Abbloggen

„Hallo ihr Lieben und schön dass ihr dabei! Heute gibt es nach ganz langer Zeit mal wieder ein Want to eat. Also, ich möchte jetzt unbedingt, eigentlich schon heute, loslegen. Und das erste, was ich essen möchte, ist eine Pizza Napoletana. Ich habe mir schon die Speisekarte besorgt, und oh mein Gott wie schön ist bitte dieser Umschlag, ich liebe diese Farben, ich liebe diese Pastelltöne, es ist ein richtiger Blickfang. Was steht hier in der Karte? Pizza Napoletana mit Tomatensauce. Das klingt super spannend, ich stehe total auf Tomatensauce. Weiter heißt es da Mozzarella. Ich liebe Mozzarella! Ich bin so aufgeregt, ich kann’s nicht abwarten, die Pizza in meinen Händen, zu halten, sie zu verschlingen! Es wird einfach so hot! Und dann noch Basilikum. Finde ich sehr interessant. Werde ich auf alle Fälle essen. Ja meine Lieben, das war’s mit meinem Video, ich hoffe, ich habe euch ein paar tolle Tipps gegeben, tschüß.“

Das Video-Blogger-Format „Want to Eat“ hat sich noch nicht durchgesetzt. Klingt auch einigermaßen absurd, eine Speisekarte vorzulesen und anderen Menschen mitzuteilen, was man irgendwann mal essen mag. Das Format „Want to Read“ hingegen ist bei Buchbloggern durchaus üblich – einige der Sätze aus dem Anfangstext stammen nahezu wortwörtlich aus dem Video „Want to read März 2019 oder so … von Sara Bow“ – mit aktuell rund 6.500 Aufrufen.

Ich bleibe dabei: Ich kann mit vielen dieser sogenannten Buchblogs wenig anfangen. Sich über Reichweiten seine Social Media-Aktivitäten zu finanzieren und dafür jubilierend auf YouTube Buchpakete auszupacken oder Klappentexte vorzulesen: Das ist für mich einfach nur schlecht gemachte Werbung. Mit diesen so getroffenen pauschalen Aussagen über Blogger habe ich mir in meiner Woche bei „Was mit Kinderbüchern“ auf Facebook reichlich verbalen Gegenwind eingefangen.

Da meldete sich die „Indie“-Fraktion der Kinderbuchblogger zu Wort, die mir Ahnungslosigkeit unterstellt, sagt, wie ernsthaft sie Bücher bespricht, dass sie sich gerade um kleine Verlage und unbekanntere Bücher kümmert, auch sehr kritisch ist, sie die Kosten im Sinne von investierter Zeit und dem technischen Aufwand wie Hosting usw. eher drauflegt usw. usf. Ja, mag ja alles richtig sein, und Buchblogger sind bestimmt auch eine Bereicherung in der Beschäftigung mit Literatur.

Ändert aber nichts an daran, dass ich manche Dinge nicht verstehe. Oder verstehen will. Oder ich eine große Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit erkenne. Top-Vlogger auf YouTube wie die schon genannte Sarah Bow, erreichen pro YouTube-Video fünfstellige Aufrufzahlen, das erreichen Blogs manchmal nicht im Jahr.

Schaue ich doch mal, wie das ist mit dem kommerziellen Drumherum. Der Kontakt mit Verlagen beruht auf Gegenseitigkeit. Carlsen zum Beispiel verschickt nur dann freizügig Rezensionsexemplare, wenn die Reichweite stimmt. Influencer mit einem einzigen Kanal brauchen mindestens 2.500 Follower, wer diverse Social Media Kanäle bespielt, sollte mindestens 1.000 Follower, Fans oder Abonnenten haben. Auf der anderen Seite ist es ist nicht unüblich, dass auf den Buchblogger-Seiten unter „Media-Kit“ oder „Für Autoren & Verlage“ die Hand für Leistungen ausgestreckt wird, über reine Rezensionen hinaus. Frau Kallafitti schreibt da an Verlage gerichtet: „An Kooperationen bin ich stets interessiert. Die Möglichkeit einer Verlagsvorstellung oder Präsentation einzelner Aspekte besteht selbstverständlich ebenfalls“. Oder die „Literatouristin: „Produktvorstellungen, Interviews, Veranstaltungsberichte und kreative Auseinandersetzungen/ Kooperationen“ sind jederzeit möglich. Solche oder ähnliche Formulierungen könnte ich beliebig fortsetzen und sie finden sich sogar auf den Blogs derjenigen, die mich scharf kritisiert haben: „Auf meinem Blog xxxxxxxx können Sie werben. Ich biete Ihnen Bannerwerbeplätze, Blogsponsoring, sponsored Posts und redaktionelle Beiträge zum Thema Kinder- und Jugendliteratur an. Letzteres kann auch auf Ihrer Webseite/Blog erscheinen.“

Blöd nur, dass Rezensionen viel weniger gefragt und geklickt sind als Social Media-gängige Formate wie „Mein Lesemonat“, Neuzugänge oder Bookhauls. Nehmen wir mal YouTuber David Milan. Der füllt neben seinen eigenen Kanal auch das Content Marketing-Portal „Tales & More“ von Literaturtest für den Grossisten KNV – apropos, gibt’s den nach der Insolvenz von KNV eigentlich noch? Bestimmt nicht für Naturalien. Oder Maren Vivien. Die Agentur HitchOn für Influencer und YouTube-Marketing hat für den im Bastei Lübbe-Imprint one erschienenen Fantasy-Roman „Zorn und Morgenröte“ eine Influencer-Kampagne entwickelt. Und Maren Vivian verpackt die Vorstellung des Romans in ihr Video über kuschelige Leseroutine. Ach ja, bei „Tales & More“ ist sie auch dabei.

