Bildungs-Meinung zur Meinungsbildung (Herbstprogramme mal politisch Teil 2)

Nach den drei Parteien mit Kanzler:innenanspruch folgen jetzt die drei restlichen im Bundestag vertretenen Oppositions-Parteien. Das könnte sich nach der Wahl ändern, zumindest bei anderthalb. Am besten läuft es aktuell für die FDP, die sich nicht noch einmal in die „Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren“-Sackgasse navigieren wollen wird. Aber fangen wir von links aus bei Bildung und Kultur an.

DIE LINKE (168 Seiten) „Zeit zu handeln! Für soziale Sicherheit, Frieden und Klimagerechtigkeit.“ Bildung? Hat ein eigenes Kapitel mit dem Titel „Gute Bildung: Gerecht, gebührenfrei, ein Leben lang.“ Wichtigster Punkt ist die inklusive Gemeinschaftsschule für alle samt Rechtsanspruch auf inklusive Bildung in der Regelschule. Bei der Sprachförderung geht DIE LINKE sogar so weit und fordert: „Die Herkunftssprache soll bei Prüfungen als erste oder zweite Sprache anerkannt werden.“ Was einen ganzen Rattenschwanz hinter sich herzieht, von den Unterrichtsmaterialien bis zum Sprachvermögen der Lehrkräfte, zu dem aber nichts weiter ausgeführt wird. Gegen die soziale Spaltung setzt DIE LINKE auf einen kostenlosen Laptop für alle Schüler:innen samt Drucker sowie einen kostenfreien Bildungstarif für den heimischen Internetzugang. Außerdem will man irgendwie Medienkompetenz stärken und Wirtschaft und Bundeswehr aus den Schulen verbannen. Lesen? Schreiben? Andere Inhalte? Sind nicht der Rede wert.

Kultur? Bekommt auch ein eigenes Kapitel. „Kultur: Krisenfest, vielfältig und für alle zugänglich.“ Kulturförderung ist eine Pflichtaufgabe für DIE LINKE. Das dafür nötige Geld kommt aus der Vermögensteuer und der Vermögensabgabe. Die Zahl 1.200 Euro als Monatspauschale für Künstler:innen taucht beinahe in gleicher Formulierung wie bei den Grünen auch hier auf. Die Künstlersozialkasse soll für weitere, aber nicht genannte Berufsgruppen geöffnet werden und der Bundeszuschuss soll erhöht werden. Putziger ist die Forderung: „Die Bundeskulturförderung muss insgesamt nachhaltiger, prozesshafter, unbürokratischer und weniger projektorientiert gestaltet werden.“ Wobei sich prozesshafter und unbürokratisch nahezu ausschließen. Auch zwischen der Stärkung der Verhandlungsposition von Urhebern und dem Einsetzen für eine Open Access-Strategie knirscht es gefühlt mindestens genauso.

FDP (68 Seiten) „Nie gab es mehr zu tun.“ Was ja klar, ist, wenn man sich vor der letzten Regierungsbildung gedrückt hat. Da häuft sich halt viel an. Bildung? Steckt schon im ersten Kapitel: „Nie war es notwendiger: Machen wir uns fit für den Aufholwettbewerb!“ unter: „Bildung der Zukunft – Chancen für Aufstieg und Selbstbestimmung“. Da gibt es sogar eine eindrückliche Grafik, die deutlich macht: Deutschland liegt bei den Bildungsausgaben gemessen am Bruttoinlandsprodukt unter dem OECD-Durchschnitt. Die Lösung: „Einen Prozentpunkt des bestehenden Mehrwertsteueraufkommens zusätzlich in Bildung zu investieren.“ Auch die bundeseinheitlichen Abschlussprüfungen gehören zum Forderungskatalog. Schulen sollen „mehr pädagogische, personelle und finanzielle Freiheiten“ bekommen, wobei man sich fragt, ob auch wirklich jede Schulleitung damit umgehen könnte. Ich fürchte nein. Wobei das Handeln bzw. Nicht-Handeln der Schulämter keinesfalls besser ist. Aber die FDP hat noch ein paar zusätzliche crazy Ideen im Köcher: Talentschulen in sozialen Brennpunkten, so eine Art Kinder lernen für Olympia, und experimentelles Lernen in MakerSpaces. Musste ich googeln, das sind Räume mit allerlei digital steuerbarem Firlefanz von Robotern bis 3-D-Druckern, wo man alles mögliche „machen“ kann. Und einen Digitalpakt 2.0 gibt’s obendrauf, weil der erste schon nicht wirklich funktioniert hat.

Kultur? Steckt im Kapitel: „Nie war Modernisierung dringlicher: Modernisieren wir endlich unser Land!“ unter „Kultur“. Auch die FDP stärkt die Kulturförderung und will den Bundeshaushalt für nationale und internationale Kulturförderung erhöhen. Kultur soll außerdem als Staatsziel ins Grundgesetz aufgenommen werden. Was den vielen Künstler:innen in der aktuellen Situation erst mal nicht direkt weiterhilft, vorsichtig gesagt. Und dann sollen Urheber:innenrechte irgendwie geschützt, aber im digitalen Zeitalter auch neu gedacht werden. Und noch eine Zahl gibt es: „Wir (…) wollen zehn Prozent des jährlichen Budgets öffentlicher und öffentlich geförderter Kulturorganisationen in kulturelle Bildung investieren.“ Wo und wie genau, dass folgt später. Vielleicht. Wenn man nicht doch falsch regieren muss.

AfD (210 Seiten): „Deutschland. Aber normal.“ Bildung? Kapitel „Bildung, Wissenschaft und Forschung“, in mehreren Absätzen. Bildung erfordert Differenzierung, also ein mehrgliedriges Schulsystem. Und ja, hier steht was zu Lesen und Schreiben: Grundschulen sollen „digitalfreie Räume sein, da sie der Aneignung der grundlegenden
Kulturtechniken Lesen, Rechnen und Schreiben dienen.“ Was genauer betrachtet, kausal rein gar nichts miteinander zu tun hat. Dass die nicht-deutsche Muttersprache sogar als Unterrichtssprache eine Option ist, leitet sich allein aus dem Verweis auf die nahe Rückkehr in die Herkunftsländer ab. Und im Unterricht wird deutsches Kulturgut vermittelt, was immer die AfD darunter genau versteht. Im Blick auf die Universitäten will die AfD eigenmächtig wieder Diplom und Magister einführen. Außerdem muss man Zahnarztgattinnen wieder mit Frau Doktor anreden, auch wenn sie keinen Titel haben. Aber das ist Quatsch und habe ich mir ausgedacht, sage ich lieber sicherheitshalber dazu.

