Kinderbuch aufräumen

Die anonyme Buchhändler*innen-Selbsthilfegruppe „Kinderbücher aufräumen“ trifft sich zu ihrer wöchentlichen Sitzung. Im Kreis sitzen, in vorschriftsmäßigem 1,50 m Abstand, A, B und C. A trägt einen Mund-Nasen-Schutz mit einem Pippi-Langstrumpf-Motiv, B mit Bob dem Baumeister und C mit Grisu. B’s Räuspern klingt gedämpft durch die Maske.

B: Schön, dass ihr trotz allem gekommen seid.
A: Gibt ja auch Erfolgsmeldungen.
C: In der Tat. Aber der Kampf ist noch nicht vorüber.
B: Genau. Wobei, in der letzten Zeit … Egal, schauen wir uns die letzten Ereignisse an und dann planen wir unsere weiteren Aktionen.
C: Wir reiten auf einer Erfolgswelle, jawoll!
B: So. Was haben wir alles erreicht?
A: Naja, nicht so viel bei Michael Ende und Jim Knopf.
B: Wieso?
A: Die weigern sich einfach, das N-Wort zu ersetzen. Das bleibt.
C: Was? Das ist noch drin? Heute noch?
A: Und soll auch drin bleiben. Sagt der Verlag. Mitsamt den klischeehaften Illustrationen.
C: Geht gar nicht. Das fliegt raus, hochkant.
A: Wobei, der zweite Film ja jetzt anläuft.
C: Mist.
B: Tja, schwierige Situation. Vertagen wir am besten. Sonst noch was?
A: Aktuell nicht.
B: So, kommen wir zu unseren nächsten Aufgaben. A, was steht an?
A. Ha! Die haben es wieder getan! 2013 haben wir Carlsen doch schon erwischt. Conni kriegte zu ihrem 15ten Geburtstag einen Amazon-Gutschein! Aber die Autorin Dagmar Hoßfeld hat das schnell geändert, in einen unverfänglichen Geschenkgutschein.
C: Ja, geht’s noch?
B: Und jetzt?
A: Juli Zeh! Die ist an der Reihe. Dabei hätten wir das zu Weihnachten so gut verkaufen können, Alle Jahre wieder, also Juli im Dezember quasi.
C: Wie, jedes Jahr?
A: Nein, so heißt das Buch. Alle Jahre wieder. Genau wie Carlsen, alle Jahre wieder. Das  steckt voller Werbung. Das müssen wir aufräumen. Nintendo zum Beispiel.
C: Super Mario sag ich nur! Ein italienischer Klempner! Von Japanern entwickelt. Das ist doch kulturelle Aneignung! Unmöglich sowas.
B:  C, ich bitte dich, reg dich nicht so auf.
A: Nutella.
C: Palmöl! Ferrero boykottieren, sag ich schon lange! Und jetzt so was im Kinderbuch! Die Kinder sollen sowieso nicht so viel Süßes …
B: Beruhige dich doch mal! Selbst der WWF stellt Ferrero mitlerweile ein gutes Zeugnis für sein eingesetztes Palmöl aus.
A: Ein riesiger Karton von Amazon Prime.
C: WAS? Auch noch Prime? Da hört sich doch alles auf. Sofort aufräumen. Und ausräumen. Alle Bücher von der Zeh. Und von Carlsen. Alle!
B: Ruhe jetzt!
C: Die hätte das doch anders schreiben können. Malefiz statt Nintendo. Wäre doch auch gegangen, vielleicht. Ein Brettspiel für jung und alt. Und eine vegane Möhrenstreichcreme anstelle der Schokopampe. Ist viel gesünder. Und statt dem Karton von Dings halt nur  Karton. Mindestens aus recycelter Pappe.
B: So ähnlich hatte ich mir das auch vorstellen können.
A: Ich weiß nicht, das ist ja schon sehr alltäglich, dass man so einen Karton bekommt.
C: Umso schlimmer! Man muss doch nicht alles nachmachen und Kinder auf die falsche Spur setzen. Retoure!
A: Gut. Und was ist mit dem neuen Steinhöfel?
C: Der auch noch? Echt jetzt?
B: Na, da sieht Rico, wie die schöne Cilly vom Hausbootdach mit einem Gewehr auf Enten schießt.
C: Sofort PETA anrufen, Greenpeace, WWF! Gewalt ist schon an sich scheiße, und dann auch noch an unschuldigen Enten!
B: Aber die schießt doch nur mit Erbsen.
C: Tiefgekühlte? Etwa tiefgekühlte? Die sind steinhart!
B: Das steht da nicht so genau.
C: Unmöglich. Ich lehne das ab. Ist doch kein Vorbild. Ausräumen!
B: Den Andreas? Das ist jetzt aber …
A: Dann habe ich die Stepha Quitterer, Weltverbessern für Anfänger.
B: Das klingt ja erst mal sehr empathisch.
A: Aber die Minna geht mit dem Basti und dem Christoph zu dem Betonhäuschen am Sportplatz unddie rauchen Selbstgedrehte.
C: Was? Die sind doch höchsten 13? Das ist komplett verboten: Rauchen in der Öffentlichkeit. Und in Kinderbüchern. Katastrophe!
A: Und der neue Elsässer, Play. Die trinken beim Autofahren. Rauchen. Werfen sich Ecstasy-Pillen ein. LSD. Und ich bin erst auf Seite 80.
C: Ich kriege Schnappatmung. Sind die jetzt alle völlig übergeschnappt?
B: Aber vielleicht machen das junge Menschen im richtigen Leben.
C: Von mir aus! Aber nicht in Büchern! Niemals! Ich bin raus!
(steht auf und stampft wutentbrannt nach draußen)
A: Und jetzt? ich habe hier noch einen ganzen Stapel.
B: Du, ich weiß nicht. Wollen wir die Verlage nicht lieber mal daran erinnern, dass wir nicht 10 Meter Thekenplatz für diese ganzen Aufsteller haben? Stört mich auch immer.
A: Hast Recht. Schreiben wir eine Brief?
B: Ja, so machen wir das.

He, Eltern, geht’s noch?

Die Vorlesestudie 2020 ist, wie jedes Jahr, eine Bilanz des Schreckens. Vorlesen ist ja irgendwie wichtig, aber die Gründe, es nicht zu tun, sind ellenlang. Und zum Teil hanebüchen. Was, zugebermaßen, auch an der gewollt so gewählten Stichprobe liegt. Die befragten Eltern sind formal weniger gebildet und repräsentieren einen höheren Migrantenanteil als die Durchschnittsbevölkerung. Und ja, die uralte Erkenntnis ist unerschütterlich, dass Bildung mit Lesen können und wollen korreliert.