Das wollen bestimmt nicht alle, die sich auf Blogs mit Kinder- und Jugendbüchern auseinandersetzen. Aber so altruistisch und „kritisch“ ist die Welt der Buchblogger nun auch nicht. Muss sie auch nicht sein. Aber die Kritik aushalten, dass muss sie.

Sichtbar lesen

Die Insta-Bühne im neuen Hugendubel

Bücherlesen ist ein stummer und einsamer Prozess, ausgeübt in Zurückgezogenheit. Wer liest, entfernt sich ein Stück aus der Realität und verschwindet in seinen Buchseiten. Vorm Schlafengehen im Bett, eingemummelt in einer warmen Decke auf dem Lieblingssessel, auf der Heizung sitzend mit einer dampfenden Tasse Kaffee. Ach, alles Quatsch! Im Zeitalter von Instagram und Selfiestange darf die Social Media Welt da draußen immer und überall sehen, dass ich lese und was ich lese. Och, letzteres ist ja eigentlich egal. Also: Dass ich lese. Das reicht für einen coolen Post auf Instagram.

Das Ergebnis sind erfolgreiche Seiten wie diese hier: Hot dudes reading. Abgekürzt H D R. Bilder von verdammt gut aussehenden lesenden Männern, lieber knapper bekleidet im Sommer als mit Webpelzrandkapuze im Winter, aufgenommen in der U-Bahn  vornehmlich von Frauen. Kindle-Leser sind ausdrücklich nicht erwünscht.

Es gibt auch schon Merchandising-Artikel wie Mugs und T-Shirts in Frauengrößen mit der Aufschrift: „If you meet a dude on the subway & he isn’t reading, don’t fuck him.“ Tja, Männer. Jetzt pro forma die Weber-Grillbibel unter den Arm zu klemmen ist ganz sicher nicht zielführend. Karl Ove Knausgard geht. Oder noch besser Dörte Hansen, das hat was tiefes und bodenständiges.

Wer liest, gewinnt eben nicht nur, sondern er wird darüber sogar Insta-Famous. Dachte sich auf Deutschlands drittgrößte Buchhandelskette Hugh Double (zu deutsch: Hugendubel), als sie am Stachus in München im November 2018 ihre Buchhandlung der Zukunft eröffnete. Nein, die Mitarbeiterinnen bei der Bestellannahme heißen nicht Alexa und die Bücher werden an der Kasse auch nicht in amazon-Kartons verpackt. Sondern Hugh Double will „das Produkt Buch im Laden mit Emotion und Erlebnis verbinden“.

Im Erdgeschoss, in der neu firmierten „abtauchen“-Welt – das auch in anderen Bereichen durchexerzierte Weltenmodell löst die sonst üblichen Warengruppen ab – lädt ein Jugendbereich im Manga-Style mit Instagram-Bühne, die monatlich umgestylt wird, zum Verweilen ein. Zur Neueröffnung hat man sich gleich eine Aktion einfallen lassen und Besucher gebeten, Bilder mit dem Hashtag #münchentauchtab zu versehen und zu veröfffentlichen (58 Beiträge sind darunter zu finden, minus Verlagsvertreter am Eröffnungstag und irgendeiner Buchwerbung zu Weihnachten).

Trotzdem ist die Idee irgendwie schief. Üblicherweise ist das Buch, das ich auf diesem Foto zu lesen vorgebe, frisch aus dem Regal gezogen und noch gar nicht bezahlt. Noch weniger weiß ich, ob es mir wirklich gefallen wird und was ich dazu im Moment schon schreiben soll. Zum Lesen setzte ich mich bestimmt nicht in den Ohrensessel zwischen fliegende Plastikfische. Oder aber ich beweise allen meinen Instafreunden, was mein Lieblingsbuch ist. Nehm es mir fürs Bild aus dem Regal, mache mein Selfie und stelle es wieder zurück. Funktioniert so Buchhandel?

Unboxing (d.i. im weitesten Sinne irgendwas auspacken, in die Kamera halten und sich wie Bolle freuen) mit Büchern ist ziemlich sinnbefreit, weil der Inhalt im Moment kaum erfassbar ist – im Gegensatz zu Makeup, Nahrungsmitteln oder Gadgets, weil man sie ja spontan ausprobieren oder vorführen kann. Aber Bücher? Bleiben doch weiterhin was für die stille Ecke in der U-Bahn. Aber ich achte zukünftig drauf, dabei so gut wie möglich auszusehen. Man weiß ja nie.

Lohnschreiberei

Spannende Frage: Stört es eigentlich jemanden, wenn man als Lohnarbeiter für Unternehmen Kinderbücher schreibt oder illustriert? Nehmen wir einfach mal eines der berühmtesten Beispiele. Die Figur ist schwarz-gelb und heißt „Lurchi“ – genau, es ist der Feuersalamander der Salamander-Schuhe.

Das erste Lurchi-Heft entstand übrigens 1937 mit der Absicht, Kinder im Kaufhaus zu beschäftigen, damit Mutti ganz in Ruhe Schuhe anprobieren konnte – Schuhe für Kinder gab es damals noch gar nicht. Salamander hat seither Insolvenzen überlebt, der Feuersalamander wechselnde Illustratoren und Texter, unter anderem den Werbechef der Schuhfirma. Lurchi (seit Heft 130 mit gelbem Shirt und Hose bekleidet) erfreut sich auch heute noch bester Gesundheit: Als kostenloses Heft im Schuhhandel. Als günstiges Pixi-Buch. Und in Sammelbänden bei Esslinger für 12,90 €.