Kultur? Im darauffolgenden Kapitel „Kultur“, auch in mehreren Absätzen. Da tauchen gleich zu Beginn Begriffe wie deutsche Leitkultur, „für unser Volk identitätsbildend“ usw. auf, und die deutsche Sprache soll als Staatssprache im Grundgesetz verankert werden. Sie ist selbstredend Lehr- und Wissenschaftssprache und gendern wird strikt abgelehnt. Kulturpolitische Aktivitäten des Bundes sollen begrenzt werden, Kultur ist Ländersache. Und schon sind wir bei „Brauchtum und Gedenken“, auch eine besondere Kombination, die man sich auf der Zunge zergehen lassen muss. Dem Leid der Vertriebenen wird ebenso Rechnung getragen wie den Errungenschaften des Kaiserreichs, von denen wir „noch heute zehren“, insbesondere die AfD. Eine Zeit die dem „normal“ im Programmtitel sicherlich näher kommt als die Gegenwart.

In Teil 1 habe ich die Programme der Parteien angeschaut, die eine Kanzler:in ins Rennen schicken.

Bildungs-Meinung zur Meinungsbildung (Herbstprogramme mal politisch Teil 1)

Die Bundestagswahl steht vor der Tür. Höchste Zeit, die Aussagen und Ideen rund um Bildung und Kultur mal genauer zu prüfen. Denn neben unziemlichem Lachen (Laschet), Lebenslauftricksereien (Baerbock) und – wer war noch mal dieser charismatische Volkstribun? – (ach so, Scholz) geht es in der öffentlichen Wahrnehmung ja vor allem um Windparks, weiter so und Gendersternchen. Und nicht um Bildung und Kultur. Oder sind diese Themen in den Wahlprogrammen doch wichtig? Weil einer ja die Drecksarbeit machen und nachsehen muss, also los.

CDU (140 Seiten) „Das Programm für Stabilität und Erneuerung. Gemeinsam für ein modernes Deutschland.“ Bildung? Kommt so direkt benannt nicht vor, am ehesten vielleicht in Kapitel 6 „Neues Aufstiegsversprechen – für Deutschland als Chancen- und Familienland“ unter 6.3.: „Aufstieg durch Bildung“. Stimmt, hier ist was. Was die CDU will? Ganz viel sprachliche Bildung fördern, also den Erwerb der deutschen Sprache. Von Lesen und Schreiben lernen und können steht da nichts. Wer’s nicht gut kann, der wird durch das längst beschlossene Unterstützungspaket aufgefangen. Dadurch bekommen die Kinder „ihre Lese- und Sprachkompetenz als auch ihre Lesefreude“ gestärkt, na klar. Viel wichtiger ist der CDU „Neben den Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen benötigen die Schülerinnen und Schüler digitale Kompetenzen.“ Au ja. Aber sollten sie dazu nicht erst mal die erstgenannten Kulturtechniken beherrschen?

Kultur? Ist im letzte Kapitel 10 „Neue Lebensqualitäten in Stadt und Land – aus Liebe zu unserer Heimat“, als Kapitel 10.5.: „Deutschland als Kulturnation“ untergekommen. „Das Programm „Neustart Kultur“ wird für alle Sparten und Akteure fortgesetzt.“ heißt es. Und kurz danach: „Die deutsche Sprache ist ein besonders wichtiger Teil unserer Identität. Wir wollen sie weiterhin fördern und wertschätzen, als Kultur-, Amts- und Umgangssprache.“ Genau, wertschätzen. Ist ja wie im Job, wenn der Chef einen statt mit Gehalt mit einem jovialen Schlag auf die Schulter wertschätzt. Und im nächsten Punkt heißt es noch: „Wir stehen für die Pflege und den Erhalt alter Bräuche, Trachten und Volkstänze sowie heimatlichen Liedguts.“ Genauso ein Lulli: Für etwas stehen. Kostet nachher keinen Cent, wäre ihr daber dann doch vielleicht zu peinlich, Heino steuerlich absetzbar zu machen.

SPD (66 Seiten) „Aus Respekt vor deiner Zukunft. Das Zukunftsprogramm der SPD.“ Bildung? Hat es leider nicht in eine der vier Zukunftsmissionen zu Beginn geschafft, sondern ist vermutlich unter Kapitel 3.0 zu finden: „Eine Gesellschaft des Respekts“, vermeintlich in Kapitel 3.7. „Gut aufwachsen.“

Ja, da ist es versteckt. Wie man unter einer SPD-geführten Regierung gut aufwächst? Mit mehr Familienzeit, mehr Kinderkrankentagen und Familienpflegezeit sowie einer Kindergrundsicherung wie beitragsfreie Kitas, Ganztagesschulangebote, freie Fahrt in Bus und Bahn. Und dazu kommt „die Bundesinitiative Chancengleichheit in der Bildung. Durch ein Bundesprogramm für Schulsozialarbeit werden den Kommunen Mittel zur Förderung von Chancenhelfern an jeder Schule bereitgestellt.“ Das hat ja schon bei den Integrationshelfern allerhöchstens so ein bisschen geklappt. Undist das dann ein Ausbildungsberuf? Chancenhelfer? Ich kenne ja nur den Chancentod, aber das ist ein anderes Thema. Zu Bildung allgemein ist da nichts gesagt, zum Lesen und Schreiben auch nicht. Vielleicht doch in einem anderen Kapitel? Ich habe durchgeblättert, nein, leider nicht, mehr Bildung und noch mehr Bildungsziele gibt es bei der SPD nicht, jedenfalls nicht im Wahlprogramm.

Kultur? Unter 3.11 „Kultur fördern“ zu finden. „Zur besseren sozialen Sicherung von freischaffenden Künstler*innen werden wir Mindestgagen und Ausstellungshonorare fest etablieren.“ Also Mindestlohn für Kleinkünstler. Hier wäre eine Zahl durchaus hilfreich gewesen, um sich den Künstlermindestlohn besser vorstellen zu können. Dafür gibt es wenigsten andernorts eine Aussage: „Teilhabe an Kunst und Kultur ist ein Schlüssel zu Selbstbewusstsein, Persönlichkeitsentwicklung, Bildung und Integration. Wir werden sie auch durch Programme wie „Kultur macht stark“ nachhaltig als Teil schulischer und außerschulischer Bildung sichern.“ Wobei das Politschwurbeldeutsch hinter „sichern“ auch wieder nur ein schwammiges „es geht dann irgendwie weiter“ nach 2022 steckt, so lang läuft das Förderprogramm eh. Das dringend die wirren Förderanträge als Bürokratiemonster zu hinterfragen sind, an dieser Stelle geschenkt. Das es seit 1963 neben diesem Förderprogramm die Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) gibt und die viele der Inhalte längst umsetzt, aber auch an der langen und sehr, sehr hageren Hand der öffentlichen Förderung hängt, dazu kein Wort. Und nicht mehr Geld. Schade.

Grüne (272 Seiten): „Deutschland. Alles ist drin.“ Bildung: Kapitel 4 „Bildung und Forschung ermöglichen“, Im Absatz „Wir fördern gute Bildung von Anfang an“.

