Mineralwasser. Auch erst mal verwirrend. Bei genauerem Hinsehen geht es dann um den Verzicht auf Etikettenkleber, der üblicherweise Milcheiweiß enthält. Und bei Getränkeschorlen auch wieder ums Klären, siehe Wein. Das eigentliche Produkt, Mineralwasser ist aber per se vegan.

Und jetzt auch Bücher. Matabooks aus Dresden stellt vegane Produkte her, aus Graspapier, ohne Knochenleim fürs Binden und mit reinen Bio-Druckfarben, in denen keine organischen Bestandteile tierischen Ursprungs enthalten sind. „Die kosten wie bei Bio-Lebensmitteln ein paar Euro mehr.“ heißt es in einem Tageszeitungsartikel zu dieser neuen Bücher-Geschäftsidee. Nun ist es bei dem hier erhältlichen und gebräuchlichen Graspapier, das Matabooks frü die Buchumschläge nutzt, so, dass es zwar wesentlich ressourcenschonender ist als normales Papier, aber es keineswegs ausschließlich aus Gras besteht, sondern nur zu rund 50 Prozent. Der Rest ist Frischzellstoff, wie er auch in der normalen Papierherstellung benötigt wird. Mit recyceltem Papier oder daraus gewonnenem Material funktioniert das Verfahren nicht. Das für den Buchblock verwendetet reine Süßgraspapier aus Reis und Gras wiederum stammt aus Indien. Alles trotzdem gut und unterstützenswert, aber ich will ja gar nicht vom eigentlichen Thema ablenken.

Also gut, vegane Bücher. Darunter auch Jugendromane. Mit dem Hinweis „nachhaltig, fair & vegan“ auf dem Cover. Und spätestens in diesem Moment taucht bei mmir die Frage auf, ob auch die Autor*innen nachhaltig und fair behandelt werden, wenn schon so viel Wert auf den Produktionsprozess gelegt wird. Natürlich kenne ich die Verlagsverträge nicht, an dieser Stelle kann ich nicht werten. Aber es ist schon komisch, wenn im Online-Shop auf der Seite zu den Büchern weniger über den Buchinhalt als über die Produktionsweise und verwendeten Rohstoffe zu lesen ist – und über die Autor*innen und Illustrator*innen außer den Namen gar nichts. In Worten: nichts. Die sind nicht mal verlinkt. Denn kurze knappe Sätze gibt es ja, nur sind die unter dem Reiter „Über uns“ auf der Website verborgen. Ist das auch fair denjenigen gegenüber, die das Produkt mit Leben füllen? Ich denke nicht.

Es geht mir bei Mata ein bisschen wie mit „Ökotest“. Was nutzen mir ökologisch unbedenkliche Kopfhörer, wenn sie scheiße klingen? Was nachhaltig produzierte Bio-Matratzen, wenn ich darauf schlecht schlafe? Was veganer Wein, wenn er nicht schmeckt? Auch darum sollte es gehen, gerade bei Büchern. Um Inhalte. Und um die Menschen, die sie machen und davon leben.

„Goethe war schwul!“

„Hallo, mein Name ist Ralf, ich bin Literaturwissenschaftler, Germanist und habe eine eigene Praxis. In den vergangenen Wochen des Lockdowns wurde mein Unbehagen gegenüber der Meinungsdiktatur der Mainstream-Wissenschaft immer größer. Von oben wird verfügt, bestimmt, vorgegeben, wie wir zu denken und zu lesen haben. Das konnte und wollte ich so nicht mehr hinnehmen, deshalb habe ich die Partei Wahrheit 2020 gegründet. Damit die Wahrheit ans Licht kommt. Denn ich habe recherchiert. Und eins und eins zusammengezählt. Denn es ist so: Johann Wolfgang von Goethe war schwul. Wussten Sie nicht, oder? Na klar, weil alle, die das behaupten und beweisen, von der Staatswissenschaft mundtot gemacht wurden und werden. Ich aber kenne die Fakten. Goethe als Frauenheld? Alles nur Tarnung. Wie bei den Profifußballern auch. Die tun so, als hätten sie Freundinnen oder Frauen, nur damit ja keiner merkt, dass sie andersrum sind. Da war Goethe Vorreiter. Fangen Sie doch mit den Fakten an, der Hauslehrer bei den Goethes. Da lag nicht nur einmal die Hand auf Johanns Oberschenkel und wer weiß noch wo. Die Mainstream-Germanisten behaupten natürlich, er hätte später dann mit seiner Frau Christiane fünf Kinder gehabt. Mal ehrlich, gab es dazu je einen Vaterschaftstest? Kennen Sie einen? Ich nicht. Dann seine vielen Reisen. War er wirklich immer vor Ort gewesen, wenn wir die fünf Zeugungstermine einfach mal von der Geburt zurückrechnen? Sehen Sie.