Ist das jetzt verwerflich, sich als Illustrator oder Autor vor den Karren eines Unternehmens spannen zu lassen und auf Bestellung Geschichten zu schreiben oder zu illustrieren? Bernhard Lassahn, der auch Käpt’n Blaubär-Geschichten erfunden hat, war zumindest für einige der Lurchi-Bände mitverantwortlich. Ihm hat es nicht geschadet.

Vielleicht ist ja andersherum störender. Dann nämlich, wenn Unternehmens- oder Produktwerbung in verkappter Form über den Buchhandel vertrieben und vom Leser auch noch bezahlt wird. Zum Beispiel im Julius Breitschopf Verlag. Bei dem es an guten Kontakten zu Auto-Konzernen nur so wimmelt. Im Dresden-Wimmelbuch (erstmalig erschienen 2014) gibt es eine ganze Doppelseite mit der Gläsernen Manufaktur von VW. Die blieb auch in der Neuauflage von 2017 erhalten, nur der VW Phaeton wurde durch einen nigelnagelneuen E-Golf ersetzt. Im Bremen-Wimmelbuch ist das Mercedes-Benz-Werk zu finden und im Leipzig-Wimmelbuch das Porsche-Werk. Kinder lernen Städte anhand der dortigen Automobilfabriken kennen? Ein interessanter Ansatz. Vielleicht ja auch eine Begründung für den günstigen Preis von 4,99 € pro Buch.

Das lässt sich zu unserem 70-Jährigen Jubiläum doch konsequent weiter denken, entschied Porsche und ließ für sein neuestes Buchprojekt einfach das urbane Drumherum weg. „Thematisch bietet das Werk stürmische Aerodynamik-Tests im Windkanal des Entwicklungszentrums Weissach über die Montagelinie im Zuffenhausener Stammwerk bis zu einer Tour über das Offroad-Gelände im Werk Leipzig. Auch Abstecher ins Porsche Museum und zum legendären 24 Stunden Rennen von Le Mans sind dabei.“ hieß es im Branchenblatt w & v. Also werben & verkaufen, dem Fachmagazin für die Werbewirtschaft. Gezeichnet hat das Buch Stefan Lohr, der auch die Major Tom-Buchreihe bei Tessloff illustriert. Oder die „Gibt’s da nicht was von Ratiopharm?“-Wimmelbücher fürs Wartezimmer beim Kinderarzt. Nur dass im Buchhandel 12,90 € für das Porsche-Buch aus dem Wimmelbuchverlag fällig sind.

Eine saubere Sache dagegen gab es von Persil. Wer bis Ende 2018 in der „Unser Bestes“-Aktion zwei Persil-Produkte erwarb, bekam das Kinderbuch Weißt du, was das Beste ist? geschenkt. „Das Kinderbuch (…) wurde zusammen mit Familienbloggern entwickelt und enthält Geschichten, die Kinder zum Träumen bringen und ganz nebenbei für das Leben stark machen sollen.“ hieß es dazu in der Pressemitteilung. Illustriert hat das Buch Elsa Klever, die auch  schon für Tulipan, Beltz & Gelberg und Thienemann gearbeitet hat.

Die Kernkompetenz der Blogger Johanna @pinkepanki, Toni @twoandahalfunicorn und Micha @how.cool.is.dad, die die Geschichten im Buch verfasst haben, liegt ansonsten nicht so im Schreiben für Kinder. Eher im Vorlesen. Und sich dabei fotografieren. Aber sie haben die Kanäle, um das fertige Buch, ihre tollen Geschichten und die Aktion zu bewerben. Nein, nicht die Aktion „Jedes Kind muss lesen lernen!“, sondern die Treueaktion von Persil.

Mimimi!

Die Geschichte geht so: Das Kinderbuchlektorat des Baumhaus Verlages hat eine Kinderbuchidee entwickelt und als Experiment selbst umgesetzt. Herausgekommen ist ein fantastischer Abenteuerroman für Leser ab 10 mit dem Titel „Die geheime Drachenschule“, in diesem Herbst veröffentlicht unter dem Pseudonym Emily Skye (hinter so einem Namen könnte sich ja auch glatt eine Fitnessbloggerin verbergen, aber …. hupps?) So weit, so unspektakulär. Und so schlecht, jedenfalls in den Augen einiger Autorinnen und Autoren. Schon hagelte es in schulklassenstärke Kritik auf einen Facebookpost auf „Was mit Kinderbüchern“ von Stefanie Leo.

Es beginnt mit dem Vorwurf, das Lektorat habe ja bloß ein bis zwei professionelle Kinderbuchautoren angefragt, ob sie Lust und Zeit für eine solche Auftragsarbeit hätten. Die sagten ab, und daraufhin startete das Lektorat den Selbstversuch. Logisch, dass alle, die sich jetzt melden, den Auftrag gerne angenommen hätten, hätte man sie nur gefragt.
Damit einher geht die massive Kritik, dass ein Lektor eben Lektor sei und kein Autor. Schärfer noch: Was maßen sich diese Lektorinnen eigentlich an, wenn sie ihr Vorgehen auf besagtem Facebookkanal damit erklären, einen „Perspektivwechsel“ zu wagen sei gut, weil „… es ist doch wichtig, sich auch in einen Autor hineinversetzen zu können, wenn man mit ihnen arbeitet“, wie eine der Lektorats-Autorinnen in einer Antwort auf Autorenschelte erklärt. So einfach geht das nicht, da sind sich viele Autoren einig, bemängeln fehlenden Respekt und beschreiben dann, was einen professionellen Schriftsteller ausmacht. Selbständigkeit gehört zum Autorenberuf, ein „Fulltime-Job“ ist das, „der einem alles abverlangt“, „ein Jahr lang (allein) schreibt der Autor an seinem Buch, (mit einer möglichst originellen Idee, die es so noch nicht gab)“, auch die Möchtegern-Autoren von Baumhaus hätten sich bei anderen Verlagen bewerben müssen, mitsamt mühsamen Vertragsverhandlungen und so weiter und so fort. Kann man ja noch nachvollziehen.