Warum es mit dem Vorlesen nicht klappt, liegt an der eigenen Müdigkeit, an anderen Dingen, die zu tun sind und dem Gefühl, keine Zeit dafür zu haben. Aber nicht nur. Immerhin 31 % behaupten, das Kind will gar nicht vorgelesen bekommen, 27 % finden Vorlesen nicht so wichtig und 25 % altmodisch, weil man Kinder heutzutage mit modernen Medien beschäftigen kann. Dazu kommt noch der Umstand, dass grundsätzlich gar keine Bücher vorhanden sind. Oder nur sehr wenige, im Vergleich zu vorherigen Studien.

Und waren die Gründe fürs Nicht-Vorlesen schon wenig nachvollziehbar, so sind die fürs fehlende Buch noch doofer. „57 % aller befragter Eltern fänden es gut, wenn ihr Kind regelmäßig Bücher geschenkt bekäme, z.B. in der Kita, in der Schule, beim Kinderarzt, im Laden.“ Letzteres meint wahrscheinlich den Buchladen: „Können Sie das als Geschenk einpacken? Dann muss es bei ihnen doch nicht mehr bezahlen, oder? Ist doch jetzt ein Geschenk?“ Heißt im nächsten Schritt, ich Elternteil würde dann auch meinem Kind selbstverständlich aus den geschenkten Büchern vorlesen, so halt eben nicht, selber schuld. Und ich dachte ja bisher, Bücher schenken Eltern, Omas und Opas, Patentanten und -onkel. Aber nein, die sind ja jetzt für Steam-Gutscheine und das neue Handy zuständig. Und wie kommen Autor*innen und Illustrator*innen überhaupt auf die Idee, Honorare zu verlangen, wenn Bücher doch verschenkt werden?

Und „42 % aller befragten Eltern fänden es gut, wenn es in jedem Supermarkt gute Kinderbücher und -spiele gäbe.“ Daran arbeitet die Stiftung Lesen seit Jahren fleißig, indem sie ihr Siegel „Unterstützt von Stiftung Lesen“ auf Vorlesebücher pappen lässt, die bei Aldi Süd erhältlich sind. Ach ja, Aldi Süd gehört ja ebenso zum Stifterrat der Stiftung Lesen wie der Lingen Verlag, der diese Buchreihe produziert. Ein Schelm, wer …, aber darum geht es ja vordergründig gar nicht. Nein, Kinderbücher gehören nicht in den Supermarkt. Dafür gibt es eigene Läden. Mit Menschen, die beraten können. Oder Bücher besorgen, wenn es in einer anderen Sprache sein soll. Die Lösung ist eben nicht der Wühltisch mit Sonderangeboten.

Es ist ja auch nicht so, dass Eltern nicht wüssten, wo sie Bücher herbekommen. Selbst 71 % derjenigen mit einer anderen Muttersprache wissen, wo sie Bücher in dieser Sprache finden können. Die Schlussfolgerung ist ernüchternd und eher die: Sie wollen nicht. Und nun? Niederschwellige Angebote? Noch mehr Lese-Apps? Von Pharmafimen bezahlte Mitnahmebücher beim Kinderarzt? 4,99-Schlabberkrma in rosa und hellblau beim Discounter? Lieber nehme ich den Umweg übers Kind. Denn was ist langfristig erfolgreicher? Eine neue Social Media Kampagne der Stiftung Lesen? Oder der flehende Kinderschmollmund, der sich zuhause eine Vorlesegeschichte wünscht?

Darum macht es Sinn, die Erzieher*innenausbildung zu stärken. Da gehört Vorlesen, sich mit Büchern beschäftigen, Lesen im Sinne eines Vorbildcharakters essentiell dazu. Und das muss auch vor Ort in den KiTas gefördert werden. Mit einer Bilderbuchecke für die Kinder, in die regelmäßig neue Bücher dazukommen. Mit festen Vorlesezeiten. Damit, die Kinder bei der Buchauswahl mit einzubeziehen usw. usf. An dieser Stelle sehe ich noch jede Menge Potential. Denn auch unter den Erzieher*innen gibt es nicht wenige, die mit Büchern nicht so viel anfngen können. Und das darf nicht sein.

Kinderbuchpolitik

Selten besitzen Kinderbücher politisches Erregungspotential. Manchmal doch. 1988 versetzte der Deutsche Jugendliteraturpreis für Gudrun Pausewangs Die Wolke die Atomlobby der CDU/CSU in Aufruhr und sorgte für eine hitzige öffentliche Debatte. Schon 1974 erschien der Aufklärungsbildband Zeig mal von Will McBride, der in den 1990er Jahren mehrfach Indizierungsanträge über sich ergehen lassen musste. Genervt auch vom Vorwurf der Kinderpornografie ließ Will McBride das Werk schließlich vom Markt nehmen. Oder Alles lecker von Anke Kuhl und Alexandra Maxeiner, erschienen 2012 bei Klett Kinderbuch. Aufgebrachte Schweinezüchter und der Bauernverband Schleswig-Holstein entfachten einen Shitstorm wegen einer in ihren Augen tendenziösen Darstellung der konventionellen Schweinehaltung gegenüber der romantisierten in Bio-Betrieben.

Andernorts geht Aufregung einfacher. Man nehme bekannte Volksmärchen, drehe sie durch den LGBT-Fleischwolf, heraus kommen z.B. schwule Prinzen, Transgender-Drachentöter, Hänsel und Gretel aus der Perspektive der Hexe. Erschienen ist Märchenland für alle im kleinen Verlag des ungarischen Lesbenverbandes Labrisz, und schwupps, fertig ist der Skandal. Es ist, als hätte der Verband einen swimmingpool-großen Fettnapf aufgestellt, extra für die rechten Parteien des ungarischen Parlaments. Mit beiden Beinen voran und als erste hineingesprungen ist die Abgeordnete Dora Duro, die vor laufenden Kameras wegen „Homo-Propaganda“ Seiten aus dem Buch riss und durch einen Aktenvernichter jagte. Und Ministerpräsident Victor Orban faselte dazu etwas von roter Linie – im Buch, nicht das Verhalten der Parlamentarierin – und forderte: „Lasst unsere Kinder in Ruhe!“

Das mag einen nicht wundern und passt in rechtskonservative Strömungen wie in Polen oder den USA eines Donald Trump, wo gezielt Einfluss genommen wird auf Inhalte in Kinder- und Schulbüchern. Aber es sind zwei weitere Erscheinungen, die es zu benennen gilt:

Einerseits die knapp 200 Kommentare in der Kronen-Zeitung, quasi der Bild-Zeitung Österreichs, die das als sachliche Meldung brachte. Anderseits die verquere Übergriffigkeit gegenüber Literatur.