Oder diese enge Verbindung zu Johann Peter Eckermann. Einen deutlicheren Hinweis als in Wikipedia können Sie doch gar nicht finden. Da steht: „Er wurde jedoch nicht, wie noch jahrzehntelang auf der Gedenktafel am Weimarer Eckermann-Haus in der Brauhausgasse zu lesen war, Goethes Sekretär. Vielmehr befand er sich in einem unverbindlichen Gefälligkeitsverhältnis zu ihm.“ Was denken sie denn, was das für Gefälligkeiten waren? Mal ’ne Tasse Tee holen? Ich bitte Sie! Denn bei den langen Gesprächen knisterte es doch nicht nur intellektuell, sondern auch zwischenmenschlich. Über solche Realitäten müssen wir ganz offen reden und uns nicht einer Meinungsdiktatur der sogenannten Goethe-Forschung unterwerfen. Es ist allerhöchste Zeit.

Und die Literaturwissenschaft hält noch so viele wichtige Erkenntnisse unter Verschluss, die ich jetzt öffentlich machen werden, in meiner Partei Wahrheit 2020. Wussten Sie, dass Walter von der Vogelweide der Erfinder des Meisenknödels war? Sehen Sie. Oder das Martin Walser, obwohl er das Buch „Das fliehende Pferd“ geschrieben hat, gar nicht reiten konnte? Ha! Deshalb rufe ich die Germanisten an den Hochschulen Deutschlands auf – legen Sie Ihre Professuren nieder, werden Sie Mitglied meiner Partei und folgen Sie der Wahrheit 2020. Denn es gibt nur eine Wahrheit. Meine.“

#stayathome hat dazu geführt, dass wir alle die Verbreitung des Corona-Virus verlangsamen konnten. #stayathome hat aber auch dazu geführt, dass irrlichternde Menschen noch irrlichternder wurden. Xavier „ich kenne nichts“ Naidoo hat sich in seinem Auto in Quarantäne begeben und murmelt auf Instagram verstörend-verschwörerische Botschaften. Porsche-Veganer Atilla Hildmann bruzzelt aktuell keine fleischlosen Burger mehr, sondern führt in Berlin jetzt die Untergrundbewegung „Der leuchtende Salat“ an, bewaffnet bis an die Zähne und mit martialischen Botschaften auf seinen Social Media-Kanälen. Und dann Dr. Bodo Schiffmann, HNO-Arzt mit Schwindelpraxis in Sinzheim und Gründer der Partei Wiederstand 2020. Der in echter oder gespielter Naivität Impfgegner wie Identitäre, Umvolkungswarner und Islamfeinde dazu einlädt, gegen die vermeintliche Corona-Diktatur und Zwangsimpfungen der Regierung zu kämpfen. Demonstrationen organisiert. Aktive Politiker*innen zum Eintritt auffordert. Das ist alles zum Kotzen. Aber das unzählige Menschen denen auch noch Beifall klatschen, zustimmende Emojis unter die kruden Postings pinnen und allein schon den Begriff Solidarität als links-grün-versifft ansehen, macht wütend.

Wenn dein Buch weiß, wie du heißt

Kinderbücher: Das kann so vieles sein. Dick, dünn, groß, klein, bunt, einfarbig, schön, billig, selbstgemacht, unlesbar. Es gibt auch ganz besondere Angebote, die so etwas wie eine spezielle Nische bilden. Zum Beispiel das personalisierte Buch. Noch ist keiner auf die Idee gekommen, in einem Krimi den Namen des Kommissars personalisieren zu lassen, damit sich der Leser als der Held fühlen kann, der nachher den massenmordenden Psychopathen überführt. Aber Ideen gab es schon, Produkte und reale Menschen mit Selbstdarstellungsdrang sich in Romane einkaufen zu lassen.

Ungefähr in dieser Kategorie spielt das sogenannte personalisierte Kinderbuch, mit einer gehörigen Qualitätsspanne. Das reicht einerseits von framily, dem aus dem Hause Oetinger stammenden Angebot, bis hin zu Ständen auf regionalen Märkten oder Volksfesten, wo neben der allerneusten Universalküchenreibe und dem „Ihr Name auf einem Reiskorn“ auch jemand mit seinem Tapeziertisch steht, der ein paar Ansichtsexemplare herumliegen hat und verspricht, nach Aufnahme der Daten die Bücher mit dem Namen des Kindes innerhalb der nächsten 14 Tage zu produzieren und zu schicken, auf Vorkasse natürlich.

Weil Digitaldruck dahintersteht liegt es auf der Hand, den Produktionsprozess gleich ganz in die digitale Welt zu verlegen. So macht framily das. Und so macht es auch das Online-Angebot von Hurra Helden. Ein großer bunter Baukasten, um so nah dran am echten und in der Regel beschenckten Kind wie nur irgend möglich eine Geschichte zu erzählen. Behaupten die Betreiber. Und tun alles, um den Aufwand hinter ihren Büchern möglichst groß erscheinen zu lassen.