Und plötzlich kippt die Diskussion, wird es hanebüchen. „Nicht mehr der freischaffende Schriftsteller bestimmt den Inhalt einer Geschichte, sondern die Geschäftsführung eines Konzerns ganz direkt über das eigene festangestellte Verwaltungspersonal. Das ist nicht weniger als ein Angriff auf die Freiheit der Kunst und Kultur.“ wird es gleich pauschal. Jawoll ja, bis zum „DDR-Kulturprinzip“ ist es jetzt auch nicht mehr weit.
Was für ein Bild des Autors wird dabei eigentlich vermittelt? Der Autor als Wesen zwischen Spitzwegs armem Poet, romantischem Genie und konzerngesteuertem Schreibroboter? Von dem keine Abweichung zulässig ist?

Zurück zum Anfang: Ein Lektoratsteam hat ein Buch entwickelt und geschrieben. Ziemlich marktorientiert „als „Die perfekte Mischung aus Die Schule der magischen Tiere und Drachenzähmen leicht gemacht, wie es freimütig in der Vorschau heißt. Stimmt. Clever kombiniert, aber es klingt definitiv nicht nach einer Idee, die es noch nicht gab. Oder hätte geben können.

Es war eine angebotene Auftragsarbeit. Fertige Grundidee, fertiger Plot, bitte ausführen. Das hat mit Kunst und einem Jahr Schreiben in der Kemenate nicht viel zu tun. Sondern ist Handwerk.

Und liegt die Vorstellung, dass Lektoren schreiben können, so weit außerhalb des Vorstellbaren? Kurz nachgedacht: Die Lektorinnen und Lektoren Ilona Einwohlt, Uwe-Michael Gutzschhahn, Gudrun Likar, Karin Gruß, Susanne Weber, Angelika Kutsch, die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen, haben nebenbei geschrieben oder schreiben. Weil sie viel Verständnis für das Erzählen von Geschichten und ein Gefühl für Sprache haben. Ach ja, im Falle von Angelika Kutsch kommt auch noch das Übersetzen dazu, mehrfach! Von den Illustratoren ganz zu schweigen, die auch schreiben. Zum Beispiel Cornelia Funke. Die hat Buchillustration studiert und schreibt trotzdem. Autoren hätten die Tintenherz-Trilogie auch gerne ausgearbeitet, wenn Cornelia Funke sie gefragt hätte. Oder Paluten! Der macht doch YouTube-Videos, wieso steht der jetzt mit einem Roman auf der Bestsellerliste?

Diese Scheindebatte führt leider zu nichts, weil sie aus unscharfen Vorstellungen und eigenen Erfahrungen allgemein gültige Maßstäbe ableitet. Ist das wirklich ein Grund, warum es im Verhältnis von Autoren und Verlagen großflächig knirscht? Weil bei Baumhaus ein Buch erscheint? Naja.

401 Unauthorized – E-Books für Schüler

Dorothee Bär, Staatsministern im Kabinett Merkel, möchte endlich die Schulen digitalisieren. Schnelles Internet für alle, Volocopter statt Elterntaxi und „Tablet, Sportsachen, Schulbrot“, mehr braucht kein Kind  dabei zu haben, wenn es morgens ins Klassenzimmer schlurft. Sie ist ja schließlich davon überzeugt: „Besser die Schüler lesen Goethes ‚Faust‘ auf dem Tablet als irgendeinen Schund auf Papier.“ Was zwar irgendwie gegeneinander auszuspielen keinerlei Sinn ergibt, zumal der Alltag eher so aussieht: Goethes Faust auf Papier, Schund als E-Book.

Und jetzt? Haben dank Digi-Doro die Pädagogen Oberwasser, die erst mal E-Books und -Reader als Lehrmittel einsetzen möchten und das schon als Beleg dafür sehen, was für ein Digital Native Teacher sie sind. Belege für entscheidende Vorteile gibt es seit Jahren, behaupten sie. Und die Doro. Die noch mit dem zentnerschweren Diercke-Weltatlas in die Schule geschickt wurde, in dem es zwei Deutschlands, aber nur eine Sowjetunion gab. Siehste! Denn auf einem Tablet oder einem Reader wären immer die aktuellsten Versionen. Und wiegen würden die fast nichts.

Schon 2011 schloss die Stiftung Lesen aus Studienergebnissen, dass „durch E-Books Bücher für Schüler attraktiver werden“, insbesondere für leseferne Kinder und Jugendliche. Ein Trugschluss. Weil die Studie amateurhaft angelegt war. Die Ergebnisse hanebüchen interpretiert. Die Erfahrung in den wenigen Fällen, in denen das ausprobiert wurde, ernüchternd.