Zu den Kommentaren: „Man sollte auch immer vor Augen haben, dass es um Störungen der Sexualpräferenzen bzw. der Geschlechtsidentät handelt“ schreibt MALNACHGEDACHT, ohne seinem Namen wirklich gerecht zu werden. So geht das in einem fort: „Dieser Gender-Wahn wird im Rückblick einmal eine besonders peinlicher Abschnitt der menschlichen Sozialgeschichte sein.“ (Liberalist 77), „Struwelpeter, HatschiBratischi Luftballon, usw. dürfen Kinder nicht unzensuriert lesen, aber von Schwulen und Lesben und sonstigen Dingen dürfen sie schon lesen?“ (MaBru), „Kinder für die eigenen Zwecke zu missbrauchen ist unterstes Niveau!“ (Eraser). Es liest sich, als hätte die FPÖ die Kommentarspalte gekapert. auf dem Rechtschreibniveau einer Klippschule.

Und ein weiterer Kommentar führt direkt zum zweiten Aspekt: „Sie sagen sie wollen Vielfalt fördern, wollen aber der Mehrheit ihre Meinung aufzwingen.“ (Coccodrillo) Eine Aussage, die den Umgang des öffentlichen Ungarns mit dem Buch umschreibt. Ein Umgang, der zur Folge hat, dass Buchhändler*innen bedroht werden und verbalen Angriffen ausgesetzt sind. Dass eine Online-Petition angestoßen wurde, die das Buch aus den Buchhandelsregalen verbannen soll. Dass Politiker verbieten, das Buch in Kindergärten einzusetzen.

Da hört jede Form der sachlichen Kritik auf. Es geht nicht mehr um Pluralität, sondern darum, wie eine sich selbst als schweigende Mehrheit bezeichnende Minderheit anderslautende Meinungen anderer Minderheiten verbieten will. Sich eine unerschütterliche Deutungshoheit zuschreiben. Um das einmal klarzustellen: Das bunte Märchenbuch zwingt nicht. Zu nichts. Zwingt niemanden der Kommentarschreiber*innen, das Buch zu lesen, zu kaufen, seinen Kindern in die Hand zu drücken. Das Buch ist ein Angebot. Ich muss es nicht annehmen. Aber ich kann. Es geht um die Freiheit des Wortes, der Kunst und um gesellschaftliche Toleranz. Die verquere Denkweise dieser Menschen mit Kommentarzwang ist das genaue Gegenteil davon. Schluss damit, diese Kleingeisterei nervt. Nicht nur in Ungarn, sondern auch hierzulande.

Ach ja, die Ironie der Geschichte: Das Buch ist gerade vergriffen und geht in die nächste Auflage, bei mittlerweile 80.000 verkauften Büchern. In Ungarn ein echter Bestseller.

Wenn Konfuzius heute leben und Kinderbücher schreiben würde

Manchmal muss Google herhalten: Da ist ein Kinderbuchverlag, nein, eigentlich mehrere, aus Berlin, die sich irgendwo in Nischen festgesetzt und damit den Erfolg haben, den andere Kinderbuchverlage auch gerne hätten. Die nicht Mitglied in der avj sind. Und deren Verleger eine Vita hat, die normalerweise direkt ins rtl-Dschungelcamp führt. Walter Unterweger ist Österreicher, Arzt mit echtem Doktortitel, war davor Teilnehmer in der zweiten Big Brother-Staffel, hat eine erfolgreiche Single veröffentlicht und bei der Daily-Soap Marienhof mitgespielt. Wahrscheinlich alles nach dem Motto: Ich war jung und brauchte das Geld. Dann der biografische Bruch. Er lebt jetzt in Berlin, ist Assistenzarzt in einem Krankenhaus und führt den Wimmelbuch- und den Adrian Verlag. Und weil das noch nicht reicht, auch noch den Neunzehn-Verlag, in dem vegane und hildmannfreie Kochbücher erscheinen.

Aber um diesen Tausendsassa soll es gar nicht gehen, sondern um sein momentan absolut bestverkäuflichstes Buch. Vielleicht heißt es und stammt von Kobi Yamada und der Illustratorin Gabriella Barouch. Der Autor ist Amerikaner und CEO eines Online-Unternehmens mit Namen „Compendium – live inspired“. Dahinter steckt die Idee, mit positiven, inspirierenden Botschaften Menschen zu erreichen – am Anfang gedruckt auf kleinen Karten, mittlerweile auf jedem erdenklichen Nippes. Also klassische Kalendersprüche. Schön gestalteter Motivationssumms, der ansonsten millionenfach durch Instagram und Pinterest schwappt. Kostenlos. Aber Kobi Yamada hatte früh die Idee und hat daran festgehalten. Der Laden läuft, und, schwupps, war auch gleich ein Kinderbuch fertig. Was macht man mit einer Idee?, hat er ja selbst bewiesen, ist in Amerika 2014 erschienen, bei Adrian 2017. Die platte Botschaft ist: Jede Idee ist toll, verwirf sie nicht, sondern schütze und verwirkliche sie!

Vielleicht funktioniert auf gleiche, einfache Weise. Yamada umgarnt und baupinselt die Leser*innen gleich zu Anfang mit „Du bist du. So jemanden wie dich hat es noch nie gegeben und wird es auch nie mehr geben. In dir steckt so viel.“, um ihnen dann mit „Vielleicht“-Sätzen das ganze, große Universum der Möglichkeiten aufzuzeigen: „Vielleicht wirst du einmal etwas erfinden, dass noch niemand zuvor gesehen hat.“ Und das Bild zeigt ein Kind mit einer Blätterschmuckmütze, dass auf übermenschlich große Fliegenpilze die weißen Punkte aufklebt. Nun ja. „Mach alles mit Liebe. Folge deinem Herzen und schaue wohin es dich führt.“ Navi aus, los geht’s. Noch nie gehört den Satz. Bis zu: „Vielleicht bist du hier, um Licht an Orte zu bringen, die viel zu lange dunkel waren.“ Ist das der Aufruf, den Beruf der Elektriker*in zu ergreifen? Mmh. Der Abschluss lautet dann: „Eine Sache ist gewiss, du bist hier. Und weil du hier bist … ist alles möglich.“ Und dazu die ganzen großformatigen Bilder, die aussehen, als hätte René Magritte einen VHS-Kurs in naiver Malerei absolviert.