Praktischerweise kann man auf der Website auch schon mal in die Bücher hineinlesen, als erste Orientierung. Und da fällt doch vieles zusammen wie ein Kartenhaus. Wie in dem augenblicklich voll im Trend liegenden Buch Jonas (hier steht dann der individuelle Name), wo wäscht du dir die Hände?. Das so beginnt: „„Jonas, Frühstück!“, wurde unser Held, eines schönen Sonntagmorgens aus dem Schlaf geweckt, während es aus der Küche duftete. Mama hatte gerufen und die Pfannkuchen dufteten.“ Es duftet halt viel und die Interpunktion ist auch dufte, aber falsch. Aber bevor es Pfannkuchen gibt, soll sich Jonas noch die Hände waschen. Was er nicht kann, weil er sie sich ja sonst immer im Meer wäscht, warum auch immer. Da hat er die Rechnung aber ohne Mama gemacht, die zum hamletadäquaten Stream of Consciousness ansetzt: „“Versuche es“, erwiderte Mama. „Dir wird auf jeden Fall nicht langweilig sein. Du wirst auf Segelschiffe treffen, die den Wind in den Segeln fangen, auf Möwen, die ihn in den Flügeln fangen, und falls du eine Mütze trägst, wird sie vielleicht auch vom Wind gefangen und segelt einem Wal auf den Kopf.“ Ich bin gefangen und segle durch die sich aufblähende Einfalt der Sprache dahin, auf das mir ja nicht langweilig werde.

Wenn mich das nicht überzeugt, dann aber die drei Argumente fürs Buch, mal von der Individualisierung abgesehen. „Geeignet zum Lesen lernen. Buchstaben und Wörter geeignet für das Erlernen des Lesens kleiner Buchstaben.“ Hä? Kleiner Buchstaben? Meint das jetzt die Schriftgröße? Oder den ordinären gemischten Satz aus Groß- und Kleinbuchstaben? „Einfacher Text. Die Geschichte ist einfach und eignet sich auch für die Kleinsten.“ Merkt man. Und mein Lieblingsargument: „Es treten Tiere auf. Wal, Hecht, Flusskrebs … und viele weitere Tiere.“ Wobei sich definitiv keines davon Gedanken übers Händewachen machen muss. Und natürlich Bücher mit Flusskrebsen für mich definitiv, also, da geht nix drüber.

Billig ist das Ganze nicht. Wobei der Aufwand in der Produktion eher überschaubar ist, Über die Funktion Suche – Ersetze wird im Textdokument der Name des Kindes angepasst. Die optische Anpassung geht über vorab definierte Bereiche wie die Augen und Haarfarbe, Brille und Sommersprossen, die einfach in zur Auswahl stehenden Varianten abgelegt sind. Dann neue Datei abspeichern, zum Digitaldrucker schicken, fertig. Aber 24 bis 44 Euro pro Buch? Im Direktversand? Wow, das klingt nach gutem Geschäft. Für die, die es machen. Vor allem, wenn man ins Impressum schaut. Hinter Hurra Helden steckt Hooray Studios aus Ljubljana, die das Geschäftsmodell seit 2013 international betreiben. Mit eigenen Kreativen, die die Geschichten visuell und textlich entwickeln. Und dann offenbar von Google übersetzen lassen.

Wenn ich mich traue, dann reagiere ich auf der Website auf  Lea, der virtuellen Assistentin, die mich permanent anstupst: „Hallo! Wie kann ich Ihnen helfen?“ und frage zurück: „Hallo! Wie wäre es mal mit richtigen Geschichten für Kinder und nicht nur mit gefühlsduseligem Automatendeutsch für Väter und Mütter, um ihnen Geld aus der Tasche zu ziehen?“ Ich wäre gespannt.

Kinderbuchratgeber – bitte nicht rechts abbiegen

Sich mit Ellen Kositzas und Dr. Caroline Sommerfelds Ratgeber Vorlesen zu beschäftigen, ist schon im Vorfeld eine vertrackte Sache. Lobe ich, mache ich mich zum Sprachrohr von bekennenden Rechten. Kritisiere ich, ist das nur der typische Reflex des links-versifften Mainstreams. Ignoriere ich, ist es irgendwie feige, denn das Buch gibt es ja. Und es interessiert mich auch auf eine spezielle Weise.

Rein sachlich benennend: Die Autorinnen sind Ellen Kositza, 7-fache Mutter und Frau von Antaios-Verleger und Vordenker der Neuen Rechten, Götz Kubitschek, und Dr. Caroline Sommerfeld, Germanistin, Publizistin und 3-fache Mutter, verheiratet mit dem 68er-Aktivisten und Germanisten Helmut Lethen, einem politisch Linken. Die Kinderzahl ist insofern wichtig, weil sie den Autorinnen als Rechtfertigung für das Schreiben dieses Kinder- und Jugendbuch-Ratgebers dient.