2016 legte die Bitkom, der Branchenverband der digitalen Wirtschaft, nach. 43 Prozent der befragten LehrerInnen würden E-Books im Unterricht einsetzen. Bloß: Daraus wurde nichts. Bis heute liegt der Gesamterlös im Schulbuchmarkt für E-Books bei mageren 4,3 Prozent. Dieser Diskrepanz zum Trotz veröffentlicht das Wirtschaftsprüfungsunternehmen PWC jetzt neue, rosarote Zahlen und platzt beinahe vor Zuversicht. „Digitale Bildung: E-Books an Schulen vor dem Durchbruch“. Warum? Weil Eltern das mehrheitlich befürworten. Digital-Mama und -Papa sehen bestimmt die vielfältigen Funktionalitäten, die Vernetzungsmöglichkeiten und neue multimediale Unterrichtsmodelle als den großen Vorteil und als zukunftsweisend an? Ach nein, doch nicht. Gewichtsersparnis und geringerer Platzbedarf sind die schlagenden Argumente.

Umso strenger geht der Digitalstratege Dr. Harald Henzler, ehemals Verlagsleiter beim Carl Hanser Verlag und bei Haufe Lexware, mit dem Thema um. Seine Aussage „E-Books an Schulen? So ein Quatsch!“ entstammt nicht einer nostalgischen Verklärung des gedruckten Buches, sondern zerpflückt die E-Book-Initiative als allzu halbherziges Schrittchen hin zur Digitalisierung. Wer E-Books in Schulen propagiert ist, nicht Digital Native, sondern Digital Naiv.

Seine Kritik beginnt damit, dass E-Books das Lesen nicht verändert haben. Es sind Texte auf einem Reader statt zwischen zwei Buchdeckeln, nicht mehr. All das, was als Enhanced oder Enriched E-Books in den vergangenen Jahren vorgestellt wurde, hat sich nicht durchgesetzt. Selbst für Schulbuchverlage ist die Investition einfach zu hoch und der Erlös nicht der Rede wert. Kein E-Book-Reader kann wirklich sinnvoll Enhanced, und ein Tablet für ein normales Text-E-Book ist wie mit einem Ferrari einen Briefumschlag zur Post fahren.

Ein zweites, wichtiges Gegenargument zieht er aus dem Scheitern der Whiteboards in Schulen: Ohne eingewiesene Lehrer und einem umfassenden pädagogischem Konzept, das die neue Technik in den Schulalltag integriert, wird Innovation nichts. Doch davon sind selbst junge Lehrer und die Lehrerausbildung noch weit entfernt. Wer also Geld aus dem Digitalisierungstopf nimmt und seine Schule mit E-Books und Reader aufrüstet, der kann ohne Konzept und Köpfe das Geld auch als Postwurfsendung an die Nachbarn verteilen. Oder lieber in den vorgeschlagenen wie notwendigen Lesepakt von Kirsten Boie investieren.

„Ich bin nicht da, um die Leute mit Kunststückchen zu unterhalten“

Der Thomas ist ein ziemlich guter Fußballer. Er war Torschützenkönig bei der WM 2010. Hat zig Titel geholt mit Bayern München. Und ist auch sonst ein ganz gewitzter Typ in der ansonsten so glatten Fußballerwelt. Dass er was mit Büchern macht, ist neu. Umso erstaunlicher ist sein Erstleserdebüt Mein Weg zum Traumverein, erschienen bei Oetinger. In einer Reihe, die da heißt „Lesenlernen mit Fußballstars“.

Das ist in etwa so naheliegend wie Strickenlernen mit Gebirgsjägern oder Englischlernen mit Franzosen. Oder hat man schon mal einen Kicker aus dem Mannschaftsbus steigen sehen, der anstelle eines dicken Kopfhörers ein Buch unterm Arm oder in der Hand getragen hätte? Und wie war das noch gleich bei der diesjährigen WM? Im Trainingslager der Nationalmannschaft hat Teammanager Oliver Bierhoff den Spielern nicht die Leselampen rausgedreht, sondern das W-LAN abgeklemmt. Weil die Spieler bis in die Puppen FIFA und Fortnite an ihren Konsolen zockten. Vielleicht gibt es ja wirklich welche, die lesen. Die Quote dürfte mindestens so hoch sein wie die homosexueller Fußballer. Und sich zu outen mindestens so selten.

Trotzdem ist Fußball einer der thematischen Schlüssel, um Jungs zum Lesen zu bringen. Mit Aktion wie der „Lese-Kick“ in Bayern und „Kicken und Lesen“ in anderen Regionen, Lesungen in Vereinsheimen oder Fußballern als Lesebotschaftern soll das gelingen. Aber seit die Wilden Fußballkerlen von Joachim Masannek im Abseits stehen, funktioniert das eher schlecht als recht.

Jetzt also der Thomas Müller, mit illustrer Hilfe. Die Bilder stammen von Jan Birck. Das ist DER Fußballgeschichtenillustrator, wie erwähnt, seit den Wilden Fußballkerlen. Die Figuren sehen dann auch alle ziemlich gleich aus. Geschrieben hat die Geschichte der Thomas, zusammen mit Julien Wolff. Der ist Sportreporter der WELT und Bayern-Spezi. Aber garantiert kein Kinderbuchautor.

Aus dem Baukasten für Fußballgeschichten kommt das wichtige Spiel, in dem a) der Held das entscheidende Tor schießt oder b) das entscheidende Tor des Gegners verhindert. Bei Thomas Müller gerät dieser Standardplot leicht ins Hintertreffen, denn der Talent-Späher, nicht zu verwechseln mit dem Eichel-Häher, des großen FC Bayern hat ihn beim TSV Pähl beobachtet und nun auf dem Zettel. Die Einladung zum Probetraining wird ein Erfolg, der Thomas vom Dorf ist jetzt Spieler beim FC Bayern. Die flaue Spannung dieser überschaubaren Geschichte ergibt sich allein aus der Frage, ob der Talent-Späher den Thomas auch nimmt, wenn nicht gleich alles klappt. Oder ihn aber als ungeeignet abserviert. Was ja unlogisch erscheint, wenn der Thomas heute Nationalspieler ist. Ach egal, bei Erstlesebüchern kommt es ja auf den Inhalt nicht so an.