Aber ist das wirklich ein Bilderbuch? Für Kinder? Nein, ist es nicht. Es ist ein Buch für Hafermilch-Latte-geschwängerte Helikopter-Eltern, die in der KiTa schon mit Fragen nach der Früherziehung in der zweiten Fremdsprache nerven, Chinesisch in der Mittelstufe verlangen, aber nur von Muttersprachler*innen, und trotz der Eigendiagnose „Hochbegabung“ noch mehrere Fachkräfte beschäftigen, die das Kind nachmittags benachhilfen. Deren Nerv trifft dieses Hochmotivationsbrimborium wie die Schüttelstöße beim Potenzieren homöopathischer Arzneimittel den harten, aber elastischen Körper. Es überhöht jeden noch so einfältigen Charakter, weil dahinter ja der weitläufig abgesteckte Möglichkeitsraum der Traumverwirklichung steckt. Den Yamada konfuziusartig bis glückskeks-like konstruiert und damit jedem Elternteil aus der Seele spricht. Selbst wenn im Sandkasten das eigene Gör dem anderen mal wieder die Schaufel überzieht. Könnte ja vielleicht der Ausrdruck eines kreativen Geistes sein. Der seine Idee verteidigt. Denn, ja klar, es „ist alles möglich“.

So was kann man verschenken, wenn einem sonst nichts mehr einfällt. Als ferner Verwandter. Aber als Bilderbuch für Kinder? Eher nicht.

Irgendwie divers unangenehm

Die in der medialen Öffentlichkeit geführten Diskussionen um aktuelle Kinder- und Jugendliteratur haben gefühlt gerade ein enormes Ungleichgewicht. Die großen Empörungswellen machen sich nicht an der Frage fest, ob Autor*innen, Illustrator*innen und Übersetzer*innen bis hin zu freien Lektor*innen morgen noch ihrer Arbeit nachgehen können, weil sie trotz der Soforthilfe für Soloselbständige und Mitteln aus dem Bundeskulturfonds kein Einkommen mehr haben.

Stattdessen erscheinen jetzt in überregionalen Medien im Wochenrhythmus Abrechnungen mit der aktuellen Kinderliteratur, der massiv Rassismus, das Verhaften in überholten Rollenmustern und mangelnde Diversität vorgeworfen wird. Am 23.7. sagt die Kita-Leiterin Christiane Kassama in der „ZEIT“: „Jim Knopf wird leider noch oft gelesen. Jim Knopf reproduziert viele Klischees, zum angeblich typischen Wesen und Äußeren von Schwarzen. Jim Knopf ist so, wie sich Weiße ein lustiges, freches, schwarzes Kind vorstellen.“ Diese Aussagen hatten ein großes Echo, auf der ZEIT-Online-Seite finden sich Stand 9.9. 1.228 Kommentare – nicht nur bestätigende. Im fluter, dem jungen Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung, erscheint am 2.9. ein Text mit dem Titel „Klischee, lass nach“ über die Arbeit von Sensivity Readern. Und am 6.9. veröffentlicht SPIEGEL online einen Artikel über Diversität in Kinderbüchern, als Interviews mit einer Mutter, zwei Buchladen-Gründerinnen und einer Literaturkritikerin. Die Betreiberin des Buchblogs buuu.ch, Carla Heher, kommt zu dem Fazit: „Sensitivity Reading“ – ein Prozess aus den USA, in dem Bücher von Betroffenen auf Diskriminierungen überprüft werden – sollte zum Beispiel auch in der deutschen Verlagswelt zum Standard werden.“ Denn das, was große Verlage anbieten, ist in ihren Augen in vielerlei Hinsicht eher enttäuschend.

Allen gemein ist ein Tenor, der besagt: Die aktuelle Kinderliteratur ist defizitär. Das fängt beim fehlenden „Bewusstsein für Themen wie Rassismus“ in den Verlagen an, geht über die Feststellung, dass „die Verlagslandschaft selbst wenig divers ist“, reicht weiter zum Eindruck „Willkommen in den Fünfzigerjahren“ beim Blick in die Kinderbuchabteilungen, und und und.

Ist das so? Und darf man und frau das so einfach stehen lassen?

Fangen wir mal an: Fehlende Diversität in der Verlagsbranche, und damit ist auch die Gruppe der Produzent*innen eingeschlossen, festzumachen, ist schwierig. Das fängt schon damit an, dass Männer in Kinderbuchverlagen unterrepräsentiert sind (außer in Leitungsfunktionen, aber das ist ein anderes Thema), genauso wie in den Kinderbuchabteilungen, Bibliotheken, Grundschulen, KiTas. Das ist nicht neu. Aber ungerecht. Menschen mit Migrationshintergrund sind in Studienfächern unterrepräsentiert, die in die Buchbranche führt. Woher sollen sie denn dann kommen? Das braucht Zeit.

LGBT? Schon eher gegeben, aber nicht jede*r muss das offensiv nach außen tragen. Aber es gibt sie, und die werden, wie alle anderen auch, an der Qualität ihrer Arbeiten gemessen und an nichts sonst. Auch in Verlagen. Ein Buch eines Transgenders wird eben nicht deshalb verlegt, weil es um Transgender geht. Sondern weil es gut ist.

Tja, dann die Frage nach den Klischees. Wie der ‚lustige, freche, schwarze Jim Knopf‘, der so sei wie Weiße sich Schwarze vorstellen. Der bestimmt auch gut singen und tanzen kann, gerne schnackselt, ach, die Reihe ließe sich fortsetzen. Aber was ist die Konsequenz? Muss eine schwarze Kinderfigur immer als Kontra-Klischee angelegt sein, um nicht in die mannigfaltig aufgestellten Fallen zu tappen? Traurig und schüchtern? Im fluter heißt es „Stereotyp: Asiatin, sexualisierte, devote und nerdige Darstellung.“, was die Art von Diskriminierung von Sensitivity Reader Victoria Linnea als „asiatisch gelesener Mensch“ und Teil einer „marginalisierten Gruppe“ beschreibt. Als Kind wäre das Asiatinnen-Klischee adäquat zu Jim Knopf die angepasste, strebsame Geige spielende Mai Ling. Aber muss ich jetzt die asiatischen Eltern in der Musikschule auf genau diese Klischee-Falle ansprechen, wenn sie stolz ihre Tochter dabei bewundern, wie sie sich durch eine Bach-Sonate geigt? Und verdammt, ich kenne jede Menge asiatischer Kinder in der Musikschule. Denn vielleicht gibt es dafür ja noch andere Gründe, die zum Beispiel etwas mit Bildungsbewusstsein zu tun haben.