Worum handelt es sich bei Vorlesen? Um ein Sachbuch, das den Wert des Vorlesens und des Lesens mit vielen Beispielen hochhält. Denn „Lesen ist Bildung und darf nicht zweckorientiert verstanden werden. Lesen fördert die Entfaltung der Persönlichkeit, weil es einen ganzen Fächer an Lebensmöglichkeiten eröffnet.“ So weit, so gut. „Und ich denke wir haben ‘nen ganz guten Überblick, was Kitsch ist, was Kunst ist und was dem Kinde zuträglich und was ihm abträglich ist.“ (Zitate aus dem YouTube-Begleitvideo der beiden Autorinnen) Denn: „Kositza und Sommerfeld bringen es gemeinsam auf zehn Kinder und 40 Jahre Leseerfahrung!“ heißt es auf der Website PI-News zur Buchneuerscheinung. Dann kann ja nichts mehr schiefgehen.

Über die ersten 50 Seiten zieht sich das Vorwort, das erklärt, wie wichtig das Lesen ist und wie genau diese Auswahl der nachfolgenden Bücher und deren Annotationen zustande kommen. Vom Ansatz her erinnert das an Susanne Gaschkes Hexen, Hobbits und Piraten – Die besten Bücher für Kinder aus dem Jahr 2002. Der schon im Titel keinen Widerspruch duldende Kanon der damaligen ZEIT-Redakteurin wirkte wie ein Streifzug durch die Bibliothek eines aus der Zeit gefallenen englischen Internats, denn viele Titel schienen aus der eigenen, anglophilen Lesebiografie zu stammen. Kositza und Sommerfeld sind eher durch die Bibliothek eines erzkonservativen deutschen Internats gezogen und dazu in der stockfleckigen Auslage eines Antiquariats fündig geworden. Und haben all das aussortiert, was ihrer Einschätzung nach zweckorientiert verstanden werden kann oder soll. Und was in ihren Augen Ideologie transportiert. Also nicht ihre. Sondern andere, falsche, Kinder irreführende.

Als Ideologieträger erkannt und verbannt werden demzufolge pauschal der psychologische Roman, Problembücher, historisch einseitige Sachbücher, Bücher mit Sexszenen usw. Es sind „… subtil oder offen gewaltig manipulative Exemplare, mithin: verdrehte Bücher zum Köpfeverdrehen“ (S. 16) Als Lesestoff für Zwischendurch gerade noch gebilligt wird gefälliger Schund. Der ist ungefährlich, denn „Es zeigt sich daher, daß Kinder, die früh eine gewisse elterliche Geschmacksschulung durchlaufen, Kitsch, Schrott und Obszönitäten von selbst meiden.“ (S. 16) Auch wenn man diese Position nicht teilen muss, entspricht sie ja durchaus einer weit verbreiteten bewahrpädagogisch geprägten Haltung, Kinder nicht mit als zu schwierig erachteten Themen zu konfrontieren und damit zu überfordern.

Die Buchempfehlungen selbst sind in vier Kapitel unterteilt, es geht um Bilderbücher, erstes Lesen, Kinderbuch und Bücher für fast erwachsene Leser.

In Teil 1 stehen die Wurzelkinder neben Maurice Sendaks Wo die wilden Kerle wohnen und Donaldsons/Schefflers Superwurm. Aber eben auch Karl Ginzskys wegen seiner rassistischen Darstellungen umstrittener österreichischer Bilderbuchklassiker Hatschi Bratschis Luftballon in der unverfälschten Faksimile-Ausgabe.

Die Autorinnen ertappen sich dabei, manchmal auch Bücher mit „falschem“ Ansatz gut zu finden. Zum Beispiel Erlbruchs/Holzwarths Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat „Ist ein Buch über „Kacke“ nicht ein Spät-68er-Produkt … unkonservativ?“ (S. 96) Nein, genauso wenig wie Kuhls/Schmitz-Kuhls Alle Kinder. Ein ABC der Schadenfreude. Da werden niedere Instinkte angesprochen, und Kinder vertragen ja dann großzügigerweise doch „auch Spurenelemente von Ideologie, Schmalz oder kindungerechter Gewalt“ (S. 113) Dafür liegt bei Michael Endes Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer sprachideologisch festbetoniert ein Negerbaby im Paket, und nicht, wie in den neueren Ausgaben politsch korrekt, ein schwarzes Baby. Und bei Otfried Preußler ist es vor allem die Abgrenzung des Autors zu der von den 68ern geprägten neuen Kinderliteratur, die viel Raum einnimmt und ihn sympathisch macht.

Weiter geht’s zu den Büchern für Ältere. Da ist neben den Sagen und Märchen von Hermann Löns auch Platz für Mawils Graphic Novel Kinderland und selbstverständlich Harry Potter. Und die, die fast schon erwachsen sind, dürfen sogar ausnahmsweise Gudrun Pausewang lesen. Aber eben nur den ersten Teil der Rosinakwiesen-Trilogie, in der die lebensreformbegeisterten Eltern eine sumpfige Wiese urbar machen und der Vater zu einem glühenden Deutsch-Nationalisten wird. Wallhall und Germanische Sagen von Felix und Therese Dahn dürfen genauso wenig fehlen wie Karl Mays Winnetou. Klar dem rechten Umfeld zuzuordnen ist Karlheinz Weißmann und seine Deutsche Geschichte für junge Leser. Den 12 bedrückenden Jahren wird hier nicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt als dem Kampf zwischen Kaiser und Papst – lobt Ellen Kositzas Mann in einer Rezension.