Bildung? Hier findet man die Bildung wenigstens auf Anhieb. Aber auch die Grünen haben es mit Lesen und Schreiben nicht so. Chancengleichheit ist aber auch hier Thema, und die darf gerne mal in der Muttersprache gefördert werden. „Dazu gehört es, systematische Vorsorgearbeit zu leisten, Lernrückstände zu schließen und deutsche wie auch muttersprachliche Sprachfertigkeiten zu fördern. Mehrsprachigkeit sollte als Reichtum begriffen werden und nicht als Defizit.“ Dafür ist die Digitalisierung ganz wichtig, „mit einer zeitgemäßen, datenschutzfreundlichen digitalen Ausstattung und mit Strukturen, die die Schulen beim digitalen Lehren und Lernen wirkungsvoll unterstützen.“ Wofür ja der Digitalpakt gedacht war, wenn er denn funktionieren würde. Aber die Grünen sind noch schlauer, sie haben erkannt, dass es „Für notwendige Maßnahmen (…) eine ausreichende finanzielle Ausstattung der Länder.“ braucht, was ja insofern wieder blöd ist, als wir eine Bundestagswahl haben und die am Ende egal in welcher Zusammensetzung gar nichts mit der finanziellen Ausstattung der Länder zu tun hat und schon gar nichts mit den jeweiligen Budgets der Kultusministerien. Verdammt.

Kultur? Kapitel 5 „Zusammenleben“, im Absatz „Wir fördern die Kultur, die Künste und den Sport“. So, jetzt aber wirklich mal eine Aussage, auf deren Umsetzung man später drängen könnte, oder?: „Solo-Selbständige und Kulturschaffende sollen für die Zeit der Corona-Krise mit einem Existenzgeld von 1.200 Euro im Monat abgesichert werden.“ Wobei das „sollen“ schon sehr nach Verhandlungsmasse für Koalitionsgespräche klingt. Aber auch die Urheber*innen kommen in einem langen Absartz vor: „Es muss sichergestellt werden, dass Urheber*innen für ihre Werke eine angemessene Vergütung erhalten. Eine angemessene Beteiligung, insbesondere an den Gewinnen der Vertriebsplattformen, sorgt dafür, dass Kultur- und Medienschaffende weiter an ihren Werken verdienen können. Nutzer*innen sollen bei digitalen Inhalten bei der Ausleihe und Weiterveräußerung nicht schlechter-gestellt werden als bei analogen Gütern. Aus diesem Grund sollen Bibliotheken unter denselben Bedingungen E-Books verleihen dürfen, die sich für physische Bücher bewährt haben, ohne dafür Lizenzverträge abschließen zu müssen.“ Ja, da haben die Grünen was vor, was zeitgemäß wäre, aber schwer umzusetzen. Aber es stellt eine deutliche Verbesserung der Urheber-Situation dar, und die Grünen haben sehen sie wenigstens.

In Teil 2 dann die Parteien, die auch noch im Bundestag vertreten sind, aber geringe bis keine Chancen auf eine Kanzlerschaft haben.

Kinder lesen doch total viel, oder?

Gute Nachrichten nimmt man mit Handkuss. Wie die Ergebnisse des Kinder Medien Monitors 2021. Denn trotz oder gerade wegen Corona und Homeschooling sind Kinderzeitschriften echte Gewinnertypen. Die verkauften Auflagen sind gestiegen (das zeigen auch die bereinigten und sehr verlässlichen IVW-Zahlen der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e. V.), das Zeitschriftenlesen ist beliebt und wird von den Eltern auch gern gesehen. Also alles gut, oder?

Für die kleinen Konsumknirpse bestimmt. War es auch in den vergangenen Jahren schon. Denn Kinderzeitschriften funktionieren. Insbesondere, wenn sie sich an bekannte Marken aus Kinderzimmer und Fernsehen anhängen. ABER. Die Auflagen sind bei Weitem nicht furchteinflößend. Zur Erinnerung: 1991 verkaufte sich Micky Maus noch 650.000 mal. Die heutige verkaufte Auflage liegt bei 76.772 (1. Quartal 2021 lt. IVW). GEOlino hatte 2001 rund 170.00 Abonnenten, heute sind es noch 96.864, immerhin. Das erfolgreichste Kindermagazin 2021 heißt LEGO NINJAGO. Eine Ninja-Kämpfer-Welt aus LEGO-Klötzchen, im Heft umgesetzt in „actiongeladenen Comicstories, mit jeder Menge Hintergrundinfos, kniffligen Rätseln und interaktiven Gewinnspielen“, fertig ist das Ding für schlappe 4,99 €. Die verkaufte Auflage von 169.157 Exemplaren reicht locker für den Spitzenplatz aus. Ergänzt wird die Ninja-Welt noch durch Card Game Serien, Sticker und Sonderausgaben. Und auf LEGO kann man echt bauen. Auf Platz vier liegt LEGO NINJAGO LEGACY, gefolgt von LEGO CITY und auf Platz acht von LEGO STAR WARS. Dazwischen platzieren sich unter anderem das Prinzessin Lillifee-Magazin und das Lustige Taschenbuch.

In der gesamten Top 50- Liste gibt es außer Marken und Tieren nur noch GEOlino, GEOlino mini und Dein SPIEGEL sowie mit selbsterhobenen Zahlen und damit ungeprüft ZEIT Leo. Der Rest sind zusammengeschustertes Umfeld für Werbeanzeigen der jeweiligen Marken, dass sich ziemlich deckungsgleich nach dem Rezept Comic, Hintergrundinfo, Rätsel und Gewinnspiel aufbauen lässt. Ob mit Ninjas, Pferden, der Maus oder Peppa Pig – einerlei, zu jeder Figur lassen sich wunderbar In-Magazin-Käufe andocken, und statt lesen heißt es stattdessen „Darf ich den neuen Ultraschall-Raider?“ (für 84,99 €) oder „Kaufst du mir das neue BIG-BLOXX Peppa Pig Haus?“ (für 49,99 €)

27 der unter den Top 49 gelisteten Titel stammen im Übrigen von Blue Ocean, dem unangefochtenen Marktführer für Kiosk-Kinderzeitschriften. Wie aus dem Baukasten können da nach Bedarf und in Windeseile zu jedem neuen Charakter Magazine auf den Markt geworfen und nach Abflauen der medialen Aufmerksamkeit wieder eingestellt werden.

Das ist nur die eine Erkenntnis. Die andere bezieht sich auf den oberen Rand der untersuchten Altersgruppe. „Zwischen zehn und elf Jahren sind Kinder in der digitalen Welt angekommen. Das zeigt sich gleichermaßen an Interesse, Nutzungsverhalten & Freizeitgestaltung der Kinder und am Vertrauen der Eltern und den Freiräumen, die sie ihren Kindern geben.“ Will heißen: Ab jetzt werden die Abos gekündigt und die Zeitschriften verlieren an Bedeutung – auch wenn das im Kinder Medien Monitor so nicht steht. Bei den Jugendzeitschiften angekommen wird die Leselust dann ganz dünn: Eine BRAVO dümpelt heute bei monatlicher Erscheinungsweise bei 82.318 verkauften Exemplaren dahin, die verkaufte Auflage ist seit 1998 um 91,5 Prozent gesunken. Das gleiche gilt auch für die BRAVO SPORT mit einem Minus von 84,9 Prozent seit 1998 und die BRAVO GIRL mit einem Verlust von 92,3 Prozent seit 1998. Und die IVW-Liste der Jugendzeitschiften sieht aus wie ein Mahnmal für Gefallene: hinter 90 Prozent der Titel steht der Hinweis: „passiv“, heißt nicht mehr gemeldet, heißt eingestellt. So ist das mit den vermeintlich guten Nachrichten.