Von Maxim Gorki stammt der Satz: „Man muss nicht in der Bratpfanne gelegen haben, um über ein Schnitzel zu schreiben“, der für Sensitivity Reader so nicht stehen bleiben kann: Es muss mindestens ein Schnitzel drüberlesen. Oder anders: Als Elfie Ligensa 1971 den ersten Roman über „Dr. Stefan Frank. Der Arzt, dem die Frauen vertrauen.“ schrieb, blickte sie nicht auf eine abgeschlossene Facharztausbildung zurück, sondern auf ein Volontariat bei Bastei-Lübbe. Und hat recherchiert. Denn Literatur ist zuallererst ein fiktionaler Raum, den die Autor*in nach ihren Vorstellungen gestalten kann. Und nicht nach gesellschaftlichen Querschnitten gestalten muss. Viel wichtiger ist die Frage nach der Plausibilität. Glaube ich der Geschichte? Glaube ich den Figuren? Ihrem Handeln? Das verändert sich mit der Zeit, und das verändert sich anders als es die in ihrer Vielstimmigkeit unüberhörbaren marginalisierten Gruppen fordern.

Und wir geraten in Teufels Küche. Wieviel Klischee steckt in der Aussage, dass im Osten die ganzen Nazis wohnen? Ist es ein Klischee, dass der Neonazi Thor Stainar-Klamotten trägt, dumpf aus seinen arisch blauen Knopfaugen blinzelt und kategorisch Ausländer verprügelt? Geht das vom Prinzip her auch nicht? Müsste man den Nazi klischeebefreit als charmanten, höflichen und gebildeten jungen Mann darstellen? Es wird dadurch auch nicht besser.

Deshalb: Es gibt sie längst, die „guten“ Bücher. Auch wenn sie nicht automatisch in den Bestsellerlisten stehen oder als Stapelware angeboten werden. Sonst hätte buuu.ch keine so große Auswahl an diversen Kinderbücher, die sie anbieten könnten. Es gibt sie längst, die guten Bücher, die sich sprach- und bildästhetisch nicht von äußeren Vorgaben knebeln lassen. Das geht, und das geht oftmals besser als die vor Betroffenheit quietschenden Bücher aus der Sebsthilfegruppenproduktion. Und ja, es können noch mehr werden, ohne Frage. Aber ohne Checklisten und Diversitäts-Prüfsiegel und Betroffenenkontrolle. Das schafft die Kinderliteratur schon ganz allein.

Luka liest vor

Manchmal braucht es erst einen Hinweis von außen, um auf neueste Erfindungen zur Leseförderung aufmerksam zu werden. Wie die Vorstellung der Firma ITR Industry to Retail GmbH als neues Mitglied im Stifterrat der Stiftung Lesen bei der diesjährigen virtuellen Stiftungsversammlung. Weil wohl den wenigsten der Name etwas sagt: ITR entwickelt und vertreibt mit internationalen Partnern technologische Produkte in den Bereichen Entertainment, Education und Healthcare, beschreibt sich ITR selbst. Hilft wahrscheinlich noch nicht weiter. Aktuell gut laufen Einweg-Schutzmasken und der Vollgesichtsschutz. Auch nicht der Grund des Engagements. Sondern das ist Luka, der Vorlese-Freund. Entwickelt vom chinesischen KI-Startup Ling Inc. Der aussieht wie eine stilisierte Eule aus einem Anime. Der über eine Bibliothek von aktuell 500 Büchern verfügt. Der eine Aufnahmefunktion besitzt. Der nicht nur das vor ihm liegende Buch erkennt, dass er vorlesen soll, sondern auch die jeweilige Seite. Und dadurch das Kind aktiv mit einbezieht, denn Luka kann vieles, aber das nicht: Umblättern.

Was er leisten soll? Der Picture Book Reading Robot „Bring your kid back to books. Help children find their passion for reading.“ sagt der chinesische Entwickler. Interessante Formulierung: back to books. Als hätten die kleinen Bilderbuchleser*innen das Buch an sich schon längst überwunden, würde sie nicht ausgerechnet ein Roboter wieder dorthin zurückbringen. Aber bis Luka seine Augen verdreht und loslegt, braucht es allerlei. Vor allem Geld. Denn die putzige Eule kostet regulär 199,- Euro. Darin enthalten sind eine eigene, kleine Geschichte in deutsch und englisch sowie zwei Titel aus dem Carlsen-Verlag. Um auf die wachsenden Bibliothek zugreifen zu können, muss Luka mit der Luka-App auf einem Smartphone verbunden sein. Um Luka jetzt zum Reden zu bringen, braucht es a) das physische Buch und b) den eingesprochenen Text, der in der App heruntergeladen werden muss. Und der pro Textdownload mit einem Kaufpreis von bis zu 10 Euro zu Buche schlägt. Oder umgerechnet mit 1.000 Luka-Coins, die in der Schatztruhe der App als Geldreserve zum Nachkaufen gebunkert werden können. Das heißt: Neben dem Gerät brauche ich immer das Buch plus eine durch den Buchumfang bestimmte Summe an Coins, um den Vorlesetext zu laden und zur Verfügung zu haben.

Deutlich günstiger ist es, vorhandene Bücher selbst einzulesen. Kann man machen, kostet aber Zeit. Und ist bei Luka technisch limitiert. Dann funktioniert es aber in gleicher Weise, auch mit eigenen Texten werden die Seiten erkannt und zugeorndet.

Natürlich wird von ITR betont, dass Luka das Vorlesen echter Menschen nicht ersetzt, sondern ergänzt und ganz viele positive Effekte beim Lesenlernen hat. Die sind natürlich alle übertragen aus den aktuellen Studien zum Vorlesen. Also zum Vorlesen durch echte Menschen, die stoppen, wiederholen, Fragen beantworten, interagieren können. Das gehört nämlich auch zum Vorlesen dazu. Genauso wie der Vorleseseort und die körperliche Zuwendung. Bei diesen Punkten kann Luka nur neidisch die Augen verdrehen. Aussagen wie er „erweitert den Wortschatz und fördert die kindliche Sprachentwicklung“ – das funktioniert auch, wenn man viel mit seinem Kind spricht – „Tägliches Vorlesen verschafft Kindern einen deutlichen Startvorteil beim Lesen-Lernen.“  – ja, aber auch und sogar noch effektiver, wenn echte Menschen ihm Vorlesen, oder aber die Tonies, oder audible im Hintergrund – stehen als Behauptungen im Raum.