Und nun? Habe ich hier den ultimativen wie gefährlichen rechten Kinderbuchkanon vor mir in meinen zitternden Händen? Muss ich meine Sichtweise auf wirklich empfehlenswerte Kinder- und Jugendliteratur neu überdenken? Weder noch. Aufgrund seiner kruden Auswahl an alten und neueren Titeln, die Teils von Flohmärkten oder aus Bibliotheksauflösungen stammen – es sind eine Reihe von vergriffenen DDR-Klassikern dabei – ist das keine einfache Einkaufsliste, obwohl der Antaios Verlag da gerne hilft. Sondern verrät viel mehr über die Vorlieben der beiden Autorinnen und ihre literarische Geschmackschulung. Und ihre aber auch nie bestrittene einseitige Wahrnehmung.

Denn natürlich entspricht diese Titelauswahl nichts anderem als der eigenen Ideologie. Vermeintliche Wahrheit gegen die politische Volksverdummung, Gegenmeinung zum politisch linken Mainstream, traditionelle Werte und Ansichten, ein starker volkstümlicher Charakter durch viele Sagen, Märchen usw. ergeben eine durch die Auswahl in Vorlesen wabernde Meta-Ideologie, die bloß nicht so offenkundig erscheint wie die gegeißelten „Gutmenschen“-Botschaften in aktuellen Kinder- und Jugendbüchern oder die Auswahl der Titel auf der Liste der Besten 7, zu der es voller Abscheu heißt: „… transgender ist grundsätzlich dabei, Multikulturelles, Rechtsextremismus und psychisch kranke Eltern fast immer.“ (S. 17) Pfui Teufel!

Sowas gibt es in Vorlesen natürlich nicht. Und in der Welt da draußen auch nicht. Getreu dem Pippi Langstrumpf-Lied machen Ellen Kositza und Dr. Caroline Sommerfeld sich eben die Welt, wie sie ihnen gefällt. In die ich definitiv nicht rechts abbiegen will.

 

Jetzt auch bei uns: Meto

„Hallo, mein Name ist Sven, ich bin Vertreter bei der Oetinger Verlagsgruppe. Bevor Sie mich lauthals bemitleiden: Ja, ich weiß, es war nicht einfach in den vergangenen Jahren. Ui, war da was los! Verlagsgruppe klingt erstmal noch Konzern, ist aber noch ein richtiger Familienbetrieb, mit Mutter, Tochter und zwei Söhnen an der Spitze. Aber die beiden sind ja jetzt raus aus dem Geschäft, und ich sag mal, Gott sei Dank. Weil, der ältere, der hatte es mehr mit den Zahlen und mit Gedrucktem, und der junge, das war so ein Digitalfreak, der ist ja jeden Morgen aufgewacht und hatte eine neue Idee. Also auch Samstag und Sonntag. Und hat die sofort umgesetzt, weil sonst bekam er schlechte Laune. Die noch schlechtere Laune hatte am Ende die Buchhaltung. Denn seine Sachen waren alle hip und haben ein Heidengeld gekostet, aber wenig eingespielt. Verkaufen konnte ich davon sowieso nix, ging ja alles übers Internet. Wenn überhaupt was ging. Und Oetinger ist halt nicht Apple, die sich sämtliche Startups aus der Portokasse dazumergen können, sondern halt immer noch ein mittelständischer Kinderbuchverlag. Das konnte ja nicht gutgehen mit den beiden. Aber seit die Julia den Laden übernommen hat, also Julia Bielenberg, die Tochter, da geht es wieder bergauf mit Büchern. Hier, mit dem Oberförster Wohlleben. Oder Kirsten Boie. Das macht auch mehr Spaß im Buchhandel, die freuen sich ja fast schon wieder, wenn ich komme.

Dann wurde uns fürs Frühjahr was Großes angekündigt. Da habe ich schon gedacht, ne, nicht wieder so ein Imprint. Dieses Oetinger 34, erinnern Sie sich? Das war ja eine Kopfgeburt. Oder Oetinger pink!, dieses Mädchentaschenbuchzeug, brauchte kein Mensch. Aber der Markus Niesen ist ja auch weg. So, erst kam Corona, und dann die Vertretersitzung, zack, abgesagt. Stattdessen gab es so einen Link zu einem YouTube-Video. Meto-Verlag. Tüdelüdelü. „Meto ist bunt und macht Spaß.“ Wenn ich sowas schon höre. Und dann steht da im Video der Thilo Schmid, unser Vertriebs- und Marketinggeschäftsführer, und ist jetzt auch noch Verleger. Der soll lieber mal das andere Zeug gut verkaufen. Allein dieses neue Panem-Buch im Mai – das ist für uns wie der VW Golf für VW. Wenn das nicht läuft …, hui! Und die Leiterin Business Development Kooperationen, Carmen Udina, steht im Video so schräg hinter ihm auf irgendwas drauf, aber als hätte sie die Körpergröße von Dirk Nowitzki, trägt ein selbstgeklöppeltes Halsdings mit Meto und verantwortet das Programm. Zum Verlag heißt es genau, er macht „zeitnahe und hochwertige Umsetzung populärer Fast-Fashion-Themen.“ Also Schrott mit Anspruch. Ich sehe jetzt schon den ratlosen Blick der Buchhändlerinnen, wenn sie die Bestellmengen angeben sollen.