Kinderbuchpolitik extended

Ungarn schon wieder: Wir erinnern uns, als das LGBT-Kinderbuch Märchenland für alle im kleinen Verlag des ungarischen Lesbenverbandes Labrisz erschien und die aufgebrachte Regierungspartei „Homo-Propaganda“ schrie, getoppt von der Forderung von Ministerpräsident Victor Orban: „Lasst unsere Kinder in Ruhe!“

Statt zu einer Diskussion im Land führte dieser vermeintliche Skandal direkt zu politischem Durchgreifen. Kann man halt mal machen, wenn man wie Orban sein Land despotisch führt. Seit dem 8. Juli ist das mal eben auf den Weg gebrachte Gesetz zur Beschränkung der Information über Homo- und Transsexualität in Kraft. Es verbietet unter anderem, sich in der Werbung mit Homo- und Transsexuellen solidarisch zu erklären oder die Themen in Aufklärungsbüchern, in der Schule und überhaupt zu behandeln – de facto verboten also in allem, was sich an Kinder und Jugendliche richtet.

Apropos Werbung: In unserem deutschen Glashaus sollten wir ja nicht zu sehr mit Steinen jonglieren. Wir haben ja den § 219a StGB, der „Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft“ unter Strafe stellt. Und Praxen verbietet, mehr zu sagen als dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Mehrmals musste schon vor Gericht geklärt werden, wie und was unter Werbung im Sinne des Gesetzes zu verstehen ist. Aber ich will nicht ablenken.

Quasi als Auftakt zur Gesetzeseinführung in Ungarn ging die Meldung durch die nicht-ungarische Presse, dass eine Buchhandlung ein Kinderbuch über eine Regenbogenfamilie bzw. zwei Mütter nicht mit einem Warnhinweis für Eltern versehen hatte und deshalb zu einer Strafzahlung von 700 Euro verdonnert wurde. Angezeigt wurde sie durch das regionale Regierungsamt. Das hatte festgestellt, dass das Buch eben nicht „traditionelle Geschlechterrollen“ beinhalte. Das gehöre mit einem Warnhinweis sichtbar gemacht. Hat die Buchhandlung aber nicht. Deshalb verstoße sie gegen das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb, sagt das Regierungsamt. Das heißt, ein Buch, das nicht den Werten der Verfassung entspreche, ist unlauter und zu kennzeichnen. Und nach Inkrafttreten des neuen Gesetzes eh verboten. Oder nur noch unter dem Ladentisch erhältlich. Aha.

Kleiner Exkurs. Es gibt im Konstrukt der Europäischen Union Grundwerte. Ja, gibt es. Die wurden 2009 im Vertrag von Lissabon im Artikel 2 festgelegt. Als da sind „Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören. Diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskiminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität, und die Gleichheit von Frauen und Männern auszeichnet.“ Gefühlt gehandhabt eher so wie eine grobe Richtlinie, die man mal gehört haben sollte, aber zu nichts verpflichtet.

Aber im Falle der Gesetzgebung in Ungarn heißt das, dass die Rechte der Personen, die einer Minderheit angehören und ein Kinderbuch darüber schreiben, nicht mehr existieren. Ein Buch wie Der Katze ist es ganz egal von Franz Orghandl oder Nicht so das Bilderbuchmädchen von Agnes Ofner oder Papierklavier von Elisabeth Steinkellner wird nicht in Ungarn erscheinen dürfen. Keine Lizenzverkäufe für Verlage und damit Einnahmen für die Autor:innen. Wie man das nennt? Zensur. Nicht anders. Da kann Victor Orban noch so lange auf ein paar flatternde Regenbogenfahnen (die definitiv nicht er aufgehängt hat) in Budapest verweisen und sich als toleranter Landesvater geben.

Der zweite Punkt in den EU-Grundwerten heißt unmissverständlich Freiheit. Wenn sie jemand dermaßen einschränkt und mit Füßen tritt, dann sollten wir sie uns nehmen. Und das Geld umlenken. Die 5,1 Milliarden (2019), die Ungarn als Nettoempfänger aus der EU erhält, wären in Leseförderungsprojekte in den übrigen EU-Ländern gut und sinnvoll angelegt. Denk mal drüber nach, EU. Du nicht Orban. Da ist Hopfen und Malz verloren.

Geld verbrennen leicht gemacht

Books on Demand oder Neobooks von Droemer Knaur machen es heute jederfrau und jedermann möglich, schnell und preiswert ein Buch zu veröffentlichen, als E-Book oder digital geedruckt. Trotzdem gibt es sie noch, die kleinen Gelddruckmaschinen auf Kosten blauäugiger Menschen: Die Druckkostenzuschussverlage. Sie suchen weiterhin permanent neue Autor:innen oder sind der „Verlag für Neuautoren“. Und leben ziemlich gut davon, trotz oder gerade wegen der zunehmenden Digitalisierung. Das Geschäftsmodell hat sich bewährt. Du hast ein Buch geschrieben und glaubst – oder hast erfahren müssen – dass ein Publikumsverlag dein Manuskript nicht annehmen will, und suchst nach einer alternativen Veröffentlichungsmöglichkeit? Jetzt kommen wir ins Spiel: Huhu, hier sind wir! Wir betreuen dich ganz persönlich, versprechen dir viel, tun so als, wäre alles transparent und schwupps, ist dein vermeintlich weltweit vertriebenes Buch auf dem besten Weg in die Bestenliste, samt ISBN-Nummer und EAN-Code. Das selbstverständlich vor Veröffentlichung geprüft wird, heißt es. In Wahrheit weit weniger als deine Bonität.

Was steht eigentlich in einem solchen Verlagsvertrag? Viel Verlagskauderwelsch, was gehörig Eindruck macht, wenn es dein allererster Vertrag ist. Denn wir sprechen hier in der Regel von, nicht abfällig gemeint!, Amateur-Autor:innen. Nachwuchs halt. Die vieles in Kauf nehmen oder kaum abschätzen können und wollen, was jeder einzelne Punkt bedeutet, weil das fertige Buch – ätsch, ihr Bestseller-Verhinderungs-Lektor:innen in den „klassischen“ Verlagen! – schon in kurzer Zeit winkt.