Ja, der positive Effekt des Vorlesens ist wissenschaftlich belegt. Aber ob der auch für die Eule Luka oder andere Gadgets mit ähnlichen Funktionen wie eben die Tonies oder wie TipToi gilt, leider noch nicht. Und ganz ehrlich: In erster Linie ist Luka Vorlese-Convinence, zu einem ziemlich hohen Preis. Also genau das richtige Ding für Familien mit einem Kinderkrippen-SUV und abendlichen Sätzen wie „Schatz, ich habe noch einen ganz wichtigen Call mit L.A., lass dir doch von Luka noch eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen! Nachti!“ Eule, lies vor, dafür wirst du schließlich bezahlt! Ein Rezept, um gegen Befunde wie die rund 31 Prozent der Eltern, die ihren Kindern nicht oder zu selten vorlesen, zugespitzt bei 51 Prozent bei Eltern mit formal niedriger Bildung (Zahlen aus der Vorlesestudie 2019) zu wirken, ist das leider so gar nicht.

Der NDR-Bär hat Ohrensausen

Ergänzung vom 17. Juni: Aufgrund dieses Beitrages und der Resonanz auch auf Facebook hat sich der Pressesprecher des NDR, Frank Jahn, gemeldet und auf die Pressemeldung des NDR vom 15. Juni verwiesen (also veröffentlicht einen Tag nach meinem Blogbeitrag, der wiederum auf dem Artikel des Hamburger Abdendblatts vom 12.06. basiert). Darin wird ausdrücklich darauf verwiesen, dass es Mikado auch weiterhin im „linearen Radioprogramm“ geben wird. Und „Die Kinderredaktion bleibt bestehen“. Alle andersartigen Aussagen diesbezüglich seien falsch. Aber eben nur die in Bezug auf Mikado.

Der NDR muss sparen. Und hat aus seinem weltumspannenden Korrespondenten-Netzwerk einen Tipp aus Brasilien bekommen, wie man Krisenzeiten für politisches Handeln nutzen kann. „Wir haben jetzt die Möglichkeit, da die Presse sich ausschließlich mit Covid-19 beschäftigt, uns das Amazonas-Thema vorzunehmen. Wir haben in diesem Moment die Chance, alle Regelungen zu ändern und die Vorschriften zu vereinfachen.“ sagte Brasiliens Umweltminister Ricardo Salles in einer Kabinettssitzung. Na klar, das geht auch beim NDR. Weil keiner kuckt, will man im Rundfunk Information stärken und Kosten senken (klingt alles andere als kausal), und schon waren die Kindersendungen Ohrenbär und Mikado gestrichen. Auch Hörspiele für Kinder sollen, im Gegensatz zu denen für Erwachsene, nicht mehr im Programm auftauchen.

So zusammengefasst klingt das nach hartem Schnitt. Herzlos. Als hätte man sich eiskalt von diesen nervigen Kindern als Zuhörergruppe getrennt. Wie ein Fall für den Kinderschutzbund. Ist es auch. Aber es soll bitteschön nicht so klingen. Sondern lieber konstruktiv, zukunftsweisend, planvoll.

Darum sagt Adrian Feuerbacher, Chefredakteur des NDR, auch wie es weitergehen soll: „Wenn wir mit unseren hochwertigen und unter großem Aufwand entstehenden Audioproduktionen für Kinder ein größeres Publikum erreichen wollen, müssen wir mehr Inhalte konsequenter digital anbieten. Wir müssen dorthin, wo Eltern und Kinder aktiv nach Kinderinhalten suchen und sie gezielt nutzen.“ Das klingt wie der Satz „Das behandeln wir konservativ“ beim Blick auf einen komplett verkorksten Knochenbruch. Beruhigt, wird aber nicht wieder gut.

Denn man will gerne die Logik in dieser Schlussfolgerung erkennen und ist verblüfft: Eltern und Kinder suchen digital aktiv nach Kinderinhalten und nutzen sie gezielt? Aber warum nur digital und nicht im Radio und in den Mediatheken der Radioprogramme? Oder beides? Und dann mit einem Grad an Wertschätzung für Kinder als der nachfolgenden Zuhörer*innengruppe, weil auch für sie Sendezeit eingeplant ist? Beim Blick auf andere Programmplätze und Inhalte wird nicht klarer, warum ausgerechnet Kinder nicht mehr bedient werden sollen. Wer hört sich denn heute, am Sonntag morgen, um 7:30, eine Reportage über den wilden Osten Grönlands an? Im Funk? Ohne Bilder? Dafür läuft das Feature „Gemeinnütziger Widerstand“ von 11:05 bis 12 Uhr auch noch mal von 15:05 bis 16 Uhr. Warum auch immer. Kleiner Tipp: Einfach digital anbieten. Wo Interessierte und Radiogourmets aktiv nach Inhalten suchen und sie gezielt nutzen.

Wer sich anschaut, was Mikado in Corona-Zeiten für die Kinder zuhause angeboten hat, hat auch eine Idee davon bekommen, welche Rolle Radio spielen kann. Und zwar mit Information, die laut eigener Aussage der NDR ja stärken will. Mehr Information, weil die Kinder mehr Zeit dafür hatten. Auch für die engagierten Mitarbeiter*innen ist das Abschieben aus dem Radioprogramm womöglich nur der erste Schritt.

Vielleicht blendet der Erfolg von FUNK ein wenig, dem öffentlich-rechtlichen Medienangebot für Jugendliche von ARD und ZDF. Das gibt es nur im Netz, auf Youtube und Instagram als Hauptkanälen. Mit einem satten Budget in mittlerer zweistelliger Millionenhöhe. Mit vielen Influencern als Protagonist*innen. Das lässt sich nicht so einfach übertragen auf Kinder und Kinderangebote. Aber was weg ist ist weg. Und kommt nicht mehr wieder.

Wenn Jan ein Kinderbuch schreibt …

Jan Philipp Reemtsma ist Professor für Germanistik, ein absoluter Spezialist für Arno Schmidt und Christoph Martin Wieland, Gründer des Hamburger Instituts für Sozialforschung, um nur einige seiner wissenschaftlichen Arbeitsfelder zu nennen. Er laudatiert, er publiziert, vor allem über seine Betätigungsfelder. Er hat über das Interpretieren eines literarischen Textes geschrieben, aber einen eigenen literarischen Text bislang nicht. Bislang. Denn nun gibt es Weg war das Ihmchen! mit Illustrationen von Nikolaus Heidelbach, erschienen im Kampa Verlag, 140 Seiten für 28 Euro. Und dieses Buch steht exemplarisch für all die Prominenten, die mal eben ein Buch für Kinder geschrieben haben, weil das ja nicht so viel Mühe macht und leicht von der Hand geht, im Gegensatz zu den vielen Kinderbuchautor*nnen, die Bücher schreiben. Kinderbücher.