Dann lächelt der Thilo mich aus dem Video an und zählt auf: „Ninjas, Escape Rooms für zuhause, Adaptionen erfolgreicher Apps, Trampolinstunts und Bärtierchen.“ Von hinten kommt dann die Carmen und fragt keck: „Wie kann das sein?“ Das frage ich mich, ehrlich gesagt, auch. Und dann trällern sie im Duett: „Meto ist anders“. Ja, is klar. Alles, was neu ist, ist immer anders. Hat der Markt noch nicht gesehen. Dreht das Geschäftsmodell auf links. Wird eine nie dagewesene Erfolgsgeschichte. „Wir werden die Muster klassischer Buchverlage verlassen … Wir verzichten z.B. auf starre … Erscheinungszyklen, um stets schnell am Markt und nah an den Bedürfnissen der Adressaten zu sein.“ Ne, das werde ich meinen Buchhändlerinnen so nicht erzählen. Da ist doch wie ein Rückfall in alte Oetinger-Zeiten. Mit der erstbesten Idee einfach mal raus. Aber anstelle von Einhörner und Erdmännchen jetzt Bärtierchen? Baoh, aber hallo, ‘ne Buchhandlung ist doch kein Zoo!

So, aus dieser App-Welt kommen nicht Fuchs und Schaf, sondern Fox & Sheep und ihre Abenteuer rund um die Welt. Kennt man ja, von Joko und Klaas. Aber selbst die waren noch nicht da, wo Fuchs und Igel, nein, Schaf, mein ich, ihr erstes Abenteuer erleben: In Osaka. Osaka! Was will man denn da? Mannomann. Dann der unglaublich berühmte Landschaftsfotograf Chris Burkard und sein erstes Kinderbuch. Mit großartigen Fotos von ihm? Äh, nein, von jemand anderem illustriert. Aber für seine Fotos weltbekannt. Da schaut mich meine Buchhändlerin doch wieder mit offenem Mund an. Dann Tatjana Strobel, heute heißt ja alles Bestseller-Autorin, wenn du mal ein Buch verkauft hast, so Ratgeber wie Mit Hypnose zum Erfolg oder Das Geheimnis, Gesichter zu lesen. Sollte sie sich mal meines anschauen, was da gerade draufsteht. Hoffentlich kriegt sie keinen Schreck. Ihr Kinderbuch heißt Pillou, der sprechende Pullover. Auch so ein Selbstbewusstseins-Tschacka-Kram. Und ein Pullover, der spricht! Wenn die Pullover meiner Kinder sprechen würden, dann lautete deren einziger Satz: „Wasch mich!“ Und dann noch We love K-Pop. So ein Buch zum Trend, weil in der BRAVO andauernd über K-Pop-Bands berichtet wird. Nur liest die BRAVO ja keiner mehr.

Nach über 20 Minuten Video und ein paar Kindern, die das mit dem nah an der Zielgruppe repräsentieren sollen, ist mir das jetzt zu bunt, ich schalt aus. Vielleicht fällt mir ja über Nacht ein, was ich morgen meiner Buchhändler erzählen soll. Ich glaube, mit Meto bin ich da im Gesamtangebot der Verlagsgruppe Oetinger eher die Spaßbremse! Aber ich versuch’s mal, muss ja. Vielleicht bin ich auch einfach nur zu alt für so nen Kram. Und Meto wird doch ne gute Partie.“

Jetzt wird’s bunt

Der ein oder andere erinnert sich: Alles ist gut, solange du wild bist. Die wilden Kerle. Fußball. Als Buchreihe. Kinofilme. Bettbezug. CD-Case. Schienbeinschoner. Hartplastikfiguren. Tortenaufleger. Das verkaufte sich rauf und runter, und kein Kindergeburtstag, vornehmlich von Jungs, kam ohne Krimskrams aus. Das Spiel begann 2002. Und endete in einer zähen Schlussphase irgendwie 2008, mit dem letzten Kinofilm aus dem Buchserienstoff. Also, endete damit, erfolgreich zu sein. Denn auch danach ging es noch weiter, Nachspielzeit, komm, eine Partie geht noch, bis der Schiri abpfeift! Die wilden Kerle Level 2.0. bei Baumhaus. Das Buch zur TV-Serie bei Baumhaus. Die wilden Kerle – Die Legende lebt! als Film 2016. Parallel dazu waren und sind die Originalbücher bei dtv junior zu haben, die allermeisten für 5,50 Euro. Aber nur noch unter ferner liefen.