Die Verlags-Anwält:innen haben jedenfalls ganze Arbeit geleistet und jeden einzelnen Passus so formuliert und geprüft, dass jede noch so große Frechheit juristisch schwer anfechtbar ist. Beispiel gefällig? Einer der Verlage bietet drei Varianten an, die Veröffentlichung im Softcover ist die mittlere, die sogenannte Pro-Version. Dein Buch mit 144 Seiten kostet dich darin schlappe 5.500 Euro. Ist das also der Druckkostenzuschuss? Von wegen. In dem mir vorliegenden Vertrag ist gar keine Mindestdruckauflage definiert wie früher, als arglose Autor:innen dann per Gabelstapler eine wohnzimmerschrankgroße Palette für den Eigenvertrieb nach Hause geliefert bekamen. Für den genannten Betrag bekommt die Autor:in 5 Belegexemplare, jedes weitere bestellbar mit einem Rabatt von 30 % auf den Verkaufspreis. Das heißt, jedes meiner 5 Exemplare hat mich 1.100 Euro gekostet. Wow! Ach ja, nur die fünf zu drucken kostet den Verlag 125 Euro – mal so im Verlgeich. Und was druckt der Verlag sonst noch? Er verspricht jedenfalls „Nach dem Druck werden die Bücher in unserer Datenbank erfasst und auf unterschiedliche Lager im Verlag und bei Großhändlern aufgeteilt.“ Das klingt nach enorm viel, wenn ein Lager allein für die unzähligen Bücher nicht ausreicht. Pustekuchen. Eine Nebelkerze. Denn es muss schlichtweg und verbindlich gar nichts gedruckt werden, bis auf die paar Pflichtexemplare für die National- bzw. Landesbibliotheken. Weil? Ausschließlich Bestellungen angenommen und nach 4 Arbeitstagen geliefert werden, an Buchhandlungen, Bibliotheken, als Rezensionsexemplare an Journalist:innen usw. Alles kein Problem mit der heutigen Digitaltechnik, die on demand zu drucken und kein einziges zu lagern. So, wie eben auch BoD arbeitet.

Aber es geht noch teurer. Erscheinen dir die vorgeschlagenen 16,90 Euro als Verkaufspreis doch zu hoch, darfst du die um 4 Euro reduzieren. Kostet aber schlappe 695,- Euro, um den möglichen Verdienstausfall des Verlages zu kompensieren. Du möchtest lieber ein anderes Buchformat? Ist auch möglich, kostet aber ebenfalls 695,- Euro und erhöht gleichzeitig den Verkaufspreis um 2 Euro. Realistisch? Nicht die Bohne. Draußen in der echten Welt kostet der Druck bei kleinen Formatunterschieden das gleiche und im Satz auch nichts extra, wenn das Buch von vornherein aufs Sonderformat angelegt ist. Müsste man halt wissen.

Aber es wird auch gleich die Chance eröffnet, sein investiertes Geld zurückzubekommen. Denn werden über den Onlineshop des Verlages – und auch nur dort – 750 Exemplare verkauft, greift die sogenannte Rückzahlungsgarantie. In Zahlen: Der Verlag hat bis dahin 11.925 Euro eingenommen, gibt die von dir investierten 5.500 Euro zurück und hat immer noch satte 6.425 Euro Einnahmen. Okay, es ist etwas weniger. Denn die vertraglich vereinbarte Beteiligung von 25 Prozent am Verkaufspreis greift schon ab dem 501sten Exemplar. Dann so gerechnet: 7.950 Euro gehen komplett an den Verlag, bevor er ein Viertel von den übrigen 3.875 Euro abgibt. Läuft. Aber ausschließlich für den Verlag.

Und Marketing? Im Preis inbegriffen ist die einmalige Präsentation auf den Buchmessen in Frankreich, Leipzig und Wien. An einem dieser schon weithin als Druckkostenzuschussverlagsstand erkennbaren Buchresterampen mit einen Sofa in der Mitte, wo sich die Verlagsautor:innen gegenseitig aus ihren Büchern vorlesen. Und ein Pressetext.

So ist das also. Wer unbedingt ein Buch will, der muss zahlen. Immer noch. Auszahlen tut sich das in der Regel nur für einen: Den Verlag.

Wer lässt sich da wohl einen Bären aufstecken?

Erinnert sich noch einer an LeYo? Das war die Idee von Carlsen, Augmented Reality am Handy und gedruckte Kinderbücher zusammenzubringen. Oder Superbuch fürs Bilderbuch. Gleiche Idee, gleichsam verschwunden. Gehalten und zu echten Umsatzbringern entwickelt haben sich dagegen digitale auditive Hilfsmittel wie die Lesestifte TipToi und BOOKii. Auch megaerfolgreich sind die Soundboxen wie die von Tonie oder die Tigerbox, die ohne Buch, aber als kindgerechte Hörbuchbibliothek funktionieren (andere und unbekanntere Alternativen wie Jooki, das eine Spotify-Integration besitzt, oder das aus Holz gefräste Kofferradio wie Hörbert – Haha! – mal außen vorgelassen).

Im September startet Ravensburger etwas Neues. SAMi heißt das, oder besser gesagt er. Denn SAMi ist der Lesebär. Was er ist und wie er funktioniert? SAMi ist ein Eisbär auf einer kleinen Scholle. Ihm ist natürlich kalt, deshalb trägt er eine gelbe Mütze ­– vielleicht arbeitet er ja in den Vorlesepausen als DHL-Kurier – und einen dunklen Schal und hat eine Tasse zwischen seinen Tatzen. Ob das Gelbe an seinen Hintertatzen Gummistiefel sind oder Strümpfe, ist nicht ganz eindeutig, aber auch nicht wichtig. Sieht auch so aus, als hätte er Knieprobleme, mit dem seltsam angewinkelten Bein. Vielleicht ist es auch eingeschlafen, wer weiß. Seine Scholle wird oben auf die letzte Umschlagseite der speziellen SAMi-Bücher gesteckt, und über Marker auf den Buchseiten oder eine ähnliche Technologie erkennt SAMi, auf welche Seite er gerade schauen würde im Buch, wenn er  denn sehen könnte. Dann liest er den Text, der auf der Seite steht, aus seiner vorher geladenen und gespeicherten Datei vor. Es passen ungefähr 200 Texte in SAMis Langzeitdateien-Gedächtnis. Wird umgeblättert, liest SAMi die nächste Seite. Geladen werden Inhalte und der Akku über USB-Kabel. Und wenn das laute Vorgelese die Eltern nervt, gibt es auch einen Kopfhöreranschluss. Geeignet ist das Tierchen für Kinder ab 3 Jahren.