Was meine ich damit? Es braucht offenbar eine tanten- oder onkelhafte Ohrenssesselatmosphäre, um so für Kinder zu schreiben. Auf der Lehne sitzt der kleine Wildfang wie betäubt, wenn der Mensch im Sessel nun wild zu fabulieren beginnt. Oder wie Reemtsma selbst sagt: „es stellt sich ein“: „Weg war das Ihmchen! Nicht zu sehen, hier nicht und da nicht. Kurtpeter war ganz verzweifelt.“ (S. 7) Und die heidelbachsche Vignette zeigt anstelle des Ihmchens ein Vernutzel, über das Großmutter froh gewesen wäre, hätte man das früher gehabt anstelle des offenbar viel exklusiveren Ihmchens. Was dem Autor die Chance einer Fußnote eröffnet, um diese Bild-Text-Schere zu schließen. Die Seite ist noch nicht zuende, da kommt auch noch eine Grätsche ins Spiel, aber nicht im fuballerischen Sinne, sondern offenbar auch ein Viech, dass aufgescheucht einen Siselbaum hinauftappt. Alle Namen hier sind wohlgesetzt und so gewollt, vom altertümlichen Kurtpeter bis zu den fabulierte Fabelwesennamen bis zum „hinauftappen“, was als plump, unbeholfen vorwärtsbewegend oder dumpf stampfend im Zusammenhang mit einem Baumstamm aber so gar kein Bild ergeben will und nach Lektorat! schreit.

Als wäre das nicht schon genug, bekommt auf Seite 8 das Ihmchen auch noch einen Namen: „Gnaupe!“ Und beim Fabulieren fallen alle Grenzen. Wer kennt ihn nicht, den Glidder der Biselsträucher, der einen Fußball so richtig glidderig machen kann. Und einen Lonk gibt es auch noch. Noch mehr gefällig? Reemtsma findet, dass gesprochene Sprache lautmalerisch sichtbar abgebildet werden muss. In Form von „Ja-ha“ statt ja oder „Du-hu“ statt du oder „Do-hoch“ statt doch. Und weil er mit Kurtpeter gestartet ist, heißt der Junge, den er bei seiner Suche trifft, logischerweise Beinelars. Und so geht die Odyssee weiter. Und der Leser lernt noch viel mehr kennen: Grätschen möhften und können sich aufpumpen und tappen auch horizontal. Es gibt den Angstabwender, der kein Küchenutensil ist. Es gibt das gefährliche Überdimensionalkrokodil, dass mit Bällen um sich wirft und die Kinder schluckt wie der Wal Jonas. Und wieder auskackt. Den blaugestreiften Onkel Justaf, der von der Regierung als Ausspracheaufpasser bestimmt wurde und Grammatikverbesserer im Nebenberuf ist. Es gibt mittendrin ein Märchen von Imgrunde, die Wunderschöne, und dem Prinzen Werwilnoch. Spätestens jetzt heißt es bei mir mal: Ichnicht.

Und in das ganze Aneinander statt miteinander drängelt sich zuguterletzt auch noch der Autor höchstpersönlich: „Ihr habt gemerkt, dass ich eben schreiben wollte: »Das Ihmchen war überhaupt ganz und gar mit Bratengarn gefesselt« – ihr versteht: »gar«, ja? – und dann hätte ich geschrieben: »Glücklicherweise war das Ihmchen noch ganz, und gar war es noch lange nicht.« Oder so. Aber das gehört sich nicht, nicht wahr?“ Das ist wie jemand, der seinen eigenen Witz erklärt.

Nein, das ist kein gutes Kinderbuch. Das ist ein Buch von jemand, der viel Spaß beim Fabulieren hatte. An sprachlichen Fingerübungen. Sprachspielereien. An vielem und allem. Es sei Jan Philip Reemtsma gegönnt. Aber darüber vergisst er das Wichtigste überhaupt: Für Kinder zu erzählen. Nicht über Kinder. Oder von Kindern. Das gelingt dem Text leider so gar nicht. Wie es besser geht? Blackbird von Matthias Brandt ist in meinen Augen ein gutes Beispiel (aber als Jugendbuch auch irgendwie einfacher, wenn es autobiografisch erscheint, zumiindest was die Zeit angeht, über die erzählt wird). Er ist und bleibt in seiner Figur und in seiner Geschichte. Ganz ohne Grätsche.

Die diverse Puppe

Kaum ein Thema lässt sich über Kinderbücher so zu Tode reiten wie Vielfalt im Kinderbuch. Um genau zu sein: Wie fehlende Vielfalt im Kinderbuch. Letztes Beispiel: Ein kurzer Text in der taz vom 18.5. mit dem Titel „Der Ranz aus alten Büchern“ Doch der Ranz wird eben nicht nur bei alten Büchern angemahnt, sondern: „auch die meisten neuen deutschen Kinderbücher sind voller stereotyper Figuren“. Nämlich „Die Hauptcharaktere sind oft weiß, männlich, dünn, ohne Behinderung, christlich, cis, hetero, aus der Mittelschicht, die Eltern leben zusammen.“ Würde ich in einem Buch von mir erzählen, dann würde ich genau diesem Stereotyp entsprechen und habe sofort das Gefühl, ich dürfe das gar nicht. Weil ich nur manifestiere, was an Vielfalt fehlt.

Umgekehrt wäre ein Kinderbuch mit einem Hauptcharakter, der die Eigenschaften vereint: schwarz, weiblich, dick, behindert, muslimisch, trans, homosexuell, aus der Unterschicht, die Eltern leben getrennt, tja, was? Viel zu viel von allem? Auch nur ein überspitzes Klischee? Mehrfach drüber? Eine einfache Lösung gibt es nicht, aber die Antwort der Autorin ist in meinen Augen auch keine. Wie in „„Feuerwehr und Regenauto“ von Janosch und darin gibt es eine rassistische Stelle über Müllmänner und Gastarbeiter_innen, die ich nie vorlese. Frauen haben darin außerdem kurze Röcke und große Brüste.“ Die Textpassage, in der mit dem Herrn Türken über dessen Arbeit als Müllmann gesprochen wird, und wie gut es ist, dass hier bei uns einer den stinkenden Dreck wegmacht, weil man das selber nicht tun möchte, danke dafür! ist aus werkhistorischer Sicht gar nicht rassistisch zu lesen. Das Original stammt aus dem Jahr 1972 und war der heute sprachlich wie inhaltlich plump wirkende Versuch der Integration der damaligen Gastarbeiter, die seit kurzem auch aus der Türkei kamen. Und kurze Röcke und große Brüste sehe ich nie im heutigen Straßenbild, wohingegen hautenge Leggins und bauchfreie Tops im Gegensatz dazu selbstverständlich feministische Statements sind.