Die Reihe von Thomas Müller wird fortgesetzt. Nach dem Weg vom Dorfverein zum FC Bayern geht es dann um die Jahre in den Jugendmannschaften. Das klingt vom Konzept her ein wenig nach Conni. Thomas in der Pubertät. Wie er seine Lisa kennengelernt hat. Seine erste deutsche Meisterschaft. Lisa und Thomas auf dem Pferdehof. Da steckt eine Menge Vermarktungspotential drin, je nach dem, was der Thomas noch so alles ausplaudern will. Aber wenn es so langweilig bleibt, wer will das lesen? Da schaut man lieber dem Thomas auf dem Rasen zu, wie er ohne Kunststücke die Kugel versenkt und Bayern zur erneuten Meisterschaft führt. Das kann er ja.

Steigende Durchfallquote, Teil 2 – Die Schnitzelpfanne

„Man muss nicht in der Bratpfanne gelegen haben, um über ein Schnitzel zu schreiben.“ hat Maxim Gorki mal richtigerweise gesagt.

Nicht nur in den USA gerät dieser Satz mehr und mehr zum Lippenbekenntnis. Denn auf Druck einzelner gesellschaftlicher Gruppen heißt der politisch korrekte Satz nun: „Nur wenn in der Bratpfanne gelegen hat, kann über ein Schnitzel schreiben.“ (oder über ein Sellerieschnitzel, um nicht gleich sämtliche Vegetarier und Veganer zum Shitstorm aufzuwiegeln) In ihrem Artikel „Der große Verlust“ in der ZEIT vom 13. Juni fasst die Hamburger Schriftstellerin Tina Uebel zusammen, was nicht nur sie im Zuge dieser Einschränkungen alles an Freiheiten verliert. Und in der NZZ vom 11. März beklagt der ehemalige Chefredakteur der NZZ am Sonntag, Felix E. Müller, „politisch korrekte Zensoren sorgen für schlechte Literatur“ und stellt die sogenannten „sensitivity reader“ vor, die gerade in der amerikanischen Kinder- und Jugendliteratur mehr und mehr an Bedeutung gewinnen. Weil sich nicht jede Autorin und jeder Autor in die Bratpfanne legen kann oder will, helfen sie nach.

Ihre Aufgabe ist die Prüfung, wenn Autorinnen und Autoren „außerhalb ihres eigenen Erfahrungshorizontes schreiben.“ – heißt es bei einer dieser Leserinnen, Justina Ireland. Was im schriftstellerischen Alltag allerdings sehr häufig vorkommt. Zensur? Nein, sondern eine Hilfestellung, nicht in überkommenen und falschen Kategorien zu denken, zu leben und zu schreiben. Der „sensitivity reader“ „soll den Text auf heikle Fragen wie Religion, Rasse, Geschlecht, Sexualität, chronische Krankheiten, Behinderungen, Vorurteile prüfen und dem Autor vorschlagen, wie mögliche Intensitivitäten ausgemerzt werden sollen.“ (Felix E. Müller) Entsprechend gibt es „sensitivity reader“ mit unterschiedlichstem Background: Geschlecht, Hautfarbe, sexueller Orientierung, psychische oder physisches Handicap, also für jede Figur die passende Prüferin oder den passenden Prüfer.

Das führt schlußendlich zu Gewissensfragen wie der, ob in einer in den 1960er Jahren angesiedelten Jugendgeschichte der Held einen Negerkuss essen darf oder nicht. Einerseits ist das N-Wort aus heutiger Sicht klar rassistisch konnotiert und mehr oder minder verboten. Andererseits wäre das Wort in der beschriebenen Zeit die übliche wie gebräuchlichere Bezeichnung für einen Schokokuss gewesen, ohne dahinter sogleich eine rassistische Gesinnung zu vermuten. Und nun?

Die Autorin bzw. der Autor gibt das Heft des Handels aus der Hand, wenn „sensitivity reader“ das letzte Wort haben. Lesen, Hören, miteinander Sprechen, das sind die Werkzeuge der Recherche, die einem Autor zu Verfügung stehen und die er in der Regel nutzt. Daraus entsteht die Basis, von der aus er in das Wesen einer literarischen Figur eintaucht, wie auch immer sie ausgestaltet ist. In der Figurenrede vielleicht sogar bewusst lügend, verfälschend, beleidigend. Weil es Rollenprosa ist, die subjektive Wahrnehmung und Äußerung einer Figur, die sich einer inhaltlichen oder sprachlichen Kontrolle durch Prüfung von außen entzieht. Es ist ein literarisches Stilmittel.

Und Verlage ziehen sich damit aus der Verantwortung zurück. Eine Instanz wird vorgeschoben, der „sensitivity reader“ stellt einen Konfrontationsfreibrief aus. Am besten mit einem Stempel oder Aufkleber auf dem Cover, als wäre das Buch TÜV-geprüft. Das sind Folgen, die Autorinnen und Autoren schon jetzt aus den Lektoraten zu spüren bekommen. Lieber nicht so formulieren, da ein wenig Rücksicht nehmen, ach, das besser so nicht sagen.

Wenn Michael Ende heute Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer hätte schreieben wollen, es wäre ohne „sensitivity reader“ nicht gegangen. Denn Michael Ende hat vom Dampflokomotivenführen doch gar keine Ahnung!