Die vermögenderen unter den 32 Prozent der Eltern in Deutschland, die ihren Kindern selten oder nie vorlesen, dürfen also wieder ihre Kreditkarte zücken. Nach den 74,99 € für die Tonie-Box und den TipToi-Stift für 32,99 € (ohne Buch) wartet jetzt der Eisbär für 69,99 € auf sie – mit einem Buch. Ein gutes Geschäft, aber es müssen ja auch Influencer Marketing, die Kooperation mit Toggo und die Displays für den Point of Sales, vor allem aber der SAMi-Song gegenfinanziert werden. Denn „Ich bin SAMi, SAMi dein Lesebär. Rate mal wo kommt das nächste Abenteuer her? Lassen wir es krachen, machen ganz verrückte Sachen, egal was wir heut lesen, es wird spannend und wir lachen.“ Und wenn es nur das Lachen des CFO von Ravensburger ist, wenn sich der Eisbär gut verkauft und damit das AG-Ergebnis verbessert.

Den mühsamen Kampf um die noch vorlesenden Eltern, Großeltern, Geschwister stützt das natürlich nicht, sondern das ist absolute Vorlese-Convenience. Auch wenn Ravensburger das nur als nützliche Alternative für die Zeiten sieht, wenn die anderen zum Vorlesen mal nicht greifbar sind. Es steht ja nicht zu erwarten, dass die nächste Vorlese-Studie nachweist, wie sehr unzählige Eltern ermattet durch tagelanges Vorlesen in Lockdown-Zeiten nach Entlastung suchen und endlich bei Eisbär & Co. für temporären Einsatz fündig werden. Aber gut, es ist ein neues Produkt, und bei Hot oder Schrott: Die Allestester auf VOX wird sich SAMi wohl beweisen müssen, ob er was drauf hat. Erfolgschancen? Bei Eltern, die den einfachen Schluß ziehen: Je teurer, desto besser für mein Kind, garantiert. Er ist ja auch einfach süüüüüüüüß.

 

Nix verstehn

Jetzt also eine Sonderauswertung der PISA-Studie, die mit Zahlen belegt: Die Schüler:innen in Deutschland sind laut Studie „Lesen im 21. Jahrhundert“ in vielen zentralen Punkten im Hintertreffen. Mädchen lesen überdurchschnittlich viel besser als Jungen, sozioökonomische Unterschiede wirken sich besonders stark auf die Lesefähigkeit aus, die Lesefreude ist nur noch in Finnland und in Norwegen zwischen 2009 und 2018 ähnlich stark zurückgegangen. Und im digitalen Raum sind selbst die Schüler:innen aus China besser darin, gezielt nach Informationen zu suchen und mit Unsicherheiten umzugehen. Dabei sind die Effekte des Corona-Schul-Lockdowns nicht mal berücksichtigt. Zieht man die Ergebnisse der aktuellen JIM-Studie mit heran, dann sind die apokalyptischen Reiter nicht mehr weit: Die Spaltung in die, die Lesen und Verstehen können, und die, die nix verstehn, manifestiert sich immer weiter.

Ganz ehrlich: Neu ist daran nichts. Also am Befund. Traurig ist, dass wir es bislang nicht geschafft haben, an diesen seit Jahrzehnten bekannten, zentralen Punkten verändernd einzugreifen. Warum eigentlich nicht? Hören wir mal genau hin.

Es gehört zum PR-Standard, eine solche Studienveröffentlichung mit Prominenz zu flankieren, um mediale Aufmerksamkeit zu erzeugen. Die OECD als Absender, da ist die Kombination Bildungsforscher:in und Politik ideal. OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher übernahm den ersten Teil, Bundesbildungsministerin Anja Karliczek und ihr Landeskultusministerkollege Alexander Lorz aus Hessen den zweiten. Und kurz vor der Online-Präsentation kann es nur so gewesen sein:

„Was ist das für ein Termin um 11?“ – „Vorstellung der PISA-Sonderstudie zu Lesekompetenz und Lesegewohnheiten von Jugendlichen in Zeiten zunehmender Digitalisierung“ – Ach herrje. Muss ich dazu was wissen?“ – „Nein, alles bekannt, alles weiter schlecht, nichts verbessert, Deutschland nur im Mittelfeld, das übliche.“ – „Muss ich was dazu sagen?“ – „Ja, schon, halt auch das übliche. Lesen ganz wichtig, Kompetenzen aufbauen, digitale Medien sinnvoll einsetzen, Schulen müssen das umsetzen.“ – „Ja, gut, also die übliche heiße Luft.“ – „Richtig. Und auf keinen Fall was Konkretes in Aussicht stellen.“ – „Natürlich nicht. Gibt es trotzdem was mit Zahlen, so als Nebelkerze? Oder zielführende Vorhaben, die wir unterstützen?“ ­– „Ja, warten Sie, hier. Das ist doch was Tolles: Digital Home Learning Enviroment: Gelingensbedingungen elterlicher Unterstützung bei der informationsorientierten Internetnutzung (DigHomeE).“ – „Was soll das sein?“ – „Na, ein Forscherteam sitzt bei Familien zuhause und beobachtet die häusliche Lernumwelt und die Interaktion bei gemeinsamen Internetrecherchen.“ – „Als, nein, ich weiß nicht, wäre mir jetzt irgendwie, sagen wir mal, fördern wir so was wirklich?“ – „Ja. Und noch 49 andere Projekte.“ ­– „Ja, nee, andere Zahlen. Was man sich besser vorstellen kann.“ – „Die 6 Milliarden aus dem Digitalpakt?“ – „Aber das sag ich doch dauernd. 6 Milliarden. 6 Milliarden. 6 Milliarden. Ich kann‘s schon nicht mehr hören.“ – „Dann halt Lesestart 1-2-3. Finanzieren wir seit 2011.“ – „Mit wieviel Milliarden?“ – „Also, jetzt, aufs Jahr runtergerechnet, mit rund 3.“ – „Milliarden?“ – „Nein, es sind, also, Millionen.“ – „3 Millionen?“ – „Ja.“ – „Gut, nenne ich halt nur den Programnamen, vielleicht fragt keiner nach. Sagt der Lorz auch noch was?“ „Ja, der wird bestimmt noch mal erwähnen, dass er Vorsitzender der Kultusministerkonferenz war und da so Leitlinien entwickelt hat, um Kinder und Jugendliche beim Spracherwerb zu unterstützen und ihre Lesefreude zu wecken.“ – „Leitlinien, Leitlinien, die stehen bei uns auch an der Kaffeemaschine, die Alukapseln bitte in die Recyclingtonne werfen und so. Und was steht da drin?“ – „Keine Ahnung, ich hab‘ die nicht googeln können. Und auf der Seite der KMK finde ich auch nichts.“ – „Dann soll der Lorz halt machen. Hauptsache wir kommen da raus, bevor der Schleicher noch was von uns will. Geld oder so. Wie wir das Problem wirklich lösen.“ – „Ja. Der letzter Lorz-Satz ist dann: ‚Mit der Leseförderung können wir – analog wie digital – gar nicht früh genug beginnen.‘ Und danach vergrieseln wir das Online-Bild vom Schleicher, stellen den Ton ab und schieben das auf technische Probleme.“ – „Sehr schön. Und um die Leseförderung kümmert sich ja jetzt eh der Nationale Lesepakt. Wenn da nichts bei rumkommt, ist der Maas schuld.“ –„Ja, genau so ist es gedacht.“ – „Perfekt, dann mal los. Und was habe ich dann um 12?“ – „Mittagspause.“

Die Kinderbuch-Verquerdenker

Eigentlich wollte ich nichts weiter sagen zum mit großem Tamtam angekündigten Deutschen Kinderbuchpreis. Andere hatten das schon mit kritischem Unterton getan, Ute Wegmann im Deutschlandfunk zum Beispiel und Ulrich Störiko-Blume im Buchmarkt. Und darauf verwiesen, dass das nicht so recht zusammenpasst. Der große Förderungsgedanke mit der ausgelobten Preissumme von 100.000 Euro und die undurchschaubare Durchführung sind so, als würde ein Führerscheinanfänger in einem Formel 1-Boliden zum Einkaufen fahren. Doch es wird aufs Tempo gedrückt, denn der Preisverleihungstermin am 2.10.2021 in Berlin steht felsenfest.