Warum kommt mir bei dieser Aufzählung nur die alte Weisheit der Dakota-Indianer in den Sinn? „Wenn du entdeckst, dass du ein totes Pferd reitest, steig ab!” lautet sie. Einfache Erkenntnis, schwierig in der Umsetzung. Weil, selbst wenn die Aussage wahr ist, man sie nur ungern wahrhaben will. Weshalb man immer wieder nach den absurdesten Lösungen sucht, warum diese Weisheit nicht stimmen kann. Wie diese hier: „Wir erklären: „Kein Pferd kann so tot sein, dass wir es nicht mehr reiten können.” Gesagt, getan, und jetzt pfeift der 360 Grad-Verlag zum Widerholungsspiel an. Und veröffentlicht die ersten drei Bände erneut als Hardcover für jeweils 12 Euro.

Der Connoisseur und Sammler von  Masanneks Oeuvre greift auch in diesem Falle beherzt zu. Denn Jan Birck hat alle Illustrationen jetzt farbig ausgemalt und Joachim Masannek hat „… die Bücher in den letzten Monaten überarbeitet, sowohl was die aktuelle ,Jugendsprache‘ betrifft, und natürlich auch was aktuelle Fußball-Spieler, die heutigen ,Helden der Fußball-Kids‘ betrifft.“ Dann kann ja nichts mehr schiefgehen.

Was das jetzt heißt? Joachim Masannek kehrt zurück zu seinen Wurzeln, aufn Platz. Wie er da einläuft mit dem schwarzen Wilde Kerle-Fußball unterm Arm, sich wundert, wieso da keiner ein Spalier bildet, niemand auf den Rängen jubelt, das kann doch nicht sein, er sieht sich suchend um, der Platz ist echt – menschenleer! Keiner will mehr kicken, mit Leon, dem Slalomdribbler oder Jojo, der mit der Sonne tanzt oder dem dicken Michi. Sie alle hatten ihre Zeit, in der sie Fußball neu erlebt und Joachim Masannek Fußball neu erzählt hat. Die ist aber vorrüber.

Es wirkt so, als würde man Frank Baumann aus dem WM-Kader von 2002 aus dem Ruhestand holen, ihm ein neues, buntes Trikot überwerfen, ihn dreimal um den Platz warmlaufen lassen und dann in die Startelf beordern, um Werder Bremen vor dem Abstieg zu retten. Frank Baumann würde dankend abwinken.

JIM 2019 – Lesen verliert

Schon die im vergangenen Dezember präsentierten Ergebnisse der PISA-Studie haben ein eindeutiges Ergebnis geliefert: Der Spaß am Lesen geht dem Nachwuchs verloren. Lesen ist ein mühsamer Zeitvertreib, dem man wenig abgewinnt. Über die Hälfte der befragten 15-jährigen liest nur, wenn sie muss, ein Drittel hält Lesen sogar für Zeitverschwendung. Die Zahlen aus der nun veröffentlichten JIM-Studie 2019 verfestigen diese Tendenz. Während Fernsehen und digitale Spiele als tägliche/mehrmals wöchentliche Medienbeschäftigung in der Freizeit zunehmen, rutschen „Bücher“ von 39 auf 34 Prozent, e-Books bleiben bei 7 Prozent, im Vergleich zu den Ergebnissen aus dem Befragungsjahr 2018. Diese 34 Prozent sind der absolut niedrigste Wert seit Studienbeginn 2009. Auch die Lesedauer nimmt signifikant ab: von 67 Minuten 2018 auf 53 Minuten 2019, pro Wochentag. Die Zeitdauer im Internet ist dagegen um ein vierfaches höher: sie liegt bei 205 Minuten. Ein Drittel der Zeit dient der Kommunikation, etwas weniger der Unterhaltung.

Daraus lässt sich jedenfalls ableiten, dass Kinder und Jugendliche durch Schule (Stichwort G 8) und andere verpflichtenden Aktivitäten offenbar nicht so dermaßen unter Stress stehen, dass sie nicht mehr zum Lesen kommen könnten. Das Zeitfenster für Unterhaltung und Freizeit ist groß genug. Dieses Argument zählt also nicht.

Was sie lesen? Neue Klassiker wie Harry Potter, Herr der Ringe und Eragon und dann noch viele individuelle Titel. Auch diese Erkenntnis ist weder neu noch hoffnungsvoll. Offenbar befinden wir uns aktuell in einer Talsohle, was die breitenwirksamen „Musst-du-gelesen-haben“-Bücher angeht. Auf dem Markt gibt es nichts, was die Manchmal-Leser ähnlich mobilisiert und motiviert wie vor Jahren Potter, Biss und Panem.