Selbst bei der Raupe Nimmersatt bleibt ein Teil unvorgelesen. Die Autorin erklärt: „ich zögere oft an der Stelle, an der steht, dass die Raupe sich ein Haus baut, das man Kokon nennt. Denn ich habe mal in einem Interview gelesen, dass das so nicht ganz stimmt. Dass sich Schmetterlinge, vor allem Tagfalter, in der Regel keinen Kokon spinnen, sondern sich verpuppen. (…)  sinnerfassend hieß es, dass wegen eines Kinderbuchs Millionen Menschen glaubten, alle Schmetterlinge würden sich einen Kokon spinnen. (…) Ich will ihm (dem Kind) keine Dinge beibringen, die es später nur schwer verlernen kann. Ich lese nur vor, dass sich die Raupe ein Haus baut. Mehr nicht.“

Kann man so machen, hilft aber nicht wirklich weiter. Verpuppt wird sich immer, aber nicht alle Schmetterlingsarten bauen auch einen Kokon. Manche tun es aber. Deshalb ist die Aussage im Buch richtig. Manche Arten tun es nicht. Deshalb ist die Aussage im Buch nicht falsch. Denn die Raupe Nimmersatt ist nicht pars pro toto. Sondern nur die eine, namentlich genannte Raupe. Ganz falsch aber ist die Aussage, dass sich die Raupe ein Haus baut. Das tut sie definitiv nicht. Sie hat ja nicht mal eine Baugenehmigung und erfüllt auch die hohen energetischen Standards für Eigenheime nicht.

Die 25 Kommentare darunter sind gefühlt dreimal so lang wie der Artikel selbst. Interessanterweise gehen die KommentatorInnen entspannt mit dem angesprochenen Thema um. Für Aufregung ist wenig Platz, für lautstarke Forderungen an die Verlage und BüchermacherInnen auch nicht, stattdessen wird auf das Nebeneinander unterschidlicher Erzählweisen und die Fähigkeit von Eltern und Kindern verwiesen, historisch einzuordnen und die Dinge zu besprechen, die zu den genannten Aussagen besprochen werden müssen. Da klingt ja nach einem deutlich souveräneren Umgang.

Vegane Grasbücher

Ob man es glaubt oder nicht, aber vegan ist echt kompliziert. Und es gibt Dinge, von denen man ja gar nicht glaubt, dass sie nicht vegan sind, bis es einen gibt, der das gleiche Produkt in der veganen Variante verkauft, für einige Euro mehr.

Wein zum Beispiel ist unvegan. Und damit sind nicht die Fliegen, Würmer und anderes Gekreuch gemeint, das versehentlich in und auf der Traube sitzt, wenn sie in der Presse landet und dann mitverarbeitet wird. Sondern Eiweiß bzw. tierische Proteine, die zum Klären von Wein eingesetzt werden und mit den gebundenen Schwebeteilchchen auch wieder aus dem Wein verschwinden. Aber eben in Kontakt gekommen sind. Das geht auch ohne, entweder mit anderen Mitteln oder gar nicht, dann wird ein Trend draus: Naturweine, bei deren Herstellungsprozess so wenig wie möglich eingegriffen wird.

Oder veganes Mineralwasser. Auch erst mal verwirrend. Bei genauerem Hinsehen geht es dann um den Verzicht auf Etikettenkleber, der üblicherweise Milcheiweiß enthält. Und bei Getränkeschorlen auch wieder ums Klären, siehe Wein. Das eigentliche Produkt, Mineralwasser ist aber per se vegan.

Und jetzt auch Bücher. Matabooks aus Dresden stellt vegane Produkte her, aus Graspapier, ohne Knochenleim fürs Binden und mit reinen Bio-Druckfarben, in denen keine organischen Bestandteile tierischen Ursprungs enthalten sind. „Die kosten wie bei Bio-Lebensmitteln ein paar Euro mehr.“ heißt es in einem Tageszeitungsartikel zu dieser neuen Bücher-Geschäftsidee. Nun ist es bei dem hier erhältlichen und gebräuchlichen Graspapier, das Matabooks frü die Buchumschläge nutzt, so, dass es zwar wesentlich ressourcenschonender ist als normales Papier, aber es keineswegs ausschließlich aus Gras besteht, sondern nur zu rund 50 Prozent. Der Rest ist Frischzellstoff, wie er auch in der normalen Papierherstellung benötigt wird. Mit recyceltem Papier oder daraus gewonnenem Material funktioniert das Verfahren nicht. Das für den Buchblock verwendetet reine Süßgraspapier aus Reis und Gras wiederum stammt aus Indien. Alles trotzdem gut und unterstützenswert, aber ich will ja gar nicht vom eigentlichen Thema ablenken.

Also gut, vegane Bücher. Darunter auch Jugendromane. Mit dem Hinweis „nachhaltig, fair & vegan“ auf dem Cover. Und spätestens in diesem Moment taucht bei mmir die Frage auf, ob auch die Autor*innen nachhaltig und fair behandelt werden, wenn schon so viel Wert auf den Produktionsprozess gelegt wird. Natürlich kenne ich die Verlagsverträge nicht, an dieser Stelle kann ich nicht werten. Aber es ist schon komisch, wenn im Online-Shop auf der Seite zu den Büchern weniger über den Buchinhalt als über die Produktionsweise und verwendeten Rohstoffe zu lesen ist – und über die Autor*innen und Illustrator*innen außer den Namen gar nichts. In Worten: nichts. Die sind nicht mal verlinkt. Denn kurze knappe Sätze gibt es ja, nur sind die unter dem Reiter „Über uns“ auf der Website verborgen. Ist das auch fair denjenigen gegenüber, die das Produkt mit Leben füllen? Ich denke nicht.

Es geht mir bei Mata ein bisschen wie mit „Ökotest“. Was nutzen mir ökologisch unbedenkliche Kopfhörer, wenn sie scheiße klingen? Was nachhaltig produzierte Bio-Matratzen, wenn ich darauf schlecht schlafe? Was veganer Wein, wenn er nicht schmeckt? Auch darum sollte es gehen, gerade bei Büchern. Um Inhalte. Und um die Menschen, die sie machen und davon leben.