Am 29. April ist nun die Website zum Deutschen Kinderbuchpreis für Vorlesebücher, Selbstlesebücher und Bücher, die das kombinieren, online gegangen. Schließlich fehlen ja noch alle drei Beteiligtengruppen: Die Kinderjuror:innen, die Erwachsenenjury und die 10 ausgewählten Bücher der Shortlist. Aber auf der Seite kann man sich jetzt bewerben, als Kind oder lesebegeisterter Erwachsene.

Nun hätte zumindest mit klaren Rahmenbedingungen und einem durchdachten Ablauf ein Stück Seriosität zurückgewonnen werden können. Aber in den Details bis hin zum auszufüllenden Bewerbungsbogen stecken so viele Fehler und Unklarheiten, dass es einem die Nackenhaare aufstellt.

“Werde ein Mitglied der Erwachsenen-Jury“ – aber na klar, du! Und was muss ich dafür mitbringen? „Lesen Sie“ ach so, ich werde doch nicht geduzt, „gerne Kinderbücher vor? Haben Sie Lust, diesen als Teil einer Jury zu bewerten?“ Diesen was soll ich bewerten? Und warum nur Vorlesen? Die zweite Kategorie heißt doch dezidiert „Selbstlesebücher“? Ich bin verwirrt. „In der Zeit vom 01.07.2021 bis 31.07.2021 müssen Sie alle teilnehmenden Kinderbücher lesen und anhand eines Punktekatalogs bewerten.“ Alle teilnehmenden Kinderbücher also, na, dann nehmt mal teil, ihr Bücher.

Ich verrate weiterhin noch, welchen Kindern ich regelmäßig vorlese, nenne mein liebstes Kinderbuch, fülle „den Bewerbungsbogen“ zur Gänze aus und schicke „diese“ Diese was genau? Diese Bogen? Diese Bewerbung? an die Deutsche Kinderbuchpreis gGmbH nach Berlin. Per Post oder als Scan per E-Mail. Ausfüllbare Formularvorlage? Ist keine Raketentechnologie und bestimmt schon in Arbeit. Die Frage „Warum sollten Sie Jury-Mitglied werden in einem Satz“ irritiert, weil man gerne in einer Jury Mitglied werden möchte und nicht in einem Satz. Ein Komma hätte diesem Satz gut getan. Ach egal, für eine feierliche Veranstaltung in Berlin schaut man auch darüber hinweg.

Und die sich bewerbenden Kinder? Sind zwischen 6 und 10 Jahre alt, wobei nicht ganz klar ist, ob die 6-jährigen nicht eine Vorleser:in bräuchten, um die Bücher in der Kategoire „Vorlesebücher“ auch adäquat bewerten zu können, insbesondere, weil es ja um Bücher für 4- bis 8-jährige geht. Und für zukünftige Kinderjurys gilt: Alle Leseenergie in den März stecken. Denn die Fangfrage in der Bewerbung lautet: „So viele Bücher habe ich im März gelesen (selber gelesen und/oder vorgelesen bekommen)“.

Und welche Kinderbücher dürfen teilnehmen? Ganz klar. „Deutschsprachige Originalwerke lebender Autorinnen oder Autoren oder ins Deutsche übersetzte fremdsprachige Werke lebender Autorinnen/Autoren“ unter 100 Seiten, zwischen 1.6.2020 und 30.5.2021 (au weia, wenn ein Buch da am 31.5.2021 erscheint, sehe ich für das nächste Preisjahr schwarz) gedruckt und mit ISBN erschienen. Davon 10 Exemplare sofort und später dann, falls für die Shortlist nominiert, nochmals 32 Exemplare. Und was auf dem Weg zu den 100.000 Euro noch zu tun ist? „Der Autor/die Autorin [akzeptiert] die Teilnahmebedingungen und erklärt sich bereit, am 02.10.2021 nach Berlin zu reisen und im Rahmen der Preisverleihung aus seinem Buch vorzulesen.“ Fragt sich nur, wie die Autor:in aus Schweden von diesem Preis erfährt und ob die amerikanische Autor:in im Juni schon versprechen kann, das sie am 2.10. nach Berlin reisen wird.

Und so bekommt die eine Interview-Aussage von Wolfram Simon-Schröter, Ehemann von Zeitfracht-Eigentümerin und Preisstifterin Jasmin Schröter, eine tiefere Bedeutung, wenn er da im Börsenblatt vom 19.4. zugibt: „Wir rufen diesen Preis jetzt ins Leben, ohne vorher groß darüber gesprochen oder jemanden gefragt zu haben.“ Nicht mal eine Korrektor:in.

Lesen können allein hilft nix

So. All denjenigen, die bis zum Ende der Grundschulzeit nicht sinnerfassend lesen können oder später dann als funktionale Analphabeten durchs Leben stolpern, wird geholfen. Der Nationale Lesepakt spuckt in die Hände und ist sich sicher wie Bob der Baumeister: Yo, wir schaffen das! Alle lesen!

Blöd nur, dass lesen allein längst nicht alle Probleme aus der Welt schafft. Sondern neue, nicht minder ernste erzeugt. Lesen, aber nix richtig verstehen, ist eine ebenfalls nicht zu unterschätzende gesellschaftliche Gefahr. Das belegen aktuelle Zahlen: Die digitale Medienkompetenz auch von jungen Menschen, erhoben in einer repräsentativen Studie der Stiftung Neue Verantwortung und veröffentlich im März 2021, birgt erstaunliche Schwächen. Denn die Befragten können Werbung, Falschinformationen oder Meinungsbeiträge nicht oder nur schwer von seriösen Informationen trennen. Und schon feiern im Netz Alternative Facts und Fake News, Verschwörungstheorien und Aluhut-Geschwurbel fröhliche Urständ.