Interessanterweise ist der Anteil der lesenden Jugendlichen in der Altersgruppe der 16- und 17-jährigen am höchsten. Eine Gruppe, die sich größtenteils in ihrer Titelauswahl aus dem Jugendbuch verabschiedet hat.

Diese Ergebnisse dürften Buchhandel und Jugendbuchverlage alarmieren. Und jetzt auch noch der Corona-Shutdown! Für manche der willkommene Anlass, sich mal wieder oder erstmals durch die heimischen Bücherregale zu lesen, wenn es denn welche gibt. Für andere eine Zeit, in der man das Lesen nicht wirklich vermisst.

Lesen verliert. Im aktuell laufenden Spiel steht es nach der ersten Halbzeit 2:0 für die Nichtleser. In der Pause sollten wir uns jetzt weniger die Schwächen der einzelnen Mannschaftsteile vorhalten, sondern nach einer Taktik für die zweite Hälfte suchen. Ein Unentschieden sollte schon noch drin sein. Ob das mit Büchern für Schlechter-Leser oder Wenig-Leser gelingt, wis sie nun gerade von Verlagen gerade für Jugendliche auf en Markt gebracht werden, ist da zu bezweifeln.

Gedrängel auf der Goldwaage

„Gut gemeint und schlecht gemacht“ – das ist eine großartige Begründung, wenn man sich nicht traut, ein Buch in Bausch und Bogen zu verdammen. Misslungene Romane über sterbende Eltern oder totkranke Kinder:  Wie könnte der Kritiker da nur so herzlos sein? Schlechte Bücher über Mobbing: Geht nicht, weil die Kritikerin übersähe, wie wichtig Aufklärung darüber doch ist. Und das Kindersachbuch Alle behindert! von Horst Klein und Monika Osberghaus, gleichzeitig Verlegerin des Klett Kinderbuch Verlages? Auch irgendwie nur gut gemeint. Es geht ja um Inklusion, irgendwie, und da fehlt es grundsätzlich an guten Kinderbüchern auf dem Markt.  Aber nicht an diesem Buch, meinen höchst engagierte Menschen wie Daniel Horneber und Tanja Kollodzieyski. Weil eben „gut gemeint und schlecht gemacht“.

Ja, die beiden haben sicher recht, wenn sie, abgeleitet vom Modell der Disability Studies, den Unterschied zwischen einem medizinischen und einem sozialen Modell von Behinderung verdeutlichen. Der die im Buch vorgenommene Gleichsetzung von „Down-Syndom“ oder „Gehörlos“ mit „Tussi“ oder „schüchtern“ nicht folgt. Bewusst nicht. Der Idee einer funktionierenden inklusiven Gesellschaft entspricht das vergleichende Nebeneinander, das in diesem Buch verwendet wird wie Hubraum und Höchstgeschwindigkeit in einem Autoquartett, eben leider genau nicht.

Doch die Kritik geht noch weiter. „Das Buch enthält keinerlei Handlungen. Es erzählt keine Geschichte. Die Protagonist*innen werden einzeln vorgestellt, es wird aber nicht gezeigt, wie die Kinder miteinander spielen. Das Buch kann also keine Verbindung zur Alltagswelt der lesenden Kinder herstellen.“ bemängelt Tanja Kollodzieyski. Ja, das macht eben ein Sachbuch aus, dass es eine bestimmte Form wählt, sich in dieser Form bewegt und deshalb eben nicht den sehr willkürlich gewählten Anforderungen von Kritikerinnen genügt. Trotzdem gelingt es dem Buch, die Alltagswelt der Kinder aufzugreifen. Allein im Titel schwingt das umgangssprachlich benutzte „Bist du behindert!“ schon als Fundament mit, auf dem sich genau dieses formal strenge Nebeneinander mit Erkenntnisgewinn entfalten kann – und zwar für diejenigen, die sich erst mal als nicht-behindert bezeichnen würden. Das funktioniert besser als in konstruierten Bedarfsbüchern wie Die bunte Bande von Corinna Fuchs, Uli Velte und Igor Dollinger.

„Dadurch, dass alle Eigenschaften der Kinder im Buch als Behinderungen bewertet werden, werden die Herausforderungen und Diskriminierungen von Kindern mit Behinderung unsichtbar gemacht.“ Mmh, genau andersherum würde ich die Zielrichtung beschreiben. Diskriminierungen nehmen in diesem Buch eben alle Kinder wahr, und es unterscheidet eben nicht zwischen sozialen und körperlichen Einschränkungen, sondern setzt Einschränkungen auf unterschiedlichen Ebenen gleich. Das genau holt Kinder in dieses Buch hinein, die das zuerst aus der Außenperspektive lesen.

Also, wieder ein Fall für die Goldwaage. Ist Alle behindert! jetzt nur gut gemeint? Doch schlecht gemacht? Oder der richtige Anstoß für Kinder, sich mit einer gesellschaftlich relevanten Frage auseinanderzusetzen? Oder eben doch kein Fall für die Goldwaage?