Steigende Durchfallquote, Teil 1

Kinderbücher leiden zusehens unter dem Anspruch, es allen Recht machen zu müssen. Nicht, weil sie es sich selbst auferlegen, sondern weil sie zunehmend von außen dazu aufgefordert bis gezwungen werden. Auslöser sind eine Vielzahl von gesellschaftlichen Gruppen und Gruppierungen, die jede auf ihre Weise Einfluss nimmt, mal mit Wünschen, mal mit erhobenem Zeigefinger, mal mit mahnenden Worten und möglichst immer mit großem medialem Echo.

Diese Erregungsmelder verweisen als Basis gerne auf den angewandten Bechdel-Test, einstmals erfunden für die Bewertung von Frauenrollen in Kinofilmen. Er besteht nur aus folgenden drei Fragen 1.) Gibt es mindestens zwei Frauenrollen? 2.) Sprechen sie miteinander? 3.) Unterhalten Sie sich über etwas anderes als einen Mann? Dreimal Ja ist der Freifahrtschein, weniger ist ein klarer Hinweis auf mangelnde Frauenpower im Film und eine ungleiche Geschlechterdarstellung.

Wenige Fragen, klares Ergebnis, so kann man das weiterdenken. Und den Bechdel-Test adaptieren – und auch auf Literatur und insbesondere Kinderliteratur ausweiten. Als da wäre der Shukla-Test, der die drei Fragen in Bezug auf die Hautfarbe stellt: 1.) Gibt es mindestens zwei People-of-Colour-Rollen mit Namen? 2.) Sprechen sie miteinander? 3.) Unterhalten sie sich über etwas anderes als weiße Menschen und ihre Probleme?

Umfangreicher ist der Tyrion Lannister-Test, der in einem längeren Fragenkatalog die Darstellung von Menschen mit Behinderung abfragt. Und dann ist da noch der Vito Russo-Test, der nach LGBT-Charakteren fragt. Aber nicht einfach nur so, nein, sondern gezielt einfordert „Es muss mindestens ein LGBT-Charakter auftreten.“

Äh, nein, muss nicht. Es muss auch nicht mindestens eine Schwäbin, eine Allergikerin, ein Legastheniker, ein Blonder oder eine mit Senk-Spreizfüßen auftreten. Das Schöne an Literatur ist: Es muss nicht, es kann. Das, was kann, bestimmt die Autorin oder der Autor. Und wenn es um Literatur geht, ein Stück weit auch die Geschichte an sich. Klingt selbstverständlich, ist es aber nicht – wenn zu erfüllende Quoten sich über die Geschichte schieben und zum alleinigen Maßstab für Qualität werden. Diversity in der Kinderliteratur heißt eben nicht, entweder möglichst viel in einem Buch unterzubringen oder aber ein Einzelthema zum dominiernden Grundgedanken zur machen. Denn dann wird Kinder- und Jugendliteratur zur pädagogischen Gebrauchsliteratur, die daran gemessen wird, ob sie funktioniert und die ideologischen Ziele von Erwachsenen vermittelt. Wer genauer hinschaut, wird sehen, dass das Angebot an vielfältigen Kinderbüchern groß ist, auch wenn der Begriff nicht in Leuchtbuchstaben auf jedem Titel blinkt. Denn manchmal ist die Kinderliteratur weiter als die Kritiker fordern: Dann tauchen ganz selbstverständlich Figuren jedweden Geschlechts, jedweder Hautfarbe, mit und ohne Handicap auf. Je selbstverständlicher das passiert, desto fortschrittlicher und „inklusiver“ ist das Buch, und desto mehr Möglichkeiten hat es, darüber zu erzählen und nicht zu belehren.

Wie emotional dieses Thema diskutiert wird und welche Folgen das haben kann, zeigen die sogenannten sensitivity reader in den USA. Was das ist, welche Funktion sie haben und ob das auch im deutschen Sprachraum eine Rolle spielt, davon demnächst mehr.

Der Klub der alten Männer oder Warum Männer Verlage gründen und Frauen Agentinnen werden

Jetzt ist schon wieder was passiert. Ein älterer Mann weit über die 50 hat einen Kinderbuchverlag gegründet. Markus Niesen (Hummelburg), davor Harald Kiesel (360 Grad), Jürgen Weidenbach (Edel:Kids Books), Klaus Humann (Aladin) usw. usf.

Warum tun DIE das? Und warum tun das keine Frauen, die als Programmleiterinnen lange genug unter Beweis gestellt haben, dass Sie für die besonderen Verlagserfolge mindestens so viel Verantwortung tragen wie die zu ihrer Zeit amtierenden Verlegermänner? Denn weder kann sich ein Klaus Humann den Erfolg der Biss-Bände auf die Fahnen schreiben noch ein Markus Niesen den der Tribute von Panem. Aber „Männer stehen ständig unter Strom, Männer baggern wie blöde, Männer lügen am Telefon, Männer sind allzeit bereit, Männer bestechen durch ihr Geld und ihre Lässigkeit“ – und schon wird ein Verlag draus.

Also arbeiten erfahrene Programmmacherinnen wie Dr. Paula Peretti (ehemals Verlagsleiterin Baumhaus/Boje), Sarah Haag (Gesamtprogrammleiterin Loewe), Ulrike Schuldes (Programmleitung cbj) oder Martina Kuscheck (Programmleitung cbj) jetzt als Agentin, alleine oder in einem Agenturverbund. Entwickeln Projekte, entdecken Autorinnen und Autoren, Illustratorinnen und Illustratoren, vertreten ausländische Verlage. Und beschaffen den Verlegermännern das, was die für ihre vollmundig angekündigten Programme brauchen, auf die der Buchhandel ja so dringend gewartet hat.