Die auf den Social-Media-Plattformen zähneknirschend eingesetzten Kennzeichnungen zu Desinformationen helfen auch nicht: Maximal ein Viertel der Befragten konnte diese Markierungen bei Facebook, Twitter oder YouTube richtig einordnen. Noch mehr Erkenntnisse zum Kopfschütteln gefällig? Bitte sehr. Mehr als ein Viertel (27 %) hielt die Anzahl der Likes und Kommentare für einen hilfreichen Hinweis auf die Vertrauenswürdigkeit einer Nachricht. Logisch. Die Seriosität eines Accounts bemisst sich ja direkt an der Anzahl der Follower. Und die Aussage „Jemanden online zu beleidigen kann über 1.000 Euro kosten“ erkannten nur 46 % als wahr, all anderen waren sich unsicher oder bezeichneten sie als falsch. Ne, is klar, ihr Hurensöhne.

Zu diesen Zahlen passt ein Befund von Prof. Dr. Maik Philipp von der Pädagogischen Hochschule Zürich, der ziemlich regungslos wahrgenommen wurde. Philipp  spricht nach der Auswertung einer Metaanalyse von einem klar bezifferbaren „Mediumseffekt“. Das heißt, der Wechsel des Lesemediums verändert das Leseverstehen. Und das ernüchternde Fazit lautet: Es gibt einen „Bildschirm-Unterlegenheitseffekt“. Eher geringer bei schöngeistiger Literatur, deutlich größer bei Sachtexten. Sprich: Dann, wenn ich mich im Internet über Themen informiere, bleibt weniger hängen als wenn ich mir das in gedruckter Form anschaue.

Zusammengenommen heißt das ziemlich eindeutig, dass mangelnde Medienkompetenz durch mehr Einsatz von digitalen Medienformaten nicht aufgewogen werden kann. Der Hang zur Oberflächlichkeit ist ein Makel, dem medienpädagogisch mit angepassten Lesestrategien begegnet werden muss. Zum Beispiel „Sourcing“ – gemeint ist hier „als lesende Person auch Informationen über die Informationen (Wer hat was warum und wie geschrieben und wie in Umlauf gebracht?)“ (Philipp) zu erkennen und zu nutzen. Oder intertextuelles Integrieren, das Verbinden von unterschiedlichen Inhalten aus verschiedenen Dokumenten/Medien. Der Mangel an diesen Strategien führt zu, siehe oben, der fehlenden Medienkompetenz. Also: Nach dem Nationalen Lesepakt als nächster Schritt ein nationaler Medienpakt. Um schon Teens beizubringen, dass das von unzähligen Influencern bejubelte SmileSecret Phonebleaching® für schlappe 119,- Euro beim chinesischen Onlinehändler wish schon für 9 Euro plus 5 Euro Versandkosten zu haben ist, aber genauso wenig bringt. Und Erwachsenen, dass RT.de selbsterklärend „eine autonome, gemeinnützige Organisation (ist)“ die, ja wer ahnt es bei dem Namen Russia Today, „die aus dem Budget der Russischen Föderation öffentlich finanziert wird.“

Und noch was: Die Social Media-Kanäle als sendende Medien endlich einer stärkeren Kontrolle unterstellt werden, was die inhaltliche Sorgfaltspflicht und die Nachverfolgung von Hass und Hetze angeht und in gleicher Weise die ordnungsgemäße Versteuerung der Werbeeinnahmen dort, wo sie er erzielt werden.

Neue Welt bei den Grimms

J: Wilhelm, hört mal, ich habe ein ganz wunderbares neues Märchen geschrieben.
W: Jacob, nur zu, ich bin ganz Ohr.
J: Also, es heißt Der Wolf und die ….
W: Der Wolf?
J: Ja, Der Wolf und die sieben …
W: Also DER Wolf?
J: Das hattet ihr bereits gefragt, ja.
W: Was für ein Wolf?
J: Ja, ein Wolf halt, vier Pfoten, buschiger Schwanz …
W: Ha! Ein binärer Cis-Wolf?
J: Ein was?
W: Ein Wolf, der als Wolf geboren und auch jetzt ein Wolf ist.
J: Was denn sonst? Also, Der Wolf und …
W: Und seine sexuelle Orientierung?
J: Das spielt jetzt in unseren Kinder- und Hausmärchen nun wirklich keine Rolle.
W: Gut. Wird der Wolf wegen seiner Fellfarbe ausgegrenzt?
J: Also, nicht dass ich wüsste.
W: Jacob, Achtung, wenn der Wolf jetzt psychisch belastende Erfahrungen gemacht hat, und Ausgrenzung ist bei Wölfen im Allgemeinen ja durchaus an der Tagesordnung …
J: Aber doch jetzt nicht wegen seiner Fellfarbe.
W: Wisst ihr das? Nein? Seht ihr, ihr unterstellt das einfach, das es nicht so ist. Vielleicht einfach nur wegen seines Wolfseins?
J: Tue ich nicht. Der Wolf und die sieben …
W: Aber wie der Wolf das wahrgenommen hast, das wisst ihr natürlich in keinster Weise.
J: Nein, tue ich nicht, dass ist für mein Märchen aber auch gar nicht so wichtig.
W: Ihr könnt das doch gar nicht wissen.
J: Was?
W: Ob das für den Wolf emotional von großer Bedeutung ist, wie er wahrgenommen wird, oder nicht.
J: (stöhnt auf)
W: Denn ihr seid ja kein Wolf.
J: Nein, ich bin nur der Grimm, nicht der Isegrimm.
W: Richtig. Deshalb vorneweg die Frage: Habt ihr einen Wilderness Reader über euer Märchen lesen lassen?
J: Einen was?
W: Wilderness Reader. Einer, der euer Märchen auf die Lebenswelt und das Gefühl von marginaliserten Wildtieren geprüft hat? Der selbst Wolf ist oder war oder welche kennt, die mit Wölfen verkehren und also weiß, wie Wölfe wirklich sind?
J: Äh, nein, warum?
W: Weil ihr nur so authentisch sein könnt und in dessen Lebenswelt erzählen, ihr als Nicht-Wolf. Ihr also nicht abwertend über ihn schreibst. So von wegen verschlagen, macht sich über wehrlose Tierkinder her, tötet mehr als er zur Nahrungsaufnahme wirklich braucht. Ihr wisst schon, typisches Wolfszeug eben.
J: Puh, also, eigentlich ist das schon der der Kern meines …
W: Was?
J: Na, sieben Geißlein.
W: Was? Alle?
J: Ja, bis auf eines.
W: Und das Ende?
J: Wolf tot.
W: Nein, auf keinen Fall. Das geht nicht. Da muss mehr gelebte Integration rein. Wolf und Geißlein gemeinsam am Tisch, beim Essen, was lecker vegetarisches, im Garten, tanzen um einen Brunnen, so was. Wirklich. Ihr müsst das überdenken, das mit dem Wolf.
J: Ja, ich setze mich noch mal ran.
W: Danke. Und schön, dass wir so offen darüber geredet haben. Das kann eurem Märchen ja nur gut tun! Es wird um ein vielfaches besser, seid euch dessen gewiss!