Programme, die in Wirklichkeit einen von allen Beteiligten als längst überquellend beklagten Markt weiter fluten. Der Literaturmisanthrop hätte reichlich Futter für einseitiges Abwatschen. Aladin? Ambition schlägt Verkäuflichkeit. Edel:Kids Books? Noch mehr Me-Too-Bücher mit Schwerpunkt 3 bis 11 Jahre, von Film und Fernsehhelden über fantastische Mädchenschmöker bis zum Familienhundetagebuch. Gähn. 360 Grad? Deutscher Ableger eines englischen Sachbuchimprints without serious ideas. Und jetzt auch noch die Hummelburg von Ravensburger. „Besondere“ Bücher mit Schwerpunkt 6 bis 11 Jahre, aha. Aber war das nicht schon Edel? So viele lesenswerte, aber unentdeckte Kinderbücher für 6 bis 11-jährige kann es gar nicht geben, wie Verlage sie momentan einkaufen würden. Vom Buchhandel ganz zu schweigen, der das alles ja auch noch verkaufen soll.

Im Selbstverwirklichungsstrudel unter geht die persönliche Verantwortung. Nehmen wir den Aladin Verlag und Klaus Humann. Unter dem Dach von Bonnier hat er mal eben sein Erbe geregelt und alles zu Thienemann-Esslinger verscherbelt. Oder, wie es offiziell heißt: „In den ganz natürlichen Abschiedsschmerz (…) mischt sich die Erleichterung, in Bärbel Dorweiler ‚eine Schwester im Geiste‘ gefunden zu haben, die das besondere Aladin-Programm in reduziertem Umfang weiterführen wird.“ Während die wenigen gut laufenden Lizenzen also nach Stuttgart umziehen und Klaus Humann ins Rentnerleben, steht die komplette restliche Mannschaft von Aladin in Hamburg ab September auf der Straße. Männer eben.

John Olivers schwules Kaninchen

Ein Bilderbuch über das schwule Kaninchen Marlon Bundo hoppelt an die Spitze der Bestsellerlisten. Ah, ein Projekt von LGBTI-Aktivisten? Dem Lesben- und Schwulenverband in Deutschland? Gesundheitsminister Jens Spahn? Weit gefehlt. Die Geschichte des bis über beide Löffel verliebten Kaninchens mit der schmucken Fliege stammt aus der Redaktion von John Oliver, dem Komiker und Moderator der Late Night Show „Last Week Tonight“ in den USA. Und ist einerseits ein Plädoyer für Toleranz und Selbstverwirklichung in Form einer Bilderbuchgeschichte, andererseits ein politischer Affront gegen den selbst für republikanische Verhältnisse konservativen amerikanischen Vizepräsidenten Mike Pence.

Familie Pence hat nämlich selbst ein Bilderbuch veröffentlicht. Tochter Charlotte erzählt in holprigen Reimen, Ehefrau Karen illustriert in Kunsthandwerksmarkt-Qualität einen Tag im Leben des Vizepräsidenten. Aus der Perspektive des Pence’schen Hauskaninchens Marlon Bundo. Richtig, den gibt es wirklich, schwarz-weiß gescheckt und mit 20.000 Followern auf Instagram.

Den Dreh zu John Oliver bekommt die Geschichte durch die Nähe von John Pence zu konservativen und evangelikalen Organisationen, die die sexuelle Orientierung geistig verwirrter Schwulen und Lesben mal eben mittels einer Therapie wieder richtig justieren wollen. Aber John Oliver prangert in seiner Show nicht nur wortgewaltig und bissig an. Sondern agiert. Ob er politische Informationen als Werbespots in Donald Trumps Lieblingsendungen auf Fox News schaltet oder ob er im Zuge der Kritik an der mangelhaften Krankenversicherung 9.000 unbezahlte Arztrechnungen aufkauft und verspricht, sie zu bezahlen – seine Anliegen wirken über die reine Sendung hinaus. Deshalb jetzt der Coup mit dem Bilderbuch. Die feindliche Übernahme des Kaninchens. Und der Twist in der Geschichte: Raus aus dem Weißen Haus, rein in die Gay-Community. Soll er sich doch schwarz-weiß ärgern, der Pence.

Das Bilderbuch funktioniert auf zweierlei Ebenen. Für Erwachsene als politisches Statement. Für Kinder als Geschichte über Freundschaft, Liebe und Miteinander. Selbst in der allerkürzesten Zusammenfassung sind schon beide Ebenen sichtbar: Marlon Bundo will unbedingt seinen Wesley heiraten, gegen den erbitterten Protest des Stinkekäfers, der unübersehbare Ähnlichkeiten mit Mike Pence aufweist.

Dieses im amerikanischen Verlag Chronicle Books erschienene Buch hat sein großes Ziel erreicht: Es sollte in den ersten Tagen häufiger gekauft werden als das Buch von Mike Pence. Auf der Amazon-Bestsellerliste lag es am Montag nach Verkaufsstart auf Platz eins, das von Familie Pence auf Platz 15.

Auf diesen Erfolg hin ist das Kinderzimmer jedenfalls festlich geschmückt. Marlon Bundo, Wesley und mit ihnen Transgender-Teddy Tilly, der jetzt Thomas ist, feiern gemeinsam mit Honigtöpfchen und Karottensticks, dass sie so sein dürfen, wie sie wollen. Hurray!